Jürgen Todenhöfer
Ausgabe 0817 | 22.02.2017 | 23:59 32

Eine vermeidbare Tragödie

Syrien-Konflikt Wie aus den demokratischen Protesten ein gnadenloser Krieg werden konnte, in dem jeder gegen jeden kämpft

Eine vermeidbare Tragödie

In Aleppo ist der Krieg zwar vorbei – eine Zukunft ist für viele dennoch nicht erkennbar

Foto: Pablo Tosco/AFP/Getty Images

Irgendwann wird die Geschichte des Syrien-Krieges neu geschrieben werden. Und nicht mehr viel mit der heutigen Berichterstattung gemein haben. Das syrische Drama lief in drei Akten ab.

Der erste Akt spielte im Frühjahr 2011. Junge Syrer demonstrierten monatelang gegen die Regierung. Das war legitim. Ich habe in Homs selbst an Demonstrationen teilgenommen. Die Reaktion der syrischen Sicherheitskräfte war unverhältnismäßig und kontraproduktiv.

Im zweiten Akt drängten die geostrategischen Feinde des Assad-Regimes nach vorn: Saudi-Arabien, Katar, die USA. Sie wollten Baschar al-Assad schon lange ausschalten. Weil er Verbündeter des schiitischen Iran war. Der war ihnen durch den törichten Krieg von George W. Bush gegen den sunnitischen Irak zu stark geworden. Nach dem Sturz Saddam Husseins hatte die schiitische Bevölkerungsmehrheit des Irak die Macht übernommen und ihr Land an die Seite des Iran geführt. Der Irak fiel damit als strategisches Gegengewicht zum Iran aus. Teheran konnte sich nun auf einen „schiitischem Halbmond“ stützen, der über den Irak und Syrien bis in den Libanon reichte.

Gekidnappte Revolution

Aus diesem Bogen sollte Syrien herausgebrochen werden. Doch die Golfstaaten und die USA mussten schnell erkennen, dass Assad mit Demonstrationen nicht zu stürzen war. Zu stark war sein systematisch aufgebauter Rückhalt bei den alawitischen, schiitischen und christlichen Minderheiten sowie in Teilen der sunnitischen Mittel- und Oberschicht, den wohlhabenden Händlern der großen Städte.

Die Golfstaaten, die USA, die Türkei sowie mehrere westliche Staaten begannen deshalb ab Herbst 2011 unter amerikanischer Führung in- und ausländische Rebellen mit Waffen und Geld auszustatten. In Mittelamerika hatte diese Strategie, unliebsame Regierungen mithilfe bezahlter „Rebellen“ aus dem Sattel zu heben, ja häufig funktioniert. Warum nicht auch in Syrien?

Eine friedliche demokratische Revolution war damit erledigt. Gekidnappt. Anhänger der Demokratie spielten keine Rolle mehr. Stattdessen kämpften bewaffnete Rebellen aus Syrien und aller Welt gegen den Militärapparat des Regimes und seine herbeigeeilten ausländischen Verbündeten. Aus der friedlichen syrischen Revolution wurde ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran. Die USA – und anfangs noch relativ zurückhaltend Russland – steuerten die Kämpfe aus der dritten Reihe. Die zunehmend schwer bewaffneten Rebellen kämpften überwiegend für einen radikal islamistischen Staat. Ich habe Unzählige von ihnen getroffen. In Damaskus, Daraa, Homs, Hama und vergangene Woche wieder in Aleppo. Wenn ich von Demokratie sprach, lächelten sie milde.

Trotz des unübersehbaren Wechsels von legitimen demokratischen Protesten zu einem „Stellvertreterkrieg“ zweier Führungsmächte des Mittleren Ostens tischten die meisten westlichen Politiker und Medien der Welt weiter die längst überholte Mär vom Kampf edler Rebellen um Demokratie und Freiheit auf. Selbst die Tatsache, dass die Rebellen oft von Saudi-Arabien, einer der finstersten Diktaturen in der Region, gesponsert wurden, konnte sie nicht bewegen, einzugestehen, dass inzwischen ein ganz anderes Stück gespielt wurde.

