Robert Misik
Ausgabe 2913 | 18.07.2013 | 06:00 96

Eine Win-Win-Situation

Mut Gibt es eine bessere Idee als die Sozialdemokratie? Nein, meint Colin Crouch. Jetzt muss die SPD nur noch auf den renommierten Denker hören

Eine Win-Win-Situation

Sozialdemokratie setzt den Menschen über die anonymen Prozesse des Marktes

Illustration: Otto

Das ist mein optimistisches Buch“, sagt Colin Crouch und lächelt ironisch. Er weiß ja, was man den Linken so vorwirft: Dass sie jammern und klagen, dass alles immer schlechter werde. Der britische Politikwissenschaftler und Soziologe war 2008 im deutschsprachigen Raum mit seinem schmalen zeitdiagnostischen Band Postdemokratie schlagartig berühmt geworden, ein paar Jahre danach hat er das Buch Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus nachgelegt. Es wäre reichlich übertrieben, diese beiden Studien entschieden zuversichtlich zu nennen. Im ersten Buch hat Crouch eine Demokratie skizziert, deren Institutionen zwar funktionieren, aus der aber alles Leben gewichen ist, in der Wirtschaftslobbys übertriebenen Einfluss haben, die normalen Bürger sich aber verdrossen abwenden. Im zweiten beklagt er, dass sich daran trotz der Finanzkrise nichts geändert hat. Und jetzt hat er ein neues Buch: Jenseits des Neoliberalismus. Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit.

Der Titel ist von irreführender Allgemeinheit. Man denkt im ersten Moment: Noch so ein Buch, in dem alle Fehlentwicklungen der westlichen Marktwirtschaften der vergangenen dreißig Jahre aufgelistet sind und in dem dann drinsteht, dass es auch anders ginge. Eines von diesen Büchern, die den Vorteil haben, dass das alles richtig analysiert ist, und den Nachteil, dass man das alles schon kennt. Aber dieses Buch ist von ganz anderer Art. Es ist ein Weckruf.

Ein Paradoxon

„Die europäische Sozialdemokratie muss aus ihrer defensiven Haltung, in der sie nun schon seit Jahren vor sich hin dümpelt, wachgerüttelt werden. Sie sollte erst gar nicht in dieser Haltung sein“, formuliert Crouch gleich zu Beginn. Und diese Sätze stimmen den Ton des gesamten Buches an. Crouch will der europäischen Sozialdemokratie Selbstbewusstsein geben und Klarheit über ihre Aufgaben verschaffen. Wobei Crouch „Sozialdemokratie“ in einem doppelten Sinn versteht: Schon, einerseits, in ihrer konkreten Parteiform, von Labour-Party bis zur SPD, und doch aber in einem weiteren Sinne: als politisch-theoretische Strömung, die innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaften als soziale und demokratische Reformbewegung wirkt.

Sozialdemokratie, dazu gehören in diesem Sinne auch die deutsche „Linke“, die griechische „Syriza“, letztlich auch die „Grünen“, dazu gehören aber auch Gewerkschaften und Institutionen, die von einem sozialdemokratischen „Geist“ geprägt sind – seien es Betriebsräte oder Sozialverbände wie die „Arbeiterwohlfahrt“.

Sozialdemokratie – das ist in einem gewissen Sinne ein Paradoxon. Geschichtlich ist sie im Antikapitalismus der marxistischen Arbeiterbewegung verwurzelt, die den Kapitalismus und die Marktwirtschaft abschaffen wollte. Spätestens mit dem zuerst von Eduard Bernstein theoretisierten „Revisionismus“ hat sie sich aber der praktischen Verbesserung der Lebensbedingungen einfacher Leute innerhalb dieser kapitalistischen Marktwirtschaft verschrieben. Und doch blieb da immer ein Spannungsverhältnis, und sei es nur subkutan, in der Schwundform des schlechten Gewissens: Welche Erfolge auch beim Aufbau eines prosperierenden Sozial- und Wohlfahrtsstaats erzielt werden mochten, es schien vielen Sozialdemokraten immer als halbe Sache, da die Kapitalherrschaft ja doch nicht gebrochen würde. Mit etwas Sarkasmus könnte man also die Sozialdemokratie als die erfolgreichste politische Kraft der Moderne bezeichnen, die aber auf ihre Erfolge nie recht stolz sein wollte. Und die kein rechtes Bewusstsein für ihre historische Aufgabe entwickelte, weil theoretischer Antikapitalismus und praktische Reformpolitik in einem Spannungsverhältnis blieben.

Crouch sagt nun: Nichts gegen Kapitalismus und Marktwirtschaft. Aber die kapitalistische Marktwirtschaft ist gerade dann erfolgreich, stabil und prosperierend, wenn ihre selbstzerstörerischen Effekte durch politische Maßnahmen und Regulierung von Märkten ausgeschaltet sind. Die reine Marktordnung führt zu Machtmonopolisierung und krass ungleicher Verteilung, und gerade diese Ungleichheit bringt Instabilität ins System; Umverteilung dagegen führt zu stabiler Prosperität. Crouch: „Soll der Markt für uns arbeiten? Ja! Soll er uns tyrannisieren? Nein!“

In der Güterproduktion und manchen Dienstleistungen zeitigt der Markt produktive Resultate, und für Crouch ist es hier sogar sozialdemokratisch, für mehr Markt zu streiten: Etwa, indem man durch effektiven Konsumentenschutz Monopolbildungen und Übervorteilung der Verbraucher verhindert. Auf anderen „Märkten“ muss die Konkurrenz aller gegen alle ausgeschaltet werden, etwa auf den Arbeitsmärkten. Ein wachsendes Lohnniveau führt nicht nur zu wachsendem Wohlstand der einfachen Bürger, sondern eben auch zu wachsender Konsumnachfrage, damit zu Wachstum, mehr Jobs, mehr Lebenschancen. „Sozialdemokratie“, das ist in diesem Sinn also eine Win-win-Situation. „Eine durchsetzungsfähige Sozialdemokratie ist keine Strategie, um sich vor dem Markt zu verstecken, sondern eine, mit der man ihn in einem Positivsummenspiel mit sozialer Bürgerschaft vereinbaren kann.“

Der Erfolg als Hypothek

Die „Sozialdemokratie“ als Idee kontrastiert bisweilen scharf mit der „Sozialdemokratie“ als Parteiform. Die „Sozialdemokratie“ als Idee ist das Beste, was wir heute zur Verfügung haben, die „Sozialdemokratie“ in Parteiform nicht selten lahm und erbärmlich.

Zum Teil ist dafür auch ihr Erfolg verantwortlich: Als „Arbeiterklasse“ oder „einfache Leute“ hat die traditionelle, relativ homogene Basis der Sozialdemokratien für Bürgerrechte, Anerkennung und gerechte Lebenschancen gekämpft. Mit dem Erfolg, also der Realisierung vieler dieser Ziele, „schwindet die Identität, die als ihre Eintrittskarte gedient hatte, und übrig bleiben einzelne Bürger, die sich mit einer in Parteien aufgeteilten politischen Klasse arrangieren.“

Der Aufstieg von Unterschichten in eine Mittelschicht führt zu Individualisierung, und die individualisierten Individuen wollen sich dann nicht mehr in Arbeiterparteien oder Gewerkschaften engagieren. Mit dem Aufstieg der Sozialdemokratien zu Regierungsparteien und dem Ausbau wohlfahrtsstaatlicher Institutionen entsteht auch ein öffentlicher Dienst, in dem Gewerkschaften stark sind, während gleichzeitig durch die Individualisierung und ökonomische Strukturänderungen die Gewerkschaften im Privatsektor, vor allem in den Dienstleistungsbranchen, schwach sind. Das führt im schlimmsten Fall zu geschützten Werkstätten auf der einen und ungeschützten Bereichen auf der anderen Seite und einer Spaltung der Arbeitnehmerschaft, was im Endeffekt wiederum die Legitimität sozialdemokratischer Politik untergräbt. Gewerkschaften sind dann am besten, beobachtet Crouch scharf, wenn sie in allen Branchen stark sind: Dann müssen sie das Allgemeinwohl im Auge haben. Schwindet ihr Einfluss in vielen Bereichen, neigen sie zu Klientelpolitik.

Ist die Sozialdemokratie damit aber nicht auch in gewissem Sinn an ihrem Erfolg gescheitert? Wo aber bleibt da dann der Optimismus, den Crouch ironisch reklamiert? Die Sozialdemokraten in Parteiform müssen eine neue Art von Politik um die Sozialdemokratie als Idee gruppieren. Das wird nicht leicht, aber Crouch hält es für möglich: „Sozialdemokratie muss eine Bewegung sein, die über die Grenzen einer Partei hinausgeht“, Sozialdemokraten müssen sich „mit Menschen mit anderen oder gar keinen Parteizugehörigkeiten verbünden“. Sie müssen verstehen: Wer sich in der Nachbarschaft oder für eine NGO engagiert, wer „sich einer Sache annimmt, die von marktgesteuerten Prozessen vernachlässigt wurde, der oder die tut etwas für die Sozialdemokratie“.

Hoffentlich wissen das die Leute von der SPD auch.

Jenseits des Neoliberalismus. Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit Colin Crouch Passagen Verlag, Wien 2013, 233 S., 19,90 €

 

Robert Misik, geboren 1966 in Wien, ist Publizist. Zuletzt erschien von ihm das Buch Erklär mir die Finanzkrise!

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 29/13.

Kommentare (96)

willibald hamster 18.07.2013 | 14:32

Verkannt wird, dass der Erfolg der Sozialdemokratie v.a. auf einem realsozialistischen Gegenmodell (das sich in Ländern wie Italien, Frankreich oder Finnland in der Existenz kommunistischer Massenparteien innerhalb der westlichen Hemisphäre manifestierte) und politökonomischen und technologischen Gegebenheiten beruhte, die heute nicht mehr vorhanden sind (es handelt sich aber dabei letztlich um ein Wechselspiel objektiven technischen Fortschritts und "subjektiver", politischer Beeinflussung/Manipulation des Geschehens durch privilegierte Klassen, die ein Interesse an der Schwächung von Arbeit hatten/haben; btw: Vollbeschäftigung unter sozialistischen oder im Gegensatz dazu kapitalistisch-postneoliberalen Vorzeichen halte ich für realistischer/wahrscheinlicher als die Umsetzung diverser Grundeinkommens-Modelle, da zunehmende Technisierung von Produktion nur neue Möglichkeiten zur Nutzung/Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft schafft). Die Sozialdemokratie hat sich m.E. überlebt, nicht aber die sozial(istisch)e Demokratie, die von neuen politischen Kräften getragen werden muss. Wenn die Sozialdemokratie den linkesten relevanten politischen Pol darstellt, ist sie mittel- und langfristig dem Untergang geweiht; die Misserfolge bei Wahlen in ganz Europa werden sich fortsetzen, vertiefen und neue Dimensionen annehmen (die ehem. 40%-Partei PASOK [2012 12%, in den Umfragen 5-8%] gibt einen Vorgeschmack auf das, was die SPD hierzulande noch erwartet; ein erster Schritt wird die nach 2013 mit CDU/CSU umzusetzende Agenda 2020 sein).

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 15:52

Beim Wort "sozial(istische) Demokratie", wie Sie es benutzt haben, bekomme ich unweigerlich einen Kackreiz, was wohl daran liegt, dass die sich selbst sozialistische Demokratie nennende DDR nichts weiter war als eine rot angemalte Diktatur. Momentan gibt es keine glaubhafte und glaubwürdige sozialistische Partei in Europa.

