Eine Uni als Geisel

Interview In Ungarn ist die Central European University bedroht. Ihr Präsident Michael Ignatieff findet deutliche Worte

Als die ungarische Regierung Ende März einen Gesetzentwurf vorlegte, der die Schließung der Central European University (CEU) anstrebt, rechnete sie wohl nicht mit dem Widerstand der Zivilgesellschaft, der nun Zehntausende auf die Straße treibt.

Zur Person

Michael Ignatieff wurde 1947 in Kanada geboren. Seit 2016 ist Ignatieff Präsident und Rektor der renommierten Central European University (CEU) in Budapest, die 1991 vom ungarisch- amerikanischen Investor und Philantropen George Soros gegründet worden war

Übersetzung: Michael Ebmeyer
Foto: Michael Ignatieff/Wikimedia Commons

der Freitag: Herr Ignatieff, waren Sie eigentlich überrascht von Orbáns Vorstoß gegen Ihre Uni?

Michael Ignatieff: Überrascht ist gar kein Ausdruck – das hat uns kalt erwischt. Seit ich letzten August mein Amt antrat, waren unsere Beziehungen zur Regierung von Viktor Orbán ganz sachlich. Vor Weihnachten noch war der Bildungsminister zu Besuch. Ich zeigte ihm unser neues Gebäude, wir aßen zusammen, der Ton war herzlich. Doch nach Weihnachten hat sich das Klima brutal verändert. Freunde aus der Politik warnten uns, dass etwas Schlimmes gegen uns ausgeheckt werde. Genaueres wussten wir aber nicht – die Regierung Orbán selbst hat uns nicht informiert. Am 28. März dann der Paukenschlag: Die ungarische Regierung stellt ihren Gesetzentwurf vor. Und eine Woche später wird er angenommen, sogar noch in verschärfter Fassung. Ab Januar 2018 dürfen wir keine Studenten mehr aufnehmen. Wir sollen dichtmachen, nachdem wir uns 25 Jahre lang streng an die ungarischen Gesetze gehalten haben. Das ist mir besonders wichtig: Wir haben nie gegen ungarisches Recht verstoßen! Wir sind eine Hochschule, eine Bildungsstätte, wir machen keine Politik. Aber ich versichere Ihnen, nun wehren wir uns. Wir werden nicht schließen.

Finden Sie genug Unterstützung?

Bei meiner Pressekonferenz am Morgen nach der Präsentation des Gesetzentwurfs saß ein Abgesandter der amerikanischen Botschaft im Saal. Danach hat mir die US-Regierung ihre Hilfe zugesichert, ebenso der deutsche Bundespräsident Steinmeier, der Sprecher von Bundeskanzlerin Merkel und der Staatssekretär für Europafragen im französischen Außenministerium, Harlem Désir. Ich glaube, Orbán ist überrascht von der breiten politischen Unterstützung, die wir erhalten, und auch von der Empörung der akademischen Welt. Alle fünf Minuten treffen neue Mails bei mir ein, von Professoren und Hochschulleitern aus aller Welt. Die ungarische Akademie der Wissenschaften steht hinter uns. Ebenso viele Universitäten – schließlich sind wir eine ungarische Institution, wir kooperieren mit anderen Hochschulen in Ungarn, wir haben gemeinsame Forschungsprojekte und Lehrstühle –stellen unsere Bibliothek zur Verfügung. Es ist mutig von den Universitäten, uns so zur Seite zu stehen, denn sie sind ja finanziell vom ungarischen Staat abhängig.

Viele Ungarn gehen auch auf die Straße, um Sie zu unterstützen.

Die Demonstrationen in den letzten Wochen waren sehr bewegend. In Budapest zogen 70.000 Menschen vor unseren Toren vorbei und riefen: „Freie Universitäten in einem freien Land!“ Und diese Kundgebungen waren nicht etwa von uns organisiert.

Wie erklären Sie sich diese Mobilisierung?

Jeden Morgen auf dem Weg ins Büro komme ich an einer Gedenktafel für den Mathematiker John von Neumann vorbei, der zu den Vätern der Informatik zählt. Neumann ist eins der ungarischen Genies, die das Antlitz der modernen Welt geprägt haben. Robert Capa, Béla Bartók, László Moholy-Nagy – der ungarische Beitrag zur Wissenschaft, zur Literatur, zur weltweiten Kultur des 20. Jahrhunderts war immens. Es gibt in diesem Land eine reiche intellektuelle Tradition, die wir mit unseren bescheidenen Mitteln fortzusetzen versuchen. 90 ungarische Professorinnen und Professoren arbeiten an der CEU, wir haben an die 3.000 Studierende, wir stehen mitten im geistigen Leben von Budapest. Unser Kampf ist zugleich der Kampf der Ungarn – deshalb gehen die Leute für uns auf die Straße.