Im dritten Akt betraten die Hintermänner des Stellvertreterkrieges die Bühne. Während die USA und Saudi-Arabien immer unverblümter extremistische Rebellen, ja selbst Al Kaida-Terroristen, in ihrem Kampf gegen Assad unterstützten, kämpften Russland, Iran, die libanesische Hisbollah und sogar afghanische Schiitenmilizen offen an der Seite des Regimes. Inzwischen waren 50 Prozent der in Syrien kämpfenden Rebellen Ausländer. Für Demokratie kämpfte keiner von ihnen.

Bauern auf dem Schachbrett

Parallel zum Kampf um die Vorherrschaft im Mittleren Osten wurde von den USA und ihren Verbündeten sowie von Russland auch noch der IS bombardiert, der das syrisch-irakische Chaos zum Aufbau eines eigenen Staates genutzt hatte. Die Lage erwies sich als immer unübersichtlicher. Nur der Mythos von den selbstlosen Freiheitskämpfern schien unverwüstlich zu sein.

Das syrische Volk ist über diesen Krieg aller gegen alle, an dem hunderte Rebellenorganisationen und Kämpfer aus mehr als 80 Nationen beteiligt sind, verzweifelt. Auch weil er sie zu Marionetten degradiert, zu Bauern auf dem Schachbrett der Mächtigen. Das Leid, das ich in Syrien in den zerstörten Städten, auf den Schlachtfeldern und in den Krankenhäusern gesehen habe, ist unbeschreiblich. Alle Beteiligten begehen Kriegsverbrechen. Es gibt keine anständigen Kriege.

Alle sind schuld an dieser Entwicklung: Regierung und Rebellen. Die Hauptverantwortung an diesem Konflikt aber tragen die Hintermänner, die ohne jedes persönliche Risiko ein friedlich zusammenlebendes Volk unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen aufeinanderhetzten. An ihrer Spitze die Golfstaaten um Saudi-Arabien und die USA. Tagtäglich verraten sie das syrische Volk.

Neunmal war ich während des Krieges in Syrien. Ich organisierte für syrische Kinder mit dem Honorar meiner Bücher über 70 Bein-und Armprothesen. Und für 1.000 Waisen- und Flüchtlingskinder die Schulausrüstung. In den Augen dieser Kinder spiegelte sich das ganze Leid des geschundenen syrischen Volkes. Auch nach Syrien kommt Gott nur noch zum Weinen.

Man kann die absurde Einseitigkeit der westlichen Berichterstattung anhand der Opferzahlen des oppositionsnahen Syrian Observatory for Human Rights (SOHR) belegen. Laut SOHR, Stand 13. Dezember 2016, starben im Syrien-Krieg 450.000 Menschen. Aber nicht nur durch eine Seite, wie in vielen Medien unablässig behauptet wird. Unter den 450.000 Opfern waren 109.000 „Regierungskämpfer“, 105.000 Rebellen, davon 55.000 Nicht-Syrer, 90.000 Zivilisten und weit über 120.000 „Nicht Dokumentierte“. In Syrien morden alle.

Wer die Aussagekraft der SOHR-Zahlen bezweifelt, sollte den Amnesty-International-Bericht vom 5. Juli 2016 zu den Kriegsverbrechen der Rebellen in Aleppo und Idlib lesen. Oder den Amnesty-Bericht vom 7. Februar 2017 über Hinrichtungen im Damaszener Gefängnis Sednaya. Mehrfach bat ich die syrische Regierung letzte Woche um Zugang zu dem umstrittenen Gefängnis. Vergeblich. All das muss schonungslos aufgearbeitet werden. Nichts, gar nichts kann Kriegsverbrechen entschuldigen.

Dass die Syrien-Berichterstattung nicht der Komplexität des Konflikts entspricht, zeigen auch Papiere, die der Geheimdienst des Pentagon jahrelang an das Weiße Haus sandte. In einer Analyse vom August 2012 heißt es:

1. Dass „Al-Qaida im Irak“ (AQI/ISI) und andere Extremisten den Aufstand in Syrien anführten – und nicht etwa demokratische Kräfte.

2. Dass dadurch „die Möglichkeit eines salafistischen Hoheitsgebiets“ in Ost-Syrien entstehe – genau das, was der Westen und seine Verbündeten am Golf wollten, um das syrische Regime vom Irak und vom Iran abzuschneiden.

3. Und warnend: Der „ISI“ könne dadurch zusammen mit anderen Terrororganisationen im Irak und in Syrien einen „islamischen Staat“ ausrufen.

