Eine Pionierin des Arbeitskampfs

Wirtschaftsliteratur Die vergessene Gewerkschafterin Paula Thiede erhält endlich eine verdiente Biografie
Eine Pionierin des Arbeitskampfs
Das ver.di-Gebäude am Paula-Thiede-Ufer in Berlin

Foto: Imago Images/Steinach

Sie war die erste Vorsitzende einer gemischtgeschlechtlichen Gewerkschaft weltweit. Trotzdem war über Paula Thiede bisher sehr wenig bekannt. Nun hat der Historiker Uwe Fuhrmann die erste Biografie der Berliner Arbeiterin herausgebracht. Thiede wurde 1870 geboren und erlag in unruhigen Zeiten, im März 1919, mit nur 49 Jahren einer schweren Erkrankung.

Dass nach Paula Thiede der Platz vor der Bundeszentrale der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Berlin benannt wurde, motivierte die Gewerkschaft, sich genauer mit dem Leben dieser Frau zu befassen. Uwe Fuhrmann konzipierte daraufhin das Forschungsprojekt „Klasse und Geschlecht um 1900“. Die Biografie ist das erste Ergebnis dieser Arbeit, welche mit Thiedes Leben auch die Geschichte der Frauen in der frühen Berliner Gewerkschaftsbewegung erzählt.

Der Titel Frau Berlin mag zunächst irritieren, dabei handelte es sich um Thiedes Geburtsnamen. „Berlin“ bezog sich auf das Dorf, aus dem ihre Vorfahren in die damals wachsende Metropole Berlin gekommen waren. Fuhrmann beschreibt die schweren Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Menschen, die von der Landwirtschaft nicht mehr leben konnten und in Berlin in den boomenden Fabriken zunächst fast völlig rechtlos waren. Auch Paula Thiede verarmte nach dem Tod ihres ersten Mannes. Mit zwei kleinen Kindern musste sie in eine Armenwohnung umziehen. Dort starb eine ihrer Töchter.

Fuhrmann beschreibt die ersten Organisationsversuche, an denen Frauen beteiligt waren: Besonders die Buchdruckerinnen und Buchdrucker waren PionierInnen im Kampf um Arbeitszeitverkürzung und mehr Lohn. Thiede wurde Mitglied des „Vereins der Arbeiterinnen an Buch- und Steindruck-Schnellpressen“, der 1890 von 450 Kolleginnen gegründet wurde.

Das Sozialistengesetz war noch in Kraft, sodass ein Verbot immer möglich war und die Arbeit extrem behinderte. Auch die finanziellen Mittel waren äußerst begrenzt. Fuhrmann beschreibt die damaligen internen Querelen der Gewerkschaft, in die auch Paula Thiede involviert war. Sie war Anhängerin eines zentralistischen Gewerkschaftsmodells, gegen das die Lokalisten – die heute fast vollständig vergessenen Verfechter eines föderalistischen Organisationsmodells, heftig opponierten. Doch Thiedes Aufstieg in der Gewerkschaft konnten sie nicht bremsen. Am 30. Mai 1898 wurde sie Vorsitzende des neu gegründeten Vereins der graphischen Arbeiterinnen und Arbeiter Deutschlands. Auch nach ihren Rücktritt 1902 spielte sie bis zu ihrem frühen Tod eine wichtige Rolle in der Gewerkschaft, wenn sie auch mit ihren Kandidaturen und Anträgen im männlich dominierten Gewerkschaftsbund häufig scheiterte.

Uwe Fuhrmann stellt die Frage, warum eine der Pionierinnen der Gewerkschaftsbewegung so gründlich vergessen wurde. Noch zu Beginn der 1920er Jahre ehrte der Verband der graphischen HilfsarbeiterInnen“ Paula Thiede mit einem Denkmal auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde. Das Vergessen setzte erst später ein.

Die Stellung als Frau mit proletarischem Hintergrund ohne echte Berufsausbildung hat sicher auch in den Jahren nach 1945 eine „Wiederentdeckung“ erschwert. Die zweite Frauenbewegung suchte zudem ihre Traditionslinien nicht bei den Gewerkschaftsfrauen. Umso erfreulicher, dass nun Uwe Fuhrmann, 100 Jahre nach ihrem Tod, Paula Thiede und mit ihr das frühe gewerkschaftliche Engagement von Frauen dem Vergessen entrissen hat.

Info

„Frau Berlin“ – Paula Thiede Vom Arbeiterkind zur Gewerkschaftsvorsitzenden Uwe Fuhrmann UKV 2019, 227 S., 17 €

06:00 27.10.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare