Eine Welt gegen die Welt halten

Zum Todestag von Uwe Johnson Der Schriftsteller Uwe Johnson und die Wechselseitigkeiten einer schwierigen Liebe zum Klützer Winkel

Von diesem Zimmer, dem letzten, in dem sich der Mann aufhielt, schoss jemand, vielleicht ein Journalist, vielleicht die Polizei, ein Foto: auf dem Tisch zwei Weinkorken, Papiere, Zeitschriften. Drumherum schwere Ledersessel, eine Katze aus Ton, fast kniehoch. Die Katze Erinnerung, unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Auf dem Stäbchenparkett eine getrocknete Blutlache, an der Wand eine Karte von Mecklenburg und ein Gedicht, das ihm einer vor langer Zeit gewidmet hat.

Als der, den sie als handfesten Trinkkameraden kannten, nicht mehr im Pub von Sheerness-on-Sea erschien, und auch seine Putzfrau keinen Einlass fand, schlugen der Wirt des Lokals und ein anderer Mann das Kellerfenster des Hauses Marine Parade 26 ein und fanden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. "Charles", wie sie ihn im Pub alle nannten, ohne mehr über diesen Mann zu wissen, als dessen deutscher Akzent preisgab, war beim Entkorken der dritten Flasche Wein dieses Abends an einem Herzinfarkt gestorben. Wahrscheinlich in der Nacht auf den 24. Februar 1984, wie man später, anhand des aufgeschlagenen Terminkalenders, rekonstruierte, ohne es je genau zu wissen. "Charles" starb als einsamer, zerstörter Mensch.

Dieser Tote, der erst am 19. März 1984 in seinem Haus in Sheerness-on-Sea aufgefunden wird, ist der Schriftsteller Uwe Johnson aus Mecklenburg, Verfasser der Jahrestage I-IV, der Mutmaßungen über Jakob und anderer Werke, in denen die mecklenburgische Landschaft verewigt wird wie sonst nirgends in der Literatur. In Sheerness-on-Sea, auf einer kleinen Insel in der Mündung der Themse, lebte er seit Jahren, auch deshalb, weil ihn der Ausblick auf das Wasser an die Heimat, die mecklenburgische, erinnerte, von der er sein Leben lang nicht los kommt und in der er zu sterben gehofft hat. "Möge mir dieser Anblick gegenwärtig sein in der Stunde meines Todes."

Sein Sterben hat Johnson lange vorweggenommen, weniger als Ahnung, sondern als Konsequenz dessen, was mit einem geschieht, dem das bisher Gelebte, Gehoffte, Gefühlte als willkürliche Täuschung erscheint. In den Begleitumständen, dem Buch zu seinen als Gastdozent der Frankfurter Goethe-Universität im Jahre 1980 gehaltenen Vorlesungen, beschreibt er die Voraussetzungen und Hindernisse seines schriftstellerischen Schaffens mit diesem Satz: "Eine Beschädigung der Herzkranzgefäße war begleitet von einer Beschädigung des Subjekts, das ich in der 1. Vorlesung eingeführt habe als das Medium der schriftstellerischen Arbeit, als das Mittel einer Produktion."

Obwohl Johnson ein Jahr vor seinem Tod nach zehnjähriger Schreibhemmung den vierten Band der Jahrestage fertig stellen kann, sind es jene körperlichen, seelischen und schreibmetaphysischen Beschädigungen, die schließlich zu seinem Tod führen.

Als Uwe Johnson stirbt, ist er außer wenigen Eingeweihten in seiner Heimat kaum jemandem bekannt, schon lange nicht den Menschen des Hauptortes seines Werkes Jahrestage im Klützer Winkel. Johnson, der in den Westen Gegangene, ist in der DDR nur auf Umwegen zu erhalten. Auch sind die Klützer Bauern, Handwerker und Kaufleute, hart arbeitende Menschen zumeist, die vor und erst recht nach der Wiedervereinigung ganz andere Sorgen haben, als ihre literarische Neugier zu befriedigen. Von der Familiengeschichte der Cresspahls - deren Weg durch das III. Reich und den Sozialismus später - eine Geschichte, die sich, so jedenfalls bei Johnson, genau vor ihrer Haustür abspielt, wissen sie nichts.

