Eine Schweinewut

Wilder Karneval Seit ich denken kann, lebe ich in La Plaine, Marseilles buntem Viertel. Jetzt rollen die Bagger. Alles soll plattsaniert werden. Auf zum Widerstand!

La Plaine hat sich um seinen großen Platz herum gebildet, es ist der einzige, der diesen Namen in Marseille wirklich verdient. In seiner Mitte gab es bis vor ein paar Wochen einen Markt, seine Händler waren Armenier, Araber, Franzosen, Schwarzafrikaner, sie repräsentierten die Mischung der Stadt.

Das Viertel ist heute gleichzeitig Wohnquartier und Durchgangsort, populär, durchmischt und berühmt für sein Nachtleben. Hier spiegelt sich „Tout Marseille“, all die Konflikte, die die Stadt aushalten muss. Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden, wurde das Viertel später aufgeteilt und bekam zwischen 1840 und 1860 seine heutige Gestalt. La Plaine war lange Zeit der Ort des Großmarkts von Marseille. Um Mitternacht kamen die Bauern aus dem Umland und tauschten ihre Produkte, wie Obst und Gemüse aus dem Tal der Huveaune, sie handelten oft bis morgens um acht. 1972 wurde der Großmarkt dann in die Viertel des Nordens verlegt, in La Plaine blieben nur die Einzelhändler, aber selbst die wollte die Stadtverwaltung liquidieren. Im Oktober dieses Jahres fand der Markt zum letzten Mal statt.

Heroin und Karneval

Um zu begreifen, warum das gerade für diesen Ort so dramatisch ist, muss man in seine Vergangenheit schauen. Nach 1972 fiel das Viertel fast 15 Jahre lang in einen tiefen Schlaf. Es wurde, weil es so ruhig war, ein begehrtes Wohngebiet. Ende der 80er Jahre kehrte die kreative Szene zurück. Diese Jahre waren hart. Heroinsucht hatte eine gesamte Generation befallen, das Gift des Rassismus nistete sich überall ein. Der damalige Bürgermeister duldete keine nächtlichen Ausreißer. Nach seinem Tod hatten wir wieder mehr Handlungsspielraum.

La Plaine wurde von Lokalen, Cafés und Clubs überschwemmt, ehemalige Lagerhallen für Händler wurden wiederbelebt. Freitagabends trafen sich die Biker von Marseille. Damals entstanden die Orte, die emblematisch für eine Szene wurden: La Maison Hantée oder Le bar des Maraîchers. Da traf die Generation Rock ’n’ Roll die neue, die des Rap und Raggamuffin. Musiker wie Quartier Nord, Massilia Sound System oder IAM (einer der ersten kommerziell erfolgreichen französischen Rapper) feuerten hier ihre ersten verbalen Waffen ab. In ihrem Kielwasser entstanden in den 1990ern mehrere lokale Vereine, aber nicht irgendwelche! MTP (Marseille Trop Puissant), der Fanclub von Olympique Marseille, antirassistisch und antifaschistisch, gründete sich in der Rue des Trois Mages. Ein paar Schritte weiter entstand Tipi, ein Kollektiv ehemaliger Süchtiger. Sie wollten der Aidsepidemie vorbeugen, der die Stadtregierung gleichgültig zusah. Ein anderes Lokal widmete sich dem „occitan“, der provenzalischen Sprache. Dass sich diese Vereine ausgerechnet in La Plaine gründeten, ist auch einer Utopie geschuldet: Man wollte ein soziales Leben im Viertel aufbauen, einen Ort schaffen, an dem Nähe zwischen verschiedenen Kulturen, Nationalitäten, Herkünften entstehen sollte. In Marseille, wie in allen Städten der Armen und Immigrierten, haben solche lokalen Netzwerke und Vereine großen Einfluss.

Zur Jahrtausendwende gründeten wir den „Carnaval Sauvage“, den wilden Karneval. Er ist Ausdruck proletarischer Kultur und spielt eine große Rolle für den Widerstand. Man flaniert bis in die benachbarten Viertel wie Noailles. In diesem Armenviertel sind vor Kurzem mehrere heruntergekommene Gebäude zusammengestürzt und acht Menschen gestorben. Es folgte der „Aufmarsch der Wut“. Die Stadtregierung wusste, dass die Häuser saniert werden müssen, tat aber nichts. La Plaine ist nicht mehr das Viertel der 1990er Jahre. Cafés sind verschwunden und wurden von Bankfilialen ersetzt. Charismatische Leute sind gestorben, viele von ihnen jung.