Wer das will, und die Ideale sind ja nicht deshalb falsch, weil Politiker sich diese unrechtmäßig angeeignet haben, wird im aktuellen Parteienspektrum derzeit nur deshalb nicht fündig, weil wir in einem Umbruch leben, in dem sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen neu ordnen müssen. Das Gegenteil von Kapitalismus, so sehe ich das, ist nicht Sozialismus, sondern soziale Gemeinökonomie.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 16:22

Die soziale Gemeinökonomie [Kommunitarismus?] muss man jedoch nicht nur umsetzen, sondern auch gegen den erklärten Willen und Widerstand des Besitzbürgertums [Milliardäre, Mulitimillionäre, Einkommensmillionäre] durchsetzen. Dabei werden die SPDen dieser Welt keine Hilfe sein. Eher das Gegenteil, weil sie mit ihrem Dritten Weg eine Zusammenarbeit mit dem Besitzbürgertum und eine langsame Reform der kapitialistischen Marktwirtschaft anstreben. Damit muteten sie bereits in der Vergangenheit und muten sie in der Gegenwart und der Zukunft Generationen und Abermillonen von Menschen eine lange Drangsal und ein schlechtes Leben zu, bis der Kapitalismus endlich reformiert ist. Der Dritte Weg der SPDen dieser Welt klingt daher eher wie ein Heilsversprechen für eine bessere und jenseitige Welt, so wie der Himmel der katholischne Christen. Eine Vertröstung auf den Sankt Nimmerleinstag.

Rudolf Reddig 18.07.2013 | 17:45

Die von Bernstein inspirierte Idee der Sozialdemokratie sieht in der bürgerlich parlamentarischen Demokratie das politische Spielfeld, auf dem man über parlamentarische Mehrheiten durch Reformen friedlich in eine sozial orientierte und strukturierte Gesellschaft hineinwachsen kann und auf dem Weg dorthin auch schon wichtige soziale Fortschritte erreichen kann. Die gesellschaftlichen Entwicklungen vor allem der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts scheinen das zu bestätigen. Muss man aber nicht fragen, vor welchen weltgeschichtlichen Hintergrund diese sozialen Einhegungen der Kapitalverwertungsgesellschaften stattfanden? Und hätte es diese sozialen Einhegungen ohne den Systemwettstreit mit den Zentralverwaltungsgesellschaften des Ostblocks gegeben? Befreien sich die Kapitalverwerter nach 1989/1990 nicht weltweit von diesen sozialen Einhegungen und findet nicht ein der ungehemmten Kapitalverwertung innewohnender Prozess der kapitalverwertbaren Verwirtschaftlichung aller Lebensbereiche und Finanzialisierung wirtschaftlicher Kennziffern statt? Welche Rolle spielte die herrschende Sozialdemokratie (Blair-Schröder-Papier) in diesem Prozess? Stellt die Grundrechte verletzende Agenda 2010 nicht eine Blaupause für den Weg Europas in vorerst noch demokratisch verbrämte totalitäre Machtstrukturen dar? Stimmt also die eingangs formulierte Prämisse oder braucht es der Idee einer Demokratie, in der Wortinhalt und Wortbedeutung einigermaßen im Einklang stehen, in der also die frei gewählten Volksvertreter zuallererst die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung zur Geltung zu bringen haben und erst nachrangig Gruppeninteressen vertreten dürfen? Die vor der Menschheit liegenden Probleme schreien regelrecht nach einer solchen Demokratie wie die folgende Webunterseite belegt: http://www.geschichtsseiten.de/htm/preisdes.htm

willibald hamster 18.07.2013 | 20:06

Ich persönlich finde den Begriff des Sozialismus keineswegs verbraucht. Dass er instrumentalisiert wurde, ist keine Frage (auch wenn ich andere Akteure und Richtungen benennen würde, die sich fälschlich dieses Begriffs bemächtig(t)en, schaut man sich z.B. die französische Schwesterpartei der SPD an und ihren Verrat am Volk unter Mitterand und jetzt Hollande). Aber vielerorts ist Sozialismus längts wieder zum Kampfbegriff der unterdrückten Klassen geworden (Lateinamerika). Außerdem stelle ich mich damit in eine Tradition, auf die ich einfach stolz bin; ohne die es heute wohl in dieser Welt noch viel ungerechter auf dieser Welt aussähe ... Hinzu kommen noch die in der ersten Arbeiterinternationale formulierten Ziele. Außerdem dann noch das theoretische Erbe (Hegel, Marx, Engels, Luxemburg, Lenin, Gramsci ...).

"Sozialistische Demokratie" bevorzuge ich außerdem dem Terminus "demokratischer Sozialismus" gegenüber. Letzterer stellt nicht die Demokratie und ihre Gestaltbarkeit zur Debatte, sondern dient als Abgrenzung gegenüber trotzkistischen, stalinistischen, maoistischen ... Varianten desselben und bedeutet im Zeichen des Untergangs des Ostblocks einen Annäherungsversuch an die Kräfte des real existierenden Kapitalismus. "Einheitsfront" aller wirklich progressiven (sozialen) Kräfte wäre mal wieder an der Zeit ...

Was das deutsche Parteienspektrum anbetrifft, sehe ich doch ein Hauch von Alternative in der Linkspartei. Als Bundestagsfraktion hat sie vorzüglich Arbeit geleistet; was Anderes ist es immer, wenn die Postkommunisten im Osten "Verantwortung übernehmen" wollen; da sind mir radikalisierte Sozialdemokraten aus dem Westen lieber. Aber auch sonst gibt es v.a. im Hessen eine sehr aktive Parteibasis. Verlässt man die Grenzen der BRD, finden sich aus meiner Sicht in Europa schon einige unterstützenswerte Parteien: in Frankreich die Linksfront, in Portugal die Kommunisten oder in Griechenland SYRIZA. Das alles sind keine Neuentwürfe, sondern Rekrutierungen aus den alten sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien, allerdings mit neuer Anhängerschaft und, wie ich finde, zeitgemäßen Ideen, zumindest auf kurz- und mittelfristige Sicht. Grillos M5S oder hierzulande die Piraten bieten m.E. keinen alternativen Entwurf.

Und ich finde, soziale Gemeinökonomie und sozialistische Demokratie müssen sich durchaus nicht logisch widersprechen, es muss ja nicht nur einen Begriff für das zu errichtende neue Gesellschaftssystem geben.

Gruß, wh

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 22:27

Die Parteien sind tot. Wir sollten sie endliche beerdigen, denn sie fangen schon an zu stinken.

Es wird Zeit für Volksdemokratie. Nix Sozialdemokratie-Blabla, niemand traut den Parteien mehr, es ist genau wie Crouch in seinem Buch "Postdemokratie" geschrieben hat: ein verlogenes Theater.

eldorado 18.07.2013 | 22:52

"Demokratie"

So wie ich die heutige Demokratie erlebe, ist es so, dass alles so sehr durch Gesetze und Verordnungen geregelt ist, so dass so wenig Reibungsflächen unter den Bürgern entstehen können.

Zudem denken die Regierungen, wenn man die Wirtschaft dereguliert und ihr alle Freiheiten gibt, ergibt sich das dann von selbst, dass die Bürger ein Auskommen und Einkommen haben. Zu was das führt, haben wir ja täglich vor Augen.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 23:13

So ist es. Ich hatte einen geschätzten Kollegen, der in der FDP war, der wurde immer mit der Partei identifiziert und musste sich rechtfertigen :-)

"Parteien" sind halt das ganz ganz grobe Raster. Sie sollen Programme haben, die 4 volle Jahre Regierungszeit abdecken. Das muss zwangsweise diffus und seltsam werden. Was übrigens auch ein Grund ist, warum es One-Topic-Parteien so schwer haben.

Das ganze Parteiensystem ist psychologisches und politisches Mittelalter, was schreibe ich, Steinzeit.

Das System mit seiner Pseudologik und seinen total verlogenen Argumenten machte Sinn in einer Zeit, als man Frauen wegen ihrer Regel noch das Wahlrecht absprach und sie kein eigenes Konto haben durften. Beides ist längst (und zu Recht) obsolet, nur das Parteientheater hat eine depremierend hohe Beharrungsresistenz.

willibald hamster 18.07.2013 | 23:37

So wie ich die heutige Demokratie erlebe, ist es so, dass alles so sehr durch Gesetze und Verordnungen geregelt ist, so dass so wenig Reibungsflächen unter den Bürgern entstehen können.

Und ist man in einer Partei, muss man sich ja mehr den Parteiparolen verpflichten, als seinem eigenen Gewissen uns seinen eigenen Werten.

Ich würde behaupten, zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein gewisser Widerspruch, vielleicht irre ich mich auch aber.

Der Mensch als ein in einer arbeitsteiligen Gesellschaft lebendes, tätiges, organisiertes Wesen ist m.E. auch immer ein politisches Wesen. Und Politik, würde ich sagen, setzt immer auch als Möglichkeit den Dissens voraus; ehemals Politisches kann auch zu nicht Politischem (etwa einer bloßen Sache des Rechts) werden, wenn ein allgemeiner Konsens besteht (bspw. hinsichtlich des allg. Männer- und Frauenwahlrechts). Aber es wird auch immer Streitbares und somit Politisches geben, weil sich die Gesellschaft ja auch weiterentwickelt. Und nichts Anderes meint, denke ich, Parteilichkeit, hinter der auch eine gewisse Ideologie (im nicht bloß negativen Sinne) steht. Schwieriger wird es schon mit der Haltung, m.E. auch etwas Politisches, aber nichts an sich Kollektives, das Kollektive, Ideologische aber voraussetzend. Il partigiano (der Partisan), der Parteigänger, ist ein Begriff, von dem ich mir eine Renaissance erhoffe - von da aus ließe sich dann auch der Begriff der Partei neu entwickeln (das marxistisch-leninistische Parteikonzept ist dem gar nicht mal so fremd).

An die Stelle von Fraktionszwang die Gewissenhaftigkeit des Abgeordneten zu setzen, halte ich für verfehlt. Was mir in der ganzen Debatte fehlt, ist die Alternative des imperativen Mandats.

Gruß, wh

Bastian Borstell 19.07.2013 | 01:20

Nicht ganz richtig:

"Das Wort „Demokratie“ ist im antiken Griechenland entstanden und bedeutete dort die direkte Volksherrschaft. Der Begriff „Volk“ wurde in jener Zeit sehr eng gefasst, da mit diesem nur einer äußerst begrenzten Gruppe von Bürgernpolitische Partizipationsrechte eingeräumt wurden. So konnten in einer griechischen Polis nur freie Männer an Volksversammlungen teilnehmen. Die Entartung des Grundgedankens der Demokratie wurde Ochlokratie („Herrschaft des Pöbels“) genannt. In der heutigen Zeit sind die meisten Demokratien zugleich Republiken, was der antiken Verwendung des Wortes entspricht.

[...]

Aristoteles verwendet den Begriff Demokratie in seinem Werk Πολιτικά (Politik) zunächst negativ, um die Herrschaft der freigeborenen Armen zu bezeichnen. Diese nach seiner Auffassung verfehlte Staatsform würde nicht das Wohl der Allgemeinheit, sondern nur das Wohl des herrschenden Teils der Bevölkerung (eben der Armen) verfolgen. Allerdings lehnt er die Beteiligung des einfachen Volkes – in gemäßigter Form – nicht strikt ab, wie etwa noch sein Lehrer Platon dies tat, wovon seine „Summierungstheorie“ ein Zeugnis abgibt. Im Rahmen seiner sogenannten zweiten Staatsformenlehre liefert Aristoteles darüber hinaus eine differenzierte Theorie der Demokratie und ihrer Formen.

Letztendlich aber plädiert er für eine Form der Mischverfassung zwischen Demokratie und Oligarchie als stabilster und gerechter Staatsform: für die sogenannte Politie. In ihr hat das Volk über die Wahl der Beamten und die Kontrolle ihrer Amtsführung seinen rechtmäßigen Anteil an der Regierung, die insgesamt zum allgemeinen Wohl und nicht zu Lasten eines Teils des Staates (z. B. der Wohlhabenden) ausgeübt werde." https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratie

eldorado 19.07.2013 | 03:05

Da haben Sie recht. Auch die Schweiz ist von der globalisierten Marktwirtschaft beherrscht. Es hat zwar Kräfte, die dem entgegenwirken, wie die 1:12 Initiative und die Abzockerinitiative der JUSO. Ebenso die Durchsetzung der Mindestlöhne, die aber regelmässig unterwandert werden. Die Gewerkschaften haben Mühe, das durchzusetzen versuchen.

Weiter kann ich ein Beispiel bringen von derUrdemokratie, ein Urgestein, hunderte von Jahren alt, viel viel älter als die moderne Schweiz.