Die USA haben sich bei diesem Versuch, zusammen mit den Saudis das Assad-Regime durch Rebellen zu stürzen und dadurch Iran zu schwächen, total verzockt. Zocken will gelernt sein. Das Desaster wäre vermeidbar gewesen, hätten sich die USA bereit erklärt, mit Assad zu verhandeln. So wie sie unablässig mit anderen Diktatoren dieser Welt verhandeln. Wer Frieden will, muss mit seinen schlimmsten Feinden sprechen. Willy Brandt wusste das immer. Kritik daran war ihm egal.

Ich habe zweimal mit Assad über die Möglichkeit einer Friedenslösung gesprochen. In Absprache mit der Bundesregierung, einmal davon zusätzlich in Absprache mit dem Weißen Haus. Assad machte damals überraschend weitreichende Vorschläge. Der Westen ging auf keinen einzigen ein. Nicht einmal an dem angebotenen Informationsaustausch über Al Kaida war Washington interessiert. Man wollte mit ihm einfach nicht sprechen.

Russland hingegen hat sein Ziel erreicht, im Mittleren Osten wieder Fuß zu fassen und im Konzert der Großen erneut mitzuspielen. Auch Assad hat wichtige Schlachten gewonnen, das syrische Volk jedoch hat den Krieg verloren. Kein Politiker dieser Welt beantwortet ihm die zentrale ethische Frage, die auch bei Saddam Hussein bis heute unbeantwortet ist: Wie viel Menschen darf man ins Elend stürzen, um einen Diktator loszuwerden?

Die Not der Syrer scheint die Groß- und Mittelmächte nicht zu interessieren. Doch die Gefahr eines Flächenbrandes durch das Chaos in Syrien sollten die „Schlafwandler“ in West und Ost nicht so leicht beiseite schieben. Diese Gefahr ließe sich verringern:

• wenn die USA endlich auf die geopolitischen Sieger Russland und Iran zugingen und gemeinsam nach einer Lösung suchten;

• wenn Assad seinen militärischen Erfolg zu einem fairen Verhandlungsangebot an alle Gegner seiner Regierung nutzen würde, mit Ausnahme der Terrororganisationen IS und Al Kaida. Wer Frieden und Aussöhnung will, muss irgendwann damit anfangen. Assad muss Zugeständnisse machen: Er muss Macht abgeben und den benachteiligten Sunniten eine faire Perspektive bieten;

• und wenn es zu einer umfassenden, nicht nur auf Syrien konzentrierten Mittel-Ost-Konferenz im Stil der KSZE käme. Die KSZE hatte einst entscheidend dazu beigetragen, den Ost-West-Konflikt zu entschärfen. Doch wo sind die Staatsmänner, die den Weltfrieden noch als Hauptziel ihrer Politik ansehen? Wenn der Westen dauerhaft in Frieden leben will, wird er in Zukunft erheblich mehr in Gerechtigkeit investieren müssen als in Waffen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/17.

Kommentare (32)

Gerrit Helbers 23.02.2017 | 12:20

Ich bin platt: Der obige Artikel zählt zu den Zutreffendsten, die man in Deutschland lesen kann. Aber, aber, aber: Wie kann so etwas publiziert werden, obschon völlig konträre, sachentstellende Behauptungen durch die Staats- und Medienkartelle als publizistische Richtschnur verbindlich ausgerufen worden sind ?

Als Erklärung bleibt mir nur die Feststellug, dass man eine Menge Geld mitbringen muss, um so einem Artikel die Plattform zu bieten.

Hermann 23.02.2017 | 21:46

Erst einmal vielen Dank an Herrn Todenhöfer und den Freitag für diesen sachlichen Artikel. Da er hoffentlich nicht der letzte von Herrn Todenhöfer zu Syrien sein wird drei Fragen:

Welche Rolle spielt China?

Ist eine wie auch immer geartete Lösung beschränkt auf das ehemalige Staatsgebiet von Syrien überhaupt vorstellbar oder muss nicht die gesamte Region (einschließlich Israel/Palästina) einbezogen werden?

Muss man für eins stabile Friedensordnung nicht auch mit den den IS tragenden Repräsentanten der Sunniten verhandeln?

Grenzpunkt 0 24.02.2017 | 14:35

Vielen Dank für den objektiven Bericht aus der Sicht der syrischen Bevölkerung. Ich würde mich den Fragen von HERMANN anschließen und noch einige andere stelllen. Das Ende des IS ist absehbar, doch was kommt danach?

