Eine Welt zum Leben

UNMITTELBAR UND ALLTÄGLICH Wie Elizabeth Peyton und Wolfgang Tillmans Schönheit erzeugen

Es bedürfte keiner Statistik, um festzustellen, dass der Grossteil der interessanteren Ausstellungen von Gegenwartskunst aus guten Gründen eine Kunst zeigt, in der Farbe und Form vollkommen zweitrangig sind. Die Kunst arbeitet am Begriff und stellt Duchamps Frage, ob es überhaupt möglich sei, zu sagen, was Kunst ist, immer neu. Viele Ausstellungen erschließen sich auch über Berichte, man muss sie nicht unbedingt gesehen haben: Das Kunstschöne versteckt sich zumeist im Gedanklichen. In den Deichtorhallen in Hamburg sind mit der amerikanischen Malerin Elisabeth Peyton und dem deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans zwei junge Künstler ausgestellt, die nun wieder mit ungehemmter Lust der visuellen Schönheit zu ihrem oft bezweifelten Recht verhelfen. Farbe und Form sind bei ihnen wieder fast alles. Die kleinformatigen Porträts Peytons sind wunderschön (anzuschaun). Ebenso wie Tillmans Fotoarbeiten, die direkt daneben gezeigt werden. Das ist eigentlich alles. Es ist natürlich nicht alles. Aber es ist die Hauptsache. Das Überraschende an der Hamburger Doppelausstellung ist, auf wie unterschiedliche und doch verwandte Weise die beiden Schönheit erzeugen.

Der 1968 in Remscheid geborene und mittlerweile in New York lebende Tillmans ist schon lange viel mehr, als der Fotograf der Technogeneration, als der er berühmt wurde. Er entwickelte in den letzten Jahren ein fotografisches Universum von einer enormen Vielfalt, in dem die Stillosigkeit, die Gerhard Richter an der Fotografie begeisterte, zum Stil wird. Trotzdem geht es ihm - anders als es der Titel der Hamburger Schau Aufsicht vielleicht suggeriert - nicht um einen indifferenten Atlas der sichtbaren Welt. "Meine Arbeit zielt auf die Schaffung einer Welt, in der ich leben will." bemerkte Tillmans früher einmal und so zeigt er uns eine schöne Welt. Die vielen großformatigen Luftbilder der Ausstellung (zumeist von Städten) sind "Aufsicht". Tillmans hat sie nach den vorherrschenden Farben, meist nicht nach dem Entstehungsort betitelt. Man kann sagen, dass sie malerisch schön sind, so wie jedes andere Bild der Ausstellung auch. Wenn das nicht schon viel früher geschehen ist: Bei Tillmans erhält die einzelne Fotografie die Aura, die das Tafelbild noch immer hat. Auch wenn bei den Großformaten, die als Tintenstrahldrucke auf einfachem Papier mit Klammern an der Wand befestigt werden, immer wieder ihre - höchst bedauernswerte - Vergänglichkeit betont wird: Eine entscheidende Rolle spielt bei Tillmans auch immer die sinnliche Qualität des einzelnen Abzugs. Kleinere Aufnahmen, oft auch in Postkartengröße, sind gerahmt und ungerahmt zu sehen. Manchmal sind sie nur mit Klebestreifen befestigt. Schon bei früheren Ausstellungen verglichen Beobachter Tillmans Hängung mit dem Layout von Illustrierten. Die Bilder sind großzügig über die Wände komponiert, die so zu Bestandteilen einer fotografischen Rauminstallation werden, die Beschriftungen so versteckt wie möglich. In der Installation protest and survive aus der gleichnamigen sozialkritischen Gruppenausstellung der Londoner Whitechapel Gallery im Herbst 2000 gerät ihm das zu einer großen politischen Wandzeitung, in die sich auch Zeitschriftenausrisse einfügen. Im Zentrum steht die halbverfallene Sandburg, die an Caspar David Friedrich erinnert - Symbol für Scheitern und Vergeblichkeit. Mit ihr machte Tillmans ausgerechnet den Lesern der taz ein Postergeschenk, als er im vorletzten Jahr überraschend als erster nichtbritischer Künstler den renommierten Turner-Preis der Londoner Tate Gallery erhielt. In der rekonstruierten Installation zum Turner-Preis fühlt man sich wie in einer Kapelle der Fotografie. Während andere Fotokünstler ihr ästhetisches Programm zumeist in der konzeptuellen Beschränkung gesucht haben, findet bei Tillmans eine Entgrenzung statt, die nun auch bis zur vollständigen Abstraktion geht. Tillmans hat ganz neue, ungegenständliche Fotogramme geschaffen, die die Präsenz von informeller Malerei haben. Auch Fotografien werden mit verschiedenen Verfahren beim Entwickeln verändert und verfremdet. Manchmal nur zweiseitig abgelegte Passepartouts werden Bestandteil der Bildkomposition. Die minimalistische Strenge von Fire Islands etwa, das nur aus den seitlichen weißen Rändern und der das Blatt mittig teilenden orange leuchtenden Horizontlinie besteht, lässt an konkrete Malerei denken. Tillmans fotografische Suche nach einer schönen Welt hat oft etwas Spielerisches, zum Beispiel in den bekannten, selbstbewusst schwulen und obszönen Bildern oder in der ebenfalls in Hamburg gezeigten Concorde-Serie, in der Tillmans in Planespottermanier dem Relikt ungebrochener Technologiegläubigkeit nachjagt. Die fast schon zu schönen Stilleben, neue ganz nahsichtige Aufnahmen aus U-Bahnen, in denen Körper skulptural erscheinen, Landschaften, eine hingeworfene Hose, alles fügt sich zusammen und begeistert doch auch immer für sich genommen durch seine Flüchtigkeit. Dass Tillmans immer so nah an unserer alltäglichen Wahrnehmung ist, macht seine Arbeit so interessant. Er imprägniert unseren Blick mit Schönheit.