Es gibt ja in drei Kantonen noch die Landsgemeinde: Glarus, Appenzell IR (Innerrhoden) und Appenzell AR (Ausserrhoden).

Die Innerrhoder waren äusserst hartnäckig, die alte Zeit in die neue zu retten. Hier etwas, wie die so funktionniert:

http://www.ai.ch/de/politik/sitzung/

Der ganze Kanton hat nur gut 15'000 Einwohner, der Hauptort Appenzell knapp 6000, also alles sehr überschaubar.

Die Schweizerinnen erhielten ja das Stimmrecht erst recht spät. Den Innerrhodern war das immer noch nicht recht. Es gab im Kanton immer wieder Abstimmungen für das kantonale Stimmrecht und wurde regelmässig abgelehnt, zum letzten Mal 1990 im Frühling an der Landsgemeinde. Dann wurde es Bundessache. Man trug sich mit dem Gedanken, den Innerrhoder Frauen das Stimmrecht aufzuzwingen.

Ich wohnte damals während 1 1/2 Jahren in Ausserrhoden und bekam deshalb viel mit von den Diskussionen, wohnte ich doch nur etwa 200 m von der Grenze weg. Meine nächste Nachbarin war eine Innerrhoderin. Die erklärte mir sehr genau, warum sie das Frauenstimmrecht mit überwiegender Mehrheit nicht wollten.

Sie meinte: "Wir Frauen lassen uns im Innendepartement von den Männern auch nicht dreinreden (damit meinte sie innerhäusliche Angelegenheiten). Das gleiche gilt auch umgekehrt. Wir reden den Männern im Aussendepartement auch nicht drein (damit meinte sie die Politik). Aber so wie ich diese Nachbarin kannte, wusste sie sehr genau ihren Mann zu überzeugen, wie an der Landsgemeinde abzustimmen sei.

Ja, ja. Das Appenzell ist eine ganz eigene Welt auch noch mit vielem altem urtümlichem Brauchtum.

Dann ein paar Monate später Ende 1990 wurde den Innerrhoder Frauen aus Bern das Frauenstimmrecht aufgezwungen. Inzwischen haben sie sich daran gewöhnt. Die Frauen sind jetzt während der Landsgemeinde nicht mehr ausserhalb, sondern innerhalb des Rings und können wählen und gewählt werden und über Sachgeschäfte abstimmen wie die Männer.

Uebrigens: Dieser link ist abscheulich. Unterwanderung der Demokraie in Reinkultur.

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Ehemaliger Nutzer 19.07.2013 | 08:25

Wie auch immer man das nennen möchte, was nach der Globalisierung kommt, es wird einen regionalen, sozialen Aspekt besitzen. Welche Begriffe man dazu benutzt, ist letztendlich egal, wichtig ist, was drin ist.

DIE LINKE ist für mich ein Wesen, dass 100 Stellungen kennt, aber keinen Sexualpartner findet. Wenn diese Partei, die ja auch nur eine bestimmte Klientel vertritt, wirklich etwas ändern möchte, also tut, was sie gebetsmühlenartig ständig wiederholt, dann muss man dazu nicht warten, bis man Regierunsgämter, Posten, Tantieme oder Einfluß auf die Postenvergabe im Bezirk hat, anfangen kann man auch schon vorher. Deshalb, unabhängig davon, wieviele Kompostis aus dem Kalten Krieg dort noch Mitglied sind, ist DIE LINKE eine Mogelpackung wie alle anderen Parteien auch.

willibald hamster 19.07.2013 | 09:41

Danke für die Richtigstellung! Trotzdem meine ich gelesen zu haben, dass "Demokratie" ein negativ besetzter Begriff war und meist nur als Fremdbezeichnung diente, nichts, mit dem man sich identifizierte. Die berühmte Perikles-Rede z.B. soll, soweit ich das richtig in Erinnerung habe, mit Missmut ein gewisses Maß an "Demokratie" in Athen konstatiert haben. Muss ich mir aber nochmal in Ruhe zu Gemüte führen.

Gruß, wh

willibald hamster 19.07.2013 | 10:02

Hier fühle ich mich zur Pflicht berufen, zumindest graduell die Partei zu verteidigen. Viele soziale Themen, die erst seit kurzer Zeit politisch zur Diskussion stehen (wie etwa der Mindestlohn), hätten wahrscheinlich gar nicht erst das politische Tageslicht erblickt ohne die Arbeit der Linkspartei und ihrer Vorgängerorganisationen (auch wenn das, was heute daraus gemacht wird, eine echte Mogelpackung ist; zumindest besteht diebzgl. nun ein rudimentäres Bewusstsein). Seitdem sie 2012/13 aus dem Landtag in NRW, SHD und NDS geflogen ist, sitzt SPD&Grünen beim Regieren nicht mehr das "soziale Gewissen" im Nacken, das sieht man an ihrer Art des Regierens. Das alles beschränkt sich aufs Parlamentarische. Wichtiger ist mir die Partei als eine, die sich der Sorgen der Leute annimmt; und das ist ein großes Defizit der Partei, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Außerparlamentarisch wirken muss sie im doppelten Sinne: Auf Demos auftreten und als Kümmererpartei wirken. Was das letztere betrifft, reicht mir das Klassenbewusstsein nicht aus: Um die Mittelschicht nicht zu verprellen, geht man eben nicht so intensiv auf die Sorgen und Nöte derjenigen ein, denen es echt dreckig geht, die sich von der Gesellschaft isoliert haben, die in einer Art Parallelwelt des Elends leben und sich eben nicht politische Talkrunden mit Sahra Wagenknecht anschauen (können) (auch wenn ich es sehr gut finde, dass sie es macht). In der "Volksfront" ("die 99%") geht die "Einheitsfront" (schätzungsweise 20-25% oder mehr der BRD-Bevölkerung) leider viel zu oft unter. Diesem Prekariat müssen sich wieder verstärkt LINKE und andere Linke annehmen, seit den 70er Jahren leider zur Seltenheit geworden.Gruß, wh

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Ehemaliger Nutzer 19.07.2013 | 10:32

Würde ich auch nie behaupten. Demokratie ist immer nur so gut, wie das Volk. Und letzteres wird in jedem System manipuliert und unter Druck gesetzt.

Die Verbesserungen vom Kaiserreich zur "repräsentativen Demokratie" waren nicht groß, aber nichtsdestotrotz vorhanden.

Die Verbesserungen von "repräsentativer Demokratie" zu direkter werden es auch sein. Und sei es nur, dass damit Katastrophen-Experimente wie der Euro ausbleiben oder die ein- oder andere Kriegsbeteiligung unterbleibt. Bereits das wäre ein Gewinn, ebenso der Erfahrungszuwachs beim Volk, der bei Wahlen idR vollkommen ausbleibt.

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Ehemaliger Nutzer 19.07.2013 | 10:49

Wobei die Ausweitung von Stimmrechten immer ein demokratischer Grenzfall ist, da diejenigen über die entschieden wird, stimmlos sind.

Der Prozess ging nirgendwo vollkommen konfliktfrei ab, siehe die Suffragetten und teilweise gewalttätigen Anschläge in GB oder das Wahlrecht der Schwarzen in den USA. Ist gewalttätige Unterdrückung am Werke (Sklaverei), kann sogar ein gewalttätiger Umschwung uU gerechtfertigt sein.

Zuerst müssen halt die Machthaber überzeugt (oder von größerer Mehrheit auf anderer Ebene gezwungen) werden, einen Teil ihrer Macht (im Falle der Sklaverei auch ihres Wohlstandes) abzugeben, immer eine schmerzhafte Sache.

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Ehemaliger Nutzer 19.07.2013 | 11:31

Nun, dazu wünsche ich Ihnen Glück, denn das werden Sie brauchen.

Gegen mich als Ausländer müssen Sie die Partei DIE LINKE nicht verteidigen, denn wählen könnte ich die eh nicht. Aber, und dies ist ja Ihren Worten zu entnehmen, könnten Sie versuchen diese Partei von der bürokratischen Apparatschiknummer zu befreien und zu einem glaubwürdigen Partner der Bürger für ihre Belange zu entwickeln. Das wäre in der Tat eine Revolution.

willibald hamster 19.07.2013 | 11:58

Danke! Ich wollte nun auch nicht missionarisch oder sonstwie auftreten, das lag nicht in meiner Absicht. Wie sich alternativ definierende Parteien in Zukunft positionieren werden, hängt denke ich auch ganz von der weiteren Entwicklung der Krise ab. In einigen südeuropäischen Ländern scheint sich ja schon was zu bewegen (nicht nur parteibezogen), insbesondere Portugal macht mir Mut. Da drängen aber auch die Sozialdemokraten ("Sozialisten", "Sozialdemokraten" nennen sich dort die Liberalkonservativen) zurück an die Regierung; sie werden aber mit großer Bestimmtheit die drängenden Probleme nicht lösen (können/wollen), vorstellbar wäre vielleicht eine "Volksregierung" aus Militär (das ja in Portugal eine sehr fortschrittliche Stellung einnimmt) und bestimmten Einzelpersonen (darunter Kommunisten, andere Linke, Ökonomen und Unabhängige), die auch ein Referendum über den Verbleib Portugals in der Eurozone bzw. in der EU abhalten lassen würde und vielleicht mit anderen progressiven Kräften Südeuropas (und eventuell sogar des Maghrebs) den Aufbau einer solidarischen Mittelmeerunion/-förderation anstreben würde ... Naja, wäre jedenfalls ziemlich cool ;-)

Gruß, wh

susi sorglos 19.07.2013 | 13:14

Zumindest bedenkenswert, dieser historische ansatz von Colin Crouch. Aber dass die partei spd sich dieser geschichte stellt, halte ich für wenig wahrscheinlich.

die idee der sozialen demokratie aber ist unbedingt zu erhalten und auszubauen (oder verteidigen). ihre spannung zwischen der herkunft aus dem sozialismus/antikapitalismus/demokratiebewegungen des 19. jahrhunderts (bei dem spd-parteitag fiel nicht einmal der name Marx) und ihren revisionistischen erfolgen, jetzt mal ganz verkürzt gesagt, sollte vllt. gar nicht aufgelöst werden, sondern als antrieb und dynamik verstanden und erhalten bleiben. wie die spd das aber leisten soll, ist mir nicht ersichtlich. gerade in deutschland müsste sie ja auch ihre schuld gegenüber den kommunisten (Ebert und die freikorps, aus denen die SA entstand) bewältigen (ja, auch die Kommunisten haben vieles nach 1918 falsch eingeschätzt, eine traumatisierte kriegsgeneration, die davor nur kaiserreiche kannte). das wird ein langer weg...aber immerhin könnte man sich auf diesen weg machen. historisch ist die soziale demokratie in der noch immer nicht tot und hat noch "utopischen überschuss", wie das die Kritische Theorie nennt. an die arbeit also, den konsumismus überwinden. ja, man muss auch kontrafaktisch hoffen.

IronCandy 19.07.2013 | 13:18

"Eine Win-Win-Situation

Mut. Gibt es eine bessere Idee als die Sozialdemokratie? Nein, meint Colin Crouch. Jetzt muss die SPD nur noch auf den renommierten Denker hören"

Genau wir sind die Größten, es liegt bloss an den Pessimisten und Zauderern dass nix läuft.

Ganz bescheiden gefragt... Wie lange wollen die Leute sich so dreiste Lügen eigentlich noch anhören? Bis zur nächsten Diktatur? Und danach dann wieder weil die ja so heldenhaft waren und gegen Diktatur gestimmt haben....

Es ist doch immer dasselbe: Die Sozialdemokratie verrät die Menschen in Zeiten des Wohlstandes an die Reichen und jammert in Zeiten der Krise darüber dass niemand auf Sie hört.

Wacht auf Leute! Seit der Weimarer Republik ziehn die die gleiche Nummer immer und immer wieder ab.

"Gibt es eine bessere Idee als die Sozialdemokratie? "

Ja, aber wenn man sich bereits als Fundament seines Weltbildes die eigene Überlegenheit verankert dann wird dass natürlich nix.

deeplooker 19.07.2013 | 16:09

Zitat Willibald Hamster: "Um die Mittelschicht nicht zu verprellen, geht man eben nicht so intensiv auf die Sorgen und Nöte derjenigen ein, denen es echt dreckig geht, die sich von der Gesellschaft isoliert haben, die in einer Art Parallelwelt des Elends leben und sich eben nicht politische Talkrunden mit Sahra Wagenknecht anschauen (können)..."

