Eine stille Explosion

Lydia Davis Sie übersetzt kongenial. Auf kurzen Strecken brilliert sie mit Eigenem. Über eine Meisterin der Kurzgeschichte

Es schadet nicht, Lydia Davis noch einmal vorzustellen: Geboren 1947 in Massachusetts, eine schmale Gestalt, Übersetzerin dicker Bände französischer Literatur und Autorin knappster, verwinkeltster Kurzgeschichten. Eigentlich: Monopolistin einer Schreibform, die manchmal nur aus dürren Zeilen unter der Überschrift besteht, fast blättert man vorbei, liest drüber, bleibt hängen und kann sich von den Widerhaken ihrer Sprache fortan schwer lösen. Die allermeisten ihrer Geschichten erschienen 2009 als The Collected Stories of Lydia Davis und landeten im Literaturbetrieb mit einem Effekt, den man, gäbe es so etwas, als stille Explosion beschreiben müsste: Irgendwie sind die Dinge seitdem anders, etwas hat sich verschoben. Denn Lydia Davis hobelt an manchen Oberflächen der Welt und lässt sie so dünn werden, dass man unter banalem Alltag plötzlich wie unter Glas reißende Unterströme des Absurden erkennt.

Absurdes wird gewöhnlich

Es gibt sicher andere, aber Davis ist eine Elle, an der sich kurze und längere Prosa messen lassen muss. Die Präzision ihrer Sprache nistet sich im Leser ein, es sind leicht daherkommende, oft rhythmisch aufgebaute Kadenzen, die scheinbar spielerisch mit der Sprache umgehen. Man liest ihre Erzählungen und Prosasplitter mehrfach, schaut auf und tatsächlich, die Welt ist gewandelt: Da teilt man plötzlich komplizierte Gedanken zum Bestellen von Fisch im Restaurant, eine formal vollkommen reduzierte Unterhaltung zwischen Herz und Hirn hallt als gewaltiger Dialog über Vergänglichkeit wider.

Der österreichische Droschl-Verlag übersetzt Davis seit 2008 und überführt damit einen ganzen Kosmos ins Deutsche, der eigentlich nicht aus Geschichten besteht, sondern einen Blick auf die Welt bedeutet. Das klappt meistens, es schadet aber nicht, durchs Original zu stöbern. Denn die Übersetzung muss hart an der Grenze zwischen Denomination und Konnotation arbeiten, auf Englisch klingt vieles einfach mit. Manches komponiert Davis überhaupt nur durch den Klang der Worte. Übersetzer Klaus Hoffer macht das in Samuel Johnson ist ungehalten (lesen Sie hier zwei Geschichten aus dem Band) deutlich, indem er ein unübertragbares Stück im Nachwort abdruckt und vorn vollkommen frei interpretiert.

Oft nimmt eine namenlose Erzählerin mit unzuverlässiger Perspektive irgendwo einen Faden auf. Und wird bald fast bis an den Rand der Neurose gedrängt. Es geschehen selten Dinge, wir werden Teil einer komplizierten Innenwelt: Moralische Zwiekämpfe unterspülen die scheinbar einfache Ausgangslage, lassen Gedankentürme wachsen. Aber bald finden sich die Frauen bei Davis damit ab, der Blick richtet sich ein, Absurdes wird gewöhnlich. Sie erzählt keine Überraschung, man muss sie sich erarbeiten. Das sind die leisen Explosionen. Wir wissen nicht, was in ihrem kargen Leben das Fass zum Überlaufen brachte, aber die ältere Frau aus Frydlant (Mord in Böhmen) steigert sich in ihr Motiv hinein, mordet erst aus Mitleid für das prekäre Leben die Eigenen, aus Wut die Nachbarn, aus Rache jene, die ihr zusetzten – dann aber arrangiert sie sich, sie braucht keinen Antrieb mehr, macht einfach noch ein wenig weiter. Die Dynamik hat sich von der heißen Motivation gelöst, wird selbstverständlich. Die Geschichte besteht aus einem einzigen Satz, bietet dabei Stoff genug, um ein ganzes Kapitel in der Gewaltsoziologie zu schreiben. Das stimmt auch für Treuebruch – englisch: Betrayal und im Deutschen leider um den mitschwingenden und knappen Begriff „Verrat“ gebracht – vielleicht eine Erzählung über die Zeit als gleichmäßigen Motor von Verschleiß, dem langsamen Reduzieren aller Illusionen auf handhabbare Instrumente. Denn das Ideal der Beziehung verblasst, die Frau wird müde von Kampf und Leben, hofft wenigstens auf Verständnis, akzeptiert dann die Besinnungslosigkeit des Oberflächlichen, kann selbst die Intensität mittelbarer Nähe nicht mehr aushalten. Es bleibt die Fantasie.

