Eine vergiftete Marke

Schottland Sechs Wochen vor dem Unabhängigkeitsreferendum geht die Ja-Kampagne Klinken putzen und profitiert vom Negativ-Image der Tory-Regierung in London
Peter Stäuber | Ausgabe 31/2014 3
Eine vergiftete Marke
Die Unabhängigkeitsbefürworter versprechen Reichtum. Aber haben sie recht?
Foto: Jeff J. Mitchell/ AFP/ Getty Images

Seaton ist nicht besonders pittoresk. Das Quartier im Norden von Aberdeen, eines der ärmsten der Stadt, wird von vier tristen Hochhäusern überragt, auf der einen Seite liegt ein Golfplatz, gleich dahinter die windige Nordseeküste. Auf dem Rasen zwischen den Blöcken marschieren Möwen umher und suchen nach Essbarem.

Doug Haywood und Connor Milligan sind guter Stimmung, als sie an einem Sonntagnachmittag auf einen der Wohntürme zugehen, in der Hand einen Stapel Flugblätter und ein Klemmbrett. „Seaton ist größtenteils ein Arbeiterviertel“, sagt der 21-jährige Connor im Fahrstuhl zum 18. Stock. Viele Leute mit geringen Einkommen wohnen hier, dazu jede Menge Migranten aus Osteuropa. „Es sind genau diese Leute, von denen viele Armut und Verzicht kennen, und die wir von den Vorteilen der Unabhängigkeit überzeugen müssen. Das ist ihre Chance auf ein wirklich besseres Leben.“ Doug und Connor sind auf Werbetour für die Radical Independence Campaign (RIC). Sie wollen die Bewohner dazu bewegen, am 18. September überhaupt ins Wahllokal zu gehen und dann noch mit Ja zu stimmen – für ein unabhängiges Schottland.

„Ich werde mit Sicherheit dagegen sein“, sagt der erste Bewohner, der die Tür öffnet, ein Mann mittleren Alters mit kurzem, teils ergrautem Haar. „Ich bin ein ehemaliger Royal Marine und frage mich, wie wird sich ein unabhängiges Schottland verteidigen können?“ Doug und Connor nicken verständnisvoll, stürzen sich dann aber mit Enthusiasmus in die Debatte. „Ist es nicht eher so, dass uns die Außenpolitik Großbritanniens zum Ziel für Angriffe macht?“, fragt Doug. „Außerdem denke ich, dass wir die Nuklearwaffen, die in Schottland lagern, überhaupt nicht brauchen. Warum sollten wir das Geld nicht sparen und uns auf konventionelle Verteidigung konzentrieren, die viel effektiver ist?“ Der Ex-Marine nickt zustimmend. „Ja, da stimme ich mit dir überein – atomare Verteidigung ist heute total überflüssig.“ Es geht zehn Minuten lang weiter. Doug und Connor reden mehr, ihr Klient widerspricht zuweilen, hört aber stets aufmerksam zu. Am Ende deutet er an, sich das mit dem Nein noch mal überlegen zu wollen. „Fantastic“, sagt Doug und gibt ihm ein Merkblatt für ein RIC-Meeting nächste Woche.

Die britischen Kernwaffen haben ihr Depot auf einer schottischen Marinebasis. Was damit bei einem Ja-Votum passiert, ist ungewiss. Genau wie die RIC will die Scottish National Party (SNP) – Vorposten der Ja-Kampagne – die Atom-U-Boot-Flotte loswerden. Veteranen des britischen Militärs warnen, dass ein Verbot der Nuklearwaffen „einen dunklen Schatten“ auf die neue Nation werfen würde und für die NATO nicht hinnehmbar wäre. Für Doug Haywood hingegen ist das mögliche Ende der Atommacht Britannien allein schon Grund genug, mit Ja zu stimmen, doch es geht ihm um mehr – um einen Wandel der Gesellschaft generell. „Schottland kann ein Vorbild sein, wir können zeigen, dass der neoliberale Blödsinn nicht der einzige Weg ist, um Wirtschaftspolitik zu betreiben.“ Vor zwei Jahren wurde der 40-jährige Lehrer von seiner Frau ermuntert, an der ersten Konferenz der RIC teilzunehmen. „Bis dahin fühlte ich mich von linker Politik desillusioniert. Das aber war einer der inspirierendsten Tage meines Lebens. Es gab so viel Leidenschaft, dass ich mich entschloss, in Aberdeen eine RIC-Gruppe zu gründen.“