- Ist eine föderale Struktur Syriens bei der Vielzahl der Oppositionsgruppen machbar und sinnvoll?

- Ist ein kurdischer Staat, der ja nicht nur jetzt schon besetztes Territotium von Syrien und Irak umfassen würde, sondern auch Gebiete vom Iran und der Türkei betreffen würde, machbar und sinnvoll?

- Sind territoriale Änderungen der Staatsgebiete von Syrien und Irak machbar und sinnvoll?

Ich fürchte, dass dazu erst die gesamte Region noch schlimmer zerstört werden wird, bis sich ein Ausgleich der Interessen aller Seiten auf diesem dann niedrigsten Niveau erreichen lässt. Eine "KSZE" wie im Europa des kalten Krieges wird es wohl nicht geben können, weil diese auf die Zementierung des Status Quo ausgelegt war. Auch in Europa wurden nach dem Ende des kalten Krieges ohne KSZE Grenzen verschoben,weil sie offensichtlich nicht haltbar waren in dem bestehenden Interessengemenge.

Reinhold Schramm 24.02.2017 | 19:57

* * * - ) Eine Widerspiegelung der Wirklichkeit.

Heute Syrien, gestern und heute immer noch Afghanistan.

Wie die Bilder sich so gleichen: “die meisten westlichen Politiker und Medien der Welt weiter die längst überholte Mär vom Kampf edler Rebellen um Demokratie und Freiheit“.

Herr Todenhöfer, hatten Sie nicht vor Jahrzehnten den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die von der damaligen Sowjetunion gestützte afghanische Regierung propagandistisch über die bundesdeutschen Medien und CDU-BND-Politik aktiv unterstützt.

Gab es damals doch auch die gesellschaftspolitische Zielsetzung der vom Westen ungeliebten afghanischen Regierung für das Recht auf Gleichberechtigung der afghanischen Frau und auf Bildung und soziale Unabhängigkeit.

Billy 24.02.2017 | 20:14

wie immer bei Todenhöfer, Fakten sehr gut recherchiert und einfach erklärt. Ich bin aber überzeugt, dass die Entscheider dieses Desasters diesen Artikel weder lesen, geschweige denn verstehen. Das sehen wir doch an den vielen guten Artikeln von JT über Palästina. Was geschieht dort? Die Israelis bauen weiter illegale Siedlungen auf Palästinenser Gebiet. Für was haben wir eigentlich eine UNO?

Querlenker 24.02.2017 | 22:00

<<In Syrien morden alle. Diese Gefahr ließe sich verringern wenn die USA endlich auf die geopolitischen Sieger Russland und Iran zugingen und gemeinsam nach einer Lösung suchten>>

Verhandlungen zwischen den zahllosen Kriegsparteien in Syrien haben überhaupt nur die Chance, zu einem praktikablen und allseits akzeptierten Ergebnis zu führen, wenn vorher das Morden unterbrochen und ein allgemeiner Waffenstillstand in Syrien durchgesetzt wird.

Die einzige Autorität, die das bewerkstelligen könnte, wäre der UN Sicherheitsrat. Dort blockieren sich aber die USA und Russland/China seit 2011 in der Syrienfrage.

Ich habe deshalb seit 2013 vorgeschlagen, der UN Sicherheitsrat möge beschließen, nordkoreanische Friedenstruppen nach Syrien zu schicken, die mit einem robusten UN Mandat einen Waffenstillstand gegenüber allen Kriegsparteien durchsetzen.

Mein Vorschlag hätte folgende Vorteile:

- Russland und China können nordkoreanische UNO Truppen nur schlecht mit ihrem Veto blockieren.

- Nordkorea ist mit keiner der direkten Konfliktparteien verbündet.

- Nordkorea hat genug Soldaten unter Waffen, so dass es für längere Zeit 200.000 Mann für die Syrienmission entbehren könnte. Multinationale Friedenstruppen hätten demgegenüber den Nachteil der Sprachverwirrung und dass der eine oder andere Teilnehmerstaat mit einer der Konfliktparteien verbandelt sein könnte oder während der Mission wieder abspringt (wie seinerzeit während des Völkermords in Ruanda).

