Eine Überlebende

Das Altwerden war für sie ein Provisorium Nachruf auf Laura Betti, die eine unvergleichliche Schauspielerin war und wie keine andere den Nachlass ihres Freundes Pasolini hütete

Pasolini schrieb bereits 1971 ihren Nachruf: "Was würde wohl ein Zeitzeuge im Jahre 2001 sagen, der einen Nachruf auf Laura Betti schreiben müsste?". "Sie ist gealtert und tot. Doch ich bin sicher, in ihrem Grab fühlt sie sich als Kind". Erwachsen? Nie! Das war die Losung der Freundschaft zwischen Pasolini und der "blonden Puppe" seit ihrer ersten Begegnung 1956. Doch Vorsicht: "Hinter der Puppe ... steckt eine tragische Marlene, eine wirkliche Garbo".

Das Geheimnis der jungen Laura Betti lag in ihrer Stimme. Arbasino, Bassani, Camilla Cederna, Flaiano, Fortini, Pasolini, Moravia, Siciliano, Soldati, die ganze italienische Literatur schrieb Texte für diese Stimme, für die kabarettistischen Auftritte dieser kleinen, schlanken Jazz-Sängerin aus Bologna, die bald zu einem Mittelpunkt der römischen Gesellschaft wurde. In guten Aufnahmen erhalten geblieben sind ihre Lieder des Giro a vuoto und, wenn auch kaum zu finden, ihre Hommage an Kurt Weill, ihre fast vergessene, unter Beteiligung von Vittorio De Sica erarbeitete Interpretation von Songs aus Mahagonny, der Dreigroschenoper und Happy End, arrangiert von einem so bedeutenden Musiker wie Bruno Maderna.

Fellini wollte Laura für eine Szene in Dolce Vita und von da an hat sie mit Pasolini, Bolognini, Bellocchio, Bertolucci, Corbucci, Monicelli, Scola, Straub, Taviani, Gianni Amelio und anderen Regisseuren zusammengearbeitet. Sie spielte fast immer Nebenrollen, das jedoch auf eine Weise, die jeweils dem ganzen Film einen Ton gaben. In Teorema (1968), wo ein engelhafter oder dämonischer junger Mann in die Familie und in das Leben eines Industriellen einbricht, spielt sie ein Dienstmädchen, "eine Verrückte, die ihren Koffer trägt wie eine Kindsmörderin". Sie ist im Film die Einzige, in der das Heilige Aufenthalt nehmen kann. Pasolini beschrieb ihre Rolle folgendermaßen: "Die Dienstmagd aber wird eine verrückte Heilige,/ geht in den Hof ihres alten, subproletarischen Hauses,/ schweigt, betet, tut Wunder,/ heilt Leute,/ ißt Brennesseln, nur damit die Haare ihr grünen,/ und läßt schließlich, um zu sterben,/ sich weinend von einem Bagger begraben/ und ihre Tränen, dem Schlamm entspringend,/ werden zur Wunder wirkenden Quelle". Heilige Laura, wer an das Rom der sechziger Jahre zurückdenkt, dem verschlägt es die Erinnerung.

Dieses Rom starb zusammen mit Pasolini 1975. Wer die Zeichen dieses Todes verstand, fühlte sich von nun an als Überlebender, betäubt oder in vollem Bewusstsein. Rom war nicht mehr der Ort, wo die Welt sich erneuert. In der Gruppe der Pasolinifreunde war Laura diejenige, die sich am heftigsten der Aufgabe widmete, die den Überlebenden zukommt - der Erinnerung. Pasolini hatte ihr in seinem imaginären Nachruf prophezeit: Nach dem Chaos der Jahre 1968-1970 kommt nicht die Erneuerung, die natürliche, eigentlich erhoffte Frucht des Chaos, sondern die Restauration, das Monstrum der Normalität.

Aus der Zukunft des Jahres 2001 beschreibt Pasolini unsere Vergangenheit der letzten 30 Jahre, der er sich durch den Tod entzogen hat. "Mit der Rückkehr zur Normalität stellte sie (Laura) fest, dass mit ihr ein weit verbreitetes Phänomen geschah: das Altwerden". Wer protestiert hatte, war Teil der Welt gewesen, gegen die sich der Protest gerichtet hatte. Diese Welt hat aufgehört zu existieren und die Überlebenden "befanden sich wie in einem Zimmer, dessen Wände unversehens verschwunden waren". Laura, so Pasolini, wird das alles nicht akzeptieren. Das Altwerden und selbst den Tod wird sie als ein Provisorium, ein vorübergehendes Phänomen ansehen und sagen: "Ich bin, was ich war". Die Erinnerung wird ihr Leben.

Laura Betti hat diese Botschaft gehört. Sie gründete den Fondo Pasolini, sammelte Dokumente, restaurierte das ganze Filmwerk des Freundes, organisierte Publikationen und Kongresse und behütete diesen Schatz wie ein Engel und wie ein Drachen. In ihren berühmten Lesungen eignete sie sich wie niemand sonst die Gedichte Pasolinis an, ihre "verzweifelte Vitalität". Heiner Müller wünschte sich ihre Lesung zusammen mit dem Film La ricotta zu seinem 65. Geburtstag ans Berliner Ensemble. Je berühmter Pasolini wurde, desto deutlicher spürte Laura Betti das Auseinanderklaffen der Zeit und verteidigte immer eigensinniger ihre Erinnerung "gegen die falsche Aufnahmefähigkeit, gegen das allzu flüchtige Verstehen, ... gegen die schleichende, penetrante, gefräßige Assimilierung" eines Dichters, der schreibend, filmend, sterbend das Überleben in der kommenden Unfruchtbarkeit prophezeit hatte. Wenn es um Pasolini ging, war mit ihr nicht gut Kirschen essen.

Als sie, die Eifersüchtige, vor einem halben Jahr den Fondo Pasolini als Geschenk in die Kinemathek nach Bologna brachte, war das ihr testamentarischer Akt. Abschied hatte sie schon zuvor genommen, im schönsten Film, den es über Pasolini gibt: La ragione di un sogno (2002). "Ich machte den Film, weil ich sehen wollte, wo er (Pasolini) wirklich ist. Deshalb also ein Film, aber mehr noch: Ein gesundes Delirium".

Bis zum Schluss lebte sie in der Maske eines Stars, heroisch in einer Zeit, die mit den alten Idolen nichts anzufangen weiß. Was Pasolini als eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen erkannt hatte, Idole aufrichten und Idole stürzen, übte sie nun an sich selbst. Niemand konnte sich so hartnäckig und aggressiv ins Unrecht setzen wie sie. Sie, die wegen ihres geschmeidigen Auftretens die Jaguarin genannt worden war, konnte sich mit ihrem krankheitsbedingt unförmig werdenden Körper immer schlechter bewegen. Und auch dieses Spiel hatte Pasolini vorausgesehen: Ihren eisernen Willen, in keinem Fall Mitleid zu erregen und ihre heroische Großmut, Mitleid zu akzeptieren. "Tatsächlich ist das der Nachruf auf eine Heldin. Zu sagen wäre noch, daß sie sehr geistreich und eine ausgezeichnete Köchin war".


00:00 06.08.2004

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