Eine Politik der Plattformen

Transmediale Wir müssen unser politisches Verständnis angesichts von Software und Plattformen überdenken. Verschiedene Projekte greifen durch künstlerische Mittel dieses Thema auf

Als das US-amerikanische Technologie-Magazin Wired kürzlich den „Tod“ des Webs bekanntgab, ging es dabei von der Voraussetzung aus, dass die Plattformen allmählich zur hauptsächlichen Zugangsart zum Internet werden. Plattformen sind Portale oder Anwendungen, die spezifische Internet-Dienste anbieten, Strukturen für soziale Interaktion oder Schnittstellen, um auf andere vernetzte Kommunikationsformen und Informationsverbeitungssysteme zuzugreifen. Zusätzlich intensiviert das Vorherrschen der mobilen Computertechnologie mit ihren Betriebssystemen, die dem Internetzugang via „Apps“ und nicht den Web-Browsern die Priorität einräumen, diese Umgestaltung, und dieses Modell wird nun auf den Tablet-Computer angewendet – und es kann sich durchaus auch bald in die allgemeine Computertechnologie und die computerbasierte Kommunikation verbreiten.

Wenn auch Tim Berners-Lee selbst, der Entwickler des World Wide Web, gegenüber den Behauptungen von Wired kritisch war und Kritiker auf die Mängel in den Statistiken von Wired hingewiesen haben, so wird doch die Frage nach einer Politik der Plattformen dringlich. Mit solchen Schlüsselthemen, die von den Wikileaks Cablegate-Ereignissen noch unterstrichen werden, wurden Transparenz, Offenheit und Informationsfreiheit im öffentlichen Bewusstsein in den Vordergrund gerückt und die Logik der Hacker-Ethik verbreitet – dies spiegelt wider, was viele bereits wussten: dass vieles in der Politik bereits in und mittels Software, Hardware und verschiedenen Plattform-basierten „Lösungen“ stattfindet, die in der sozialen Medienkultur angeboten werden.

Plattformen, insbesondere die Anbieter sozialer Mediendienste, sind in der Lage, die skalenfreie Architektur des Internets auszunutzen, um sehr breite Nutzerbasen und Interessengemeinschaften aufzubauen. Plattformen wie Facebook und Twitter werden in den verschiedenen Arten der Organisation politischer Veranstaltungen sowohl online als auch offline verwendet. Sie werden begeistert als neue Werkzeuge diskutiert, die bei Wahlkampagnen den demokratischen Prozess stimulieren, sowie als Organisationswerkzeuge, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Interessenverbände aufzubauen.

Die Plattform als Kontrollzone

Jedoch sind diese Plattformen – anders als das World Wide Web – oft proprietär, sie haben geschlossene Protokolle und operieren als eine Art von privatisiertem öffentlichen Raum. In dieser Hinsicht werden die Plattformen selbst zum Objekt und zum Förderer der Politik, aber auch zu neuen Bereichen der Kontrolle. Wir konnten dies in den jüngsten Studenten-Demonstrationen in Großbritannien anschaulich sehen: das Organisieren von Flashmobs und Sit-ins auf Facebook und die Koordination auf den Straßen mittels Twitter. Doch während der ganzen Zeit wird von jedem Nutzer ein Profil erstellt und er wird, in Strömen von bedarfsgerechten Daten verdinglicht, an den Meistbietenden verkauft. Und all das kann abgeschaltet werden; Individuen werden bloßgestellt, offline geworfen oder verkauft – ganz nach Lust und Laune von jedem beliebigen, der den Kode kontrolliert. Die Entscheidung, einen Algorithmus freizusetzen, um die nächsten voraussichtlichen Demonstranten aus ihren Profilen bei Facebook auszusieben, liegt in den Händen einer Kapitalgesellschaft, die mit beiden Augen gebannt auf den Profit starrt. Amazon hat einfach seinen Dienst für Wikileaks abgeschaltet, ohne nur eine Sekunde nachzudenken – aber wie wir gesehen haben, ist die Sache wirklich nicht so einfach wie das eine Extrem oder das andere, Befreier oder Unterdrücker –, und dies ist die Domäne einer Politik der Plattformen.