Groß ist in Klütz das Erstaunen, als nach der Wende Literaturwissenschaftler und Weggefährten Johnsons auftauchen und die Spuren des Autors, die Spuren der Gesine Cresspahl und ihres Vaters Heinrich, der Hauptgestalten aus den Jahrestagen, finden wollen. Sie kommen, um die aus dem Roman bekannte Bischofsmütze der Kirche oder den Getreidespeicher zu bestaunen oder um auf dem Friedhof nach den Namen derjenigen zu suchen, die Johnson beschrieben hat.

Erst nach und nach dämmert den Klützern, wer ihnen verloren ging, bevor sie ihn kennen lernen konnten. Als dem Ort schließlich der erwähnte Getreidespeicher geschenkt wird, entsteht aus einer Idee ein Plan: Klütz will im Sommer 2005 ein Uwe-Johnson-Literaturhaus eröffnen.

Ein Bauchschmerz-Plan, schon jetzt. Denn wie umgehen mit diesem Schriftsteller, der doch eigentlich aus Kammin in Pommern stammt? Für die Lektüre seiner Bücher hat niemand von den Mitgliedern des Fördervereins Zeit. Oder Geduld. Oder Verständnis. Ein schwieriger Mensch, sagt der Klützer Apotheker Eckard Witte, der Vorsitzende des Fördervereins. Und dann erst die Klützer, die dagegen sind und lieber eine Kinderkrippe wollen. Mag es auch nur eine Handvoll sein. Diese Handvoll jedenfalls und viele andere Klützer auch sind nicht einmal zu den Veranstaltungen des vorjährigen Klützer Literatursommers erschienen. Jener Sommer, in dem Uwe Johnson 70 Jahre alt geworden wäre - anderthalb Jahrzehnte, nachdem alles zu zerbrechen begann, was mit Sozialismus zu tun hatte und all den Ungerechtigkeiten, die in seinen Büchern mit dem Schicksal seiner Protagonisten verknüpft hat.

Als ich zu Uwe Johnson finde, scheint es zu spät für eine erfüllte Heldenverehrung. Zum letzten Mal ist der Autor im Herbst 1983 öffentlich aufgetreten und hat auf der Frankfurter Buchmesse gelesen. Als er im Jahr darauf stirbt, stecke ich in den Vorbereitungen zu meinem westeutsch-humanistischen Abitur, und von Johnson kenne ich nur den Namen. Warum er - obwohl von Kollegen und Rezensenten als einer der größten deutschen Autoren gepriesen - kein Teil meiner Schulbildung ist und ich von mir aus nicht auf seinen Namen stoße, ist ein schwierige Frage.

Vielleicht, weil Johnson auch im Westen nicht gelesen wird und nur unter dem Schlagwort Autor der deutsch-deutschen Teilung bekannt ist. Eben diese Teilung aber gilt zu Zeiten meiner Schulbildung längst als ein selbstverständlicher Zustand, über den meine Generation nicht mehr staunt, sich empört, schon lange nicht zerreißt. Der Sozialismus ist mir fern. Peinlich, das zu sagen. Böll und Frisch, Dürrenmatt, Andersch und Grass, das sind die Ikonen meiner von den Achtundsechzigern geprägten Lehrer. Von Johnson spricht man - wenn überhaupt - als von einem der Unlesbaren; in einer Reihe mit Proust und Joyce.