- Auf diese Weise könnte die Isolierung Nordkoreas beendet werden und das Land langfristig zu einem "normalen" Mitglied der Weltgemeinschaft werden. Dann müssten wir uns auch nicht mehr vor nordkoreanischen Atomwaffen fürchten. Nordkorea würde für seine Soldaten Geld bekommen, das es in die Modernisierung seiner Wirtschaft stecken müsste. Das hatte übrigens bereits Kim Jong-Un in seiner Neujahrsansprache 2013 gefordert. Direkte Verhandlungen mit Nordkorea werden vom Westen immer abgeblockt mit dem Argument, das Land müsse zuerst alle UN Resolutionen befolgen. Warum sollte Nordkorea das tun? Das Land befindet sich seit 1950 im Kriegszustand mit der UN. Wer befolgt denn die Resolutionen seines Feindes? Der ehemalige UN Generalsekretär Ban Ki-Moon könnte für die UNO die Verhandlungen mit Nordkorea führen.

Seit die Russen die militärische Initiative in Syrien selbst in die Hand genommen haben und das Assad-Lager sich auf der Siegesstraße wähnt, ist allerdings die russische Bereitschaft für eine UN Friedenstruppe sicherlich gesunken. Das Gleiche darf man von Donald Trump vermuten, der den Iran-Deal rückgängig machen will. Trotzdem scheint mir das der einzige Weg zu sein, einen hundertjährigen Krieg in Syrien zu verhindern, der nicht nur die ganze Region, sondern auch Deutschland destabilisieren würde (durch neue Flüchtlingsströme). Bis dahin würden die nordkoreanischen Atomraketen auch Berlin und Washington erreichen. Wollen wir das noch erleben?

Reinhold Schramm 24.02.2017 | 23:56

»Der Konflikt in Syrien hat eine Eigendynamik angenommen, die niemand mehr von außen beeinflussen kann.«

Es bleibt vertrackt. Gibt es doch auch keine erkennbare syrische Organisation, die ausschließlich den sozialen Interessen der syrischen Bevölkerungsmehrheit -unabhängig von deren ethnischen und religiösen Zugehörigkeit- verpflichtet wäre. Auf allen Seiten mischen sich Staaten und Militärbündnisse mit geopolitischen, wirtschafts- und militärpolitischen -imperialistischen- Interessen ein. Offensichtlich gibt es keine erkennbare patriotische und sozialrevolutionäre Unabhängigkeitsbewegung für Syrien?

Info.-Empfehlung:

Jabhat Fatah al-wer? »Was bei den Syrien-Gesprächen in Genf passiert, hat kaum noch Bezug zur Wirklichkeit und schadet den UN als Vermittler.« Von Lars Hauch | 22.02.2017

www.ipg-journal.de/regionen/naher-osten/artikel/detail/jabhat-fatah-al-wer-1853/

gelse 25.02.2017 | 08:54

>>Gab es damals doch auch die gesellschaftspolitische Zielsetzung der vom Westen ungeliebten afghanischen Regierung für das Recht auf Gleichberechtigung der afghanischen Frau und auf Bildung und soziale Unabhängigkeit.<<
Damals ging es darum, die Sowjetunion in einen verkustreichen Gebirgskrieg zu ziehen.
Ich binn sicher: Wenn es in in Afghanistan nicht die grossen noch unerschlossenen Erzlagerstätten gäbe, die von westlichen Konzernen als Reserve gesehen werden: Dann wäre Agfhanistan heute auch noch arm, aber friedlich...

Ursprung 25.02.2017 | 13:21

In dem Artikel koennten wichtige Vorgeschichtsvermutungen fehlen, die dem Wunsch der Amerikaner und Saudis, den Assad abzuservieren, zugrunde liegen koennen.

Darueber schrebt der Verfasser naemlicht nichts. Weil er es nicht weiss? Nicht glaubt? Es zu heiss ist?

Diese beiden Urspruenge der Ungnade gegenueber Assad koennten gewesen sein:

1.

Dass er die Oelpipeline nach Norden ueber Syrien verwehrte oder zuviel Profit dafuer wollte.

2.

Dass er damit wie Gadaffi liebaeugelte, sein Oel auch in Nichtdollarwaehrung auf dem Weltmarkt oder auch nur den Europaern anzubieten.

Beide Gruende reichten schon je alleine hin, Assads landinterne Gegner von aussen mit Waffen auszuruesten, um den Buergerkrieg zu entfesseln.

Dass der Typ von Haus aus gegen interne Gegner blutruenstig vorgehen wuerde, war ja jedem Geheimdienst immer sonnenklar.