Deshalb kann Netzwerkpolitik nicht nur im Hinblick auf die Fragen des Inhalts betrachtet werden (welche Fragen, Tagesordnungen und Aktivitäten werden aufgegriffen und als politisch gefördert?), sondern auch im Hinblick auf die Rolle der Plattformen und Apps als politische „Objekte“, die die Form und die Struktur der politischen Mediation gestalten.

Gleichzeitig erschafft die proprietäre Natur dieser Plattformen und deren Rolle als integraler Teil eines „kommunikativen Kapitalismus“ eine äußerst unklare Situation, was sowohl in der Netzwerktheorie als auch in der Software-Entwicklung durchaus wahrgenommen wird. Es gibt jedoch eine im Entstehen begriffene Bewegung der Software-Entwicklung für den Aktivismus sowie eine nicht-proprietäre soziale Vernetzung, welche die Werte von Offenheit, Dezentralisierung und nicht-gewinnorientierten Projekten in den Mittelpunkt stellt, die für die alternativen politischen Ökonomien der Netzwerkpolitik sinnbildlich sind.

Verschiedene Projekte auf der transmediale.11 greifen durch künstlerische Mittel dieses Thema der Plattformen und Politik auf. Insbesondere die für den Open Web Award Nominierten, die gute Beispiele dafür sind, was ein kritisches Überdenken – und wichtiger noch: Neugestalten – der sozialen Medien leisten kann.

Die Verwendung des Finger Protokolls durch Thimbl, die an den Nutzer angepasste Open Software von Evan Roths Graffiti Analysis/Markup Language sowie Booki, das eine offene FLOSS (Free, Libre, Open Source Software) Plattform für die Buchpoduktion bietet. Solche Projekte sind nicht nur um ihrer selbst willen als Software-Experimente wichtig, sondern auch im Sinne von Angeboten für andere Medienproduktionen und soziale Beziehungen – ein Überdenken von sozialen Beziehungen außerhalb der normierten proprietären und durch Datengewinnung verseuchten Plattformen.

Politische Aktionen im Netz

Eine konkrete Öffnung der Technologien verschafft uns neuartige Einsichten, wie die Dinge eigentlich funktionieren – nicht nur für uns als Endanwender, sondern auch für Bastler, Hacker und jene, die die Konsumententechnologie modifizieren.

Daher müssen wir in zunehmendem Maße den Ort von Software, Hardware und Online-Plattformen als einen Bereich der Kontrolle, aber auch der Möglichkeiten für radikale politische Praktiken festlegen – im „Demokratisieren“ der Demokratie, und in der Herausforderung an die (um einen Ausdruck von Slavoj Žižek und Jodi Dean zu gebrauchen) „interpassive“ politische Ökonomie des kommunikativen Kapitalismus. Daher setzt sich das neue Vokabular der Politik im Zeitalter der Netzwerkkultur mit Fragestellungen wie den folgenden auseinander: Welche sind die Plattformen, auf denen Netzwerkpolitik stattfindet und was können wir in diesem Kontext für eine politische „Aktion“ halten? Wie können wir uns Circuit-Bending (das kreative Kurzschließen unterschiedlicher elektronischer Geräte), Hardware-Hacken und ähnliche Praktiken als politisch vorstellen? Können wir tatsächlich die „Offenheit“ von FLOSS als eine wirklich radikale Praxis ansehen – oder eher als einen weiteren Kreislauf in der Produktion des kommunikativen Kapitals? Diese Fragen unterstreichen, wie die Politik zunehmend durch die Form von Software- und Hardware-Design verändert wird.

Schließlich müssen wir die Frage stellen: Welche sind die zukünftigen Formen und neuen Konzeptualisierungen des Hackens, die Aufmerksamkeit verdienen?

Joss Hands ist Dozent für Communication and Media an der Anglia Ruskin University, Cambridge, UK, und Autor von @ is for Activism: Dissent, Resistance and Rebellion in a Digital Culture (2011), das kürzlich bei Pluto Press erschienen ist.
Jussi Parikka ist Director of Cultures des Digital Economy-Institute an der Anglia Ruskin Uni-versity, Cambridge, UK, und Autor von Digital Contagions: A Media Archaeology of Computer Viruses (2007) und Insect Media: An Archaeology of Animals and Technology (2010), sowie Mitherausgeber von The Spam Book (2009).
Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Roth

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15:00 31.01.2011

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