Die Mutmaßungen über Jakob, Johnsons Erstling bei Suhrkamp, bezeichnet Walter Jens als "das Schicksalsbuch der DDR-Jugend der 50er und 60er Jahre". Als Westlerin mit einer Jugend in den siebziger und achtziger Jahren, die Republik-Flucht und FDJ-Festivals nicht als Teil der eigenen Wirklichkeit erlebt, lese ich Johnson weniger als politischen Autor, sondern als einen, der über die Geflechte einer Gesellschaft, über die Geschichte von Verlusten erzählt. Dass die Ungerechtigkeiten, die Johnsons Figuren erleiden, in meiner deutschen Wirklichkeit außer Kraft gesetzt scheinen, lässt mich Johnson als "Seelenautor" empfinden. Ein Begriff, gegen den er sich vehement gewehrt hätte - so vehement, wie ich verteidigen würde, dass man ihn als Schriftsteller großer Gefühle sehen darf. Gesine, Heinrich Cresspahl und auch Jakob Abs aus den Jahrestagen begreife ich zunächst einmal als moralische Instanzen. Gerade als ich meine, die Spielarten der Liebe und der Freundschaft zu kennen, lese ich bei Johnson von einer anderen Zartheit der Beziehungen, von ihrer Verletzlichkeit, vom unentrinnbaren Flechtwerk aller Dinge. Ich leide mit seinen Figuren und fühle mich getröstet zugleich.

Johnsons rigides Gerechtigkeitsgefühl, seine Kompromisslosigkeit und die Lebensfragen, die er seinen Personen deshalb aufbürdet, heben ihn für mich über die vergangene politische Wirklichkeit hinaus. Gehen wie Gesine Cresspahl und überleben, beschädigt zwar, aber immerhin. Oder bleiben wie Jakob Abs und sterben, vielleicht ist das nur eine andere Form der Frage nach dem Ertragen der Umstände und Zustände der jetzigen Gesellschaft, die sich auch in Lügen und Täuschungen, Verrat und Vergessen verstrickt.

Gesines Aufbegehren, das zugleich ein Verrat ist, oder Jakobs "Aufrechtheit", sein unbeirrbares Dulden - für mich haben diese Konflikte nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren, nichts von ihrer Gegenwärtigkeit, nichts an Schmerz. Oder jener Satz aus den Mutmaßungen über Jakob: "Soll sich einer verlieren über dem Zweck?" - Möge er doch stehen über jedem Leben und jedem Journalistenschreibtisch, in jedem Briefkopf und in der Charta der Vereinten Nationen.

Zunächst aber finde ich zu Johnson über Johnsons Landschaften, über die mecklenburgischen Seen mit ihren Wasserspiegelungen, vor allem über den Klützer Winkel und seine Alleen, die einen stillen Ernst ausstrahlen und eine Unbeugsamkeit, die ich später bei Johnsons Figuren wiederfinde. Das Wandelbare ist das Mecklenburgische und war das Johnsonsche nicht.

"Es gibt kein größeres Leid auf Erden, als den Verlust der Heimat", schrieb der Philosoph Euripides 431 vor Christi. Ein Spruch, den das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zum Motto seines 50. Gründungstages erhob, und damit auch den seelischen Schmerz anerkannte, den ein Flüchtlingsleben mit sich bringt. Mit den heutigen Heimatverlusten identifizieren wir den Sudan und den Kongo, den Balkan, Palästina, den Kaukasus, wo Krieg oder Not herrschen und Menschen gegen ihren Willen ins Exil aufbrechen müssen. Bei Johnson ist der Heimatverlust über das unmittelbare Erleben hinaus auch eine metaphysische Erfahrung. Die Heimat bürgt für menschliche Existenz: Für Liebe, Geborgenheit, für Erinnerung und Tod.

"Wohin ich in Wahrheit gehöre, ist die dichtumwaldete Seenplatte Mecklenburgs", schreibt Johnson in den Jahrestagen. "In Wahrheit", das impliziert eine Unwahrheit für alle anderen Orte und geografischen Zustände. "Es ist eine Täuschung und fühlt sich an wie Heimat". Da spricht ein Verlorener, dem der Boden unter den Füßen entzogen ist.