Und wie geht es nun weiter?

Wir werden weiter gegen unsere Schließung kämpfen. Wir haben eine Beschwerde beim ungarischen Verfassungsgericht eingereicht. Janós Ader, der ungarische Staatspräsident, empfiehlt direkte Verhandlungen zwischen der Regierung und uns. Dazu sind wir gerne bereit, aber wir warten immer noch auf ein Signal von der Regierung. Bisher gibt es nur Andeutungen. Ich vermute, sie grübeln noch. Auf europäischer Ebene prüft die Kommission in Brüssel, ob das ungarische Gesetz gegen die von der Europäischen Union garantierte Niederlassungsfreiheit und die Freiheit der Bildungseinrichtungen verstößt.

Was genau erwarten Sie von Brüssel?

Klarheit und Mut. Im Umgang mit Viktor Orbáns Ungarn darf Europa nicht untätig sein. Fidesz, die Partei von Orbán, gehört der Fraktion der Europäischen Volkspartei an, ebenso wie zum Beispiel die CDU von Angela Merkel. Wie kann die EVP das Verhalten von Fidesz dulden? Darf ein EU-Mitgliedsstaat eine Universität nach Gutdünken schließen? Mit diesen Fragen gehe ich diese Woche nach Brüssel.

Ich nehme an, Sie stehen mit George Soros in Kontakt. Was sagt er Ihnen?

Hier müssen wir etwas klarstellen: George Soros hat diese Universität gegründet, aber er subventioniert sie nicht. Es gibt ein Gründungskapital, das die Universität verwaltet, aber das sind nicht ihre einzigen Ressourcen. Als Präsident und Rektor der CEU bin ich einem Verwaltungsrat rechenschaftspflichtig, dem die Präsidenten von Oxford und Stanford angehören – Soros nicht. Er hat meine volle Hochachtung, doch ich erhalte von ihm keine Anweisungen. Wir kämpfen für die akademische Freiheit der CEU und nicht für ihren Gründer.

Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Was sagt Ihnen Soros in diesen Wochen?

George Soros war ein Jugendlicher, als 1944 die jüdische Bevölkerung von Budapest ermordet wurde. Wer als junger Mensch mit solchen Gräueln konfrontiert war, wird für den Rest seines Lebens nicht mehr leicht aus der Fassung zu bringen sein. Soros lässt sich von den Drohungen, Unterstellungen und auch von Orbáns Prahlereien kein bisschen beeindrucken. Das sagt er mir zwar nicht, aber das spüre ich.

Warum hat es Viktor Orbán gerade jetzt auf die CEU abgesehen?

Die Wahl Donald Trumps könnte ihn auf die Idee gebracht haben, Trump und Soros hassen sich … Aber es ist nicht an mir, die Logik des Viktor Orbán zu erklären. Sein Gesetz schadet unserem Bildungssystem und vermittelt der Welt ein negatives Bild von diesem Land.

Eine ganze Reihe liberaler Politiker, Intellektueller und Aktivisten aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion hat an der CEU studiert – genau die Leute, die Putin heute als seine Hauptgegner betrachtet. Glauben Sie, der russische Präsident hat Orbán dazu angestachelt, gegen die CEU vorzugehen, so wie es heute in Budapest manche behaupten?

Was feststeht, ist, dass Putin Anfang Februar in Ungarn war. Allerdings würde es die Ungarn entrüsten, zu erfahren, dass ihre Regierung Anweisungen aus Moskau erhält … Ich weiß nicht, wer hinter diesem Manöver steckt. Es ist mir auch egal! Eine Universität als politische Geisel zu nehmen ist so oder so abscheulich.

Wurden Sie in diesen Wochen auch körperlich bedroht?

Nein. Orbáns Ungarn ist kein Polizeistaat. Nicht wie das kommunistische Ungarn von János Kádár. Aber manche an der Universität glauben, dass wir abgehört werden. Ich weiß es nicht. Wir haben keine Geheimnisse. Hingegen reißen die Attacken gegen uns in den Medien seit Wochen nicht ab.

06:00 01.05.2017

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