Eine Stadt im Taufbecken

Kopfgeburt Als im Mai 1953 Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde, wollte die DDR-Führung den Lehrmeistern Lenin und Stalin ein eigenes Schwergewicht entgegensetzen

Als ich vor vielen Jahren erstmals Woody Allens Stadtneurotiker sah, zitierte der Komiker zu meiner großen Überraschung plötzlich Marx: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Diesen Ausspruch kannte ich nicht. Aber er passte zu dem Mann, der ja auch geschrieben hatte, dass einst an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen eine Assoziation treten werde, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Bald musste ich feststellen, ich hatte mich geirrt. Woody Allen hatte Groucho, einen der Marx Brothers und Ikone der anarchischen Hollywood-Komödie, gemeint und ich diesen mit dem Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus verwechselt. Ich war wohl ein bisschen vorgeprägt. Ich stamme nämlich aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt.

Auch Karl May

Städte mit den Namen großer Revolutionäre zu ehren, das haben die nicht verdient, vor allem nicht die Städte. Erfunden haben es die Sowjets. Leningrad, Stalingrad, Uljanowsk, Engels. Die DDR hat diesen Totenkult freudig übernommen, wenn auch nicht ganz so üppig ausgelebt. Es gab eine Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, eine Thomas-Münzer-Stadt Mühlhausen. Heute kennen wir vor allem die Autostadt Wolfsburg, und während sich Karl-Marx-Festspiele rar machen, gibt es die Karl-May-Festspiele immer noch. Karl May stammt übrigens auch aus der Gegend.

Doch zurück zu Marx. Walter Ulbricht, heißt es, habe Stiefmütterchen geliebt, weil Form und Färbung der Blüten ihn an den Autor des Kapitals erinnerten. Kein Wunder. Der mächtige Marx-Schädel mit dem dicken Bart war eine allgegenwärtige Ikone in der sozialistischen Welt, und sicher hat der eine oder andere Psychologie-Patient ihn sogar beim Rorschachtest in einem Tintenklecks erblickt. Marx, Engels, Lenin, Stalin – Bart an Bart waren sie aufgereiht, bis irgendwann der Letzte hinten runter fiel.

1953 ist in der DDR Karl-Marx-Jahr. Am 5. Mai feiert man dessen 135. Geburtstag. Warum die ungerade Zahl ausgerechnet zum wichtigen Jubiläum hochgespielt wird, bleibt Geheimnis der Parteiführung. Die Vermutung liegt nahe, dass der sowjetischen Großmacht mit ihren Deutungshoheiten Lenin und Stalin endlich ein eigenes, deutsches Schwergewicht entgegengesetzt werden soll. Es wird Geschichte geschrieben. Anfang März 1953 ist Stalin gestorben. Es sind die Wochen vor dem 17. Juni. Die SED macht Druck. Kein Tag vergeht, an dem die Zeitungen nicht Normerhöhungen propagieren. Ab 1. Mai erhalten Bürger, von denen erwartet wird, dass sie ihren Lebensmittelbedarf im staatlichen Einzelhandel – in den neuen, teuren HO-Läden – selbst decken können, keine Lebensmittelmarken mehr. Es trifft vor allem Selbstständige. Diese Bürger zögen, heißt es, aus der Arbeit der Werktätigen ihren Nutzen, „ohne dass sie selbst unmittelbar am Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik mitarbeiten“. Zugleich werden einige Preise erhöht. Auch die Kultur wird auf Linie gebracht. Stanislawskis Realismus wird zur Hausmarke des DDR-Schauspiels erklärt. Und Hanns Eislers Faustus-Libretto in Fetzen gerissen. Der dichtende Komponist hatte den Faust des Geheimrats Goethe uminterpretiert zum „Renegaten“. Und da hörte der Spaß auf.

Im Mai verstärkt ein Plenum der SED noch einmal den Druck auf die Arbeiter und Betriebe. Normerhöhungen sollen jetzt administrativ durchgesetzt werden, damit es endlich aufwärts geht. Es ist der falsche Weg. Am 17. Juni platzt den Leuten der Kragen. Der Hass auf Russen und deutsche „Russenknechte“ feiert ein blutiges Volksfest.

Am 8. Mai 1953, dem jährlichen Tag der Befreiung, hat das Eisenhüttenkombinat Ost den Namen Stalins abbekommen, des frisch einbalsamierten Generalissimus, und die neben dem Stahlwerk neu erbaute, bisher namenlose Wohnstadt – „die erste sozialistische Stadt unserer Republik“ – heißt nun Stalin-Stadt. Später wird sie in Eisenhüttenstadt umbenannt werden, als der Tote in Ungnade fällt.