Sehr genau beobachtet. Das Prekariat in Deutschland ist abgehängt, keine Partei, auch nicht die Linke, interessiert sich wirklich für "Die ganz unten" – und damit meine ich nicht die Penner und die Obdachlosen, sondern einen Bevölkerungsanteil, der sich immer mehr der 20-Prozent-Marke annähert, es handelt sich also um weit mehr als 10 Millionen Menschen. Dazu gehören Mehrfach-Jobber, alleinerziehende Frauen, viele Leute zwischen 50 und 60 Jahren, die für eine angemessene Rente völlig unzureichende Erwerbsbiographien aufweisen, auch eine Witwen-Rentnerinnen, die kaum existieren können und keine staatliche Hilfe annehmen, weil sie sich dafür schämen, aber auch hunderttausende sogenannter Normalverdiener gehören dazu – Kassierinnen, Mitabeiter in Baumärkten, in Billigpreis-Ketten und so weiter. Alle diese Millionen Menschen haben in Deutschland praktisch überhaupt keine Lobby.

In dieser Ignoranz sehe ich die größte Verelendung der Sozialdemokratie, besser der weitgehend verbeamteten Sozialdemokratie. Das sind doch gar keine echten Sozis mehr, das sind saturierte Sprechblasen-Entleerer, es sind diejenigen, die den willigen Erneuerern der Sozialdemokratie wie ein Klotz am Bein hängen. Leider ist zu befürchten, dass erst eine weitere, eine schmerzhafte Verschärfung der gesellschaftlichen Gegensätze die echten Sozialdemokraten wieder zum Leben erwecken kann.

Bastian Borstell 19.07.2013 | 18:43

Jein. "Das antike Griechenland" existierte ja so garnicht. Das waren etliche Stadtstaaten die sich strak unterschieden und von denen darüber hinaus jeder einzelne auch noch eine mehr oder weniger wechselvolle Geschichte hatte.

"Das antike Griechenland" von dem man heute so gern redet, ist eine absolut unzulässige und täuschende Verallgemeinerung.

Hierbei werden allzugern einige berühmte athener Philosphen wie Aristoteles mit Athen und Athen mit "dem antiken Griechenland" gleichgesetzt.

Die "attische Demokratie" z.B., von der heute viele glauben, sie wäre die typische politische Form "des antiken Griechenlands" gab es nur in Athen und einigen verbündeten Städten und das auch nicht mal ein halbes Jahrhndert lang.

Die Begrifflichkeiten wechselten, auch "Demokratie" war ein schon in der griechischen Antike wechselhaft gebrauchter Begriff. "Unsere" Sicht auf "das antike Griechenland" ist ja vor allem geprägt von Platon und Aistoteles, mit ein bisschen Sokrates vielleicht noch.

Während der attischen Demokratie waren z.B. "die Sophisten" von Bedeutung, die heute einen schlechteren Ruf haben, als sie es verdienen, z.B. weil Aristotels, der alte Sklavenhalter, iese dafür diffamierte, dass sie für Geld unterrichteten, was er selber nicht nötig hatte. Dabei dürfte Protagoras Homo Mesura Satz "Der Mensch ist das Maß aller Dinge" heutzutage auf weniger Widerstand stoßen, als in einer Sklavenhaltergesellschaft. Ähnlich Phaleas:

"Schauen wir uns einmal die Barbaren an, und schauen wir uns die Hellenen an, schauen wir uns die Männer und Frauen an: Sie essen alle mit dem Mund, sie sehen alle mit den Augen, sie hören alle mit den Ohren, und sie haben alle eine Nase."

"Johannes Agnoli beschreibt ihn als "Vertreter der sogenannten linken Sophisten", die die Isonomia nicht nur formalrechtlich, sondern auch materiell umsetzen wollten. Agnoli zu Faleas und Hippodamos: "Sie waren radikale, egalitäre Denker, die nicht nur die Ungleichheit unter den gleichen Freien durch die Umverteilung des Besitzes abschaffen wollten - insofern also egalitär und nicht wirklich kommunistisch -, sondern die auch den Unterschied zwischen Freien und Unfreien abschaffen wollten." Zweierlei spiele dazu eine Rolle:

1.Der Mensch gleiche sich als Mittelpunkt allen Seins selbst, also seien die Menschen alle gleich.

2.Die Relativierung aller Werte

"Selbst die Relativierung verstehen sie so, dass, wenn alles relativ und kein Mensch in der Lage ist, von sich zu behaupten, er besitze die Wahrheit, eben in der Konsequenz des Relativierungsprinzips die Menschen alle gleich sind. Das alte normative überhöhte System der politischen Teilung entfällt, und insofern entfällt auch die Spaltung zwischen Mann und Frau, Metoeken und Sklaven. Beide, Faleas vor allem, vertreten also die Ansicht, dass es zwischen Mann und Frau keinen Unterschied gibt - Zum ersten mal in der Menschheitsgeschichte. Noch weiter geht Faleas, wenn er etwas für die Menschen damals Unerhörtes verkündet: dass es auch keinerlei Unterschied gebe zwischen den Hellenen und den Barbaren"...

Johannes Agnoli nennt es bezeichnend, dass Aristoteles uns kein einziges Fragment von Phaleas hinterlassen hat. Er betont außerdem, dass Aristoteles sich über die Sophisten lustig machte, da es unter ihnen auch Wanderlehrerinnen gab. Agnoli geht dabei von der Geschichte als Geschichte der Sieger aus und dass die später als "große Philosophen" bezeichneten Denker ihre Stellung einnehmen konnten, weil sie der Ungleichheit, der Aristokratie bzw. den Eliten das Wort redeten. Der anthropozentrische Egalitarismus, Relativismus und Agnostizismus der Sophisten, insbesondere der linken Sophisten, seien also zu subversiv gewesen."

Für Aristoteles war das alles abstoßend:

"Wenn die bloße Meinung ohnehin das einzige ist, wie Gorgias meint und auch Protagoras, wenn das absolute Wissen fehlt, so sind alle Meinungen gleich, so sind die Menschen, die irgendwelche Meinungen haben, auch unter sich gleich." http://de.wikipedia.org/wiki/Phaleas

Man könnte auch sagen: Für Aristoteles war es unbegreiflich, dass einige Sophisten tatsächlich meinten, auch vom Meinungen vom "niederen Klassenstandpunkt" hätten eine Bedeutung zu haben...

Die menschliche Gleichheit wurde von einigen vorsakratischen "Linkssophisten" und Zeitgenossen der "Attischen Demokratie" wie Protagoras und Phaelas also chon gedacht.

An dieser Stelle eine Erinnerung an Marx, der meinte, für Aristotels wäre Gleicheit undenkbar gewesen:

"Er sieht ferner ein, daß das Wertverhältnis, worin dieser Wertausdruck steckt, seinerseits bedingt, daß das Haus dem Polster qualitativ gleichgesetzt wird und daß diese sinnlich verschiednen Dinge ohne solche Wesensgleichheit nicht als kommensurable Größen aufeinander beziehbar wären. "Der Austausch", sagt er," kann nicht sein ohne die Gleichheit, die Gleichheit aber nicht ohne die Kommensurabilität" ("outisothzmhoushzsummetria z"). Hier aber stutzt er und gibt die weitere Analyse der Wertform auf. "Es ist aber in Wahrheit unmöglich (thmenounalhdeiaadunaton), daß so verschiedenartige Dinge kommensurabel", d.h. qualitativ gleich seien. Diese Gleichsetzung kann nur etwas der wahren Natur der Dinge Fremdes sein, also nur "Notbehelf für das praktische Bedürfnis".

Aristoteles sagt uns also selbst, woran seine weitere Analyse scheitert, nämlich am Mangel des Wertbegriffs. Was ist das Gleiche, d.h. die gemeinschaftliche Substanz, die das Haus für den Polster im Wertausdruck des Polsters vorstellt? So etwas kann "in Wahrheit nicht existieren", sagt Aristoteles. Warum? Das Haus stellt dem Polster gegenüber ein Gleiches vor, soweit es das in beiden, dem Polster und dem Haus, wirklich Gleiche vorstellt. Und das ist - menschliche Arbeit.

Daß aber in der Form der Warenwerte alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als gleichgeltend ausgedrückt sind, konnte Aristoteles nicht aus der Wertform selbst herauslesen, weil die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte, daher die Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte. Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist. Das Genie des Aristoteles glänzt grade darin, daß er im Wertausdruck der Waren ein Gleichheitsverhältnis entdeckt. Nur die historische Schranke der Gesellschaft, worin er lebte, verhindert ihn herauszufinden, worin denn "in Wahrheit" dies Gleichheitsverhältnis besteht." MEW, 73 f.

Wobei man hier selbstverständlich erwähnen sollte, dass Protagoras und Phaleas eben Zeitgenossen der attischen Demokratie waren, und von diesem Standpunkt aus über die gesellschaftlichen Verhältnisse hinaus gedacht haben, während Aristoteles zu einer Zeit danach lebte, in der die Verhältnisse der attischen Demokratie verdammt wurden und eine Radikalisierung der Demokratie (also die Forderung, das alle Menschen, auch Metöken, Barbaren, Sklaven und "sogar" Frauen gleich seien) nur noch auf absolutes Unverständnis stießen.

Tatsächlich vertrat Aristoteles eher das Konzept der Mischverfassung, die monarchische, aristokratische/oligarchische und demokratische Elemente umfassen sollte.

Ähnlich übrigens auch der Römer Cicero.

Beide vor allen Dingen, weil sie solche politischen Formen für besonders stabil hielten. Die Angst vor dem politischen Chaos und Bürgerkrieg spielte bei der Meinungsbildung über Idealverfassungen gerade im späten Rom und in der römischen Republik bzw. dem römischen Imperium eine herausragende Rolle.

Und tatsächlich sollten Aristotels (und Cicero) ja Recht behalten (wie ich bei dem grossartigen und viel zu unbeaknnten Klaus Roth, Professor für Ideengeschichte/Politische Theorie an der FU Berlin gelernt habe): Die Mischverfassung ist in der bürgerlichen Demokratie verwirklicht. Der Plebs wählt demokratisch im besseren Fall ein eher "aristotokratscshes" (Aristokratie="Herrschaft der Besten") und im schlechteren fall eher ein "oligarchisches" ("Herrschaft der Wenigen") Parlament, dem für gewöhnlich eine "monarchische" Exekutive gegenübersteht (ganz gleich ob diese Exekutive tatsächlich vom Parlament oder direkt vom Volke gewählt oder tatsächlich erblich ist).

Ich würde Ihnen aber Recht geben, dass das nicht aller Tage Abend sein kann. Auch ich wäre Freund einer radikaleren Demokratie mit imperativen Mandat nach Vorbild z.B. der Pariser Commune, allerdings bin ich wahrscheinlich im Gegensatz zu ihnen gegen ein Fraktionsverbot, gegen den Führungsanspruch einer bestimmten Partei und gegen den "demokratischen Zentralismus". Denn durch diese Maßnahmen erhält die Politik wieder einen Charakter von "Mischverfassung" und hebt die bürgerliche Demokratie nicht auf ("aufheben" also im hegelschen/daialektischen Sinne), sondern wird zu einer "Karikatur" derselben, bildet doch die Partei dann das neue "aristokratische/oligarchische" Element und das Zentralkommitee/Politbüro/"was auch immer" das neue "monarchische" Element.

Bastian Borstell 19.07.2013 | 18:58

Das Problem was ich an diesen "Wut-bürger"-initiativen sehe, ist gerade, dass sie keine radikalen (also "an die Wurzeln gehenden") Forderungen entwickeln (können), sondern dafür sorgen, dass die Leute hier und da mal z.b. wegen eines Bahnhofs Dampf ablassen ohne das dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse alsosolche in die Kritik geraten.

All diese Forderungen bleiben systemimmanent, solche Kampagnen stützen das System geradezu, weil sie die Wut kanalisieren und eine "bessere" Konfliktaustragung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft fordern, statt sie abzulehnen.

