Eine Tasse für sich

Abgedruckt Tilman Rammstedt erkundet die 70er Jahre, ohne sie selbst erlebt zu haben
Lennart Laberenz | Ausgabe 30/2016

Ich weiß alles. Ich weiß den Anfang, den Mittelteil und den Schluss.“ So abgeklärt kann man einen Roman beginnen, einen Tag oder eine Reise. Und so beginnt Tillman Rammstedt am 11. Januar 2016 alle drei. Rammstedt liest die Sätze, er hat sie mutmaßlich gerade geschrieben, jedenfalls kann man das fortan im Internet verfolgen: ein Kapitel pro Tag, zum Mitlesen, zum Mithören, auf dem Rechner, dem Tablet, dem Telefon oder sonstigen Geräten, vor denen gern das Wort Endverbraucher steht.

Der Erzähler scheint also schon die wesentlichen Dinge zu wissen, sie entkleiden sich über die Strecke von 64 Tagen. Scheibchenweise kommt da ein Roman ins Netz und wird sehr wohlwollend aufgenommen von einer treuen, groupiehaft kommentierenden Gemeinde. Sie haben acht Euro für das Abonnement gezahlt und bestätigen, wie nun die Romanwelt auch mit ihrer implodiert, sich beide Welten mischen, meist zu einem wohligen Gefühl. Sie geben Ratschläge, wo Rammstedt um welche bittet und wenn er gar nicht darum gebeten hat. Manche schreiben Gedichte. Manche fordern eine Verfilmung mit Lars Eidinger. Das hat etwas Poesiealbumhaftes, und vielleicht um das aufzuheben, erscheint jetzt der Roman als gedrucktes, noch einmal durchgearbeitetes Buch. Es trägt etwas anachronistisch den Titel Morgen mehr.

Die wesentlichen Dinge, die der Erzähler weiß, finden vor seiner Geburt statt, er erzählt sie aus dem Off. Bald zeigt sich aber, dass diese literarische Figur manches auch nicht weiß, oder nur in groben Zügen, weshalb ihr noch ein zuverlässigerer Kollege allwissend und allsehend unter die Arme greifen muss. Diesen Kniff, den am Gängelband des Autors entlangtapernden, plappernden, kindlichen Helden, kennt die Literaturgeschichte gut.

So viel abarbeiten

Bei Rammstedt beobachtet er, wie im Großen und Ganzen sein prospektiver Vater und seine spätere Mutter zueinanderkommen. Dazwischen wuseln allerlei Menschen, Begebenheiten, Beobachtungen und Gedanken, und so ist das mit dem Zueinanderkommen nicht einfach. Der recht unsortierte Mann ist eigentlich in eine Claudia verliebt, die aber plötzlich verheiratet ist, dazwischen funkt ein Mafioso, der das mit der Mafia gerade erst lernt. Sie laufen einigen Mafiosi über den Weg, die das schon etwas besser gelernt haben, gabeln einen altklugen Jungen auf, der praktischerweise viel Geld dabei hat.

Die spätere Mutter wiederum arbeitet sich an einer Liste von Dingen ab, die die verstorbene Zwillingsschwester vor ihrem Tod aufschrieb. Nach Paris geht die grobe Richtung, mit Autos, mit dem Zug, mit Unfällen. Es ist wohl auch eine Reise in die 70er Jahre, über die der spätere Sohn der Noch-nicht-Eltern feststellt: „Es gab aber keine Zigaretten an der Tankstelle. Wahrscheinlich weil es in den 70er Jahren nur selten Zigaretten an Tankstellen gab. Ich kenne mich da nicht so gut aus. Und ich glaube, auch die 70er Jahre selbst kannten sich nicht gut mit sich aus. Sie wollten so gern die Zukunft sein, auf die sie sich all die Jahre gefreut hatten, und wussten doch genau, dass sie dabei nur enttäuschen konnten, weil noch so viel Zukunft auf sie folgen würde, und das alles nicht unbedingt besser wurde. Es ist schwer, sich noch Mühe zu geben, wenn man das weiß. Es ist schwer, dann Zigaretten zu verkaufen.“

Sackgasse der Gesellschaft

So hört sich das bei Tilman Rammstedt an, Morgen mehr ist sein dritter Roman, ein drittes, ganz sympathisches Losgelaber, das diametral zum rainaldgoetzschen Ringen mit der Welt, ihrem Gestus oder auch ihren Nachrichten steht – Rammstedt komponiert wieder eine Reise nach innen, in seine eigene Fantasie.

