Eine Seele, zwei Systeme

Korea Die Wiedervereinigung ist für den Korea-Gipfel mit Kim Jong-un keine realistische Option
Eine Seele,  zwei Systeme

Karte: der Freitag; Fotos: Getty Images

Wenn alles gut geht, wird es am 27. April im Grenzort Panmunjom das dritte koreanische Gipfeltreffen seit dem Ende des Korea-Krieges 1953 geben. Was den Verlauf betrifft, so ist fast alles möglich, im positiven wie im negativen Sinne, doch besteht die zarte Hoffnung, dass es zu tragbaren Ergebnissen kommt. Sie sind überfällig! Das Treffen wird intensiv vorbereitet, inklusive technischer Vorkehrungen wie einer direkten Telefonverbindung zwischen den Präsidenten Kim Jong-un und Moon Jae-in.

Korea und Deutschland wurden vor 73 Jahren geteilt, Korea ist es noch immer. Teilung war in der deutschen Geschichte fast der Normalfall, für Korea die Ausnahme. Deutschland bestand für lange Zeit als Kultur-, nicht als Staatsnation. In Korea hingegen existierte über tausend Jahre hinweg ein geeinter Nationalstaat, ethnisch homogen und mit fast unveränderten Grenzen. Die Teilung Deutschlands wurde während des Zweiten Weltkrieges auf mehreren internationalen Konferenzen ausgehandelt, um den Schuldigen eines Angriffskrieges zu bestrafen und mehr Stabilität in Europa zu erreichen. Die Teilung Koreas erfolgte im Hauruckverfahren mit der Konsequenz, dass es seither keine Stabilität in Nordostasien mehr gibt.

Südkoreas Präsident

Moon Jae-in (65) war Stabschef des Präsidenten Roh Moo-hyun (im Amt 2003 – 2008) und setzte sich schon in dieser Zeit für mehr Nähe zum Norden ein. Nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl 2017 blieb der linksliberale Politiker dabei. Aufsehen erregte im Juni 2017 die von einem seiner Berater vertretene Auffassung, für ein Einlenken Pjöngjangs in der Atomfrage sollten die USA ihre Manöver im Süden sowie Waffenarsenale reduzieren.

Zur Erinnerung: Im August 1945 kamen der Abwurf der beiden US-Atombomben über Japan, dessen Kapitulationsbereitschaft und der schnelle Einmarsch sowjetischer Truppen in den Norden Koreas völlig überraschend. Deshalb wurden in Washington zwei Politiker, einer war Dean Rusk, später der Außenminister John F. Kennedys, beauftragt, innerhalb von 30 Minuten in der Nacht vom 10. auf den 11. August 1945 die Trennlinie zwischen den beiden Besatzungszonen im Norden und Süden zu definieren. Für Korea wurde damit die Befreiung von japanischer Besatzung zur Demütigung und Tragödie. Eine Wiedervereinigung gilt deshalb als ein fast heiliges Ziel der Nation.

Deutschland als Warnung

Die Koreaner sind überzeugt, das Ausland habe ihr Land geteilt und sei schuld am Fortbestand der Zweistaatlichkeit. Der Grund für fast alle Probleme sei die Teilung; deshalb der schlichte Umkehrschluss: Erst wenn man wieder zusammenkommt, lösen sich die Probleme. In beiden Staaten – der Demokratischen Volksrepublik im Norden wie der Republik Korea im Süden – ist das Gebot einer Wiedervereinigung in der Verfassung verankert. Nur zeichnet sich bisher mitnichten ab, wie sich dafür ein friedlicher Weg finden lässt. Pjöngjang sollte wissen, dass der Süden nicht dessen System herbeisehnt, und Seoul hat mehrfach versichert, keine Wiedervereinigung durch Absorption anzustreben. Will heißen: Korea ist derzeit weder politisch noch finanziell, schon gar nicht mental, auf eine Fusion vorbereitet. Es gab zuweilen Vorschläge, mit denen eine Konföderation favorisiert wurde, doch blieb es bei Visionen. Beiden Seiten ist klar, dass es sich letztlich um eine Systemkonkurrenz handelt, bei der keiner verlieren möchte.

Nordkoreas Machthaber

Kim Jong-un (34) hat seit der Machtübernahme Ende 2011 nahezu den gesamten inneren Zirkel seines Vaters und Vorgängers Kim Jong-il, darunter Verteidigungsminister Hyon Yong-chol und den Onkel Jang Song-thaek, ausgeschaltet und seine Hausmacht installiert. Eine anfangs konfron-tative Außenpolitik, zu der auch die nukleare Option gehört, wurde zum Jahreswechsel 2017/18 konzilianter und mündete in Dialog-Angebote an Seoul.

Nicht Wiedervereinigung, sondern Normalisierung und Kooperation werden deshalb die Themen des anstehenden Gipfeltreffens sein. Wird nun doch ein Friedensvertrag erwogen, könnten auch Texte aus der Vergangenheit Beachtung finden. Am 13. Dezember 1991 unterzeichneten die Ministerpräsidenten Nord- und Südkoreas das „Abkommen über Versöhnung, Nichtaggression, Austausch und Zusammenarbeit“. Das Dokument hätte eine dem deutsch-deutschen Grundlagenvertrag von 1972 ähnliche Funktion beanspruchen können, wurde aber nie ratifiziert. Eine Wiedervorlage dieses Textes für die Begegnung der beiden Präsidenten in Panmunjom hätte den Vorteil, dass er unter Federführung des einstigen nordkoreanischen Führers Kim Il-sung entstand, also für Pjöngjang sakrosankt ist.