Bastian Borstell 19.07.2013 | 19:12

Nun, für die Geschichte der deutschen SPD spielte Lassale einie wichtigere Rolle als Marx, schon Marx kritisierte die Partei, z.B. explizit das Gothaer Programm. Mehrheitlich "Marxistisch" war diese Partei noch nie.

Spätestens mit der Abspaltung der USPD wurden Marxisten in der MSPD/SPD marginalisiert.

Und die vereinigte Linke redet heute auch lieber von dem Radikalenerlass-Erlasser Willi Brandt als von Marx.

Wenn ich Gregor Gysi höre, dass er die Wagenknecht lobt, sie habe nun nicht mehr nun Marx, sondern auch Ludwig Erhardt gelesen, dann könnte mir schlecht werden.

Die LINKE ist eine Mischung aus der "SPD der 70er" und "rotlackierter" DDR-Nostalgie.

Die SPD selbst ist einfach nur noch überflüssig und "links" von und "links" in der LINKEn gibt es fast nur noch (post)lenistische und nationalbolschewistische Sektierer.

Aber Sie sagen ja selbst: "man muss auch kontrafaktisch hoffen".

Vielleicht kommt die LINKE doch noch "zur Besinnung"...

Bastian Borstell 19.07.2013 | 19:41

"Wenn diese Partei, die ja auch nur eine bestimmte Klientel vertritt, wirklich etwas ändern möchte, also tut, was sie gebetsmühlenartig ständig wiederholt, dann muss man dazu nicht warten, bis man Regierunsgämter, Posten, Tantieme oder Einfluß auf die Postenvergabe im Bezirk hat, anfangen kann man auch schon vorher."

Man braucht aber schon Macht innerhalb der Institutionen des Sytems, um systemimmanent was zu ändern.

Und ich lese unterschwellige Kritik daran, "Klientelinteressen" zu vertreten. Ich möchte im Gegensatz dazu davor waren, dass Phantasma des "Volkes", der "Volksinteressen" oder des "Allgemeinwohls" usw. zu bedienen, dass endet im schlimmsten Falle in einer "nationalsozialistischen Überwindung des Klassenkampfs".

Klassenkampf heißt nichts anderes als "Klientelinteressen" zu vertreten und der Klassenkampf muss forciert werden, nicht überwunden. Denn nur bestimmte Klassen können ein Interesse an bedeutenen Veränderungen haben.

(Klasse im Sinne der objektiven Stellung im produktionsprozess: Proletariat z.B. im Sinne der mehrwertproduzierenden Ausgebeuteten)

Zum Thema "Wutbürger", Initiativen und "direkte (bürgerliche) Demokratie" noch:

http://democready.com/

Die "Initiativen-Demokratie" finde ich übrigens auch deshalb problematisch, weil Sie nur noch bügerliche Abstraktionen wie "die Staatsbürger", "das Volk", "die öffentliche Meinung" kennt, aber keine Klassen mehr.

Bastian Borstell 19.07.2013 | 19:54

"Was das letztere betrifft, reicht mir das Klassenbewusstsein nicht aus: Um die Mittelschicht nicht zu verprellen, geht man eben nicht so intensiv auf die Sorgen und Nöte derjenigen ein, denen es echt dreckig geht, die sich von der Gesellschaft isoliert haben, die in einer Art Parallelwelt des Elends leben und sich eben nicht politische Talkrunden mit Sahra Wagenknecht anschauen (können) (auch wenn ich es sehr gut finde, dass sie es macht). In der "Volksfront" ("die 99%") geht die "Einheitsfront" (schätzungsweise 20-25% oder mehr der BRD-Bevölkerung) leider viel zu oft unter. Diesem Prekariat müssen sich wieder verstärkt LINKE und andere Linke annehmen, seit den 70er Jahren leider zur Seltenheit geworden.Gruß, wh"

Da haben Sie recht. Und ich würde ihrer Kritik gerne noch eine Verschärfung hinzufügen: Der Schulterschluss mit Mittelstand, Kleinbürgern usw. zu einer "99%"-"Volksfront" ist nicht nur kontraproduktiv gegen die Interessen des Proletariats, sondern brandgefährlich. Statt die reale Aubeutung im Betrieb zu kritisieren, kanalsiert sich der Unmut gegen "die Bänker", die auch mal aus Parasiten, Heuschrecken und Kraken bezeoichnet und dargestellt werden. Der Antisemitismus dabei ist nicht immer "nur" struktureller Art, wie die Jungle World unter dem passenden Titel "Das Volk gegen ein Prozent" ausführt:

"Denn wenn eine politische Bewegung im Brustton der Überzeugung behauptet, für 99 Prozent der Menschheit zu sprechen, sollte eigentlich jeder, der zumindest den Anflug einer Ahnung davon hat, wozu solche Allmachtsphantasien führen können, tunlichst auf Distanz gehen. Wo immer die Sehnsucht nach Kollektivität – und das heißt: nach dem Aufgehen in der Masse, nach der Unterdrückung jeglicher Individualität – derartige Urstände feiert, droht Unheil in Form von sanktionslüsternen Feldzügen gegen alle, die der Abweichung auch nur verdächtigt werden.

Dass die »Occupy«-Bewegung demonstrativ als »bunte Truppe« daherkommt, die durch keinerlei Hierarchien und Ideologien gekennzeichnet sei, ist dabei gerade kein Widerspruch, sondern vielmehr Ausdruck ihres volksgemeinschaftlichen Selbstverständnisses, das in jener Parole kulminiert, die ein Teilnehmer einer Berliner »Occupy«-Demonstration im Oktober auf einem selbstgebastelten Pappschild verkündete: »Eine Welt ohne 1 % ist nötig (und längst überfällig).« Wie diese Welt erreicht werden soll, zeigte ein anderes Schild, auf dem aufgeknüpfte Menschen abgebildet waren, ein weiteres zeigte einen Strick, unter dem das Wort »Alternativlos« stand. In Hamburg wurde derweil auf einem Plakat gefordert: »Bring your Banker to your Henker!«

Zwar stellen längst nicht alle ihre eliminatorischen Sehnsüchte derart offen zur Schau, doch darüber, dass die Welt von einer kleinen Minderheit beherrscht wird, die beseitigt gehört, herrscht Einigkeit. Und deshalb ist es weder ein Zufall, dass sich allerlei Verschwörungstheoretiker in der »Occupy«-Bewegung pudelwohl fühlen, wie Peter Nowak (Jungle World 47/2011) gezeigt hat, noch überrascht es, dass der Antisemitismus bei vielen Aktivistinnen und Aktivisten ein festes Zuhause hat. Auf der Homepage von »Occupy Frankfurt« beispielsweise fand sich ein inzwischen gelöschter Beitrag, in dem es hieß: »Eine kleine mafiaartig organisierte Gruppe, deren Mitglieder sich wohl schon über Generationen hinaus gegenseitig die Posten zuschieben, missbraucht die jüdische Glaubensgemeinschaft für ihre Ziele.« Die »Pogrome des Mittelalters« seien gerechtfertigt gewesen, da sie den »einflussreichen Geldverleihern« gegolten hätten. Darüber hinaus wird auf dem Wiki der Internetseite das Video »Fabian, der Goldschmied« empfohlen, in dem die gleichnamige Hauptfigur – die nicht anders denn als Synonym für »den Juden« zu verstehen ist – den Geheimbund der »Erleuchteten« gegründet hat und seitdem das Weltgeschehen lenkt. Produziert wurde der Film, der auch auf zahlreichen rechten Websites zu finden ist, vom Scientologen Michael Hinz alias Michael Kent, unterstützt von Jan Udo Holey alias Jan van Helsing, einem geschichtsrevisionistischen und antisemitischen Verschwörungstheoretiker, sowie dem ebenfalls verschwörungsideologischen Kopp-Verlag.

[...]

In den USA – dort also, wo die bislang größten »Occupy«-Proteste stattfanden – trugen Demonstrierende Schilder, auf denen Parolen wie »Die Menschheit gegen die Rothschilds«, »Wall-Street-Juden«, »Tötet die Google-Juden« und »Google: Jüdische Millionäre« zu lesen waren. Die Aktivistin Patricia McAllister, die für den Los Angeles Unified School District arbeitet, gab ein Interview, in dem sie sagte, sie wolle »die zionistischen Juden, die unsere Banken und die US-Notenbank kontrollieren«, aus dem Land werfen. Die Anti-Defamation League veröffentlichte zudem zahlreiche Statements von Demonstrierenden, in denen eine vermeintlich jüdische Kontrolle der Politik, der Banken und der Medien beklagt und der israelische Geheimdienst Mossad allerlei weltpolitischer Verbrechen bezichtigt wird.

Diese offenkundige Judenfeindlichkeit wird bislang zwar nur von einer Minderheit zum Ausdruck gebracht, doch erschöpft ist der Antisemitismus der »Occupy«-Bewegung damit längst nicht, wie der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn in einem Beitrag für die Jüdische Allgemeine feststellt: »In der von den Turbulenzen der ­internationalen Finanzmärkte erzürnten Bewegung lassen sich immer wieder zwei Tendenzen ausmachen: die zur Personalisierung und die zur Moralisierung ihres Protestes. Beides verweist auf eine Kapitalismuskritik, die strukturell antisemitisch ist.« Denn durch sie werde an ein Gesellschaftsverständnis appelliert, »das abstrakte Strukturen nicht begreift, dafür aber konkrete Menschen in die Verantwortung für ein System nehmen möchte, das zugleich als anonym und unfassbar verklärt wird«. Darin liege »bereits eine der großen Paradoxien der Antiglobalisierungsbewegung: Hinter einer ökonomischen Struktur anonymer Mächte wird nach konkret identifizierbaren Menschen gefahndet, die verantwortlich gemacht werden können« – und die jenes eine Prozent ausmachen sollen, das die »Occupy«-Bewegung im Visier hat." http://jungle-world.com/artikel/2011/48/44440.html

willibald hamster 19.07.2013 | 21:38

1) ad Linkssophisten, Relativismus & Egalitarismus

Auch danke für diese Informationen und die Einschätzung durch Agnoli; ist in der Tat ein interessantes Zusammengehen zweier Anschauungen, die sich im Verlauf der folgenden abendländischen Philosophiegeschichte oft konträr gegenübergestanden haben (auf der Seite des Relativismus kulminiert das Ganze wohl in der Ressentiment-Philosophie Nietzsches) und gegenüberstehen. Erinnert mich auch ein bisschen an die Hegelsche Identität von Sein und Nichts ...

2) ad parteiinterne Demokratie

Das Konzept de Demokratischen Zentralismus war ja nicht für die Ewigkeit gedacht, sondern entsprang den historischen Gegebenheiten (in der Zeit von "Was tun?" konnten die russischen Sozialdemokraten nur illegal agieren und konnten sich eben keine basisdemokratischen "Mätzchen" leisten, wenn ich das so salopp sagen darf; und das Verbot zur Bildung von Fraktionen war auch nur temporär gedacht, wurde dann aber von Stalin zum eisernen Prinzip erhoben). Trotzdem halte ich einige Elemente des Demokratischen Zentralismus auch noch für heute im Kampf gegen den Reformismus gültig - aber auch nur im Verbund mit ausgeweiteten Kontrollmöglichkeiten durch die Parteibasis.