„Polski?“

Mit Schottenröcken und markigen Sprüchen gegenüber England haben die Leute von der radikalen Ja-Kampagne nichts zu tun. Sie wollen ein unabhängiges Schottland, nicht als Verbeugung vor dem vermeintlichen Zeitalter des Nationalismus, sondern aus Interesse an linker Politik, die es erst geben werde, wenn Schottland Westminster entkommen sei. Die RIC-Aktivisten sprechen von öffentlichen Investitionen, von einer Rückkehr der Industrie, vom Wohlfahrtsstaat. Entlang der schmalen, spärlich beleuchteten Gänge des Wohnblocks klopfen sich Doug und Connor von Tür zu Tür. Meistens wird nicht geöffnet. Oder Bewohner aus Osteuropa sprechen ein zu bruchstückhaftes Englisch, um sich auf Debatten einzulassen.

„Polski?“, fragt Doug daraufhin und überreicht eine Broschüre in polnischer Sprache. Eine Frau aus Litauen meint, dass sie zwar ihren chilenischen Mann verstehe, wenn er Englisch spreche, dass sie jedoch mit dem schottischen Akzent von Doug und Connor nicht klarkomme. Einige Anwohner müssen dagegen nicht überzeugt werden. „Klar stimme ich mit Ja – sonst würde keiner meiner Freunde mehr mit mir reden!“, lacht ein Mann im Trainingsanzug. Er hält das Gespräch kurz. „Wir sind gerade beim Bier trinken, also wenn es dir nichts ausmacht, lass ich dich jetzt einfach draußen stehen.“

In Dutzenden Städten in ganz Schottland sind an diesem Tag RIC-Aktivisten unterwegs. Anders als die Nein-Kampagne, die sich auf prominente Politiker und Unternehmer verlässt, ist das Ja-Lager präsent vor Wohnungen und auf den Straßen. So Tage zuvor in Edinburgh. Unter dem Denkmal des Herzogs von Wellington, dem Bezwinger Napoleons, steht Colin Fox im T-Shirt der schottischen Fußballnationalequipe und erzählt davon, wie schön Schottland ohne den konservativen Premierminister David Cameron wäre. Fox ist Sprecher der Scottish Socialist Party (SSP) und steht hier zwei- bis dreimal pro Woche, „um die Leute daran zu erinnern, dass es keinen Cameron mehr geben wird, wenn wir im September für die Unabhängigkeit stimmen. Denn wir wählen keinen tory.“

Die Konservativen sind in Schottland so unbeliebt wie kaum irgendwo im Land. Von 59 schottischen Sitzen im Parlament von Westminster haben sie einen einzigen. Sie gelten als toxic brand, eine vergiftete Marke. Und wer auf die tories schimpft, stößt hier meist auf Zustimmung.

Aber nicht immer. Ein Passant schüttelt den Kopf und meint, dass bei einem Unabhängigkeitsvotum die reichen Bürger das Land verlassen werden. „Und dann sitzen wir so richtig in der Tinte“, meint der Passant mit englischem Akzent. Doch Fox winkt ab und verweist auf eine Studie der OECD: „Wir wären auf Platz 14 der reichsten Länder der Welt. Ein unabhängiges Schottland hätte die Kontrolle über eigenes Öl und Gas, über die Finanzdienstleister, die Lebensmittelindustrie und den Tourismus – Schottland ist ein reiches Land. Das Problem ist das gleiche wie im Rest Großbritanniens: Der Reichtum ist nicht fair verteilt.“ Deshalb halten sich linke Ja-Anhänger an arme Quartiere und einkommensschwache Schotten, bei denen der Wille zur Unabhängigkeit gemäß statistischen Erhebungen verbreiteter ist als bei vermögenden.