Die Fantasie hätte kein Treuebruch sein müssen, aber wenn sich die Erzählung dann zusammenzieht wie die Schnecke ins Haus, kann auch die Erzählerin ihren Rückzug nicht mehr umkehren. Verrat und Untreue in den moralisch polarisierenden USA sind als Gedankenspiel ein Rubikon: Einmal überschritten, ist man allein, einmal allein, wird Verrat Funktion – er soll Trost spenden, Kraftquelle sein. Und dann steht er da im nüchternen Licht des Tages und es ist irgendwie in Ordnung. Dazu, Davis vorzustellen, gehört auch der Roman The End of the Story von 1995. Ein berechtigter Misserfolg. Für ihre Kurzprosa 2013 dann überfällig der Man Booker International Prize – die höchste Auszeichnung englischsprachiger Literatur. Beruhigend in diesem aufgepumpten Literaturbetrieb: Lydia Davis ist in aller Stille Sammlerin großer Preise geworden.

Zwei Geschichten aus Lydia Davis' „Samuel Johnson ist ungehalten“

Lydia Davis muss man selber lesen, so viel wird aus Lennart Laberenz’ Kommentar deutlich. Zwei Geschichten aus ihrem neuesten Buch, in der Übersetzung Klaus Hoffers, exklusiv im Freitag:

Treuebruch

In ihren Fantasien von anderen Männern, von anderen als ihrem Ehemann, träumte sie, älter geworden, nicht mehr von sexueller Intimität wie vorzeiten, als sie sich vielleicht rächen wollte, wenn sie wütend war, als sie vielleicht einsam war, wenn er wütend war, sondern bloß von Zuneigung und tiefem Verständnis füreinander, einem Händehalten und Sich-in-die-Augen-Schauen, häufig an einem öffentlichen Ort, zum Beispiel einem Café. Sie wusste nicht, ob diese Veränderung auf die Achtung zurückzuführen war, die sie ihrem Ehemann entgegenbrachte, denn sie achtete ihn wirklich, oder schlicht auf die Erschöpfung am Ende des Tages, oder auf das instinktive Wissen, welche Handlungen sie, und sei’s in ihrer Vorstellung, von sich erwarten durfte, nun, da sie ein gewisses Alter hatte. Und wenn sie besonders müde war, brachte sie nicht einmal Zuneigung und tiefes Verständnis auf, sondern bloß die bescheidenste Form von Zweisamkeit, wie etwa, dass sie sich, jeder für sich allein auf einem Stuhl, nebeneinander in einem Raum aufhielten. Und als sie noch älter und noch müder wurde, und danach noch älter und noch müder, gab es eine weitere Veränderung, und sie stellte fest, dass selbst diese bescheidenste Form der Zweisamkeit, beisammen und jeder für sich, zu intensiv war, um sie aufrechterhalten zu können, und in ihrer Vorstellung beschränkte sie sich auf die ungezwungene Art der Herzlichkeit in der Gesellschaft anderer Freunde, eine Art, die sie reinen Gewissens jedem anderen Mann hätte entgegenbringen können und die sie tatsächlich vielen Freunden entgegenbrachte, die auch mit ihrem Mann befreundet waren oder auch nicht, eine Herzlichkeit, die ihr Trost und Kraft gab, nachts, wenn die Freundschaften in ihrem Wach-Leben nicht genügt hatten oder am Ende des Tages ungenügend gewesen waren. Und so wurden diese Vorstellungen allmählich ununterscheidbar von der Realität ihres Wach-Lebens und hätten eigentlich gar keine Form von Treuebruch sein müssen. Da es jedoch Vorstellungen waren, die sie, nachts, für sich alleine, hatte, kamen sie ihr weiterhin wie eine Art Treuebruch vor, und möglicherweise weil sie im Geiste eines Treuebruchs begangen wurden, wie es möglicherweise sein musste, damit sie überhaupt Trost und Kraft spenden konnten, waren sie weiterhin tatsächlich eine Form des Treuebruchs.

Mord in Böhmen

In der Stadt Frydlant in Böhmen, wo ohnehin alle Leute blass sind wie Gespenster und dunkle Winterkleidung anhaben, konnte eine alte Frau den unausweichlichen Abstieg ihres Lebens in Armut und Schande nicht länger ertragen, wurde verrückt und brachte aus Mitleid ihren Mann, ihre beiden Söhne und ihre Tochter um, aus Wut die Nachbarn an ihrer Straßenseite und die Nachbarn an der gegenüberliegenden Straßenseite, die ihre Familie verächtlich behandelt hatten, aus Rache den Lebensmittelhändler, den sie um einen Kredit hatte anbetteln müssen, sowie den Pfandleiher und zwei Geldverleiher, dann einen Straßenbahnschaffner, den sie nicht kannte, und schließlich – als sie mit ihrem langen Messer ins Rathaus stürzte – den jungen Bürgermeister und einen seiner Stadträte, die sich gerade über einer Gesetzesänderung den Kopf zerbrachen.

Info

Die beiden hier abgedruckten Texte Treuebruch und Mord in Böhmen finden sich im Band Samuel Johnson ist ungehalten von Lydia Davis, der letzten Monat im Droschl Verlag erschienen ist (216 S., 22 €). Wir danken dem Verlag für die freundliche Erlaubnis zum Abdruck

06:00 04.10.2017

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