3) ad Occupy, Volksfront, Faschismus

Das zweite von Ihnen angeführte Argument zur Rückbesinnung auf die Interessen der Werktätigen und der Prekarisierten kann ich nicht unterstreichen. Ich halte eine Zusammenarbeit mit anderen Klassen einfach für notwendig, schickt man sich an, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Das Volksfrontkonzept ist ein Positivbeispiel der Einheit der progressiven, einschließlich der nicht-sozialistischen Kräfte im Kampf gegen den Faschismus (Spanien 1936-39, die Resistenza in Italien). Eine echte Volksfront kann es aber auch nur unter der Voraussetzung eines echten Klassenbewusstseins der Werktätigen und der sozialistischen Kräfte innerhalb des Bündnisses geben. Hier in Europa und erst recht in den USA ist dieses Klassenbewusstsein aber spätestens seit dem Machtantritt des Neoliberalismus in den 70er, 80er Jahren, der eine soziale Atomisierung zur Folge hat(te), zerlöchert worden und schließlich zusammengesackt. Auf diesen Trümmern etwas Neues (Solidarisches) zu errichten, ist nicht einfach. Aber es bewegt sich was, wenn auch im sehr bescheidenen Umfang mit vielen, vielen Umfallern. Occupy, Blockupy, die Indignados sind für mich keineswegs protofaschistisch, sondern sie ähneln eher dem klein- und frühbürgerlichen Utopismus, dem auch der Marxismus ganz zu recht seine Ehre erweist, aber die Mängel klar aufzeigt und kritisiert; David Graeber ist für mich weniger mit Otto Strasser, als mit Saint-Simon zu vergleichen... Das das alles auch zur Instrumentalisieung durch gewisse Kreise genutzt wird, erscheint mir evident; ich ziehe aber daraus die Schlussfolgerung der Notwendigkeit, ebenjene Bewegungen im Sinne der sozialistischen/kommunistischen/marxistischen Ideologie zu instrumentalisieren

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Ehemaliger Nutzer 19.07.2013 | 21:47

Lustig zu lesen, obwohl es ein ernstes Thema ist. Vor etwa 40 Jahren habe ich Texte gelesen, die waren so wie die Ihren. Damals studierte ich und alle, die was auf sich hielten, dachten und schrieben so. Heute gibt es keinen Klassenkampft mehr, nicht weil es keine Klassen gibt, sondern weil sich die Welt geändert hat. Es ist irrelevant geworden, weil es auf der einen Seite das Geld und die Informationen gibt und auf der anderen Seite diejenigen, die davon abhängig sind.

Auch wenn das schwer einzusehen ist, hat die Unterschicht und gebildete Mittelschicht (wenn ich da in Ihrer Einteilung der Welt bleibe) ein identisches Interesse, sie wissen es nur noch nicht.

Der erste Schritt in diese neue Welt war die Globalisierung. Globalisierung heisst nichts anderes, als dass nicht mehr die Sklaven zu den Fabriken transportiert werden, sondern die Fabriken werden zu den Sklaven transportiert.

Wenn das durch ist, wenn die Akkumulation der Gewinne ein Maximum erreicht hat, geht die Globalisierung in die Phase des "Wanderzirkus" über. Das ist heute, eine Zeit, in der ganze Industrien dahin wandern, wo genügend billige Arbeitssklaven leben.

Und jetzt raten Sie einmal, was danach kommt? Und wo sehen Sie zwischen all dem Elend, das alle Menschen vereinen wird, eine Klassengesellschaft? Aufwachen!, wir haben 2013.

Bastian Borstell 19.07.2013 | 22:34

"Mit dem Begriff der Globalisierung wird suggeriert, der Kapitalismus sei mit dem Wachstum der iK in eine qualitativ neue Periode eingetreten (vgl. Beck 1998). Doch werden auch Zweifel an dieser Vorstellung formuliert: Paul Hirst und Graham Thompson (1996; 1998) belegen, dass der Anteil des Außenhandels am Bruttoinlandsprodukt vor dem Ersten Weltkrieg bereits höher lag als in den 1990er Jahren, dass internationales Kapital in den führenden Ökonomien zwischen 1905 und 1914 stark verwoben war und multinationale Konzerne auch damals bereits verbreitet waren. Zu Beginn wie am Ende des 20. Jh. sind letztere mit nur wenigen Ausnahmen eindeutig einem Heimatland zuzuordnen und nach wie vor vornehmlich in einer kleinen Anzahl von Ländern oder innerhalb eines Wirtschaftsblocks aktiv (vgl. Kisker 1999). Auch Eric Hobsbawm bestreitet die These einer neuartigen Qualität der internationalen Wirtschaftsbeziehungen; die Geschichte der Weltwirtschaft sei »seit der industriellen Revolution […] die […] eines immer schnelleren technologischen Fortschritts, eines ständigen, wenn auch ungleichen Wirtschaftswachstums und einer zunehmenden ›Globalisierung‹ – also die Geschichte einer zunehmend komplizierten und weltweiten Arbeitsteilung und eines immer dichter werdenden Netzwerks aus Güterströmen und Tauschbeziehungen, das jeden einzelnen Bereich der Weltwirtschaft zu einem globalen System verband.« (1995)" Klaus-Peter Kisker, HKWM 7/I, 2008, Spalten 360-374 http://www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=k:kapitalmobilitaet_internationale

Der "Wanderzirkus" ist keine neue Erscheinung...

Die sogenannte "Globalisierung" hat am Charakter des Kapitalismus weit weniger geändert, als gerne behauptet wird. Ein Blog/Eine Zitataneinanderreiung dazu: http://www.freitag.de/autoren/bastian84/globalisierung

Es ist viel eher so: Die sogenannte "Globalisierung", die Auflösung des korparatistischen "Klassenkompromisses" (in Deutschland z.B. durch Hatz IV) nach dem Ende des Systemkonflikts usw. sind eher Zeichen dafür, dass der Kapitalismus "endlich" wieder zu sich selbst gefunden hat und sich der (postnazistische) Traum des befriedeten "Gemeinwesens" (alias "Volksgemeinschaft") die gemeinsam für den "Standort" arbeitet, vorbei ist.

Wenn Sie sagen:

"Heute gibt es keinen Klassenkampft mehr, nicht weil es keine Klassen gibt, sondern weil sich die Welt geändert hat. Es ist irrelevant geworden, weil es auf der einen Seite das Geld und die Informationen gibt und auf der anderen Seite diejenigen, die davon abhängig sind."

Dann sagen Sie doch eigentlich:

"Heute gibt es keinen Klassenkampft mehr, nicht weil es keine Klassen gibt, sondern weil sich die Welt geändert hat. Es ist irrelevant geworden, weil es auf der einen Seite das Kapital (alias "Geld und die Informationen", aber auch alle anderen verwertbaren Werte) gibt und auf der anderen Seite diejenigen, die davon abhängig sind, also die doppelt-freien Lohnarbeitenden, die nichts als ihre Haut zu verkaufen haben. Es gibt also keinen Klassenkampf mehr, weil es Gründe für den Klassenkampf gibt." Was ich ein wenig unsinnig finde.

Und nein, im Kapitalismus gibt es keine Sklaven. Es gibt freie ("sich-selbst-gehörende") Menschen, die durch den Zwang der Verhältnisse gezwungen sind, gegen Lohn ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

"Und jetzt raten Sie einmal, was danach kommt?"

Ich hoffe, dass der Kapitalismus eines Tages aufgehoben wird. Zum Raten habe ich gerade nicht soviel Lust. Was meinen Sie denn, was kommen wird?

"Und wo sehen Sie zwischen all dem Elend, das alle Menschen vereinen wird, eine Klassengesellschaft?"

Vereint das Elend "alle Menschen"? Z.B. Die deustche gesellschaft ist im Durchschnitt so reich wie noch nie zuvor. Im Durchschnitt!

Wo ich eine Klassengesellschaft sehe?

Ich steh mal auf und Guck aus dem Fenster...

(Guck aus dem Fenster)

Ah, ja, da ist eine Klassengesellschaft.

"Aufwachen!, wir haben 2013."

Ja. 2013. Ein Jahr im kapitalistischen Zeitalter. In seiner Konflikthaftigkeit und globalen Vernetzung dem Jahr 1813 und noch mehr 1913 nicht ganz unähnlich.

Interessanter Artikel dazu:

"An der Lieferkette

Zum Beispiel Bangladesch: Jede Industriekatastrophe in der Arbeitshölle der Dritten Welt nehmen die Medien hierzulande zum Anlaß, das Märchen von der Reformierbarkeit des Kapitalismus wiederzubeleben.

Von Tomasz Konicz

Sind wir nicht alle ein bißchen Kapital? Auf diesen Standpunkt scheinen sich bürgerliche Medien zurückzuziehen, wenn mal wieder die massenmörderischen Folgen der globalisierten Warenproduktion im Spätkapitalismus zu beklagen sind. Die »Taz« etwa sieht in ihrem Kommentar zum Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch, dem Ende April mehr als 1.100 Textilarbeiterinnen zum Opfer gefallen sind, wie selbstverständlich zuerst die »Verbraucher« gefordert, die »eine Mitverantwortung für die von ihnen konsumierten Produkte« hätten. »Billige und skandalfreie Ware « könne es nicht zum »Nulltarif« geben, heißt es, »wir« müßten »mehr zahlen« und »uns auch darum kümmern …, wie produziert und geprüft wird«.

Mit dieser Haltung liegt die »Taz« ganz auf der Linie anderer investigativer Blätter wie etwa der »Brigitte«, die Anfang Mai ihren Leserinnen empfahl, beim nächsten Shoppingbummel doch mal bei der Kassiererin im Klamottenladen nachzuhaken, was das Unternehmen denn unternehme, »um die Menschenrechte in der Lieferkette sicherzustellen«. Bei diesem baumwollwindelweichen Vorschlag kommen selbstverständlich nur die Schichtenspezifischen Wahrnehmungsdefizite des opportunistischen Mittelklasseangehörigen zum Ausdruck, für den es schlicht unvorstellbar ist, daß Menschen in der BRD gezwungen sein könnten, möglichst billige Kleidung zu kaufen – was insbesondere beim Zentralorgan der Partei der Grünen tragikomisch wirkt. Das Hausblatt der Partei, die gemeinsam mit Schröders SPD mittels der Agenda 2010 dafür gesorgt hat, daß die BRD einen der europaweit größten Niedriglohnsektoren aufweist (22,3 Prozent), fordert nun den »Verbraucher« dazu auf, mehr Geld für Klamotten auszugeben.

[...]

Ein grundlegender, den gegenwärtigen globalen Krisenprozeß ursächlich antreibender Widerspruch kapitalistischer Produktionsweise spiegelt sich in der Elendsökonomie Südostasiens. Auch wenn das kapitalistische System auf die alten Tage segmentweise zurückgeworfenscheint auf seine barbarische Entwicklungsstufe im 18. Jahrhundert, als zerschlissene Kinderhände in 15-Stunden-Schichten Webstühle bedienen mußten, so kann es bei dieser Flucht in die Vergangenheit doch nicht den eskalierenden Widersprüchen entkommen, die es selbst hervorbringt. Dieses archaische System, das auf der Verwertung von Arbeitskraft beruht, macht durch beständige konkurrenzvermittelte Produktivitätssteigerungen – die auch die Textilindustrie zu erfassen beginnen – Lohnarbeit tendenziell überflüssig. Sie ist daher in vielen Branchen nur noch zu Löhnen unter dem Existenzminimum möglich, wie ausgerechnet »Welt Online« zutreffend beschrieb: »Die letzte Erhöhung des Mindestlohns in Bangladesch auf 30 Euro pro Monat hatte übrigens zur Folge, daß 300 Textilfabriken schlossen und Tausende Arbeiterinnen auf der Straße landeten, stellt sogar das Aktionsbündnis Clean Clothes Campaign (CCC) fest.« Es sei nicht auszuschließen, daß »erhöhte Arbeitsschutzmaßnahmen beim heutigen Produktivitätsniveau ähnliche Wirkungen haben.«

Die Optionen, die der späte Kapitalismus diesen »überflüssigen« Menschen läßt, hat der »Tagesspiegel« aufgezählt. Sollten weitere Konzerne dem Beispiel Disneys folgen, drohe den Textilarbeiterinnen Bangladeschs »weitere Verelendung, die Straße oder gar Prostitution«. 15-Stunden-Schichten, Straßenstrich oder Hungertod – vor diesen Alternativen finden sich immer mehr Lohnabhängige nicht nur in Bangladesch." http://www.konkret-magazin.de/hefte/aktuelles-heft/articles/an-der-lieferkette.html

"Auch wenn das schwer einzusehen ist, hat die Unterschicht und gebildete Mittelschicht (wenn ich da in Ihrer Einteilung der Welt bleibe) ein identisches Interesse, sie wissen es nur noch nicht."

Ich sage hingegen:

"Auch wenn das schwer einzusehen ist, haben jene, die sich nichts andere als die billigen Klamotten von kik leisten können und jene, denen kaum etwas anderes übrig bleibt, als diese billigen Klamotten zu nähen, ein identisches Interesse, sie wissen es nur noch nicht."