Als der Suhrkamp-Verlag sich anschickt, die Mutmaßungen des damals blutjungen Schriftstellers zu veröffentlichen, verlässt Johnson Mecklenburg, geht nach Berlin, dann nach New York, schließlich nach England. Die Seen und Flüsse aber vergisst er nie. In den Jahrestagen lässt er Gesine eine ganze Wasserkunde aufbieten, sie stellvertretend für die eigenen Sehnsüchte die Spiegelung der Müritz selbst in den Scheiben eines New Yorker Bankhauses entdecken. Die stete Beschäftigung mit den immer gleichen Figuren, die Alkoholsucht, die Depressionen, die Schreibhemmungen, man mag sie sehen als die immer währende Suche nach einer verlorenen Heimat.

Doch ist Johnsons Heimatlosigkeit, seine Unbehaustheit, nicht allein die Konsequenz seines Fortgehens. Sie ist auch ein Zustand, die Lagebeschreibung einer aus ihren Koordinaten gerutschten Seele.

Johnsons Mecklenburg bleibt festgelegt zwischen Güstrow, Grevesmühlen, Boltenhagen und dem Klützer Winkel, der Wurzel aller Erinnerungen von Gesine Cresspahl. Ein Winkel, um den sich lange niemand schert, es sei denn, er leidet wie Johnson an der spröden wie schmerzlichen Sehnsucht nach den schattigen Alleen, den Spiegelungen der Flüsse und Seen, mit denen Mecklenburg übersät ist - eine glitzernde Wasserlandschaft unter einem immer melancholischen Himmel, "das Licht drückt die Lider nieder".

Der "Heimatchronist im besten Sinne" (Jürgen Grambow), der Mann mit dem "homerischen Gedächtnis" (Max Frisch) hat dieses Mecklenburg beschrieben und erfunden. Selten ist zu unterscheiden, wo das Erfundene im Wirklichen beginnt und das Wirkliche im Erfundenen endet. "Wozu also taugt der Roman? Er ist ein Angebot. Sie bekommen eine Version der Wirklichkeit. Es ist nicht eine Gesellschaft in der Miniatur, es ist kein maßstäbliches Modell. Es ist auch nicht ein Spiegel der Welt und weiterhin nicht ihre Widerspiegelung; es ist eine Welt gegen die Welt zu halten" (aus: Vorschläge zur Prüfung eines Romans).

In diesem Sinne ist Klütz nicht Jerichow aus den Jahrestagen, und ist es doch, und war es doch. 1188 als "Silva Clutse" erstmals erwähnt, ist Klütz heute ein 3.000-Seelen-Ort an der Lübecker Bucht, unweit des Ostseebades Boltenhagen. Durch die Straßen wehen der Ostwind und die Ödnis. Leben möchte man dort nicht. "Man müsste überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Klütz langer als eine Stunde erträglich zu finden." Bei Johnson wird die Idylle bald als Trugbild entlarvt, ist sie ein dunkles Konglomerat aus Enttäuschungen und Selbsttäuschungen.

Ob Johnson Klütz je besucht hat, ist nicht erwiesen. Der Autor arbeitet nach Vorlagen, Postkarten, Zeitungsausschnitten. "Jerichow zu Anfang der dreißiger Jahre war eine der kleinsten Städte in Mecklenburg-Schwerin, ein Marktort mit zweitausendeinhundertundfünfzig Einwohnern, einwärts an der Ostsee gelegen. Ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinpflastern", heißt es in den Jahrestagen. "In diesem Winkel regiert der Adel, Arbeitgeber, Bürgermeister, Gerichtsherr über seine Tagelöhner, als Raubritter berühmt geworden, als Unternehmer wohlhabend."

