Eine unwillkommene Entdeckung Freuds

Kommentar Weshalb Zivilisation immer wieder durch Unterwerfungssucht gefährdet ist

Unter den Entdeckungen, für die Freud bei Gedenkanlässen gewürdigt zu werden pflegt, bleibt eine trotz ihrer Bedeutung in der Regel - auch heute wieder - unerwähnt. Sie betrifft die unheimliche Bindung zwischen einer in absolute Hörigkeit verfallenen Masse und einer hypnoseartig bezwingenden Führergestalt, die unter Vorspiegelung gleicher Liebe für alle völlig narzisstisch nur ihren Grandiositätsvisionen und Machtinteressen folgt.

Den "Unterwerfungsdurst" der Masse hatte vor Freud bereits der Sozialpsychologe Gustave Le Bon 1895 in seinem Werk Psychologie der Massen beschrieben. Aber erst Freud hat diese Lehre 1920 in seinem Buch Massenpsychologie und Ich-Analyse zu einer beziehungsanalytischen Theorie erweitert. Diese besagt: In den Menschen habe sich eine entwicklungsgeschichtlich frühe Anlage erhalten, die auf das Muster der Urhorde zurückgehe, in der sich die autoritätssüchtigen Massenindividuen total der Herrschaftswillkür eines Urvaters ergeben hätten.

Dieses Beziehungsmuster lebt - so Freud - als unbewusste Disposition in den heutigen Menschen fort: "Wie wir aus anderen Reaktionen wissen", schreibt er, "hat der Einzelne ein variables Maß aus persönlicher Eignung zur Wiederbelebung solch alter Situationen bewahrt." Freud spricht in diesem Zusammenhang von einer "hypnotischen Willensaufhebung", von der er allerdings hoffte, dass ihr durch inneren Widerstand Grenzen gesetzt seien. Andererseits beschrieb er den Vorgang der "hypnotischen Willensaufhebung" als radikale Selbstentmündigung, in dem das Massenindividuum sein persönliches Ich-Ideal beziehungsweise Über-Ich gänzlich durch den Willen der Führergestalt zu ersetzen bereit sei.

Als dann die Nazi-Bewegung genau dieses Beziehungsmuster massenhaft hervorbrachte, sah sich Freud als designiertes Verfolgungsopfer nicht mehr imstande, seine Theorie kritisch aufklärerisch anzuwenden. Wer es dennoch auf eigene Art versuchte, wie Wilhelm Reich und Ernst Simmel, musste aus Deutschland flüchten.

Wenn aber auch später ein Widerstreben anhielt, sich mit Freuds Annahme einer archaisch atavistischen Autoritätssüchtigkeit zu beschäftigen, so liegt der Grund dafür offensichtlich in der kränkenden Zumutung, dass es so etwas geben sollte wie eine zwanghafte unbewusste Gehorsamsbereitschaft.

Als Stanley Milgram in seinen unwiderlegten Experimenten nachwies, dass eine Mehrheit der Amerikaner durch ein soziales Arrangement dazu gebracht werden kann, grausame Folterbefehle auszuführen, empörte man sich über den Forscher, als sei er selbst an den blamablen Befunden schuld. Auch wollte man den Psychologen nicht glauben, die bei verantwortlichen Nazi-Tätern zumeist völlig unauffällige Testprofile ermittelten. "Die furchtbarste Erkenntnis aus dem Holocaust und dem, was man über die Vollstrecker erfuhr, war", laut Zygmunt Bauman, "nicht, dass ›so etwas‹ auch uns widerfahren könnte, sondern, dass jeder von uns es tun könnte."

Als Freud die Bedeutung sexueller Verdrängung für die Hervorrufung von Neurosen entdeckte, wich die Empörung über diese Erkenntnis schließlich der Erleichterung, weil die Zeit für eine bewusste Auseinandersetzung mit der Sexualität reif war. Aber noch scheint die Zeit nicht reif dafür zu sein, die Kränkung zu ertragen, dass die erreichte Zivilisationsstufe immer noch durch eine wiedererweckbare Unterwerfungssucht einer Vielzahl von Menschen gefährdet ist.

Man möchte sich einreden, dass zum Beispiel die urhordenartigen Barbareien unter Hitler und Mao, die viele Millionen Opfer gefordert haben, von Unmenschen und nicht von normalen Menschen durch Rückfall in atavistisch archaische Entmündigungs- oder Selbstentmündigungs-Szenarien geschehen sind.

Dennoch muss die Kränkung ausgehalten werden, dass unsere Selbstbestimmung umso eher durch unbewusste Hörigkeitsbedürfnisse bedroht bleibt, je weniger wir vor Ausnutzung dieser Anfälligkeit auf der Hut sind. In den Kopf eingepflanzte Wertvorstellungen reichen nicht, wenn die Erziehung von Kindheit an nicht ausreichend die Widerstandskraft zur Beherzigung dieser Vorstellungen im Konfliktfall fördert.

Horst-Eberhard Richter


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00:00 26.05.2006

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