Oder klassisch und plakativ ausgedrückt: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"

Bastian Borstell 20.07.2013 | 09:50

zu 2)

Ich stehe dem Konzept "Partei", und sei sie auch eine des gerade allerneusten Typs, sehr skeptisch gegenüber.

Eine Räterepublik mit imperativen Mandaten braucht meiner Ansicht nach keine Parteien. Nicht, dass man sie verbieten sollte, man braucht sie einfach nicht.

Parteien mögen einen Sinn für Kämpfe innerhalb der bürgerlichen Demokratie haben, werden aber durch die Integration von Gegnern zu Standbeinen der herrschenden Verhältnisse: “Wenn man hineingeraten ist, dann wird man einfach aufgesogen, in die Klebmasse eingebaut.” (Johannes Agnoli, z.n. http://www.ca-ira.net/verlag/rezensionen/agnoli-1968_rez-wirner.html )

“Die Parlamentspartei will nicht desintegrieren, sondern legislative Arbeit machen. Es liegt nicht in ihrem Interesse noch in der Verbesserung ihrer Funktionalität, Massen durch Bewußtmachung ihrer Situation aktiv zu radikalisieren. Vielmehr muß sie eine passive Radikalisierung zu erreichen versuchen; das heißt: sie wird aus ihr eine passive Wahlkonsumentenmasse machen, die sich für radikale Kandidaten entscheidet.” ders.

Mit Parlamentsparteien ist keine Revolution zu machen.

zu 3) eine Volksfront gegen Reaktionäre, "Nationalrevolutio
näre", Faschisten, Nazisten usw. ist sinnvoll und notwendig, wenn sich dies ganz konkret auf dieses politische Anliegen beschränkt.

Bei großen Teilen von Occupy und Co. sehe ich jedoch reaktionäre und (mehr oder weniger strukturell) antisemitische Tendenzen, und zwar nicht nur durch Nutzung "gewisse[r] Kreise", sondern in deren grundsätzlicher Weltanschauung. Übrigens glaube ich auch nicht, dass die "sozialen Forderungen" der NSDAP nur eine "Instrumentalisierung durch gewisse Kreise" war. Dazu:

„Oft wird das Thema »Antikapitalismus von rechts« subsumiert unter rechte Demagogie, wird angesehen als Propagandatrick oder als Resultat der Kopie linker Konzepte – zu Unrecht. Denn bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Selbstverortung als »Systemfeinde« zum extrem rechten Selbstverständnis, eine aggressive Revolutionsrhetorik und das Reden vom »nationalen Sozialismus« zum Repertoire moderner Neonazi-Identität gehören.
[...]
Zwar blieb das Verhältnis des Nationalsozialismus zu den Eliten der Wirtschaft stets ein ambivalentes, doch durch »Arisierungen«, Staatsinvestitionen, Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und einen gewaltsam vergrößerten Binnenmarkt konnte ökonomisch profitiert werden – der Zweck kapitalistischer Produktion bestand fort. In einer 1935 erschienenen NS-Lehrschrift kam das offenbare Missverhältnis zwischen eigener Ideologie und praktizierter Politik zum Ausdruck: so heißt es zunächst, der NS »erkennt das Privateigentum grundsätzlich an, und stellt es unter staatlichen Schutz«, um mit dem Hinweis zu schließen, der NS stünde »in schärfster Opposition zu der heutigen Welt des Kapitalismus«. Man erklärt sich für antikapitalistisch, obwohl grundsätzliche Merkmale des Kapitalismus, etwa die Eigentumsordnung, verteidigt werden und de facto ein staatlich gelenkter Kapitalismus praktiziert wird.

Antikapitalistische Positionen von rechts

Möglich ist dies nur, indem man sich eine ideologisch passende, selektive Kritik am Kapitalismus zurecht legt. Zwar existiert keine durchgängige Argumentation, aber es lassen sich einige wiederkehrende Motive herausstellen, die charakteristisch für die antikapitalistische Agitation von rechts sind:
1. Kapitalismus als kulturelles Phänomen: Kapitalismus wird nicht als ökonomisches System begriffen, das existent ist durch eine spezielle Produktionsweise, sondern als Denkweise oder Weltanschauung. Deren Essenz sei es, dass sie »materialistisch« sei, und es ihren »Anhängern« nur darum gehe, zu Gunsten materieller Ziele die bisherige »natürliche« Kultur zu zerstören.
2. Zinsknechtschaft: Als das Kritikable am Kapitalismus gilt »der Zins«, der den Profit erst möglich mache, indem er Geld in »mehr Geld« verwandle. Diese Erklärung ist ökonomisch falsch, macht es aber möglich, statt den Kapitalismus als abstraktes gesellschaftliches Verhältnis zu kritisieren, einen konkreten Gegenstand (und konkret Handelnde) vorzuführen.
3. Raffendes und schaffendes Kapital: Die rechte Kapitalismuskritik formuliert irrsinnigerweise keine Kritik an einer Grundkategorie des Kapitalismus, dem Kapital. Stattdessen wird nur bestimmtes Kapital kritisiert: das ausländische Kapital beispielsweise in Form »multinationaler Konzerne«. Diese heiße es daher zu bekämpfen, natürlich zu Gunsten des eigenen, »nationalen«, »schaffenden« Kapitals«.
4. Gegen Globalisierung: Der Kapitalismus sei »internationalistisch« und »raumlos«, zersetze also die »natürlichen« Grenzen. Daher müssten die eigene Volkswirtschaft und ein »gesunder Mittelstand« gefördert werden.

[...]

Neonazis stellen die soziale Frage, aber sie geben eine nationale Antwort. Hierauf baut ihr langfristig wirksamer Erfolg: durch die Konstruktion simpler Zusammenhänge, die dem Alltagsbewusstsein eher entsprechen als eine tatsächliche Kritik am Kapitalismus.“ https://www.antifainfoblatt.de/artikel/antikapitalismus-von-rechts

Diese Gruppen bekämpfen nicht den Kapitalismus, auch wenn sie das glauben, sondern Dinge wie "die Banken", "den Zins", trennen zwischen "schaffenden" und "raffenden Kapital" usw.. An Stelle von radikaler (Gesellschafts)Kritik steht hier allzu häufig das dumpfe "Wir gegen die da oben" und an stelle progressiver Forderungen stehen regressive Forderungen nach einem diffusen "zurück zur sozialen Marktwirtschaft", die ich als postnazistischen Korporatismus bezeichnen würde (An die Stelle der "Volksgeminschaft" traten "Gemeinwohl" und "der Standort").

Ich bin kein Leninist, der meint man müsse jede ideologische Regung aufnehmen und instrumentalisieren, eine Strategie die Lenin ja vor allem nutze, um die Bauernmassen in einer spätfeudalen präkapitalistischen Gesellschaft zur Revolution zu instrumentalisieren. Da man Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft nicht aufheben kann, wo sie nicht existieren, musste dieser Versuch in einer Entwicklungsdiktatur enden. Eine klassische marxistische Bolschewismuskritik: http://www.left-dis.nl/d/thbolsch.htm

Bewegungen zu instrumentalisieren ist meine Sache nicht, eher der Versuch zu überzeugen. Es reicht nicht, einer Partei zur Macht zu helfen, die meint kommunistisch zu sein, die revolutionäre Masse muss den Kommunismus wollen, keine Bodenreformen oder Ähnliches, damit die Revolution kommunistisch sein kann.

niclas quinten 20.07.2013 | 13:42

Die SPD bietet so wenig inhaltliche und personelle Alternativen und Perspektiven, dass die CDU und ihr Wurmfortsatz FDP auch die nächsten Jahre regieren werden. Sie werden nur regieren, weil die SPD zu schwach ist. Das muss man ihr vorwerfen. Es ist ein Jammer! Ich sehe keine und keinen der "Crouch" umsetzen könnte. Auf uns warten vier weitere Jahre Stilltand, Banalisierung und Verdummung und die Sozialdemokratie verpasst eine weitere Chance und damit auch das Land. Im Mehltau zu Berge wir ziehen vallera - gemerkelt wird weiter und die Bevölkerung wird ruhiggestellt, sediert durch Politikgeschwafel.

willibald hamster 20.07.2013 | 14:11

Zur Antwort auf 2) antworte ich mal mit dem Video.

"Instrumentalisierung" ist ein vielleicht zu technischer Begriff, für das, was mir da vorschwebt; aber ich habe ihn deshalb gewählt, weil er m.E. letztendlich das beschreibt, worum es geht: Leute für die Sache gewinnen. Wenn Unmut, Unzufriedenheit da ist, dann gilt es die zu nutzen (klassisch gesprochen: Propaganda&Agitation), zu kanalisieren. Und natürlich muss man den Betroffenen dann auch deutlich machen, dass sie eine Revolution "wollen müssen" (im Kantschen Sinne), wenn sie ihre einzelnen Forderungen nach einem "besseren Leben" (auf Dauer) umgesetzt sehen wollen.

Auf diesen antibolschewistischen Artikel (den Sie mir schon einmal anempfohlen haben) antworte ich hier mit einer Reflexion Gramscis über Reformation und Gegenreformation.

Bastian Borstell 20.07.2013 | 14:55

Revolution "wollen müssen" kann allerdings allein nicht ausreichen. Es muss vor allem auch klar sein, was für eine Revolution gemacht werden sollte, welcher "Gegenstand" derjenige der Kritik sein muss. Und da hapert es bei "Occupy und Konsorten" ganz gewaltig, da Kritik "am System", wenn überhaupt, bei obskurer Zinskritik, oberflächlichen Geldtheorien, Forderungen nach Trennbanken usw. stecken bleibt. Wenn üerhaupt, wie gesagt. Nicht selten besteht die "Kritik" im reinen Ressentiment gegen "die da Oben", "die Banker", gegen "die Eliten", die dann demzufolge nur ausgewechselt werden müssten. Und im schlimmsten Fall mündet das Ressentiment in eliminatorischen Forderungen wie z.B. das oben zitierte "Bring your Banker to the Henker".

Solch ein "rotbrauner" Mob ist höchst gefährlich. Eine solche "Revolution" sollte besser nicht gewollt sein und schon gar nicht gemacht werden.

willibald hamster 20.07.2013 | 15:18

Um ehrlich zu sein, finde ich diese "Antiquerfrontideologie" weitaus gefährlicher, als genannte "verkürzte Kapitalismuskritik". Hier werden m.E. Vergleiche an den Haaren herbeigezogen - DAS zeugt dann von purem Ressentiment, wie man das etwa am Beispiel von Justus Wertmüller sehen kann. Das "Anti-Völkische" verabsolutiert sich und vereinigt sich mit neoliberalem Indiviualismus, Elitarismus.

Es gab auch in der Tat einen gemeinsamen Wähler- und Mitgliederpool (Erwerbslose), aus dem NSDAP und KPD schöpften - aber es wäre vollkommen verfehlt, aus den Kommunisten deshalb "rotlackierte Faschisten" oder aus der NSDAP eine "linke Partei" (Erika Steinbach) zu machen. Die Genese des Faschismus im engeren Sinne (also seit der Zeit, als Mussolini mit seiner kriegsbejahenden Haltung aus der Sozialistischen Partei rausgeschmissen wurde und er dann mit Anderen Italien zum Kriegseintritt drängte) zeigt an, wie die bourgeoise Reaktion lernte, Elemente des Sozialismus aufzugreifen und sie massenwirksam in Verbindung mit imperialistischen und rassistischen Auffassungen in ihr Gegenteil zu verkehren. Die Richtigkeit der Dimitroff-These wird durch solche Ideologiekritik nicht widerlegt, sondern die entwickelt sich in ihr fort - hinter dem, was ich Faschismus nenne, standen und stehen auch immer große Teile der Interessen des Kapitals, was man von Occupy, denke ich, nicht behaupten kann. Man kann da sicherlich Vieles kritisieren, bemängeln usw. Aber die Ineinssetzung mit Faschismus grenzt an rüdeste Demagogie und ist zudem auch völlig praxisuntauglich, da man dadurch viele betroffene Menschen ausschließt und am Ende sogar vielleicht wirklich in die Hände von faschistischen Rattenfängern laufen lässt.