Und dass man dann unter dem Deckmantel der Menschlichkeit gegen einen blutrunstigen Diktator, auch wenn scheinbar gewaehlt, am besten womoeglich mit einem vorgezogenem oder echten UNO-Mandat den Widerspenstigen kaputt machen koennte, erschien den Drahtziehern womoeglich logisch und waere dem ueblichen Drehbuch gefolgt.

Aber irgendwo hat man sich offenbar ziemlich verrechnet: der gewuenschte Erfolg zieht sich noch. Auch Putin stand nocht auf dem Plan. Der ist uebligen der einzige, der dort legal ist.

Zehntausend Tote und noch mehr unbehandelbare Kranke und Verwundete (Embargo = paralleler Handelskrieg plus Exodus der der Studierten, Merkel laedt sie schon mal alle ein) werden ueblicherweise bei sowas ohnehin ueber die Medien als Kolateralschaden verkauft werden.

Die Journalistenmeute, embedded oder nicht, wollen ja auch mitverdienen irgendwie in und an der Welt....

G. Lange 27.02.2017 | 12:02

Dieser Artikel von Jürgen Todenhöfer setzt sich zwar wohltuend von Berichten der Mainstream-Medien ab, mir fehlt hier jedoch ein Hinweis auf den geopolitischen und wirtschaftlichen Hintergrund des Syrienkonfliktes. Dies scheint mir jedoch wichtig zu sein, um diesen Konflikt richtig einordnen
zu können. Setzt man sich mit diesen Hintergründen auseinander, dann kann man wohl kaum von einer "vermeidbaren Tragödie" sprechen. Der Krieg gegen Syrien war bereits lange geplant und sei typisch für US-Interessen im Nahen Osten, wie Robert F. Kennedy Jr. in einem Artikel
ausführte.

Syrien: Ein Krieg aus energiepolitischen Gründen
https://www.heise.de/tp/features/Syrien-Ein-Krieg-aus-energiepolitischen-Gruenden-3378589.html

Wieder Krieg für Rohstoffe statt Demokratie
www.freitag.de/autoren/hans-springstein/wieder-krieg-fuer-rohstoffe-statt-demokratie

Daniele Ganser über Öl Pipelines und Krieg in Syrien.KenFM am Telefon
https://www.youtube.com/watch?v=8m-tnttH4ac

Energie-Krieg in Syrien – Kämpfe nur um Öl und Gas-Lieferrouten – Wer darf nach Europa liefern?
http://www.epochtimes.de/politik/welt/energie-krieg-syrien-kaempfe-nur-um-oel-und-gas-lieferrouten-wer-darf-nach-europa-liefern-a1930027.html

Krieg gegen Syrien: Geht alles nur um Gaspipelines?
http://www.gegenfrage.com/syrien-pipeline-gas/

A-Deiport 28.02.2017 | 20:20

"Man kann die absurde Einseitigkeit der westlichen Berichterstattung anhand der Opferzahlen des oppositionsnahen Syrian Observatory for Human Rights (SOHR) belegen."

Lieber Herr Todenhöfer,

Sie können sogar den lieben Gott vom Himmel auf die Erde holen und ihn als Zeuge für genau das benennen, was Sie gerade oben in Ihrem Artikel bezüglich der Rolle der westlichen Medien in Sachen Syrien Krieg beschrieben haben. Trotzdem werden Sie sie nicht davon überzeugen können, dass in Syrien Krieg alle Dreck am Stecken haben und nicht nur eine Seite für alles die Verantwortung trägt, was dort geschehen ist. Dies werden Sie mit Sicherheit nicht erreichen. Die westliche Medien, von den Sie sprechen zum Beispiel leute wie Kristin Helberg, sie werden weiterhin in den selben Horn blasen. Ob dies der Wahrheit dient oder nicht, das interessiert sie ein scheiß Dreck. Hauptsache ist, die Ziele, die sich die Hintermänner ausgedacht haben, die werden erreicht.

Dieses Verhalten hat kein bißchen mit der Einführung einer Demokratie zu tun. Ein Land wie Saudi Arabien ist nicht einmal ein nanometer an Demokratie interessiert. Dieses Land ist unserer wichtiger strategischer Partner in Naher Osten und obendrauf kaufen die Saudis fleißig unsere Rüstungsgüter. Was wollen wir mehr?

hakufu 28.02.2017 | 20:22

Was ist zwischen dem ersten und zweiten Akt passiert ?

