Eine "offene Wunde" heilt manche Leiden

INDIEN/PAKISTAN Geschichte und Existenz beider Staaten sind ohne den Konflikt um Kaschmir kaum denkbar

Dardpora, ein armseliger Ort ohne Strom, Hospital und Schule, der sich malerisch an den Fuß des Himalaya schmiegt, ist die letzte Ansiedlung vor der Demarkationslinie, die den indischen vom pakistanisch besetzten Teil Kaschmirs trennt. Von hier bleiben nur drei Stunden Fußmarsch nach "paar", wie in dieser Gegend die pakistanische Seite genannt wird. Nur zwei Monate nach der Hochzeit verschwand hier Naseema Banos Mann. Wenig später fand man ihn tot - wie die Männer vieler Frauen im Dorf oder die beiden Brüder Naseemas war er bei einem Gefecht mit indischen Soldaten gestorben, die in den Bergen über dem Dorf campieren.

Die Kommandeure der Aufständischen, die eine erbitterte Bataille gegen die indische Armee führen, zahlen gut. 100.000 Rupien erhält jede Familie, die einen "Freiheitskämpfer" stellt, umgerechnet 1.200 Dollar. Doch es ist nicht allein der fürstliche Sold, der den Rebellen Zulauf sichert - dafür sorgt auch das Dilemma einer an sich unbeteiligten Zivilbevölkerung, die seit Jahrzehnten unter dem Konflikt leidet und als Teil der Guerilla gegen ihr Schicksal aufbegehrt.

Kurz nach Sonnenuntergang am 20. September 2001 wurde der 45 Jahre alte Mohammed Akbar Bhatt, Imam der größten Moschee in Dardpora, auf der Brücke über einen Gebirgsfluss, der die Ortschaft teilt, von Unbekannten erschossen. "Er hatte keine Feinde", glaubt seine Witwe Zarifa Begum, "mir ist völlig unerklärlich, weshalb das passiert ist ..." An vielen Orten in Kaschmir geraten die Imame ins Visier der Scharfschützen, weil ihr Tod die Gemeinden terrorisieren und zwingen soll, Position zu beziehen - ein satanisches Spiel zwischen der moslemischen Guerilla und den indischen Truppen.

Fünfmal am Tag versammeln sich gläubige Moslems in den Moscheen von Jammu und Kaschmir zum Gebet, was den Imam zur einflussreichen Persönlichkeit erhebt. In normalen Zeiten verbreitet er die liberalen Ideen einer islamischen Lehre, die hier seit Jahrhunderten dominiert, doch Normalität zitiert in der Region bestenfalls eine weit zurückliegende Vergangenheit. Wagt es heute ein Imam, die puritanische Lehre von einst zu verkünden, wird er zur Zielscheibe der jihadi, der Heiligen Krieger, die mit Hilfe gläubiger Stammeskrieger aus Pakistan gegen die "Herrschaft der Ungläubigen" anrennen. Fügt sich der Geistliche andererseits dem Druck dieser orthodoxen Fanatiker und predigt die opportune Version der Lehre des Propheten, provoziert das die indischen Besatzungsmacht, die ihn als "Propagandisten des Terrors" geißelt.

Zwar sind auch die Rebellen nicht wählerisch in ihren Methoden, doch Indiens Kaschmir-Korps schreckt vor Erpressung, Vergewaltigung, Mord und außergerichtlichen Hinrichtungen nicht zurück. Dieses rigide Besatzungsregime hat in den vergangenen Jahren viele pro-indisch eingestellte Kaschmiri von Delhi entfremdet. Bis zum 11. September galt auch für sie Pakistans heutiger Präsident, Pervez Musharraf, der einst als Generalstabschef der Armee die Sache Kaschmirs so vehement wie aggressiv vertreten hatte, als Galionsfigur einer erhofften Autonomie, doch als sich der General der von den USA geführten "Anti-Terror-Allianz" anschloss, begann die Suche nach einem neuen Idol. Schon wenige Wochen nach dem 11. September riefen Militante in Srinagar - der Hauptstadt des indisch besetzten Teils - einen Generalstreik aus, und die Gläubigen strömten aus der großen Moschee und riefen: "Möge Allah den wahren ›jihadi‹, möge er Osama bin Laden segnen." Käme bin Laden nach Kaschmir, man würde ihn willkommen heißen, versichern heute selbst moderate Kaschmiri.

Für drei Rupien verkauft, bei lebendigem Leib gehäutet

Rund 85 Prozent der Bewohner des Kaschmirtals bekennen sich zum islamischen Glauben, während die nicht-moslemische Minorität von den Hindu-Pandits dominiert ist. Sei 100 Jahren besetzen sie die Regierungsposten und gelten als Brahmanen, die auf Moslems, Sikhs wie Hindus der niederen Kasten gleichermaßen herunter-, doch zu ihren Kolonialherren aufblicken.

Als Teil des Vertrags von Amritsar, der 1846 den Sieg der Briten im ersten Sikh-Krieg besiegelte, war Kaschmir unter britische Kontrolle gefallen. London war jedoch eher an einer Pufferzone zwischen dem indischen Subkontinent und dem zaristischen Russland interessiert und verkaufte den von vielen Eroberern erträumten Juwel an Gulab Singh, einen Emporkömmling vom Clan der Dogras aus dem Winzlingsstaat Jammu im Südwesten Kaschmirs, der sich sowohl den Sikh-Maharajas als auch den Briten unentbehrlich gemacht hatte. Als Preis waren 75 lakh-Rupien (heute etwa 750.000 Pfund) sowie einige Kaschmir-Schals vereinbart - zweifellos eine traumatische Erfahrung für die Einheimischen.

