Eine Stimme wird gebraucht

VOR ZEHN JAHREN "Dies ist die letzte Ausgabe der Volkszeitung", erklärten die "Volkszeitungs-Beschäftigten" auf der Seite 1 der Nummer 50/1989. Das ...

"Dies ist die letzte Ausgabe der Volkszeitung", erklärten die "Volkszeitungs-Beschäftigten" auf der Seite 1 der Nummer 50/1989. Das Liquidationsverfahren gegen den Verlag sei eröffnet. - Auf diese bittere, definitive Feststellung folgt allerdings eine Frage: "Kann es eine neue Volkszeitung geben?" Ungläubig teilt die existentiell getroffene Mannschaft mit, es bestünde augenscheinlich "an der Fortsetzung der Volkszeitung Interesse". Darauf würden die "ersten Reaktionen der LeserInnen" schließen lassen, denen eine Woche zuvor die Offenbarung gemacht worden war, dass ihrer Zeitung über Nacht Anzeigenaufträge aus der DDR in Höhe von einer Millionen Mark aufgekündigt worden waren. "Wir laufen Gefahr, wirtschaftlich unter die Räder zu kommen durch eine politische Entwicklung in der DDR, die wir begrüßt und gewünscht haben."

Nicht aus dem erschütterten Innern kamen anfangs die Handlungsimpulse, sondern aus dem Umfeld der Autorinnen und Autoren. Der Schriftsteller Dieter Lattmann richtete in München ein "Sonderkonto Volkszeitung" ein. Es wurden Spenden gesammelt, bald aber auch Kapitalanlagen. Innerhalb einer Woche lagen Bereitschaftserklärungen über Kapitalanlagen in Höhe von 320 000 DM vor, nach einigen Wochen waren es rund anderthalb Millionen Mark. In der Bundesrepublik sei nie sonst eine solche Summe für ein linkes Publikationsorgan zusammengekommen, hieß es unter Leuten, die sich im historischen Auf und Ab der linken Bewegungen in der BRD auskannten.

So wurden zwei Wochen nach jener "letzten Ausgabe" in einem Extrablatt die 23.000 AbonnentInnen informiert, dass Redaktion und Herausgeber einen Verein "Wochenzeitung e.V." gegründet hätten und eine Fortführung der Zeitung realistisch sei. "Um die Zeitung ist eine Art geistiger Infrastruktur entstanden", entdeckte die Redaktion, ein Forum, das sie erhalten wolle. Am 26. Januar 1990 bekamen dann die AbonnentInnen die Mitteilung "Wir machen weiter". Als Leitmotiv der Arbeit wurde "das Interesse für die verborgene Wirklichkeit" angeboten, die erforscht werden solle, ohne einer "dritten Sache verschrieben" zu sein. Neuer Sitz werde West-Berlin sein. Mit dem künftigen Verlag Elefanten Press habe der Verein Wochenzeitung ein tragfähiges wirtschaftliches Konzept entwickelt. Die Redaktion werde verkleinert auf sieben Mitglieder, die Teilhaber der GmbH und somit gleichberechtigt und unabhängig sein werden.

Am 9. März, noch vor der letzten Wahl in der DDR, die der CDU - statt wie erwartet der SPD - eine Mehrheit brachte, war die erste Ausgabe der neuen Volkszeitung da. Noch in demselben Jahr brachten die vereinten Redaktionen des Sonntag und der Volkszeitung den Freitag heraus. Die erste Nummer erschien am 9. November 1990.(Redaktion Freitag)

Demokratie ist ein großes Wort, Sozialismus ein noch größeres. Beiden ist gemeinsam, dass es sie als Idee, aber nicht in der Wirklichkeit gibt - wenn auch mit unterschiedlichen Annäherungen. In die große Hoffnung, den demokratischen Auftrag für eine sozialistisch gedachte Gesellschaft im zweiten deutschen Staat von innen zu erneuern, bricht der Alleinvertretungsanspruch des politisch-ökonomischen Systems der Bundesrepublik.

Die Republik der Westdeutschen verkündete durch ihren Kanzler zehn Vorhaben für die Heimwärtsschau in das Bismarck-Reich von einst. Die größere Oppositionspartei hat ihm zunächst oppositionslos zugestimmt. Wollen die politischen und wirtschaftlichen Eliten der Bundesrepublik, die für sich die bedingungslose Kapitulation von 1945 nie anerkannten, nun die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Demokratischen Republik erzwingen?

Noch niemals, seit Deutschland von Westen geteilt wurde, durch den dritten Rheinbundstaat unserer Geschichte (1658, 1806, 1949), hat eine amtierende Macht am Rhein so unangefochten regieren können wie derzeit. Zwischen der Faszination durch die Umwälzung in Osteuropa und dem schwarzrotgoldenen Rausch einer angeblich greifbaren Vereinigung deutscher Widersprüche geht hierzulande jede Menge Kritik verloren.

In dieser Lage ist die Linke in der Bundesrepublik vielzählig zerstreut und beinahe stimmlos. Sie findet kaum eine Orientierung in Westeuropa und sieht sich durch die notgedrungene Öffnung für das westliche Wirtschaftssystem im Osten in Frage gestellt. Es fehlt nicht an realistischer Einsicht in die Zwangsläufigkeit vieler Ereignisse. Fehler, Misslingen und Schuld des verfassten Sozialismus sind unbezweifelbar. Nicht wenige Strukturen, Traditionen und geistige Treffpunkte der Linken erscheinen dadurch gegenwärtig im Westen wie ausgeleert. Die Skrupel sind in ihrem Bewusstsein bis zum Empfinden persönlicher Niederlagen geschärft. Und wohl jede und jeder, die sich dazu rechnen, sehen nüchtern: diesmal wird es lange dauern. Der zyklische Prozess für einen Aufschwung der Linken wird kommen, aber nicht bald. Es handelt sich heute nicht mehr in erster Linie um den Verlust einer Utopie. Die Ratlosigkeit über das Nichtwahrwerden eines humanen Sozialismus ist alt, sie ist ein Teil von uns geworden. Klagen hilft nicht. Resignation ist keine Politik.

Wo trifft sich die Linke in dieser Herausforderung? Sie braucht Sammelpunkte, Diskussionspunkte, ein neues Denken, das auf den Grund geht. Nicht von ungefähr gibt es in der hochmögenden Bundesrepublik keine Weltbühne, kein Tagebuch wie in der Republik von Weimar. Der Markt ist effektiver als frühere Zensur. Die Volkszeitung hat nie so hoch gegriffen, es fehlten Voraussetzungen. Aber in dieser Zeit, in der Hoffnung und Sorge bei uns einander nur die Waage halten, weil soviel Ermutigendes, Niedagewesenes auf Plätzen und Straßen der anderen deutschen Republik geschieht, in dieser Zeit, in der die meisten mehr Fragen als Antworten wissen, wird eine Stimme gebraucht: eine Zeitung für Ideen der Linken, für die Arbeit an ihrem Versagen und die Suche nach konkreter Erneuerung.

aus "Volskzeitung", 8. 12. 1989

00:00 17.12.1999

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