Die geostrategischen Feinde des Assad-Regimes : Saudi-Arabien, Katar, die USA haben eingegriffen, weil Todenhöffer im ersten Akt mit demonstriert hat ?

Und deshalb ist es zum Bürgerkrieg in Syrien gekommen, der in der Geschichte nur wenige Beispiele hat, wer kann Assad überbieten ?

Wie stark muss der Glaube sein, dass Assad einen gerechten Kampf gegen das eigene Volk kämpft, und es gerechtfertigt ist hunderttausende zu töten, um den Kampf gegen den westlichen Imperialismus zu gewinnen ?

Wer kann so eine Kacke glauben, dass Assad mithilfe von Russland und dem Iran für Gerechtigkeit und Demokratie in Syrien sorgt ?

Da lass ich mich gerne als Hack bezeichnen, weil die Mehrzahl der Foristen, die hier glauben, links zu sein, nur das Spiegelbild von Trump sind.

Querdenker 28.02.2017 | 20:38

Ich sag mal so: mit Trump wäre das alles nicht passiert.

Ach, und "Rebellen" klingt immer so schön, so anarchisch, so sympathisch: Che Guevara, Sowjet-Stern, Pali-Tuch, die ganze linke Klamottenkiste. Es ist noch nicht so lange her, da hätten sie sich hier im Forum eine blutige Nase geholt, Herr Todenhöfer, wenn sie diese netten "Rebellen" als das beschrieben hätten, was sie sind: Mörder, Kriminelle, Ewiggestrige.

Nicht zuletzt: Assad war, ist und bleibt der Schlüssel in der Region, er ist der einzig verbliebene Verhandlungspartner für den Westen.

miauxx 28.02.2017 | 21:33

Ich bin zwar nicht Herr Todenhöfer, dennoch:

"Welche Rolle spielt China?"

China ist i.d.R. nicht bekannt dafür, sich außerhalb für Regime-Changes einzusetzen oder militärisch-strategisch Einfluss gewinnen zu wollen. Ein Konzept, dass den großen europäischen Staaten und v.a. den USA ziemlich fremd zu sein scheint. China ist wohl die einzige Großmacht, die zumindest keine militärisch aggressive Außenpolitik als Mittel je einsetzte oder einsetzt. Das besagt jedoch nicht, dass China im Syrien-Krieg, samt seiner an- oder vorhängenden Konflikte und Verbandelungen, gar keine Rolle spiele.

"Ist eine wie auch immer geartete Lösung beschränkt auf das ehemalige Staatsgebiet von Syrien überhaupt vorstellbar oder muss nicht die gesamte Region (einschließlich Israel/Palästina) einbezogen werden?"

Es kann nach meinem Dafürhalten, und der Artikel Todenhöfers spricht dafür, keine Lösung für Syrien allein sondern nur für die ganze Region, im weitesten Sinne, geben. Schließlich ist Syrien auch das Schlachtfeld eines Stellvertreterkrieges oder gar von Stellvertreterkriegen.

"Muss man für eins stabile Friedensordnung nicht auch mit den den IS tragenden Repräsentanten der Sunniten verhandeln?"

Der IS ist in erster Linie wohl eine den Frust über die "Lösung" fremder Mächte, voran die USA, für den Irak kanalisierende Protestbewegung extrem fanatischer Prägung. Dieser sogenannte "Islamische Staat" sucht einzig den Kampf - und sei er vollkommen aussichtslos. Mit diesen Leuten kann nicht verhandelt werden; nicht einmal zum Erreichen eines noch so kurzfristig gedachten strategischen Zieles. Das einzige Mittel ist, die Gründe für den Zustrom zum IS so weit es nur geht zu minimieren - den Sumpf, der solchen Fanatismus fruchten lässt, trocken zu legen. Wenn man sich jedoch die Realität anschaut, und wie ein IS im Grunde gepusht wurde oder als strategisch geheime 5. Kolonne dienlich ist, muss man sich fragen, wer denn mit "man" ("Muss man für eine stabile Friedensordnung [...]") überhaupt gemeint sein könnte.