Jerichow ist vor allem ein Ort der Erinnerung an Kindheit und Unschuld und dem Verlust von beidem. Schon deshalb lassen sich die Jahrestage nicht wie eine Blaupause lesen. Zwar sieht die Marienkirche zu Klütz wirklich so aus wie die Jerichower Petrikirche, und Schilder weisen auf Schloss Bothmer hin, einst eine Perle der mecklenburgischen Herrenhaus-Architektur, heute ein verfallendes Anwesen mit blinden Fenstern und mecklenburgischem Unkraut im englischen Garten. Seit Jahren führen die neuen Besitzer aus dem Westen, die das Schloss für ein paar Mark erwarben und dann doch nicht in ein Hotel umbauen ließen, einen Rechtsstreit gegen Klütz, eine Provinzposse der besonderen Art, die Johnson sicherlich amüsiert hätte. "In diesem Winkel fiel das Wunderliche nicht als wunderlich auf."

Den Ziegeleiweg aber, in dem das vom Großvater geerbte Haus der Gesine Cresspahl steht, gibt es nicht - er ist Johnsons ganz private Sehnsucht. Und auch Spuren der Familie Cresspahl findet man keine, nicht einmal auf dem Friedhof. Dort erinnert ein Stein an die Opfer des Untergangs der Cap Arkona im April 1945 mit Tausenden von KZ-Häftlingen: "Den Toten zur Ehre - den Lebenden zur Mahnung". Der Katastrophe hat Johnson acht Seiten im Band III der Jahrestage gewidmet, ebenso dem nahen Lager Fünfeichen, in dem Heinrich Cresspahl interniert wurde.

Vom Westen aus gesehen ist der Klützer Winkel vor der Wende unendlich weit, sind Ostsee und Bodden eine Endmoräne des Sozialismus, in der es sich unbemerkt und still überleben lässt. Im äußersten Winkel des Winkels, zieht sich die Ostsee in den Dassower See zurück, damals Teil des Sperrgebiets. "... nur zwölf Kilometer von meines Vaters Haustür und unerreichbar, das Ufer als Demarkationslinie, Staatsgrenze, das Wasser: britische Zone, Bundesrepublik Deutschland, der Westen", erzählt Gesine. Nach Dassow, dessen gleichnamiger See schon Lübecker Hoheitsgebiet ist, kam man nur mit einem Passierschein. Am Ostseestrand, in Rosenhagen und Brook, warnen Schilder vor dem Übertreten jener Linie, die zuviel Nähe zum Klassenfeind bedeutet.

Heute heißt die Dassower Demarkationslinie Kolonnenweg und ist eine beliebte Radfahrstrecke. Überhaupt hat man in Klütz mit der sozialistischen Vergangenheit gründlich aufgeräumt. Verschwunden ist, was grau und schäbig, ärmlich und im Wege war, um Eisstuben, Döner-Ständen, Werbeschildern Platz zu machen. Nur die Kartoffeln und Ranunkeln dort, wo im Westen Rosen stünden, wie auch die über grau asphaltierte Höfe hinweg gespannten Wäscheleinen erinnern an Zeiten, als Bescheidenheit eine Tugend war.

Als Gesine Cresspahl im "Frühling des vierten Jahres der Deutschen Demokratischen Republik" türmt, tut sie dies, "obwohl sie wusste: Moralisch, politisch, zukunftsbewusst gesehen, tue ich mir das Schlimmste an, was ich tun kann, ich geh in die Vergangenheit."

In den Westen gedrängt, zählen die eigenen Erinnerungen nicht mehr. Johnson bleibt ein Fremder, eine einsame Gestalt, von Freunden und selbst von seinem Verleger Siegfried Unseld wegen seiner Unberechenbarkeit gefürchtet.

Nur die Erinnerung kann halten, was schon verloren ist oder verloren gehen kann. "Für wenn ich tot bin", erzählt Gesine der zehnjährigen Tochter Marie die Geschichte ihrer Familie.

