Eine Weile lebte sich´s gut, jetzt verschwimmt es

Eine hoffnungsfrohe Zeit 1922 lebte die russische Dichterin Marina Zwetajewa in Berlin

Berlin besitzt rund 1.900 Gedenktafeln. Nur wenige erinnern an Russen. 1992 erhielten die Sowjetoffiziere Jurij Janow und Boris Kapustin, deren Kampfflugzeug mit modernster Radartechnik 1966 über dem britischen Sektor abstürzte, aber noch einem Wohngebiet auswich, eine Gedenktafel in Spandau. Neben dem Kosmonauten Walerij Bykowskij in Marzahn und dem Raumfahrt-Konstrukteur Konstantin Ziolkowskij in Mitte wird dreier Politiker gedacht. 1998 errichtete die Botschaft der Russischen Föderation eine Bronzetafel für den Diplomaten und Außenminister Fürst Alexander Gortschakow (1798-1883). Von den vier Gedenktafeln für Lenin - an der Staatsbibliothek Unter den Linden, am Bebelplatz, am Deutschen Theater - hängt nur noch die in der Frankfurter Allee. Breschnews Tafel in der Friedrichstraße hing ursprünglich ab 1983 an seinem Moskauer Wohnhaus, bis Jelzins Berater Sergej Stankiewitsch empfahl, sie dem Museum am Checkpoint Charlie zu schenken. Seit 1993 ziert sie nun ein Haus, das Menschen ehrt, die dieser Held der sozialistischen Arbeit verfolgen ließ. Bleiben der Komponist Michail Glinka in Mitte (gestroben 1857/geehrt 2000) und in Wilmersdorf Vladimir Nabokov (1999) sowie Marina Zwetajewa.

Ihr stifteten Studenten der Freien und der Humboldt-Universität zu Berlin auf Initiative der Leipziger Slawistin Silke Waber am 6. November 1996 in der Trautenaustraße 9 eine Gedenktafel: In diesem Haus wohnte 1922 die russische Dichterin Marina Zwetajewa, 1882-1941, in Russisch: In diesem Haus lebte Marina Zwetajewa 1922. Als man es 2006 renovierte, wurde die Tafel abgenommen. Auf Nachfrage einer Doktorandin aus Witebsk brachten die neuen Hausbewohner sie jetzt wieder an.


Zwetajewa gehört zu den großen Dichtern des 20. Jahrhunderts. 1922 emigrierte sie aus Moskau über Berlin nach Prag, um sich mit ihrem Mann Sergej Efron, ehemals Offizier der Weißen Armee, wieder zu vereinen. In Berlin hat sie nur zweieinhalb Monate gelebt. Und doch war es richtig, ihr hier eine Gedenktafel zu errichten. Denn zu keiner anderen Zeit ihrer Emigration - weder in Prag bis 1925, noch in Paris bis 1939 - war sie so erfolgreich und hoffnungsfroh wie in Berlin.

Bei ihrer Ankunft am 15. Mai ist Zwetajewa keine 30 Jahre alt. Seit Jahren hat sie, außer den beiden Gedichtbänden Werstpfähle ganz zuletzt in Moskau, nichts mehr veröffentlicht. In Berlin, wo Hunderttausende von russischen Flüchtlingen leben und bis zur Währungsreform 1923 über 80 russische Verlage florieren, erscheinen innerhalb von einem Jahr fünf ihrer Gedichtbände: dank Ilja Ehrenburg schon vor ihrer Ankunft die Gedichte an Blok und der Sammelband Trennung, in Berlin und Prag enthusiastisch besprochen.

Zwetajewa bezieht mit ihrer Tochter Ariadna in der Prager Pension am Prager Platz zunächst ein Zimmer in der Wohnung der Ehrenburgs. Schon am ersten Tag begegnet sie nebenan im Café Prager Diele dem Dichter Andrej Belyj, und beide befreunden sich. Sie hat eine Liebesaffäre mit dem Verleger Abram Wischnjak (Helikon), die sich in den 24 Berliner Gedichten und der Brief-Erzählung Florentinische Nächte niederschlägt. Und sie lernt den Literaturkritiker Mark Slonim kennen, der in Prag ihr zuverlässigster Redakteur und Freund wird.


Er hinterließ ein eindrückliches Porträt: "In einem der Berliner Cafés auf der Kurfürstenstraße, wo sich russische Schriftsteller und Verleger trafen, stellte Sascha Tschornyj mich Marina Zwetajewa vor. Als Marina Iwanowna hörte, dass ich in Prag lebte, überhäufte sie mich mit Fragen. Sie sprach leise, schnell, aber artikuliert, die großen grünen Augen gesenkt, ohne den Gesprächspartner anzusehen. Von Zeit zu Zeit warf sie den Kopf zurück und dabei flog ihr leichtes goldbraunes Haar auf. Einige ihrer mit Silberringen geschmückten Finger hielten eine lange Zigarettenspitze aus Holz: Sie rauchte ununterbrochen. Der große Kopf auf schlankem Hals, die breiten Schultern und eine gewisse Gestrafftheit des zierlichen Körpers vermittelten den Eindruck von Kraft und Leichtigkeit, Zielstrebigkeit und Zurückhaltung. Ihr Händedruck war fest, männlich."

