Eine Welt ohne Geld

Ökonomie Wenn Rechner uns helfen, Arbeit und Güter zu verteilen, dann können wir uns Preise sparen. Ein Szenario
Stefan Heidenreich | Ausgabe 52/2015 14

Auf lange Sicht wird es kein Geld mehr geben. Vielleicht schon in 50 Jahren, also in der ersten geldlosen Generation, wird man befremdet den Erzählungen von Großeltern lauschen, wenn sie davon erzählen, wie sie mit Metall oder Plastik ein seltsames Ritual namens „Bezahlen“ ausführten. Denn diese seltsame Verrechnungsmethode werden wir uns in etwas fernerer Zukunft sparen können.

Das heißt: wohl nicht wir selbst, sondern die, die nach uns kommen. Die geldlose Wirtschaft könnte ein Ärgernis beseitigen, das John Maynard Keynes als das ökonomische Problem bezeichnet hatte. In einem Aufsatz im Jahr 1930 hatte er in Aussicht gestellt, dass die Großenkel die Grundfragen des Wirtschaftens gelöst hätten, und damit das Ungenügen der Verteilung von Arbeit und Gütern und Geld gemeint. Spätestens in unserer Gegenwart hätte seine Prognose eintreffen müssen, und wie wir wissen, hat sie sich keineswegs bewahrheitet. Die Lösung ohne Geld, die uns nun eher aus technischen als aus ökonomischen Gründen vorschwebt, liegt nicht ganz auf der Linie von Keynes, könnte aber dasselbe Problem lösen.

Technisch gesehen – oder vielleicht genauer aus der Sicht der Medientheorie – liegt die Sache mit dem Geld sehr einfach. Als Medium des Tauschens benötigen wir Geld genau so lange, bis unsere Datenbanken alle Einkäufe und Bewertungen erfassen, speichern und verarbeiten können. Das ist mittlerweile der Fall. Technisch gesehen könnte sich Geld damit schon heute erübrigen. Historisch gehen wir durch eine Phase von Nicht-Geld zu Kredit zu Geld und weiter zu Datenbanken ohne Geld. Der Anthropologe David Graeber hatte in seinem Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre gezeigt, wie Geld entstand. Nicht aus Tauschhandel, sondern aus Schulden. Zuerst gab es Kredit – informell in dörflichen Gemeinschaften, später notiert, etwa in Tempeln. Erst das Geld verwandelt alle Transaktionen in Tauschgeschäfte. Damit macht es eine globale Ökonomie möglich, die nichts mehr notieren muss, aber überall funktioniert und bestens skaliert. Dass Geld durch Aufschreibesysteme wieder ersetzt werden könnte, wies im Jahr 1996 der heutige Präsident der Federal Reserve Bank Minnesota, Narayana Kocherlakota, nach.

Ob damit allerdings das Geld ganz abgeschafft wird oder ob es als Wertmaß noch erhalten bleiben muss, ist offen. Die Frage klingt etwas akademisch, hat aber äußerst praktische Rückwirkungen. Solange wir weiter alle Güter und Arbeiten bewerten, hätten wir zwar vielleicht das Geld abgeschafft, blieben aber im Grund bei seinen Bewertungsmustern. Wir hätten dann nur ein Ersatzgeld an seiner Stelle. Wenn aber die Bewertung selbst verschwindet, wie sollen wir dann eine Wirtschaft koordinieren? Wir müssen dazu zwei Informationen unterscheiden, die jedes Geschäft begleiten. Die eine sind der Wert und die damit verbundenen Kalkulationen. Die andere betrifft den Bedarf, das Angebot, die Nachfrage und die damit verbundenen Koordinationen. Etwa so: Ob das Bier in einer Bar drei oder vier Euro kostet, bleibt sich gleich, wenn nur dafür gesorgt wird, dass genügend da ist. Die eine Information betrifft den Wert. Die andere den Nachschub und die Logistik. Die Logistik muss weiter funktionieren, den Wert braucht keiner.

Wert und Bedarf

Ökonomen kennen eine ganze Reihe von Versuchen, das Rätsel von Wert und Preis zu lösen: Marxisten sind beim Arbeitswert geblieben, die meisten anderen schauen auf den Markt und behaupten, dort würde der Nutzen den Preis bestimmen. Wieder andere fordern, dass Nachhaltigkeit eine größere Rolle bei der Bewertung der Güter spielen sollte. Wir haben also statt eines allgemeinen Werts schon immer eine Menge einander widerstreitender Wertmaße.

Vielleicht geht es nicht mehr darum, all diese Maße auf einen Preis zu reduzieren, sondern sie in ihren verschiedenen Dimensionen zu erhalten und zu beachten. Denn uns interessiert eigentlich nicht, ob ein Ding soundsoviel wert ist oder nicht. Sondern ob wir es bekommen oder nicht. Und was wir dafür tun müssen. Das betrifft aber nicht den Wert, sondern die Zuordnung.

Es gibt nun einige Effekte und Auswirkungen dieser geldlosen Utopie, die wir zumindest kurz erwähnen sollten: Wer oder was hat überhaupt als Akteur in dieser Ökonomie zu gelten? Wie wollen wir ohne Geld Wert speichern? Handelt es sich um eine Form von Planwirtschaft? Wie wollen wir in einem solchen System unsere Zukunft gestalten? Zuletzt: Wo sollte die neue Ökonomie denn herkommen?

Akteur im Wirtschaftssystem kann alles sein, was den eigenen Nutzen kalkulieren kann und Entscheidungen zu treffen vermag. Das umfasst Menschen wie intelligente Dinge. Letztere wissen heute schon mehr als die Menschen, die sie bedienen. Das wäre das Auto, das nicht nur von selbst fährt, eigene Defekte bemerkt und weiß, wo es sie beheben kann, sondern sich auch noch selbst gehört. Eine Wirtschaft ohne Geld wäre nicht eine Planwirtschaft im alten Sinn, sondern ein einzelne Akteure beobachtendes System, in dem wir über Zukunft kommunizieren, sie entwerfen und gestalten können. Es braucht dazu kein Geld, sehr wohl aber Kommunikation und Möglichkeit, sich zusammenzutun, um an künftigen Dingen zu arbeiten. Das Speichern von Wert schließlich wird in dem System tatsächlich erschwert. Dabei handelt es sich nicht um einen Fehler, sondern um willkommenes Merkmal. In einem System, in dem alle ungefähr so viel Arbeit von der Gemeinschaft in Anspruch nehmen können, wie sie ihr geben, macht das Ansammeln oder gar Vererben großer Reichtümer keinen Sinn. Der ganze Finanzfeudalismus kann uns in diesem Fall gestohlen bleiben.

Wie die Ohne-Geld-Ökonomie funktionieren könnte, wissen wir noch kaum. Wir können nur mit guten Gründen vermuten, dass sie möglich ist und dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit kommen wird.

Wer aber wird damit anfangen? Eine Revolution braucht es nicht. Eher wird sich eine geldlose Ökonomie von den Kreisen aus ausbreiten, die ohnehin schon gewohnt sind, mit vernetzten ökonomischen Welten zu handeln. Das kann das digitale Prekariat sein wie die Szene der Gamer oder eine Kombination aus beidem: ein Prekariat von Online-Gamern, die neue ökonomische Formen im Spiel testen und von dort in die Wirklichkeit des immer schlechter funktionierenden Kapitalismus tragen.

Stefan Heidenreich hat soeben zusammen mit seinem Bruder Ralph Heidenreich das Buch Forderungen im Merve-Verlag veröffentlicht

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem vorigen Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

06:00 05.01.2016

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