Aus Johnsons Angst vor dem Verlust des Unwiederbringlichen wird eine "Sucht nach Verrat", eine vielleicht krankhafte Neigung, anderen Treulosigkeit zu unterstellen. Daran zerbrechen Freundschaften, schließlich Johnsons Ehe. Eine angebliche, bis heute nicht belegte Affäre seiner Frau Elisabeth zu einem Mitarbeiter des tschechischen Geheimdienstes ist Anlass der Trennung, vielleicht auch der Beginn der Selbstzerstörung durch Alkohol und inneres Exil, die erst zu einem schriftstellerischen Verstummen, schließlich zu einem einsamen Tod führen.

Der Johnson auf den frühen Fotos, ein blonder junger Mann mit einem wehen, aber durchaus attraktiven Gesicht und der Tote aus der Wohnung in Sheerness-on-Sea haben kaum noch Ähnlichkeit. Als Johnson stirbt, ist er ein dicklicher, glatzköpfiger, aufgedunsener Mann, der auch 59 oder 69 sein könnte. In der Zerstörung der Ehe mit seiner Frau, die sein Werk begleitet, mit der er Wort für Wort besprochen, der er jede Person erläutert hat, sieht Johnson ein Hinwegfegen seiner Literatur. Die gescheiterte Liebe vergiftet die Erinnerungen, beraubt den Menschen dieser und seiner Sprache. Was bleibt, ist ein Abgrund in der eigenen Biografie und wiederum ein Stück verlorene Heimat. "Wie in die Fotografien sei in die Vorräte der Erinnerungen eine Sperre eingestanzt: Unwahr. Falsch. Vergiftet. Entwertet. Ungültig."

Seit Johnsons frühem Tod, dem später ein schmutziger Erbschaftsstreit zwischen der Witwe, dem Suhrkamp-Verlag und einigen Geiern der Medien folgt, sind in fast jedem Jahr neue Bücher über den Autor erschienen, bekannter geworden ist dadurch sein Name - sein Werk nicht.

Nur die Verfilmung der Jahrestage durch Margarete von Trotta - mit einer hinreißend eleganten Susanne von Borsody als Gesine und Matthias Habich als dem Vater Heinrich Cresspahl, so schwerblütig und verletzlich, dass man sich durch den Film wie durch eine Seifenoper seufzen möchte - holt Johnson von seinem Unverständlichkeits-Thron, auf den man ihn fälschlicherweise in West und Ost gesetzt hat. Auf dem Altar der Publikumstauglichkeit opfert von Trotta zwar die Vielschichtigkeit des Erzählers Johnson - ein bedrücktes und daher sehr mecklenburgisches Werk ist es trotzdem geworden, allerdings ohne den gnadenlosen Blick des Schriftstellers für die Lebenslügen und den Schmutz rechter und linker Politik. Ob die weichgezeichnete Landschaft und die blitzblanken Protagonisten Johnsons Beifall gefunden hätten? "Ohoh", würde Heinrich Cresspahl sibyllinisch brummen.

Dabei gibt es viele gute Gründe, Johnson zu lesen, einfach nur zu lesen. Man muss nicht jede Anspielung verstehen, nicht jede politische Finesse erfassen. "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen", eröffnet Johnson die Mutmaßungen. Auch Johnson lief quer, literarisch sowieso, seine Grammatik macht bisweilen den Eindruck, entglitten zu sein. Wer ihn liest, muss langsam und geduldig sein, mit einem langen Atem wie die Mecklenburger, über die Bismarck einmal behauptete, der Weltuntergang fände bei ihnen 100 Jahre später statt als andernorts.

Man mag Johnson zu Recht vorwerfen, er mache es dem Leser nicht leicht, und sein Stil sei unerträglich bisweilen. Aber man muss die Romane auch nicht in einem lesen, es reicht in Teilen. Man entdeckt stets neue anbetungswürdige Sätze. Die Jahrestage zu lesen, ist wie in ein Mary-Poppinsches Karussell einzusteigen, Zeit und Raum aufzuheben und in Gesines Welt wieder auszusteigen. Jakob, Gesine, Heinrich, Marie, Frau Abs - sie bleiben nicht auf ihren Buchseiten. Gespenstisch und schmerzgebückt schleichen sie sich zu den Leichen im eigenen, in unserem Keller. Auf ihrer Suche nach Wahrheit sind sie eckig und kantig, am Leben schleifen sie sich so erbarmungslos wund, dass man nicht umhin kann, ihnen zur Seite stehen zu wollen.

