Eine Sau stirbt selten allein

Seuche Die ersten Fälle der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland ängstigen die Fleischindustrie – denn sie leidet noch unter Corona
Eine Sau stirbt selten allein
Diese beiden bilden eine Stallgemeinschaft; in solchen müssen die Abstandsregeln nicht beachtet werden

Foto: Joe Munroe/Hulton Archive/Getty Images

Wenn in China ein Sack Reis umfällt, interessiert das in Westeuropa niemanden. Ein Sack Reis, so what; es gibt viele davon. In Brandenburg, nicht weit von der polnischen Grenze, ist ein Wildschwein umgekippt. Erst eins, fürs erste, am Dienstag dieser Woche wurden weitere Verdachtsfälle bekannt. Aber schon ein einziges an Afrikanischer Schweinepest verendetes Wildschwein reicht aus – und die Seuche ist offiziell da. Und anders als der Reissack erzeugt der Fall des toten Schweins hier in Deutschland tatsächlich ein Echo am anderen Ende der Welt.

In der Gemeinde Schenkendöbern im Landkreis Spree-Neiße wurde in der vergangenen Woche der Kadaver eines Wildschweins gefunden. Innerhalb weniger Stunden bestätigte das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), dass das Tier mit der sogenannten Afrikanischen Schweinepest (ASP) infiziert war. Unter dem Dach des FLI finden sich die Nationalen Referenzlabore für eine ganze Reihe von Infektionskrankheiten, darunter auch das für die ASP. Nationale Referenzlabore bündeln die Expertise zu einzelnen Krankheitserregern und bekommen alle verdächtigen Proben zur Untersuchung vorgelegt. Mit der FLI-Bestätigung ist Deutschland nun also nicht mehr frei von ASP, und das hat Folgen.

Exportierte Pfötchen

Eine einzige tote Sau ändert für schweinehaltende Betriebe bundesweit vieles. Da ist die Angst, dass das Virus allen Hygienemaßnahmen zum Trotz in Hausschweinbestände überspringen könnte. Preise für Ferkel und Fleisch rauschen in den Keller, erste Importstopps lassen nicht auf sich warten: Südkorea und China führen mit sehr kurzer Übergangsfrist vorerst keine Schweineprodukte aus Deutschland mehr ein. Dabei ist gerade der südostasiatische Markt ein wichtiger Abnehmer für Schweineteile aus Europa. Pfötchen und Ringelschwänze etwa kaufen Endverbraucher in Mitteleuropa nicht – so begründen Branchenvertreter die Notwendigkeit von Exporten. Um die Schweine ganz vermarkten zu können und die erzeugten Mengen abzusetzen, ist die Branche auf den Export angewiesen.

Da der chinesische Markt selbst von den Folgen eines ASP-Ausbruchs und dem Verlust großer Tierbestände im Inland betroffen ist, ist die Nachfrage von dort derzeit attraktiv, was die gezahlten Preise angeht. Das Geschäft strauchelte aber bereits durch Einfuhrbeschränkungen von chinesischer Seite, als in Europa Schlachthöfe wegen Corona-Ausbrüchen gesperrt wurden. Ebenfalls wegen der Corona-Restriktionen kommen die Schlachthöfe nun mit dem Schlachten nicht nach. Die Schweine stehen zum Teil viel länger als sonst im Stall und müssen weiter gefüttert werden. Fleischproduktion in Deutschland hat einen eingespielten Takt – Verzögerung ist nicht eingeplant.

Rund um den Fundort des Kadavers steht nun allerdings alles auf die übliche Art der Tierseuchenbekämpfung still. Das Land Brandenburg hat in einem Drei-Kilometer-Radius einen Elektrozaun um den Fundort gespannt. Erst mal gilt ein Betretungsverbot, Landwirte dürfen nicht ernten und kein Futter oder Stroh aus diesem Gebiet im Schweinestall einsetzen. Das Virus hält sich lange in Kadavern und infiziertem Fleisch – auf keinen Fall soll möglicherweise kontaminiertes Material aus dem Gebiet heraus gelangen. Inzwischen wurden vier weitere Wildschweine tot aufgefunden, ein krankes Tier zudem erlegt.

