Eine Stadt im Aufbruch ...

Chipfabrik in Frankfurt/Oder Über das Ende eines kommunalen Traums

Der Rohbau ist 230 Meter lang, 84 Meter breit und 23 Meter hoch. Er soll bis Weihnachten noch winterfest gemacht werden. Die 70 Beschäftigten werden den Betrieb und sich selbst in den nächsten Wochen abwickeln dürfen. Für die 122 Auszubildenden wird es, so heißt es bei der gescheiterten Betreiberfirma Communicant, vorerst weiter gehen. 183 umgeschulte Arbeitslose dagegen müssen sich nach neuen Umschulungen erkundigen, sie haben spezielle Fertigkeiten für die Chipherstellung gelernt. Wer von ihnen in Dresden, in den Fabriken des US-Konzerns AMD oder bei der Siemens-Tochter Infineon eingestellt wird, erwischt noch den glücklicheren Part.

Das Land Brandenburg hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Pannenserie hingelegt, beim Luftschiffbauer CargoLifter, der Autorennstrecke Lausitzring, der Landesentwicklungsgesellschaft und beim Großflughafen. Und nun das Aus für die Chipfabrik, das den Steuerzahler mindestens 80 Millionen Euro kostet, bezahlt für die Landesbeteiligung und die Infrastruktur. Schluss mit dem Gigantismus, heißt nun die Parole, helft dem Mittelstand.

Schaut man sich die Geschichte des Chipfabrik-Projektes an, dann lehrt sie allerdings etwas Anderes. Hier wurde kein "Masterplan" in Potsdam entworfen und den Ostbrandenburgern verordnet. Die Idee, die Machbarkeitsstudien, die Lobbyarbeit - all dies wurde zunächst in Frankfurt geleistet. Die geplante Wiederbelebung der Mikroelektronik, das war, wie man heute sagen würde, eine "bottom-up"-Initiative in Reinkultur, ein Projekt, das von unten gewachsen ist.

Frankfurt an der Oder ist seit 1989 auf der Suche nach sich selbst. Davor war man eine Stadt mit 90.000 Einwohnern und 8.000 Beschäftigen im Halbleiterwerk. Danach hat ein Viertel der Bevölkerung die Stadt verlassen, die Zurückgebliebenen brauchen dringend Arbeitsplätze und endlich eine zündende Idee. In den Nachwendejahren ließen Treuhandanstalt und Land das große Werk auf einen Restbestand zusammenschrumpfen. Alles, was von der Mikroelektronik übrig geblieben ist, sind einige Kleinunternehmen und das mit öffentlichen Mitteln betriebene Institut für Halbleiterphysik. Und es sind ehemalige Beschäftigte des Halbleiterwerkes, die inzwischen auf vielen Positionen Verantwortung übernommen haben: in der Stadtverordnetenversammlung, in der Wirtschaftsförderung, in den Gewerkschaften und Vereinen. Sie verbindet der Stolz auf die Vergangenheit und die gemeinsame Sprache des "Halbleiterwerkers".

Seit Mitte der neunziger Jahre versucht die Stadt, an das Vergangene anzuknüpfen. Der teure Neubau des Instituts wurde politisch unterstützt, Standorte für eine neue Fabrik geprüft. Als eine neue Chiptechnologie entwickelt worden war, ging man gemeinsam mit dem Institutsdirektor Abbas Ourmazd an die konkrete Planung und machte Druck beim Wirtschaftsminister. In kaum einer anderen Kommune Deutschlands wäre ein so komplexes Vorhaben wohl so schnell genehmigt und infrastrukturell erschlossen worden. Dabei fehlte damals schon, woran das Projekt letztlich gescheitert ist: 650 Millionen Euro.

Zwei Monate nach der öffentlichen Bekanntgabe des Projektes begannen die ersten Maßnahmen zur Umschulung von Arbeitslosen. Der Bildungsträger hatte einschlägige Expertise, er ist nach der Wende aus dem Halbleiterwerk ausgegründet worden. Das Arbeitsamt störte sich nicht daran, dass die Qualifikationen der Umschüler nur einem Unternehmen in der Region zugute kommen konnten. Derweil druckte die Märkische Oderzeitung eine Sonderausgabe zur Grundsteinlegung.

Ein dichtes Netzwerk der "Ehemaligen" und der Wille, um das eigene Erbe zu kämpfen - das war die große Stärke dieses Projekts. Und es ist durchaus verständlich, dass die Brandenburger Landesregierung sich dem nicht verweigert hat. Auch sie brauchte nach dem industriellen Niedergang ihre Hoffnungsträger. Es gibt zwar die viel gepriesenen mittelständischen Dienstleister und Produktionsbetriebe in neuen Branchen, aber es sind Wenige und sie können die Beschäftigungslücke nicht in absehbarer Zeit schließen. So kam es zu einer "Alles-oder-Nichts-Mentalität". Wenn man im Frühjahr 2001 bei den Verantwortlichen nachfragte, was ihren Optimismus begründete, dann bekam man Metaphern der Geschlossenheit zu hören: "Wir ziehen an einem Strang." Der Traum schien greifbar nah, obwohl Dresden das Rennen um den Standort der Halbleiterindustrie längst gewonnen hatte. Oberbürgermeister Patzelt sagte noch vor zwei Monaten bei der Einweihung der Brauchwasserleitung, man habe sich die Investitionen "buchstäblich vom Munde abgespart". Er verstand dies als Ehrenbezeugung, nicht als Selbstkritik.

Frankfurt scheint wie an eine "Matrix" angeschlossen, in der das Programm "Stadt der Mikroelektronik" gespielt wird. Es ist diese kollektive Selbsthypnose in der Kommune und das Alternativmanko des Landes, die das Desaster möglich gemacht haben. Managementfehler und Unprofessionalität auf der politischen Bühne hat es auch gegeben, aber sie konnten erst in diesem Klima gedeihen. Der Brandenburger Wirtschaftspolitik wird jetzt erst vollends bewusst, wie klein der Spielraum ist, den ihr die Wiedervereinigung gelassen hat. In der vergangenen Woche trafen sich die Fraktionsspitzen der Stadtverordneten zur Krisensitzung. Der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses, Eberhard Tief (PDS), erklärte danach, man dürfe jetzt nicht aufgeben, Frankfurt besäße mit dem Gewerbegelände "den best erschlossenen Elektronikstandort Europas".


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00:00 05.12.2003

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