"Mein Vater ... lebte allein in dem Wind, der grau und rau vom Meer ins Land einfiel, hinweg über ihn und sein Haus" - eine solch poetische Liebeserklärung einer Tochter gibt es selten in der Literatur. "Er sei in der Tat auf der Strecke geblieben mit dem Entwurf einer Liebe sonder Vorbehalt", dieser Satz aus Skizze eines Verunglückten, den der Protagonist Joachim de Catt auf die Frage hin formuliert, wie er sich denn so intensiv habe einlassen können auf einen anderen Menschen, muss man einfach bewundernd bewahren. Und viele andere, die tröstlich sind, wenn sich die eigene Lebenslage als schief erweist. "Auch er... sei Geschichten aus dem Wege gegangen, wenn sie ihm befangen schienen in nur einem Menschen, oder zweien", lässt Johnson den Schriftsteller Joachim de Catt sagen, als er wegen Mordes an seiner treulosen Frau vor Gericht steht. "Und doch, so die Antithese, vollziehe das menschliche Leben sich am einzelnen Ich oder verfehle sich daran. Nirgends sonst."

"Wo ich herkomme, das gibt es nicht mehr", schreibt Johnson und gibt damit die Antwort auf eine oft gestellte Frage: wie hätte er die Wiedervereinigung von West und Ost wohl erlebt?

Wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre, diese nicht ganz ernst gemeinte Beschreibung im Band III der Jahrestage ist eine verblüffende, wenn auch nicht ganz treffende Vorausnahme der heutigen Situation. "Die Stadtstraße wäre ein Kanal zu ebener Erde, asphaltiert, einfasst von Kristallglas und Chrom. Jerichow würde zum Zonenrandbezirk Lübeck gehören. Abgeordnete im Kieler Landtag, Schimpfen auf Kiel. Der überlebende Adel kandidiert für die CDU. Manchmal und öfter benähmen sich die Jerichower als wären sie Klützer."

Je näher man ihn kannte, desto weniger verstand man ihn, sagt der Lektor Reinhard Baumgart über Johnson. Günter Kunert erinnert sich, alle hätten Angst vor ihm gehabt. Und Max Frisch schreibt in seiner Nachrede auf den Verlassenen und Verstörten, dessen Einsamkeit sei zuletzt von außen nicht mehr zu durchdringen gewesen.

Diejenigen, die Johnson an sich heranlässt, sind ihm in Treue verbunden und er ihnen, sie ertragen die Ungerechtigkeiten, die aus seinem Anspruch auf Recht und Wahrheit erwachsen. Johnson will immer das Absolute. Von einer Segeltour in ihrer Jugendzeit, auf der man durch einen Sturm schwer in Bedrängnis gerät, berichtet Heinz Lehmbäcker, der lebenslange Schulfreund: Ein Motorbootfahrer bietet an, die Jungen aus dem tobenden Gewässer zu ziehen, aber Johnson lehnt vehement ab. "Uwe war schwer zu bewegen, eine ausgestreckte Hand zu ergreifen."

Tut er es doch, geschieht das in rührender Weise: "Und so bist Du für mich der menschliche Ort geworden, ohne den das einsamste Leben unmöglich ist: die Gewissheit, dass es in der Welt einen Menschen gibt, bei dem man als zusammengefasste Kenntnis sicher aufgehoben ist", schreibt Johnson im April 1979 an Siegfried Unseld.