Wir passten noch nie ins Schema der Stadtplaner. Während der Cours Julien, 300 Meter weiter, mit seinen Terrassen, hippen Cafés oder pseudo-gehobenen Restaurants, nichts weiter ist als ein Ort des Konsums, vertreiben wir uns die Zeit mit Fußball oder Pétanques, sitzen mit Freunden auf der Bank herum, organisieren Diners am Hafen oder Picknicks, alles kostenlos und freiwillig. Deviantes Verhalten? Die Stadtregierung will die öffentlichen Sitzbänke entfernen, den Platz für Caféterrassen privatisieren, Boutiquen ansiedeln. Anwohnerinnen und Anwohner haben daraufhin Tische und Bänke auf dem Platz einbetoniert. Als die Stadtregierung sie abmontieren ließ, setzten sie sich auf die Bänke und installierten Tage später doppelt so viele auf dem Platz.

Sie nennen es Renovierung

2012 kam die Videoüberwachung in unser Viertel. Als Gegenwehr gründete sich die „Assemblée de la Plaine“, die Quartiersversammlung. An einem Tag im Mai wurden mitten am Tag acht Kameras zerstört, ohne dass die Polizei jemanden festnehmen konnte. Seitdem steht das Viertel unter Beobachtung. Ein Jahr später versuchte die Polizei, unseren Karneval zu verhindern, 2014 attackierte sie den Schlussumzug, sperrte Karnevalisten ein. Es formierte sich eine große Solidaritätswelle.

Bei uns ist es Tradition, eine Figur aus Holz und Papier für den Karneval zu basteln, „le Caramentrant“. Sie ist Zielscheibe für die öffentliche Wut, repräsentiert entweder einen Politiker oder eine Institution (etwa den Bürgermeister, der als riesiges Schwein dargestellt wird und die Trikolore als Schal um den Hals trägt). Am Ende des Tages wird sie von einem Tribunal dazu verurteilt, auf dem Platz verbrannt zu werden. Im vergangenen Jahr zeigte die Figur La Soleam, jene lokale Verwaltungsgesellschaft, die sich um die „Renovierung des Zentrums von Marseille“ kümmern soll. 2015 stellte sie einen Plan für die Restrukturierung des Platzes vor: Der Markt, der von überall her Kunden anzog, sollte verdrängt werden, der Platz mit einer Autoverkehrsstraße durchbrochen und Hunderte Bäume gefällt werden. In den Auflagen für die Planungsbüros steht: „Das Projekt sollte so entworfen werden, dass jede unnormale, von der Norm abweichende Nutzung des Platzes untersagt wird.“ Aber genau diese abweichende Nutzung ist es, die unser Viertel ausmacht. Es zeigt die Verachtung dieser provinziellen Bourgeoisie gegenüber den Menschen, die hier leben.

Nun ist also die Baustelle da. Die 300 Schausteller des Marktes fanden sich von einem auf den anderen Tag ohne Arbeitsplatz wieder. Der Protest eskalierte: Hunderte blockierten Lastwagen, trotz Knüppeln und Tränengas. Am folgenden Tag wurden unter Polizeischutz Dutzende Bäume gefällt, alte Linden in bester Gesundheit. Sie sollen durch Sonnenschirme ersetzt werden, die (teuren) Schatten spenden. Eine Demonstration folgt der anderen: 3.000 Leute marschierten vor Kurzem ins Marseiller Zentrum, um ihre Wut herauszuschreien. Die Planer haben eine 2,50 Meter hohe Betonmauer um den Platz gebaut, um „eine Baustelle zu schützen, die vandalistische Akte erleiden musste“. Eine Mauer der Schande. Aber wir geben nicht auf.

Alèssi Dell’Umbria ist Autor der Universalgeschichte Marseille der Jahre 1000 – 2000 und eines Pamphlets über die Revolte in den Banlieues 2005

Übersetzung: Maxi Leinkauf
06:00 18.12.2018
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