Eine Taufe und sieben Sommer

Slowakei Wie ein gemeinsamer Strand mit den Roma über die Jahre unwiederbringlich verloren ging
Martin Leidenfrost | Ausgabe 40/2014 2

Ich ging lange an einem slowakischen „Zigeunerstrand“ schwimmen. Sieben Sommer lang erfuhr ich dort Verwirrung, Angst und Demütigung, aber auch inneren Frieden und Trost, durchgeknallte Geschichten und manchmal spirituelle Erbauung. Und wie meistens, wenn ich vom Volk der Roma erzähle, geht das nicht ohne Entblößung meiner Intimität ab.

Der kleine See liegt in einem Kiefernwald, keine 15 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt und unweit der berüchtigtsten Roma-Siedlung in der Westslowakei – zumeist Bretterbuden aus Holz, ohne Wasserleitung und WC. In meinem ersten Sommer lagen noch vereinzelt Weiße am Strand, da konnte der 18-jährige Rom Gejza einer blonden Mittdreißigerin den Hof machen. Gejza hatte Hip-hop-Tätowierungen und einen Siegelring, „aus Österreich“, wie er erzählte. Unter den badenden Kindern waren ein Schielender und eine Taubstumme, Gejzas Clique begegnete ihnen mit Verachtung. Gejzas frühreife Cousine, die nie von ihrem rostigen Herrenrad absteigen wollte, warfen sie angezogen in den See.

Hundert Meter hinter dem schmalen Sandstrand lag das Sommerbuffet „An der Sandgrube“, das immer bis in den Spätsommer hinein geöffnet hatte. Dort soffen manchmal ältere Roma. Ein dicker Bärtiger fragte mich: „Kann ein Mensch 22 Tüten Reis essen? Kann er?“ – „Weiß nicht.“ Der Wirt war ein glatzköpfiger Hüne mit gewalttätigem Timbre und bösen Augen, dafür spielte er als Letzter im Lande Kassetten ab mit Glamour-Pop. Man hörte Boney M. auf Tschechisch – aufgenommen, als die Tschechoslowakei noch nicht zwischen Prag und Bratislava aufgeteilt war. Bis heute verstehe ich nicht, warum ich in dieser Gegend während des zweiten Sommers mein erstes Problem bekam.

Ich kann oft nicht entscheiden, was dem althergebrachten Reinheitskodex der Roma zuzuordnen ist und was dem Verfall dieser Sitten. Von den mir bekannten Roma weiß ich nur, dass sie sich stets in Gruppen bewegen. Einer, der allein schwimmen geht, muss ihnen komisch vorkommen.

An einem unbelebten Tag – der Strand war noch nass vom Regen der Nacht – zog ich mich im Wald um. Unbemerkt waren fünf Jungen auf den leeren Strand gekommen, hatten wohl kurz aus der Ferne meinen Arsch gesehen. Einer rief mir zu: „Schämen Sie sich nicht?“ – „Ja, schon. Und du?” Ich war inzwischen angezogen, er war splitternackt. „Ich schäme mich auch“, antwortete er, „aber ich bin noch klein.“ Sie kamen zu mir und wollten Kleingeld. Einer, er stellte sich als Mario vor, hatte Brüste. „Maria?”, fragte ich. – „Nein, Mario“, erklärte ein anderer Bub verständig, „das ist ihm angewachsen.“ Anders als mit dieser harmlosen Szene kann ich nicht erklären, dass ich ein andermal, als ich am Strand lag, plötzlich von anderen Kindern umringt wurde. „Perverser!“, „Massenmörder!“, riefen sie lachend. Ich konnte nur warten, bis die öffentliche Erniedrigung vorüberging.

Kichernde Alte

Im Rückblick erstaunt mich meine Beharrlichkeit, aber ich kam wieder, immer wieder. Sollte ich besser an den Strand der Weißen gegenüber gehen? Niemals! Bald wurde ich in Ruhe gelassen, ja respektiert.

Am anderen Ufer, bei den Ferienhäusern im Kiefernwald, stand eine einfache Seilkonstruktion. Als ich – es muss im dritten oder vierten Sommer gewesen sein – vorbeischwamm, betrachtete ich versonnen die weißen Kinder, wie sie mit Trara in den See sausten. Ich formulierte in Gedanken eine zärtliche Verteidigung der Roma, ich wehrte mich gegen das Vorurteil, dass sie stehlen. Mir war am Strand nie etwas weggekommen. Als ich aus dem See stieg, war meine Hose weg. Mit der Hose auch meine Schlüssel. Mich überkam Verzweiflung; würde ich in der Badehose zur fernen Villa meines Vermieters trotten müssen?

Ich hatte schon aufgegeben, da fand ich die Hose im Schilf. Läppische 157 Kronen fehlten, aber die Schlüssel waren da. Ich legte mich unter einen Baum und las. Eine tiefe selige Dankbarkeit durchströmte mich. Da hielt ein blauer Skoda am Strand. Eine alte Zigeunerin in einem knielangen Rock ging ins Wasser. Ein Teenager filmte aufgeregt die Szene. Auch ein Mann ging angezogen ins Wasser. Plötzlich tauchte er die kichernde Alte unter, taufte sie im Namen des Herrn und schon verschwanden sie durchnässt mit dem blauen Skoda.