Zwetajewa tritt sogleich im Haus der Kunst auf, dieser 1921 im Café Landgraf auf der Kurfürstenstraße errichteten Arche Noah russischer Literaten. Im Tagebuch spricht sie vom endlich erlebten Glück ausgleichender Gerechtigkeit: "Berlin, den 19. Mai 1922. Ich will nicht das leerste aller Worte gebrauchen, aber was da vorgeht, ist enorm. Alles auf einmal in beide Hände: schöpferisches Aufblühen (Explodieren!), das Gewaltige der Stunde, der Bruch mit Russland und Vorabend und Leben alles Genannten, verschmolzen in einem einzigen Namen. Tausend und eine Nacht Gespräche, die Welt von neuem. Ich bin ruhig. Ich weiß, dass der Weg meines Lebens daran vorbeiführt. Aber das begleitet mich, von mir angenommen (mir gegeben?), weil ich es mehr als alle anderen brauche, nach dem herrlichen Gesetz der Gerechtigkeit. Es ist für mich eine Begegnung an allen Fronten: menschlich, schöpferisch und im Tiefinnersten."

Sie, die in den Moskauer Hungerjahren nur privat als Autorin existierte, die unablässig schrieb und im Übrigen zu überleben bemüht war, nimmt in Berlin erstaunt zur Kenntnis, dass ihre Landsleute sie öffentlich als Dichterin feiern.


Am 7. Juni 1922 trifft Zwetajewa ihren aus Prag angereisten Mann wieder, von dem sie durch Revolution und Bürgerkrieg fünf Jahre getrennt war. Sie mietet in der Pension Haus Trautenau in einem der oberen Stockwerke zwei Zimmer mit Balkon zur Straße. Seit ihrer Kindheit spricht Zwetajewa fließend Deutsch. 1904 hat sie ein Schuljahr in Freiburg, 1910 einen Sommer in Dresden und Berlin verbracht. Und in den Wirren des Bürgerkriegs 1919 entwirft sie ein großzügig idealisiertes Gegenbild des geliebten Deutschland: "Meine Leidenschaft, meine Heimat, Wiege meiner Seele! Festung des Geistes, die gewöhnlich für ein Gefängnis der Körper gehalten wird!" - "Das ist das Land der Freiheit. Ich bezeuge es. Ein Land, wo das Gesetz (des Zusammenlebens) nicht nur mit der Ausnahme rechnet, sondern sie verehrt."

Dennoch fällt die Entscheidung für ein Leben in Prag, wo Efron studiert und auch Zwetajewa als russische Emigrantin von der Regierung Masaryk monatlich Unterstützung erhält. Der Entschluss scheint ihr nicht leicht gefallen zu sein. Denn am 27. Juni bekam sie aus Moskau einen Brief von Boris Pasternak, der seine Ankunft in Berlin ankündigte. Und ihm antwortet Zwetajewa am 29. Juni noch: "Ich bin für längere Zeit in Berlin. Ich wollte nach Prag ziehen, aber dort sind die äußeren Lebensumstände sehr schwer. Hier bin ich mit niemandem befreundet, außer mit Ehrenburgs, Belyj und meinem Verleger Helikon. ... Es lebt sich sehr gut hier: nicht Stadt (diese oder eine andere), sondern Namenlosigkeit, Ungebundenheit! Man kann ganz ohne Menschen auskommen. Ein wenig wie in jener Welt."

Begeistert teilt Pasternak ihr mit, dass er ihre Werstpfähle gelesen und sie als Dichterin entdeckt hat. In der sommerlichen Stille ihres Trautenau-Refugiums taucht Zwetajewa ihrerseits in Pasternaks Widmungsexemplar seiner Gedichte Meine Schwester, das Leben ein: "Es war Sommer damals, und ich hatte einen Balkon in Berlin. Stein, Hitze und Ihr irdisches Buch auf den Knien. (Ich saß auf dem Fußboden.) Ich lebte damals zehn Tage mit ihm - wie auf einem hohen Wellenkamm". Aus der Lektüre entstand ihr in Berlin veröffentlichter Essay Lichtregen, keine Rezension, sondern ein Hymnus auf Pasternaks Dichtung. Er kam am 1. August, einen Tag nach Zwetajewas Abreise, in Berlin an. Sie sind sich hier nicht mehr begegnet. Doch die Anerkennung durch einen Ebenbürtigen in Moskau und die Verwandtheit ihrer beider Auffassungen von Dichtung wird sie in der kommenden schweren Zeit in der politisch radikalisierten und zerspaltenen, aber ästhetisch konservativen russischen Emigration tragen.

