Eine starke Frau

Eroberin Mit "Inés meines Herzens" hat Isabel Allende einen informativen Unterhaltungsroman geschrieben

Die Eroberung Lateinamerikas und später seine Befreiung von Spanien - das war Männersache. Christoph Kolumbus, Hernán Cortés, Pedro de Valdivia oder Simón Bolívar wurden Denkmäler gesetzt, ihnen widmete man Biographien und Romane. Frauen mussten sich mit Nebensätzen begnügen. Malinche, die indigene Übersetzerin des Hernán Cortés, hatte man in Mexiko als Verräterin abgestempelt, ohne auch nur das Geringste über sie zu wissen, bis ihr vor einigen Jahren die australische Historikerin Anne Lanyon endlich Gerechtigkeit wiederfahren ließ. Die mexikanische Schriftstellerin Laura Esquivel zog nach und widmete Malinche 2005 einen einfühlsamen, bisher leider nicht übersetzten Roman.

Seitdem haben weitere Autorinnen die historischen Frauengestalten des Kontinents entdeckt. Manuela Sáenz, die Gefährtin Simón Bolívars, wurde zur Romanfigur der Ecuadorianerin Tania Roura, und Isabel Allende nahm sich der Gefährtin Pedro de Valdivias an, des spanischen Eroberers ihrer chilenischen Heimat, oder besser: jener Frau, die dafür sorgte, dass Valdivia überhaupt bis zu dem südlichen Ort gelangen konnte, der heute den Namen Santiago de Chile trägt. Denn ohne Inés Suárez wäre Valdivias Truppe, über Land aus Cuzco kommend, in der Atacama-Wüste elend verdurstet. Inés aber verstand es, mit der Wünschelrute umzugehen, und rettete die Expedition, sodass ihr eigentlich der Titel einer Eroberin zusteht.

Seit dem legendären Geisterhaus und Von Liebe und Schatten hat Isabel Allende zwar viele Romane geschrieben, die sich gut verkauften, weil die Autorin süffig zu fabulieren versteht, aber ihre Sujets vermochten nie wirklich zu überzeugen, waren sie doch kaum je mehr als nette Unterhaltung. Mit Inés meines Herzens hat sie nun wieder einen Stoff gefunden, der etwas zu vermitteln vermag.

Die Struktur des Romans ist schlicht: Die Autorin schlüpft in die Haut von Inés und lässt sie, bereits über siebzig Jahre alt, in Ich-Form chronologisch ihr Leben aufschreiben, um für ihre Adoptivtochter Isabel Quiroga die Abenteuer festzuhalten, die sie erlebte, nachdem sie 1537 ihre spanische Heimatstadt Plasencia verlassen hatte. Dabei flicht sie auch die Lebensgeschichte Pedro de Valdivias ein, mit dem Inés rund zehn Jahre zusammengelebt hat, bevor sie dessen Freund und Weggefährten Rodrigo de Quiroga heiratete.

Als junges Mädchen verliebte sich Inés zunächst in den mittellosen Lebemann Juan de Málaga, der bald nach der Eheschließung Richtung Neue Welt aufbrach. Des Wartens müde, gelang es Inés, für sich und eine Verwandte eine Schiffspassage zu erhalten, denn es war damals verboten, dass sich eine Frau allein auf den Weg machte. Auf der Suche nach Juan kam sie schließlich nach Cuzco, wo sie erfuhr, dass er sich Francisco Pizarro angeschlossen hatte und gefallen war. Und sie begegnete Valdivia.

Der erste Versuch, das Land der Mapuche im Süden zu erobern, war bereits einmal gescheitert, und das stachelte Valdivias Ehrgeiz an. Gemeinsam mit Inés, rund hundert Soldaten und einer Schar von Indios aus Cuzco machten sie sich auf den beschwerlichen Weg. Dank Inés` Künsten an der Wünschelrute konnten sie schließlich nach über einem Jahr auf dem Cerro Santa Lucía, dem Berg im Zentrum der heutigen chilenischen Hauptstadt, die spanische Flagge hissen. Doch sie hatten die Rechnung ohne die kämpferischen Mapuche gemacht, denen es gelang, die von den Eindringlingen aufgebaute kleine Stadt fast vollständig zu zerstören, so dass die Spanier wieder bei Null anfangen mussten.

Isabel Allende hat vier Jahre lang recherchiert, und sie nennt eine ansehnliche Liste historischer Quellen und Studien, auf die sie sich stützt. Der historische Wahrheitsgehalt des Romans kann hier nicht nachgeprüft werden, doch es fällt angenehm auf, dass die Schriftstellerin, obwohl sie aus Sicht einer Spanierin schreibt, die Eroberung Chiles nicht allein als segensreiche Großtat preist, sondern darstellt, welch´ enormen Blutzoll sie gefordert hat. Zumindest Allendes Inés Suárez hat den unstillbaren Eroberungsdurst Pedro de Valdivias nicht gutgeheißen, und sie schreibt Valdivias Ermordung durch die Mapuche seiner Sucht nach immer mehr Land und Macht zu, sowie seiner mit den Jahren wachsenden Lust am Krieg. Den listigen Mapuche war er schließlich nicht mehr gewachsen.

Allende, als 1942 geborene Chilenin eine Nachfahrin von Spaniern und Mapuche, lässt nie Zweifel daran aufkommen, dass auch ihre indigenen Ahnen keine "naiven Wilden" waren, sondern lediglich in einer anderen, in manchem der spanischen überlegenen Kultur lebten, die beispielsweise die Habgier nicht kannte. Sie belegt deren Intelligenz und Fähigkeiten mit - allzu langatmigen - Schilderungen der vierjährigen Auseinandersetzungen zwischen Valdivia und dem Mapucheführer Lautaro.

Allende hat sich immer als Feministin begriffen, und so gerät ihr Inés vielleicht für ihre Zeit ein wenig zu fortschrittlich, wenn sie sie etwa sagen lässt: "Kühne Frauen gefährden das Ungleichgewicht der Welt, das die Männer begünstigt, deshalb beeilen die sich, uns zu schikanieren und in den Staub zu treten. Aber wir sind eben wie Kakerlaken: du trittst eine tot, und aus allen Ritzen kriechen neue." Andererseits war Inés Suárez ohne Zweifel eine starke Frau, die sich zumindest bis zu einem gewissen Grad zu behaupten verstand, obwohl auch sie Quiroga heiraten musste, um nicht ihre Güter zu verlieren.

Der Klappentext preist Inés meines Herzens als einen Roman von Liebe, Verlust und Treue an, der er auch ist, als Allende die Beziehungen zu Inés´ drei Lebensgefährten beschreibt, doch im Vordergrund stehen diese nicht, haben eher untergeordneten Stellenwert. Die Gratwanderung zwischen heutigem und einem dem sechzehnten Jahrhundert angemessenen Sprachgebrauch gelingt nicht immer. Da wird einerseits modern-umgangssprachlich aus Menschen Hackfleisch gemacht, andererseits werden Geliebte mit dem veralteten Wort Buhlen bezeichnet. Große Literatur ist er schon deshalb nicht, doch Inés meines Herzens ist ein flüssig und detailreich geschriebener unterhaltsamer Roman mit Informationswert.

Isabel Allende: Inés meines Herzens. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp, Frankfurt 2007, 397 S., 19,80 EUR


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00:00 24.08.2007

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