Das hat Höhen und Kitsch und Tiefen. Die Geschichte an sich wird fast irrelevant, ihre Komposition zerfleddert, ihr Rhythmus macht mitunter Spaß. Viele Beobachtungen sind sehr ins Lustige gedacht: „In Paris gibt es gegenüber immer ein Café, darauf ist Verlass. Selbst wenn man es vorher nicht sieht, kann man sicher sein, dass, sobald man die Straße überquert hat, genau dort gerade eines eröffnet wurde, und gegenüber von dem Café gibt es dann natürlich ein weiteres Café, das genauso hässlich ist. Es gibt kein Entkommen. Und in allen sitzen Männer mit übertriebenen Brillen, die aus viel zu kleinen Tassen trinken und sich dabei Gedanken machen, die auch nicht viel größer sind. Und wenn sie dann gehen, wahrscheinlich ins Café gegenüber, lassen sie die Gedanken einfach liegen.“

Romane wie Morgen mehr zeigen, wie offensichtlich uninteressant politisches Nachdenken über den Roman und Stilformen geworden ist. Wie weit entfernt die Überlegungen, mit denen etwa Roland Barthes der Literatur gegenübertrat, als er feststellte, dass die Vermehrung der Schreibweisen „eine moderne Erscheinung ist, die den Schriftsteller zu einer Wahl zwingt, aus der Form eine Verhaltensweise macht und eine Ethik der Schreibweise hervorruft“. Für Barthes führte sogar mit dieser Ethik an einem zentralen Widerspruch kein Weg vorbei. Entweder liefere der Schriftsteller das Thema des Werks naiv den Konventionen aus und lasse so seine Literatur unempfänglich für unsere gegenwärtige Geschichte werden und den Mythos der Literatur unüberwunden. „Oder aber der Schriftsteller erkennt die weite Neuartigkeit der gegenwärtigen Welt an, verfügt aber, um von ihr zu berichten, nur über eine glänzende, jedoch tote Sprache.“

Rammstedt bemüht sich sehr um eine glänzende Sprache, mischt knallbunte Stilmittel, Perspektivverschiebungen, die seit einiger Zeit beliebten Listen und Aufzählungen, scheut sich nicht vor schwer kalauerndem Ton („Wir Hämmer sind nicht gerade für unser Einfühlungsvermögen bekannt. Wir sind ja keine Kreuzschlitzschraubenzieher“), gibt einem Duo die Namen René und Claude, scheut nicht vor Liebe und einem mühseligen Schwur am Montmartre, sich nie wieder zu verlieben. So hält sich der Autor oft die Handlung vom Leib, distanziert sich ironisch von der Form des Romans, aber beschreibt eben mit vielen retardierenden Elementen die von Barthes listig erkannte Sackgasse der Schreibweise als Sackgasse der Gesellschaft. Schwer wiegt das nicht, vielleicht geht es schlicht um einen Betrieb, Formen der Vermarktung, Leserbindung und Acht-Euro-Abonnements.

So bleibt Morgen mehr ein Amüsierkokon, Seeufer- oder Strandliteratur. Sie spricht zu Lesern, die bento für Journalismus halten, deren Problembewusstsein Magazine wie Neon umkränzen und denen die Härten des Lebens als Stilfragen entgegentreten. Man muss das nicht schlimm finden.

Info

Morgen mehr Tilman Rammstedt Hanser 2016, 224 S., 20 €

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