Ehrenburg erhielt 1921 als einer der ersten Sowjetbürger ein Auslandsvisum. Auf Zwetajewas Bitte hin suchte er nach Sergej Efron und führte beide wieder zusammen. Aber es gab politische Differenzen. In Moskau hatte Zwetajewa von 1917 bis 1921 den Gedichtband Feldlager der Schwäne geschrieben, eine Heroisierung der Freiwilligen-Armee der Weißen. Ehrenburg hatte den Bürgerkrieg auf der Krim miterlebt. "Ich machte den Versuch, Marina das wahre Gesicht der Weißgardisten vorzuführen - sie glaubte mir nicht. Ich versuchte, ihr zu widersprechen - sie wurde wütend. Das Wiedersehen mit ihrem Mann verlief dramatisch. Er berichtete ihr von den weißen Gräueln, den Pogromen, der inneren Leere. In seinen Worten wurden die Schwäne zu Raben. Marina war zutiefst verwirrt. In Berlin sprachen wir einmal eine ganze Nacht hindurch; gegen Morgen sagte Marina, sie würde das Buch nicht veröffentlichen." Tatsächlich ist es erst 1958 in München erschienen.


Dramatisch verläuft das Wiedersehen auch, weil Efron das Liebesverhältnis zu Wischnjak wahrnimmt. Er erkennt darin einen Mechanismus, ohne den Zwetajewa nicht mehr existieren und dichten kann, auch wenn das ihr und ihm immer tiefere Wunden schlägt. Zwetajewa dagegen eröffnet Wischnjak in Briefen, seine Zärtlichkeit habe ihr im Sowjetalltag zuletzt "erfrorenes" Inneres wiedererweckt, in der Spartanerin die Frau befreit. Die Berliner Gedichte berühren zuerst das Thema "weltweiter Verwaistheit" und "landloser Brüderlichkeit", dann das der Amazone, die sich um ihres Dichterhandwerks willen "irdischer Liebe" erwehrt. Das "fehlende Gewicht" dieser Liebe macht sie verzweifeln. Zugleich hat Zwetajewa in den Gedichten geradezu prophetisch - "Damit du nicht verwest / Mit der Aufschrift: nicht identifiziert" (9. Juli) - ein unvergängliches Bild des Geliebten hinterlassen. Wischnjak emigrierte weiter nach Paris und wurde 1943 nach Auschwitz deportiert.


An Berlin
Der Regen wiegt den Schmerz ein.
Unter dem Fluten herabgelassener Läden
Schlafe ich. Über den erzitternden Asphalt
Hufe - wie Beifallklatschen.//
Eine Weile lebte sich´s gut, jetzt verschwimmt es.
In meiner golden erglänzenden Verlassenheit
Habt ihr euch, Kasernen, erbarmt
Der märchenhaftesten aller Verwaistheiten!

Die zweite Gedichthälfte setzt sich ganz aus bittersüßen Gefühlszuständen zusammen. Außergewöhnlich berührt das Paradox mitfühlender Kasernen. 1916 hatte Zwetajewa von ihrer Heimstadt noch gesagt: "Moskau! - Was für eine große/ Herberge für fremde Wanderer!" In ihrer doppelten Verlassenheit jetzt, als emigrierte Dichterin und als Liebende, fühlt sie sich in der preußischen Fremde vorübergehend aufgehoben.

Zwetajewas romantisches Deutschland-Bild wurde bald desillusioniert. Den Einmarsch der Deutschen in Prag im März 1939 konterte sie mit vehementer Trauer in ihren Gedichten an Tschechien und mit einer Absage an diese Welt. Drei Monate später folgte sie gegen ihren Willen Mann und Tochter, die zu Anhängern des Sowjetstaates geworden waren, und kehrte aus Paris nach Moskau zurück. Nach der Verhaftung von Ariadna und Sergej Efron im Herbst 1939 und nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion nahm sie sich in der Evakuierung am 31. August 1941 das Leben. Einzig Ariadna überlebte. Nach der Rehabilitierung ihrer Mutter, für die Ehrenburg sich einsetzte, brachte sie ab 1961 Zwetajewas Werke heraus.

Als sich 1992 ihr Geburtstag zum 100. Mal jährte, erklärte die UNESCO es zum Zwetajewa-Jahr und die Moskauer Intelligenz eröffnete in ihrem letzten Wohnhaus vor der Emigration ein Museum und Forschungszentrum. Auch Berlin erinnerte sich an die schöne Sprengkraft ihrer Dichtung. Im Januar 1989 brachte die Ost-Berliner Volksbühne eine szenische Lesung von Zwetajewas in Prag entstandener Revolutionssatire Der Rattenfänger, die noch Ende Oktober, kurz vor dem Mauerfall, vor vollem Saal wiederholt wurde.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare