Eine Sache der Gewohnheit

Wissenschaft 80 Prozent aller Angestellten in Forschung und Lehre haben befristete Stellen. Dieser Wahnsinn muss korrigiert werden
Lukas Latz | Ausgabe 27/2015 1
Eine Sache der Gewohnheit
Systematisches Wissen und Denken können nur durch einen langfristigen Dialog vermittelt werden
Foto: Stefan Zeitz/Imago

Es klingt auf den ersten Blick nicht spektakulär, ist aber von höchster Tragweite: 80 Prozent aller Angestellten in universitärer Forschung und Lehre haben befristete Stellen. Privatdozenten und Lehrbeauftragte, die quasi umsonst arbeiten, kommen dazu. Sicherheit in der Planung des beruflichen Lebensweges gibt es nicht, irgendwann eine unbefristete Stelle zu bekommen, ist allein eine Frage des Zufalls. Ohne klare berufliche Alternativen fallen Wissenschaftler aus dem System ins Ungewisse.

Was ist schuld an dieser Entwicklung? Bologna? Die Exzellenz-Initiative? Der Föderalismus? Die altbekannten Erklärungsansätze führen oft in Sackgassen, einer gewissen Bologna-Kritik ist man müde. Die Zeitschrift Merkur hatte zu einer Gesprächsrunde eingeladen, in der „zur Lage der Universität“ diskutiert wurde. Vor allem im Dialog zwischen Remigius Bunia, Vorsitzender des Vereins Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur, und der Medienwissenschaftlerin Hanna Engelmeier ergaben sich neue Perspektiven. Nicht nur das Problem ist ja schon länger bekannt, Lösungsvorschläge gibt es auch. Die Große Koalition arbeitet an einer Reform des Wissenschaftszeitarbeitsvertragsgesetzes. Darin eine Quote für unbefristete Beschäftigungen an Instituten festzusetzen, wäre sinnvoll. Ebenso könnten Stellen des akademischen Mittelbaus eingespart und für das Geld unbefristete Professorenstellen geschaffen werden. Beides wird in der Koalition aktuell aber nicht diskutiert.

Was könnte anstelle von Reformen die Lage ändern? Darauf gab die Diskussion eine erstaunlich einfache Antwort: Einfluss auf ihre Personalpolitik haben vor allem die Hochschulen selbst. Keine alternativlose Sachlage, sagt Bunia, zwinge Professoren dazu, nur befristete Stellen zu vergeben. Im Gegenteil. Dies sei vor allem eine Gewohnheit. Um unbefristete Stellen zu schaffen, müssten Arbeitsabläufe an Lehrstühlen umstrukturiert werden. Die Umstrukturierung würde Kreativität und intellektuelle Belastbarkeit verlangen. Professoren müssten zudem auf das Privileg verzichten, dass sie die Zukunft ihrer Mitarbeiter unmittelbar beherrschen, prinzipiell ist es den Hochschulen aber möglich. Die TU München hat etwa im Jahr 2012 einen „Code of Conduct“ aufgestellt, in dem die Neubesetzung von Stellen gut geregelt ist.

Die Personalpolitik ist nicht nur fatal für die Lebensplanung des Personals, sie wirkt sich auch auf die Qualität der Lehre aus. Systematisches Wissen und Denken können nur durch einen langfristigen Dialog vermittelt werden. Lehrbeauftragte, die zumeist nur für ein Semester und eine lachhafte Bezahlung da sind, stehen dafür nicht zur Verfügung. Durch die allgemein hohe Fluktuation kommt es nicht zu einer Absprache über Lehrinhalte und Lehrmethoden. Seminare sind oft völlig niveaulos, viel zu anspruchsvoll oder beides zugleich. (Die guten Seminare sind meist auch die überfüllten.) An meinem Institut – ich studiere Komparatistik an der FU – fühle ich mich oft wie ein Autodidakt; in der Literatur zu Recht eine Witzfigur. Durch geistige Isolation werden wir zu prätentiösen Narzissten und Knilchen, die Professoren für Götter halten. In der Hochschulpolitik sind wir jedoch keinen unkontrollierbaren Mächten ausgesetzt. Es gibt viele Optionen, den Wahnsinn zu korrigieren. Voraussetzung ist sicher ein solidarischer Protest der Betroffenen. Warum gibt es ihn nicht? Man ist geneigt zu antworten, dass prekäre Arbeitsverhältnisse und Konkurrenzkampf das Klima schon gehörig ruiniert haben.

06:00 02.07.2015

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