Wenn Ronald Jones im Katalog von Peytons Malerei als "Unvollkommenem Realismus" spricht, so lässt sich das auch auf Tillman Fotografie anwenden. Wie Tillmans handhabt auch die 1965 in Conneticut geborene Peyton ihr Medium mit flüchtiger Souveränität. Und wie Tillmans Aufnahmen muss man auch Peytons Arbeiten im Original sehen. Die Resultate sind völlig unterschiedlich. Peyton zelebriert Malerei. Wer ihre Bilder betrachtet, muss Malerei genießen können. Das fällt bei ihrem Talent nicht schwer. Die kleinen, dadurch immer sehr intim wirkenden Ölbilder, Aquarelle und Grafiken sind großartig hingeschludert. Die Farbe läuft oft an den Bilder herab; Hintergründe sind einfach zügig gekrakelt. Wenige Künstler haben die Technik des Aquarells überhaupt richtig beherrscht. Peyton beherrscht sie genauso meisterhaft, wie Zeichnung, Lithografie oder Ölmalerei. Damit steht sie in einer starken englischen und amerikanischen Tradition virtuoser Malerei, die bis zu David Hockney (von Peyton porträtiert) oder Wayne Thiebaud reicht und die bei Peyton auf keinen Fall altmodisch oder kusthandwerklich wirkt. Die Bilder sind bunt und fast comichaft einfach, stets in wenigen schnellen Strichen hingesetzt. Peyton malt ausschließlich Porträts und sie malt nur Menschen, die sie bewundert. Die Beschränkung ausgerechnet auf die Gattung Porträt scheint anachronistisch, hatte sich doch mit der Erfindung der Fotografie vor allem die Porträtmalerei scheinbar erübrigt. Dargestellt sind zumeist männliche, oft androgyn wirkende Freunde, aber auch Stars wie Kurt Cobain oder Leonardo di Caprio, die britischen Prinzen, Andy Warhol, Ludwig der Zweite von Bayern (ein erster Popstar). Schöne Menschen, einem zeitgenössischen Code entsprechend. Pop ist selbstverständliche Bestandteil der Welt Peytons und auch der Tillmans. Mit dem Niederrreissen von "High" und "Low" bringt Pop die Verweigerung der Antikunst in diese eben doch nicht "nur" schöne Kunst. Teilweise sind zu Peytons Bildern die Vorlagen-Fotos zu sehen, nach denen sie entstanden. Doch auch ohne sie wäre ersichtlich, dass, so sehr die Bilder ihre Qualität im Malerischen oder Zeichnerischen haben, sie doch auch immer von der Unmittelbarkeit des Fotos leben.

Die Gegenüberstellung von Tillmans uns Peyton hätte vielleicht genügt. Im hinteren Teil der Deichtorhalle wird sie ergänzt durch eine The Contemporary Face genannte Übersicht von Porträts. Sie reichen von Picasso bis in die Gegenwart. Hier zeigt sich schnell, nicht nur in Aufnahmen Richard Avedons oder Cindy Shermans eine starke Dominanz der Fotografie in fotorealistischer Malerei von Alex Katz, Richard Phillips und Andy Warhol bis zu Antje Majewski. Mit Luc Tuymans wie vergilbte Fotos wirkenden Bildern und besonders mit Marlene Dumas´ fragilen materialbetonten Kompositionen rundet sich die Ausstellung mit Positionen, die wieder stärker das Malerische in den Vordergrund stellen. Auch hier ist die sichtbare Schönheit von der hässlichen Realität ramponiert - aber sie hat überlebt.

Deichtorhallen Hamburg bis 13.1., Kataloge zu Tillman und Peyton in der Ausstellung je 39,90 DM, im Handel: Tillmans 78,- DM, Peyton 49,90 DM, beide Verlag Hatje Cantz, Ostfildern-Ruitz. Die Tillmans-Schau wird danach in Rivoli bei Turin, Paris und in Humblebaek bei Kopenhagen gezeigt.

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00:00 04.01.2002

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