ASP-Viren sind hochansteckend, aber sie sind absolut wirtsspezifisch: Sie befallen nur Schweine. Andere Wild- und Haustierarten und auch der Mensch sind nicht dafür empfindlich. Selbst der Verzehr von an der ASP erkranktem Schwein wäre für Menschen unbedenklich. Auf Frischfleisch und in Rohwurst kann es sich halten. Und das macht Menschen zur Gefahr für Schweine: Die achtlos in der Landschaft weggeworfene Salami-Semmel landet womöglich in den Mägen von herumstromernden Wildschweinen. Und die werden dann krank. Zu den Präventionsmaßnahmen gehören daher schon seit mehreren Jahren Warnhinweise, dass keine Fleischprodukte aus dem Ausland mitgebracht werden sollen. An Autobahnraststätten wurden stabile Müllkübel errichtet, die sich auch vom stärksten Keiler nicht umstoßen lassen.

Eine Überraschung ist das Auftreten der ASP nicht. Sie grassiert seit Jahren in Osteuropa. 2007 brach die Krankheit in Georgien aus. Die vermutliche Ursache: Lebensmittelabfälle. Seither wandert sie langsam weiter. Es folgten Ausbrüche in Russland, Armenien, Litauen und Polen. Ob die erste tote Sau in Brandenburg krank die Grenze überquerte oder sich in Deutschland angesteckt hat, das ist bisher ungeklärt.

Wie bei Seuchen meist üblich, bekam die Afrikanische Schweinepest ihren Namen nach dem ersten Beobachtungsort. In den 1920er-Jahren wurde die Schweinekrankheit in Kenia erstmals beschrieben. Erste Ausbrüche in Europa liegen ebenfalls bereits Jahrzehnte zurück: 1957 trat die Seuche in Portugal auf und dann immer wieder, zum Beispiel in Spanien, Frankreich oder Italien. Sie ließ sich überall – wenn auch oft erst nach Jahren – wieder eindämmen, nur nicht auf Sardinien. Dort hält sich eine milder verlaufende Version der ASP seit 1978.

Ein mit der in Osteuropa umgehenden Variante des Virus infiziertes Wildschwein wird ziemlich sicher sterben. Fraglich ist aber: Wie weit läuft es noch und wie viele Artgenossen steckt es an? Werden womöglich Hausschweinbestände betroffen sein?

Dänemark hat bereits 2019 vorbeugend einen Grenzzaun zu Deutschland gebaut, der die Wildschweine abhalten soll. Auch auf der brandenburgischen Seite der Grenze zu Polen stehen Zäune. Zu den Gegenmaßnahmen in Deutschland gehört außerdem der Versuch, die Bestände an Wildschweinen zu reduzieren: Bundesweit sollen Jäger möglichst viele Wildschweine schießen. Geringere Populationsdichte bedeutet weniger Übertragungsmöglichkeiten. Eine einfache Rechnung, doch sie wurde ohne das Wildschwein gemacht. Das setzt Reproduktion gegen Reduktion und vermehrt sich umso stärker. Fruchtfolgen mit Mais und große Ackerflächen, in denen die Rotten ungestört herumwühlen können, bieten den Tieren vielerorts gute Lebensbedingungen.

Fast scheint es ein Glück zu sein, dass Schweine in Deutschland eher selten in Freilandhaltung vorkommen und nur vergleichsweise wenige dieser Tiere in Hobby- und Hinterhofhaltungen zu finden sind. Das Familienmastschwein in einem Pferch hinterm Haus und Hausschlachtung gehören in Deutschland der Geschichte an. Wenn Schweine überhaupt draußen gehalten werden, dann nur unter strikten Auflagen mit doppelten und elektrifizierten Zäunen. Hygienekonzepte in der Schweinehaltung innerhalb von Gebäuden sind seit Jahren erprobt.

Dennoch: Eine Unachtsamkeit genügt, ein bisschen kontaminiertes Material, ein Elektrozaun, den eine Rotte Wildschweine niedertrampelt. Landwirtschaftsferne Konsument*innen tangiert ein einzelnes totes Wildschwein wenig. Für die Branche aber ist das eine tote Tier bedeutsam.

Regina Bartel ist Biologin und freiberufliche Wissenschaftsjournalistin

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06:00 19.09.2020

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