In Aberdeen ist die Einkommenskluft besonders dramatisch. Die Entdeckung des Nordseeöls in den siebziger Jahren führte zu einem gewaltigen Boom, heute sind über 900 Unternehmen im Energiesektor tätig, auf Öltankern und Bohrinseln vor der Küste arbeiten 30.000 Menschen. Diesem Boom ist es zu verdanken, dass Aberdeen heute mit zwei Prozent eine extrem geringe Arbeitslosigkeit hat und die Löhne deutlich über dem Landesdurchschnitt liegen. 

Aberdeen hat die höchste Konzentration an Millionären, sodass es nicht weiter verwundern kann, dass es die mit Abstand teuerste Stadt Schottlands ist. Wer freilich nicht im lukrativen Energiesektor arbeitet, sondern irgendeinen Dienstleistungsjob hat, der entbehrt Einkommen wie in der Ölindustrie, darf aber hohe Mieten zahlen. „Ein Freund von mir wohnt zusammen mit seiner Freundin in einer winzigen Einzimmerwohnung, die 780 Pfund pro Monat (knapp 1.000 Euro) kostet“, sagt Connor Milligan. Sieben Stadtquartiere seien seit 30 Jahren „Regenerationsgebiete“. „Also im Prinzip ein Terrain mit hoher Armutsquote.“

Abwegige Annahme

Seaton ist eines davon. Die beiden RIC-Aktivisten haben den 15. Stock erreicht. Viele Türen bleiben verschlossen, bis sie endlich wieder Glück haben. Patrick, zwischen 20 und 25 Jahre alt, öffnet. Auf die Frage, ob er ein unabhängiges Schottland wolle, reagiert er in breitem Aberdeen-Akzent: „Ah nae actually ken“ – ich weiß es gar nicht. Patrick befürchtet einen Krieg mit England, falls sich Schottland für unabhängig erklärt. „Sie haben es in der Vergangenheit getan, und ich frage mich: Wird es wie in Nordirland?“ Doug und Connor lassen sich von dieser abwegigen Annahme nicht beeindrucken und erklären geduldig, das sei unwahrscheinlich. Beide Regionen hätten eine höchst unterschiedliche Geschichte. Im Übrigen hätten sich Norwegen und Schweden im Jahr 1901 auch friedlich getrennt.

Aber Patrick hat noch andere Sorgen: Sechs Jahre musste er auf seine Wohnung warten und will nicht, dass Ausländer vor Schotten Sozialwohnungen beziehen. Doug und Connor kennen dieses Ressentiment. „Die Sache ist doch folgende: Diese Leute kommen mit ihren Familien nach Schottland, weil sie hier gebraucht werden, weil sie Jobs erledigen, die sonst niemand will“, sagt Doug. Also würden sie nun einmal hier leben und durch Steuern ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen. Das Problem bestehe darin, dass es nicht genügend Wohnungen gebe. „Und Westminster wird die nicht bauen, weil das nicht in seinem Interesse ist“, sagt Connor. „In einem unabhängigen Schottland können wir ganz anders verfahren. Wir können richtige Jobs schaffen, Investitionen, Industrie. Anstatt die Bonzen und Banker in London mit Geld zu versorgen.“ Die Argumente hinterlassen Eindruck. Patrick sagt, er werde wohl mit Ja stimmen. Doug und Connor bedanken sich und nehmen die Treppe in den 14. Stock.

Peter Stäuber schrieb Anfang Juni über den Londoner Fünftligaklub Clapton FC

06:00 05.08.2014

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