Eine Unterart von Gerümpel

Lyrik Steffen Popp wird zu Recht hoch gelobt: Sein neuer Band fördert das fröhliche Verirren in der Sprache
Beate Tröger | Ausgabe 11/2013 1

Steffen Popp hat das Gedicht einmal mit einer Schaltung verglichen, „die mit verschiedenartigen Lampen und Strahlern bestückt zunächst dunkel herumsteht“. Dickicht mit Reden und Augen heißt der dritte Gedichtband des 1978 geborenen Lyrikers. Jedes Dickicht ist, wie die dunkel herumstehende Schaltung, ebenfalls eine tendenziell dunkle Angelegenheit, ein Terrain, durch das man sich seinen Weg erst bahnen muss. Ob die im Titel genannten „Reden“ und die „Augen“, die an eine Comiczeichnung denken lassen, in der weiße Augäpfel mit dunklen Sehschlitzen aus einer schwarzen Fläche starren, eher beruhigen oder verstören?

Um das herauszufinden, gilt es, in dieses lyrische Dickicht einzutreten. Es lohnt sich aber, vorher noch einmal zu dem Vergleich des Gedichts mit einer Schaltung zurückzukehren. Dazu sagt Popp weiter: „Das Gedicht lesen hieße, diese Leuchtmittel (oder beliebige andere Reizquellen) in einer bestimmten Reihenfolge zu aktivieren. Den Voraussetzungen des Lesenden gemäß würden sie verschieden stark ansprechen und unterschiedlich schnell wieder verlöschen, ihr Licht sich verbindend und überlagernd, zu jedem Lesezeitpunkt verschieden komplexe Räume ausleuchten.“ Das Aufflackern der Erkenntnis durch die vielen ungewöhnlichen und irritierenden Bilder in den Gedichten Popps gleicht tatsächlich Lichtern, die das Dickicht erhellen. Man denke sich britzelnde Geräusche beim Aufleuchten einer Lichtquelle dazu, denn dieser Lyrikband ist auch Sprach-Labor, in dem es rauscht, flackert, zischelt und hin und wieder eine Sicherung durchbrennt.

Fortan hinkt er

Der Laborcharakter zeigt sich in dem titelgebenden Gedicht Dickicht mit Reden und Augen. Es beginnt mit den Versen „Möglichkeit und Methode überschneiden sich / ein kühner Satz bricht sich im Wald, fortan er hinkt / kein Sprung ins Dickicht dringt“. Im Überschneiden von Möglichkeit und Methode, im Wunsch, dichtend die Welt zu erweitern, bilden sich Worte, entsteht ein Satz.

Doch dieser Prozess ist Widerständen ausgesetzt: Der „kühne Satz“ wird in der Engführung zweier Bedeutungsebenen, der als grammatisches Gebilde, und der als weit ausgreifende Bewegung (eines Tiers), gebremst, er „bricht sich“, und: „fortan er hinkt / kein Sprung ins Dickicht dringt“. Trotzdem sind im Sprechen des Gedichts nicht nur Bilder, es ist, im doppelten Sinne des Wortes, auch ein Reim dabei „herausgesprungen“. Wohin nun damit? Es geht aufregend zu in Popps Gedichten. Der Fragehorizont, der sich beim genauen Lesen freisetzt, weist der Vorstellungskraft viele Wege. Das erzeugt einen regelrechten Sog, man möchte sich, von diesen Versen geführt, gerne immer weiter aufregend verirren.

Mit Lust probiert sich hier die Sprache semantisch, rhythmisch, metrisch aus. Bedeutungen werden gesetzt und durchkreuzt („Bedeutung, eine Unterart von Gerümpel“), das vermeintliche Sinnganze ist längst kein Ideal mehr, wo bei aller Lust am Umstülpen („den groben Handschuh berühren, nach innen drehen“) und Zerlegen („Brandungsrauschen zerlegt / die Stimmen im magischen Strass alter Sprachen“) zugleich ein genauer Umgang mit dem Material, sei es auch Gerümpel, vorherrscht. Das wird schon am Aufbau des Bandes erkennbar, dessen Abteilungen „Vom Meer“, „Wälder“, „Von Zinnen“, „Narrativ“, „12“ und „Agenda mit Tieren“ zweimal nacheinander je 13, elf und sieben Gedichte anordnen. Bilder wie der umgedrehte Handschuh oder Verszeilen wie die kosmogonischen „Tiere kommen herein“, „Pflanzen kommen herein“ wandern wie Wellen durch mehrere der Gedichte.

Dichterahnen, darunter Hölderlin und Rilke tauchen auf. Und oft geht es lustig zu in diesen Gedichten, die um ihre Leuchtkraft wissen, auch wenn sie im Zustand der Ruhe liegen: „Das gewaltige Potenzial schläft. Das gewaltige Potenzial / und der gewaltige Widerstand“, und dann wieder aufbrechen, um abenteuerlustig, kichernd, wispernd, singend, widerständig und voller leuchtender Energie das Dickicht der Sprache zu erkunden, dessen Zauber dadurch umso mächtiger wird.

Im Dickicht mit Reden und Augen. Gedichte Steffen Popp Kookbooks 2013, 88 S., 19,90 €

Beate Tröger ist die Lyrikexpertin des Freitag

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01:00 28.03.2013

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