Jetzt, da dem „weisen Führer der Völker“ eine Stadt dargebracht wurde, darf der Deutsche endlich nachziehen. Am 5. Mai hat das Zentralkomitee der SED bereits einen Karl-Marx-Orden gestiftet, der fortan für „Verdienste im Kampf um Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus“ verliehen werden soll. Die Uni Leipzig bekommt Marx’ Namen verpasst. Und am 10. Mai wird die sächsische Industriestadt Chemnitz umbenannt. Die Bewohner der Stadt empfinden das als grotesk. Kallemalle. Warum ausgerechnet wir? Doch die Partei will ein Zeichen setzen. Chemnitz ist schwer zerstört und soll als sozialistische Großstadt neu erstehen, unter neuem Namen. Der einstige Sozialdemokrat Otto Grotewohl hält die Umbenennungs-Rede, während SED-Chef Walter Ulbricht in Magdeburg, das – gleichfalls schwer zerstört – ebenso als Neubaustadt wieder errichtet werden soll, für dieses Vorhaben dort den Grundstein legt.


Auch in Karl-Marx-Stadt wird am 17. Juni 1953 gestreikt. Zwei Tage später heißt es in einem internen Bericht der SED-Bezirksleitung an ihre Führung in Berlin: „Allgemein wird in allen Großbetrieben des Bezirkes gearbeitet. Die Lage ist fast normal. Schwierigkeiten gibt es noch im Wälzlager. 500 Mann von 1.000 haben heute morgen noch gestreikt, bricht aber zusammen. Angsteinkäufe wieder beseitigt. Verkehrslage wieder normal.“

Es werden im folgenden Jahrzehnt breite Magistralen durch die Stadt geschlagen und ausgedehnte neue Wohngebiete gebaut. Gemütlich wird es nicht. Auf dem Kaßberg verfallen die Jugendstilhäuser. Ins Zentrum wird 1971 der riesige Bronzekopf des deutschen Denkers platziert, den die Sachsen sofort den „Nischel“ taufen. Niemand kann ihn ignorieren, er wird zum Wahrzeichen der „Stadt mit Köpfchen“ – und steht heute noch da.

Eine Reise wert

Noch aber, im Jahr 53, liegt Karl-Marx-Stadt in Trümmern. Die Angriffe am Ende des Krieges haben die Menschen das Fürchten gelehrt. „Ich selbst habe sämtliche Bombenangriffe auf Chemnitz miterlebt“, erinnert sich Christian Bergmann, Jahrgang 1930. „Vom 5. zum 6. März 1945 verbrannte die Stadt. Im Februar gab es bereits zwei Angriffe. Bei einem explodierte eine Luftmine in der Parkanlage vor dem Opernhaus. Wir wohnten ja nur einige hundert Meter entfernt, und wir haben nicht nur den Knall gehört, sondern auch die Erschütterung gespürt. Es war tatsächlich so, als ob unter uns, die wir am Boden lagen, etwas hindurch liefe.“

Bergmanns Mutter lebt in dem Haus noch viele Jahre, ihr Sohn studiert Germanistik und wird Professor. Auch wenn das Leben sich ändert und um einiges besser wird, das Wohnhaus, in dem er aufwuchs, wird immer jenes sein, in dem er mit seiner Mutter den Angriff erlebte. „Das ganze Haus hat gewankt, aber es hat den Stoß der Druckwelle überstanden – freilich nicht spurlos. In den Wänden gab es Risse, in die man mit dem Finger hineinfahren konnte. Da gab es auch nichts zu sanieren. Aber bis zum Abriss dauerte es noch 50 Jahre.“

Ein Jahr lang dürfen noch beide Namen verwendet werden, Chemnitz und Karl-Marx-Stadt. Später haben die Menschen sich dran gewöhnt. Es werden Karl-Marx-Städter geboren. Der Nischel wird enthüllt. Gegenüber gibt’s einen Intershop. Da entstehen auch eine Stadthalle und das Interhotel Kongress, das über eine gläserne Automatiktür zu betreten ist – die einzige Tür dieser Art, die ich kannte. Es war allein eine Reise nach Karl-Marx-Stadt wert, durch diese Tür ein paar Mal rein und raus zu gehen. Der Liedermacher Kurt Demmler, der die kleinen Mädchen und den Sozialismus liebt, dichtet: „Was machen wir zu Pfingsten, wenn die Wiesenblumen blüh’n? Wir fahren nach Karl-Marx-Stadt über Autobahn und Schien’n.“

Das Flüsschen Chemnitz fließt weiter durch die Stadt und durch die Jahre. Es darf das unter seinem alten Namen. Dann wechseln die Zeiten. Am 23. April 1990 stimmt das Volk ab über den künftigen Namen der Stadt. Drei Viertel sind für Chemnitz. Am 1. Juni 1990 wird Karl-Marx-Stadt zurückbenannt. Den Leuten in der Gegend passiert es noch längere Zeit, dass sie sich versprechen. Gormorgschdot hat sich tief eingeprägt. Der Stammbetrieb des Werkzeugmaschinenkombinats Fritz Heckert, der 4.000 Mitarbeiter beschäftigte, hat bald nur noch 200 Leute. Das Schauspielhaus, das großes Theater machte, versinkt in der Bedeutungslosigkeit. Der Kaßberg wird saniert. Einige großartige Bildersammlungen kommen in die Stadt. Die Chemnitz wird sauberer. Sie fließt durch die Stadt und alle Zeiten.


14:00 30.05.2010

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rahab | Community