Im vierten Sommer schaute ich nach langer Zeit wieder vorbei. Die Seilkonstruktion am Weißenufer war weg. Stattdessen stand da nun ein großes Kreuz. Im fünften Sommer wurde mein Kofferraum aufgebrochen. Dennoch kam ich wieder.

Auch in diesem Jahr wollte ich an den Roma-Strand zurückkehren, der mir sechs Sommer seligen Badens geschenkt hatte. Inzwischen hatte man rund um den See Nischen ins Uferschilf geschlagen, teilweise waren sie besetzt von Badenden. Nur mein „Zigeunerstrand“ – der schönste und zugänglichste Abschnitt – schien entvölkert. Mir war bewusst, dass die Führung der neoliberalen Partei SDKÚ, die bei der letzten slowakischen Parlamentswahl im Frühjahr vor zwei Jahren beinahe aus der Abgeordnetenkammer geflogen wäre, vor dem örtlichen Ghetto etwas mediale Roma-Hetze abgeliefert und die Kommune einen kommunalen Sicherheitsdienst eingesetzt hatte. Ich sah diese Dorfsheriffs beim Strandbuffet patrouillieren. Der „Zigeunerstrand“ war nun sicher. Aber er blieb leer.

Die Faust erhoben

Ich erinnere mich, dass während meines ersten Sommers am See eine weiße Matrone waltete. Sie hatte mit einem rundbäuchigen Rom offenbar einen Clan gegründet, dicke Kinder und wilde Hunde hüpften um sie herum und die Matrone sah behaglich durch ihre Panzerglasbrille zu. Sie lag da den ganzen Sommer über. Plötzlich war sie verschwunden. Einmal in dieser Zeit, als ich mit einer Freundin angeschwommen kam, wurden wir beide von Roma-Kindern umringt. „Warum redet ihr Deutsch miteinander?“, fragten sie in herzlicher Anhänglichkeit. „Seid ihr aus Russland?“ Irritierend war nur, dass auf den Rücken eines kleinen Buben ein erigierter Penis tätowiert war.

Für den diesjährigen, jenen siebten Sommer wäre noch zu ergänzen, dass der Sandstrand verschwunden war. Innerhalb eines Jahres war hüfthohes Schilf gewachsen, hier war etwas nicht in Ordnung. Am anderen Ufer hingegen war das Schilf einem Sandstrand gewichen, dort sonnten sich aber nur Weiße. Auf dem Weg zum Weißenstrand sprach mich ein Roma-Junge ehrerbietig an: „Vorsicht, mein Herr, da liegen Scherben.“

Gelegentlich schälte sich ein junger Mann aus dem Kiefernwald. Der hübsche Rom streifte immer allein herum. Bei der ersten Begegnung warnte er mich aufgeregt: „Die Lesben aus Malacky sind wieder da! Die kommen um halb sechs und machen an der Sandgrube Sex für Geld.“ Mir war derlei nie untergekommen. Er hatte einen tuntigen Tonfall und sprach von sich grammatikalisch so, als wäre er ein Mädchen. Über die Jahre entwickelte er sich zu einem bewussten Homosexuellen. Er arbeite in der amerikanischen Botschaft in Bratislava, behauptete er, und habe von Papa einen Porsche gekriegt. Er habe auch in einem Porno mitgespielt, „normal geblasen, da kauf ich mir eine Villa drum“. Auch Jahre nach der Euro-Einführung gab er seine fantastischen Summen noch in Kronen an. Obwohl ich höflich ablehnte, suchte er mich öfters mit einem slowakischen Wortspiel zu verführen: „Komm, ich rauche dir im Wald die Kokosnuss aus!“

Als ich im siebten Sommer aus dem See stieg, kam einmal eine große Gruppe Roma-Jugendlicher auf mich zu: „Du bist ein Schwanz.“ Der Rädelsführer, ein Lockenschopf mit smaragdgrünen Augen, spottete mir nach, erhob die Faust gegen mich. Es ist bezeichnend, dass mich allein die Anwesenheit zweier Weißer in der Gruppe beruhigte: Ein stämmiges Mädchen, Freundin eines kleinen Irokesenträgers mit leuchtend rosa Ohrring, stierte mich aber nur hasserfüllt an. Ich wandte mich an den einzigen weißen Erwachsenen, appellierte an sein Verantwortungsbewusstsein. Er machte nur dämliche Scherze. Nach endlosen Rempeleien und Verhöhnungen erstaunte mich, dass mich der Mob nur halbherzig zum Wagen verfolgte. Ich fuhr weg und war erleichtert. Plötzlich sprangen sie aus dem Wald, mit großen Ästen. Der rosa Ohrring riss die Fahrertür auf, griff mich mit einem Ast an. Ich schaffte es, die Tür heran zu ziehen und mich einzuschließen. Ich hörte, wie sie mit den Ästen auf den Kofferraum schlugen und fuhr weg.

Seither gehe auch ich nicht mehr am verwaisten „Zigeunerstrand“ baden. Ich beklage mich nicht, drei Attacken in sieben Sommern sind nichts gegen all die kostbaren Momente. Diese Jungs werden ihr Leben lang verachtet, während ich Hochachtung in Hülle und Fülle erfahre. Künftig aber wird mir mein Strand fehlen. Wo ich dann schwimme, wird sich kein Mensch für mich interessieren.

Martin Leidenfrost schrieb zuletzt über das von Armeniern bewohnte Berg-Karabach und beendete damit die Serie „Europa Transit

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06:00 15.10.2014

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