Es mag an diesen Extremen liegen, dass keiner der Wegbegleiter und Freunde einen souveränen Mittelweg im Umgang mit Johnson findet. Der bleibt auch denen verwehrt, die sich heute mit ihm beschäftigen. Man mag seine Literatur und findet sich darin, findet sich in den Themen Einsamkeit und Verlust - oder eben nicht. Der Satz, Johnson hätte etwas gegen diese oder jene Interpretation und Betrachtung, taucht oft genug auf, um zu vermuten, dass mancher von der Person Uwe Johnson mehr als vom Autor gefangen ist. Persönliche Vereinnahmung und deren gleichzeitige Rücknahme, beides ist typisch für alles, was über Johnson erzählt und geschrieben wird. Er hat vielen das Herz bewegt und darin doch keinen Halt gefunden.

Gerade weil Uwe Johnson das Scheitern und die Verunglückung des Lebens, die verfehlte Existenz in seine Geschichten mit einbezog, mag es leicht sein, ihn auch heute noch als einen Standhaften zu lesen, der in einer Welt, die das Unwichtige zu ernst und das Wichtige zu leicht nimmt, die Fahne der Ernsthaftigkeit hochhält. "Zeuge der Verletzungen, die ein Mann und eine Frau einander antun können, habe er eine Vorstellung vom Leben in einer Ehe für sich selbst noch einmal erfinden müssen, eine anachronistische in einer Zeit, da der Ehebruch zum bürgerlichen Schwank verkommen sei." (Skizze eines Verunglückten).

Was Gesine Cresspahl und die anderen verkörpern, ist bei genauer Betrachtung ausgesprochen konservativ, bodenständig und dem christlichen Glauben, Liebe und Hoffnung zuzuordnen. Dass vieles schief geht, und die Trauer am Ende überwiegt, ist nicht Johnson anzulasten, sondern der Art, wie die Dinge sind.

In wenigen Tagen jährt sich sein Todestag zum 21. Mal, am 20. Juli 2005 wäre er 71 Jahre alt geworden. Dass er, den seine Freunde innig geliebt haben, allein in Sheerness-on-Sea stirbt, und man bis heute nicht weiß, ob am 23. oder 24. Februar 1984 ist die letzte, die schlimmste Bestätigung all seiner Vermutungen über das Leben als Verlust.

Joachim de Catt, der zum Mörder an einer treulosen Frau wird, sieht im Weiterleben nach dieser Erfahrung des Scheiterns und nach dem Verlust der gemeinsamen Erinnerungen keinen Sinn mehr. Sein Wunsch, zum Tode verurteilt zu werden, erfüllt sich nicht. "In der Folge habe er eine eigene Todesstrafe gefunden, abzuleisten durch Ableben."

Das ist der letzte Satz aus Skizze eines Verunglückten und hätte der letzte Uwe Johnsons sein können. Er sei von einer Erkenntnisbereitschaft gewesen, "die willens war, ohne Trost auszukommen", schreibt Monika Maron. Am Ende ist Uwe Johnson an dieser Trostlosigkeit, an den "Beschädigungen des Subjekts", ob nun durch seine Frau, seinen Verleger, die Schriftstellerkollegen, die politischen Umstände, die Flucht und das Heimweh oder durch selbst zugefügte Unbarmherzigkeit gestorben. "Geschichte" - schreibt Johnson auf den letzten Seiten der Jahrestage - "ist ein Entwurf." Und so wird auch seine Geschichte voller Ungewissheiten bleiben, wird kein Artikel, kein Essay, kein Buch über ihn die letzten Geheimnisse seines Wesens klären können.

Man brauche für die Entscheidungen des Fördervereins über das Literaturhaus für Uwe Johnson eigentlich Hilfe, sagte der Apotheker Witte aus Klütz. Jemand, der Johnson verstehe. Ist es anmaßend oder verstiegen, zu sagen, dass es für die Nachwendesorgen des Klützer Winkels, über die Tourismus fördernden Intentionen hinaus, kein besseres Vorhaben als dieses Literaturhaus geben kann, wenn es gelingt, mit Johnsons Hilfe "eine Welt gegen die Welt zu halten"?

00:00 18.02.2005

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