"Genau genommen wurde jeder von uns für drei Rupien verkauft", rechnet Mian Abdul Qayum vor, der Präsident der Anwaltskammer in Srinagar, "mit diesem Coup setzte sich das Leiden der Kaschmiri fort." Der Engländer Godfrey Thomas Vigne, einer der renommiertesten Erforscher des westlichen Himalaya, wurde Zeuge, zu welchen Grausamkeiten es dabei kam. Als beispielsweise Shams-du Din - der Gouverneur von Poonch - gegen zu hohe Besteuerung rebellierte, ließ ihn Gulab Singh zusammen mit einigen Anhängern bei lebendigem Leibe häuten. "Dann wurden zwei der Häute mit Stroh ausgestopft, die abgeschnittenen Köpfe umgekehrt darauf gesetzt und auf der Straße zur Schau gestellt", schreibt Vigne. Diese archaische Despotie änderte sich erst, als mit dem Unabhängigkeitsstreben des Subkontinents insgesamt auch in Kaschmir Ideen von Freiheit, passivem Widerstand, Demokratie und Sozialismus Einzug hielten.

Die politische Aufklärung der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts prägte ein Mann, der für Jahrzehnte die Geschicke Kaschmirs beeinflussen sollte: Scheich Mohammed Abdullah, gepriesen als Sher-i Kaschmir - "Löwe von Kaschmir" - und attackiert als Gegenspieler des britischen Kolonialprätendenten, Lord Mountbattan, wie des Führers des Indischen Nationalkongresses (INC), Jawaharlal Nehru. Abdullah gründete die All Jammu and Kaschmir Muslim Conference, die alle moslemischen wie nicht-moslemischen Kaschmiri vereinen wollte, allerdings nie die Wirkung erzielte, die der Begründer erhoffte. Schon bald verließen die religiösen Moslems den Bund und gründeten ihr eigenes All India Kaschmir Committee. Die Separation der Fundamentalisten ermöglichte eine Annäherung zwischen Abdullah und Nehru - beide vertraten den gleichen säkularen Nationalismus. Doch während Abdullah, der Sohn eines Schalwebers, Kaschmir die Befreiung von der Dogra-Herrschaft sowie Freiheit, Demokratie und soziale Reformen versprach, sah der Hindu-Pandit und Cambridge-Absolvent Nehru das Ziel seiner Politik vorrangig in einem freien, vereinten und unabhängigen Indien. Zwar versprach er 1935: "Der Indische Nationalkongress erkennt als gültig an, dass die Völker der indischen Staaten nicht weniger Recht auf Swaraj (Unabhängigkeit) haben als die Menschen von Britisch-Indien." Bereits vier Jahre später deutete er jedoch an, ein souveränes Kaschmir käme für ihn nicht in Frage. Indien müsse seine Freiheit durch Einheit erreichen, schrieb er 1939.

Indiens Intervention, Nehrus Versprechen

Als am 14. August 1947, dem Vorabend der Unabhängigkeit, der Union Jack auf dem Subkontinent letztmals eingeholt wurde, war Kaschmir zunächst tatsächlich selbstständig - doch nur für 73 Tage. Wie in Bengalen und im Punjab, wo die Teilung von Indien und Pakistan (s. Zeittafel) wahre Völkerwanderungen auslöste und auf beiden Seiten grausamste Massaker begangen wurden (es gab eine Million Tote), gerieten auch Jammu und Kaschmir in Aufruhr. Innerhalb von elf Wochen kam bei Pogromen in Jammu praktisch die gesamte moslemische Einwohnerschaft - etwa 500. 000 Menschen - ums Leben. Mehr als 200.000 verschwanden spurlos, der Rest floh nach Pakistan. Zugleich strömten Scharen wilder Stammeskrieger aus Nordpakistan und Afghanistan - vorzugsweise Paschtunen - nach Kaschmir, um ihren bedrängten Glaubensbrüdern beizustehen. Pakistanische Truppen bereiteten ihrerseits einen Einmarsch vor.

Der Maharaja floh und bat Indien um Hilfe, das unter der Bedingung intervenieren wollte, dass sich Kaschmir der Indischen Union anschließen werde. Schließlich rang sich Delhi zu der Konzession durch, ein Plebiszit möge über den endgültigen Status der Region entscheiden, sobald es die Lage erlaube, doch bestand für Jawaharlal Nehru nie ein Zweifel, dass die moslemische Mehrheit für Pakistan optieren würde. Zwar versprach er im Oktober 1947 der UNO zunächst: "Die Regierung Indiens möchte klarstellen, dass die Menschen Kaschmirs, sobald wieder Normalität hergestellt ist, frei über ihr Schicksal entscheiden können und diese Entscheidung per Plebiszit oder Referendum durchgeführt wird." Doch es war die reine Camouflage, um in New York die Gemüter zu beruhigen. Seither ist Kaschmir entlang der Waffenstillstandslinie geteilt, die 1948/49 den ersten indisch-pakistanischen Krieg beendete. Als der UN-Sicherheitsrat 1964 wieder einmal die Situation in der Konfliktzone debattierte, stand das Thema bereits zum 110. Mal auf der Tagesordnung. Was davor oder danach an Vorschlägen formuliert wurde, stieß entweder auf Widerspruch aus Islamabad oder aus Delhi oder synchron von beiden.

Indien hat sich daran gewöhnt, den Grenzstaat als "integrierten Teil" anzusehen - Pakistan schätzt die "offene Wunde", weil sich damit nicht zuletzt auch manch interner Konflikt "behandeln" lässt.

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00:00 04.01.2002

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