Immerhin wurde das jetzige Treffen in aller Offenheit vorbereitet, um womöglich auszugleichen, was dem innerkoreanischen Verhältnis bisher fehlt: Vertragstreue und gegenseitiger Nutzen. Misstrauen ist dagegen im Übermaß vorhanden. Es wäre daher sinnvoll, die gemeinsame Sonderwirtschaftszone, den Kaesong Industrial Complex, zu reanimieren.

Das Areal liegt im Norden nahe der ehemaligen Königsstadt Kaesong, zehn Kilometer von der Grenze entfernt; einst waren dort 124 Firmen aus Südkorea präsent und etwa 55.000 Arbeitskräfte aus dem Norden beschäftigt. Wegen der Nuklearrüstung Pjöngjangs ließ die Regierung des Südens im Februar 2016 den Betrieb einstellen. Da sich beide Seiten nicht als Ausland betrachten, handelt es sich bei Kaesong um ein innerkoreanisches Joint Venture, es fällt daher nicht unter das Sanktionsregime der Vereinten Nationen. Eine erneute Inbetriebnahme wäre nicht nur ökonomisch von Vorteil, sondern gleichfalls als vertrauensbildende Maßnahme wichtig. Kim Jong-un will den Norden reformieren, aber dadurch sein Regime nicht abschaffen, sondern erhalten. Nur fördert Druck von außen die Loyalität gegenüber dem Regime im Inneren.

Gipfelort Panmunjom

Ort der Teilung
In der Ende Juli 1953 eingerichteten entmilitarisierten Zone verläuft entlang des 38. Breitengrades eine 248 Kilometer lange Waffenstillstandslinie. Das gesamte Terrain dehnt sich jeweils zwei Kilometer weit in das Territorium der beiden koreanischen Staaten aus.

Ort der Diplomatie
Eigentlich ist Panmunjom eine Gedenk-stätte direkt am 38. Breitengrad und erinnert an die Verhandlungen von 1953 über einen Waffenstillstand. Später trafen sich hier in einer Baracke immer wieder Delegationen aus Nord- und Südkorea zu oft recht konfrontativen Sondierungen.

Ort der Besatzung
Das US-Camp Bonifas liegt gut 2.400 Meter südlich der entmilitarisierten Zone auf südkoreanischem Gebiet und gehört zum System von 22 Basen der US-Streitkräfte (Gesamtstärke 30.000 Mann) auf der Koreanischen Halbinsel. Bonifas dient bis heute auch der Kontrolle des Waffenstillstands.

Ort des Todes
Wer die entmilitarisierte Zone betritt, setzt sich hohen Risiken aus. Am 18. August 1976 führte der US-Offizier Arthur Bonifas einen Trupp zur „Brücke ohne Wiederkehr“, um Bäume fällen zu lassen. Soldaten Nordkoreas deuteten das als Angriff und erschlugen ihn mit einer Axt.

Das heißt, wer einen Wandel im Norden will, muss ihn ermöglichen, was kaum mit verschärften Sanktionen denkbar scheint. Traditionell war der Süden agrarisch bestimmt, und im Norden dominierte Industrie. So kam vor dem Bürgerkrieg der Strom für den Süden hauptsächlich aus dem Norden. Bis heute ist die Volksrepublik durch ihren Ressourcenreichtum noch immer eine große Schatzkammer; Kohle, Erze, Blei, Molybdän, Wolfram, Wasserkraft – alles ist vorhanden. Es mangelt an Energie, Kapital, realistischer Planung und leistungsfähiger Infrastruktur. Eine Entspannung auf der Halbinsel würde enorme Synergieeffekte haben. Es fehlen nur wenige Kilometer, um unterbrochene Bahntrassen wiederherzustellen. Außerdem haben alle großen Konzerne im Süden die nötigen Pläne für ein Engagement im Norden in der Schublade – es fehlt der politische Wille, etwas damit anzufangen. Sollte der Süden das bilaterale Verhältnis entkrampfen, dürfen ihm freilich keine neokolonialen Attitüden unterlaufen.

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik im Oktober 1990 wurde in Korea sehr unterschiedlich aufgenommen. Der Norden begriff diese Art von Wiedervereinigung als Warnung und Lektion, schließlich unterhielt man mit dem zweiten deutschen Staat freundschaftliche Beziehungen. Für den Süden war klar: Das deutsche Muster ist ein weder übertragbares noch bezahlbares Modell, zeigt aber auch, dass es ohne eine lange Phase der Normalisierung keine friedliche Wiedervereinigung geben kann.

Die wird überdies nur dann anstehen, wenn die Teilung ihre Nützlichkeit verliert. Ohnehin dürfte für Südkorea außer Frage stehen, dass die mit einer Staatenfusion für Nordkorea anstehende ökonomische Transformation das eigene Leistungsvermögen überfordert. Man kann nicht zustande bringen, was der Bundesrepublik Deutschland gegenüber dem ostdeutschen Beitrittsgebiet möglich war. Zumal die DDR-Ökonomie stets ein weitaus höheres Produktivitätsniveau besaß als die Wirtschaft Nordkoreas – von den sozialen Standards ganz zu schweigen. Die Führung in Pjöngjang wiederum interpretiert das Beispiel DDR so, dass aus einer Position der Schwäche heraus die Vereinigung von Staaten in Vereinnahmung münden kann. Das heißt, für die beiden Präsidenten dürfte es absolut keinen Anlass geben, sich ernsthaft mit dem Thema Wiedervereinigung zu beschäftigen.

Werner Pfennig ist Projektkoordinator am Institut für Koreastudien der FU Berlin

06:00 26.04.2018

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