Lethe 01.03.2017 | 10:58

Wie aus den demokratischen Protesten ein gnadenloser Krieg werden konnte, in dem jeder gegen jeden kämpft

Vielleicht beruht dieser Satz schon auf einem Reflex westlicher Medien, die immer dann, wenn irgendwo auf der Welt nach Demokratie gerufen wird, automatisch vervollständigen "Demokratie nach Vorbild westlicher Industriestaaten".

Es mag überall ein paar Leute geben, die das so meinen, selbst in Syrien. Die Mehrheit all dieser demokratisch gesonnenen Demonstranten hat von Demokratie nach westlichem Vorbild soviel Ahnung wie eine Kuh vom Stabhochsprung. "Demokratie" ist dort dann, wenn die eigene religiöse oder weltanschauliche Gruppe die Herrschaft gewinnt. Assad ist ein Diktator, ohne wenn und aber. Aber er war bis zu Beginn dieser Auseinandersetzungen die einzige innersyrische Kraft, die in einem säkularen multi-ethnischen und multi-religiösen Staat religiöse Toleranz garantierte und dafür sorgte, dass sich die unterschiedlichen Gruppen nicht permanent gegenseitig an die Kehle gehen.

Nach seiner Destabilisierung entsprach der Rest dem Erwartbaren.

30sec 01.03.2017 | 17:49

Ein Tausendsassa ist er schon, der neue Herausgeber des Freitag: "Junge Syrer demonstrierten monatelang gegen die Regierung. Das war legitim. Ich habe in Homs selbst an Demonstrationen teilgenommen."
Merke, demonstrieren in Homs verjüngt und macht Dich zum Ehren-Syrer. Und so wichtig, das Du in Absprache mit der Bundesregierung und dem Weißen Haus mit Assad Friedensgespräche führen kannst.
"Ich habe zweimal mit Assad über die Möglichkeit einer Friedenslösung gesprochen. In Absprache mit der Bundesregierung, einmal davon zusätzlich in Absprache mit dem Weißen Haus."
Ein so wichtiger Mann beim Freitag - da meldet sich gewiss bald Trump, um des Herausgebers Expertise zu Syrien anzufordern. Hat's Putin schon versucht?

walteranamur 05.03.2017 | 23:05

Herr Toddenhöfer, mir fehlt in diesem geopolitischen Makro das regionale Mikro. Dazu gehört meiner Meinung nach die Rolle der Türkei bezüglich Syrien in den Jahren 2008 bis 2012, welche Sie mit keinem Wort erwähnen. Das erste Land, welches sich mit Insbrunst auf die ersten Proteste gestürzt, diese befeuert und mit einer sehr aggressiven Diplomatie auf die Demontage von Assad hingearbeitet hat. Jeder, der GEGEN Assad war, konnte mit türkischer Unterstützung rechnen, auch der IS. Es hat sehr lange gedauert, bis der Weg, den Erdogan eingeschlagen hat (ich möchte bewusst nicht Türkei sagen) , im Westen wirklich erkannt wurde. Das war kein US-Vasallenweg, sondern eine klare türkische Strategie, nicht abgestimm : Einfluss auf die ehemaligen Gebiete des osmanischen Reiches und Verhinderung einer syrisch-irakischen Verbindung der Kurden. Um dies zu unterbinden, war der türkischen Regierung jedes Mittel recht. Schwächung Assads, Verbündete jedwelcher Couleur, welche auch logistisch unterstützt wurden. usw. usw. Vor allem aber eine massive Propaganda gegen Assad, so wie wir sie heute auch gegen Deutschland erleben. Ich nenne das "befeuern der innenpolitischen Krise mit allen Mitteln". Erdogans Aussagen 2011 : In 6 Monaten ist Assad weg. .. Die Flüchtlinge nahm er auch in dieser Absicht auf.

Daran geknüpft die Frage: War Assad 2008 ein Diktator? Ich denke nein. WAS hat ihn zum Diktator gemacht? Diese Frage geht auch an Europa: Massive Wirtschaftssanktionen der EU ab 2011 gegen Syrien und was waren im Vergleich die Reaktion der EU gegen die Türkei im brutalen Krieg gegen die Kurden im Südosten der Türkei ab 2015? Gab es diesen in den Äusserungen der EU-Politiker überhaupt? Und da gehen wir möglicherweise wieder einig: Sanktionen gegen eine Nation und Kopf in den Sand gegenüber dem Nachbarland verändern das regionale Gleichgewicht gezwungenermaßen. Meistens nicht im gewünschten Sinne. Siehe Syrien.