Bastian Borstell 21.07.2013 | 01:31

Die ideologische Übereinstimmung zwischen KPD und NSDAP war allerdings sehr gering. Die "Kapitalismuskritiken" waren äußert verschieden.

Auch wenn die NSDAP die erste "Volkspartei" Deutschlands war, die aus allen Klassen ihr Wählerpotentailbezog, wurde sie hauptsächlich vom "Mittelstand", von Kleinbürgern wie Handwerkern, Bauern, kleinen Händlern usw. getragen.

Finanziert hat sich die NSDAP vor allem über Mitgliedsbeiträge. Die von verschiednen Kreisen aus verschiedenen Gründen gemachte Behhauptung, die NSDAP sei vor allem vom "Großkapital" oder der "Bourgoisie" finanziert, aufgebaut und unterstützt wurden, gilt als widerlegt. Diese standen bis zum Schluss eher DVP und vor allem DNVP nahe, auch wenn letztere die Errichtung der Nazidiktatur auf demokratischen Wege (Eine weitere Legende: Hindenburg habe dies zu Verantworten) ermöglichte, da die Koalition dieser Parteien eine Parlamentsmehrheit innehatte.

Tatsache ist: Die NSDAP hatte eine breite Basis, ihre Ideologie "kam an". Und das eben nicht, weil bestimmte Kreise ich hier eine ausgefuchste Kombination ausgedacht haben, sondern weil solche Überzeugungen in breiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere oben genannter Klasse, geteilt wurden, ohne dass man Ihnen das erst hätte einbläuen müssen.

Der Regressive Antikapitalismus und seine tiefe Verschmelzung mit dem Antisemitismus waren keine "faulen Tricks", sondern ein Aufstand vieler Deutscher (und "Deutsch-Österreicher") gegen das, was Sie für den Kapitalismus halten. Auschwitz war kein "Unfall" einer Diktatur von "faschistischen Rattenfängern", die die Bourgoisie an die Macht brachte, sondern eine radikale Umsetzung des "Volkswillens". Oder wie sagte es Karl Renner, erster Bundespräsident der Republik Östrerreich nach dem zweiten Weltkrieg noch im Jahre 1945: „Ich finde, dass wir in Bezug auf die Behandlung des Naziproblems in eine kritische Situation kommen. Ich will nicht behaupten, dass ich damit Recht habe, aber die Sache ist nach meinem Gefühl doch so, dass alle diese kleinen Beamten, diese kleinen Bürger und Geschäftsleute bei dem seinerzeitigen Anschluss an die Nazis gar nicht weit tragende Absichten gehabt haben – höchstens, dass man den Juden etwas tut –, vor allem aber nicht daran gedacht haben, einen Weltkrieg zu provozieren.“
Protokolle d. österr. Bundesregierung 1945-52,
1988 Athenäum Verlag,Hg Robert Knight, S. 114

"hinter dem, was ich Faschismus nenne,"

"Deutscher" sage ich, weil dies tatsächlich ein Charakteristikum des Nazismus ist, dass der italienische Faschismus schlicht nicht kannte. Beim faschistischen Marsch auf Rom waren faschistische italienische Juden dabei, Mussolini sagte 1927:

„Faschismus bedeutet Einigkeit, Antisemitismus dagegen Destruktion. Faschistischer Antisemitismus oder antisemitischer Faschismus sind deshalb eine krasse Absurdität. Wir in Italien finden es höchst lächerlich, wenn wir hören, wie die Antisemiten in Deutschland durch den Faschismus an die Macht kommen wollen. Auch von anderen Ländern kommt zu uns die Nachricht, daß ein antisemitisch gefärbter Faschismus Boden zu gewinnen sucht. Wir protestieren energisch dagegen, daß der Faschismus auf diese Weise kompromittiert wird. Der Antisemitismus ist ein Produkt der Barbarei, während der Faschismus auf der höchsten Zivilisationsstufe steht und dem Antisemitismus diametral entgegengesetzt ist.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Italienischer_Faschismus#Judenverfolgung

Erst mit dem Austieg der Nazis in Deutschland gewannen antisemitische bzw. nazismusähnliche Strömungen innerhalb der faschistischen Partei und Diktatur an Bedeutung.

Der Antijudaismus des Frankismus, des Austrofaschismus higegen waren vor allem religiös geprägt. Man versuchte sie mit Druck zum (vor allem katholishen) Christentum vom Konvertieren zu "überzeugen", während vor allem durch die Nazis auch Leute vernichtet wurden, die bis zur Selbstverleugnung assimiliert waren.Es gibt also gute Gründe zwischen Bewegungen, die "nur" faschistisch sind und solchen, die nazistisch sind, zu unterscheiden.

willibald hamster 21.07.2013 | 13:06

Die ideologische Übereinstimmung zwischen KPD und NSDAP war allerdings sehr gering. Die "Kapitalismuskritiken" waren äußert verschieden.

Auch wenn die NSDAP die erste "Volkspartei" Deutschlands war, die aus allen Klassen ihr Wählerpotentailbezog, wurde sie hauptsächlich vom "Mittelstand", von Kleinbürgern wie Handwerkern, Bauern, kleinen Händlern usw. getragen.

Das ist ganz richtig, die KPD setzte sich ja v.a. aus organisierten Erwerbslosen zusammen. Und da, wo die KPD stark war (Berlin, Ruhrgebiet, Teile Sachsens und Thüringens), war die NSDAP verhältnimäßig schwach.

Zur Finanzierung der NSDAP: http://sauber.50webs.com/kapital/

Nach 1929/30 standen ja nicht auf einmal schlagartig alle Industrielle, Bankiers usw. hinter den Faschisten. Die Präsidialdiktaturen Brünings, von Papens und von Schleichers waren der die ersten politischen Versuche des Kapitals und der Rechten (Deutschnationale, Rechtskatholiken, Nationalliberale, Jungkonservative, Völkische) zur Demontage der Weimarer Republik nach Beginn der Weltwirtschaftskrise. Die wirtschaftsliberale Politik dieser Regierungen heizte die Stimmung in der Bevölkerung aber nur weiter auf und ließ außerdem die Kommunisten und linken Sozialisten erstarken. Trotzdem übten die Nazis auf die Regierung Druck aus, der Folgen zeitigte (wie heute die Chrysi Avgi auf die griechische Regierung), nicht die Linken. Das ließ dann auch die Faschisten im Bewusstsein einflussreicher Kreise nach oben rücken.

Schwer- und Rüstungsindustrie hatten sich zudem aus leicht einsehbaren Gründen schon relativ früh den Faschisten zugewandt.

Tatsache ist: Die NSDAP hatte eine breite Basis, ihre Ideologie "kam an". Und das eben nicht, weil bestimmte Kreise ich hier eine ausgefuchste Kombination ausgedacht haben, sondern weil solche Überzeugungen in breiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere oben genannter Klasse, geteilt wurden, ohne dass man Ihnen das erst hätte einbläuen müssen.

Der Regressive Antikapitalismus und seine tiefe Verschmelzung mit dem Antisemitismus waren keine "faulen Tricks", sondern ein Aufstand vieler Deutscher (und "Deutsch-Österreicher") gegen das, was Sie für den Kapitalismus halten. Auschwitz war kein "Unfall" einer Diktatur von "faschistischen Rattenfängern", die die Bourgoisie an die Macht brachte, sondern eine radikale Umsetzung des "Volkswillens".

Damit blenden Sie aber die Ursprünge von Rassismus und insbesondere Antisemitismus aus. Wie Domenico Losurdo in seinem Buch " Die Sprache des Imperiums" beschreibt, war der Antisemitismus v.a. Folge eines zugespitzten Kolonialismus und aufkommenden Imperialismus, der zunächst "nur" einen Rassismus gegen die "Farbigen" zur Folge hatte (Shawarze, Araber, Indianer ...). Diese wiederum generierte das Bewusstsein einer allen anderen überlegenen Kultur des Abendlandes, die zunächst auch größtenteils die Juden mit einschloss. Erst ab der 2. Hälfte des 19. Jh.s wurde dieser koloniale und imperiale Rassismus dann wirklich durch Antijudaismus und Judenfeindlichkeit befruchtet und mündete im Antisemitismus; plötzlich befand sich die "niedere Kultur, Rasse" auch innerhalb der eigenen Staatsgrenzen. Antisemitismus war also keine deutsche oder mitteleuropäische "Volkskrankheit", sondern der passende ideologische Überbau zur dazugehörigen materiellen Basis.

Es gibt also gute Gründe zwischen Bewegungen, die "nur" faschistisch sind und solchen, die nazistisch sind, zu unterscheiden.

Das sehe ich auch ein. Nur ist das ein beliebter Vorwand, um die Regime um Mussolini, Franco und Salazar gegenüber dem Nazismus klein zu reden. Insbesondere das faschistische Italien trat in den 30er und 40er Jahren in Libyen (bzw. da schon seit 1911/12) und Äthiopien als imperiale Großmacht auf, die dem Nazismus in Sachen Massenmorde in nichts nachstand (bloß, dass die zu vernichtenden Rassen sich vorwiegend auf einem anderen Kontinent befanden).

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Ehemaliger Nutzer 21.07.2013 | 16:53

Übrigens, Proletarier besaßen kein Land, waren aber auch keine Sklaven. Wenn Sie schon verbal herauslassen, was einst von Karl Marx als Gegenpol zur Bourgeoisie philosophisch genutzt wurde, dann achten Sie doch bitte dabei auf den in der Aktualität gültigen Kontext.

Die Welt braucht keine Menschen, die altertümliche Phrasen dreschen, sondern Menschen, die etwas verändern.

Bastian Borstell 21.07.2013 | 17:05

"Das Proletariat (von lateinischproles ‚die Nachkommenschaft‘) bezeichnete im antiken Rom die gesellschaftliche Schicht der landlosen und lohnabhängigen Besitzlosen im Stadtstaat, die aber nicht versklavt waren. Seit dem 19. Jahrhundert findet der Begriff Anwendung auf die infolge der Industriellen Revolution entstandene Industriearbeiterschaft. Nach Karl Marx sind Proletarier Menschen, die nur durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft ihren überwiegenden Lebensunterhalt erzielen können." http://de.wikipedia.org/wiki/Proletariat

Dabei ist es unerheblich, oder Lohn niedrig oder hoch ist.

willibald hamster 21.07.2013 | 17:24

Davon kann man der Linkspartei nur abraten. Damit würde sie sich ihr eigenes Grab schaufeln. Die Tolerierung einer rot-grünen Bundesregierung würde all die "notwendigen Kompromisse" beinhalten, die die Partei von innen zersetzen würde. Aus der Opposition heraus kann die Linkspartei viel wirkmächtiger agieren, kann sie wichtige Debatten anstoßen. Opposition ist nicht Mist. Ich kenne kein Beispiel einer "guten rot-rot-grünen Zusammenarbeit". Überall hat man den ganzen neoliberalen Mist mitgetragen, ob auf kommunaler (wie z.B. damals in Dresden oder heute in Leipzig oder im Westen Duisburg) oder Länderebene: heute Brandenburg, wewegen ja auch Wolfgang Neskovic die BT-Fraktion verlassen hat (und zur BT-Wahl im Kreis Cottbus-Spreewald als Unabhänger antritt), damals in Berlin (neoliberale Wohnpolitik) und MacPommes (wo man den G8-Gipfel für 2007 in Heiligendamm mit vorbereitet hat).

willibald hamster 21.07.2013 | 17:43

Ja, mich überrascht sie auch. Ich weiß nicht wirklich, was Gabriel damit bezwecken möchte. Läuft er damit nicht Gefahr, weitere Stimmen den LINKEn zu überlassen? Wenn es sich um ein ganz simples "links Blinken, rechts Abbiegen" handelt, um später mit CDU/CSU zu koalieren, dann geht Gabriels Rechnung höchstwahrscheinlich nicht auf. Wenn er damit aber bestimmte Kreise in der LINKEn ansprechen möchte, entweder, um dort einen neuen innerparteichen Streit vom Zaun brechen zu lassen und hinterher triumphierend zu behaupten, mit diesen Chaoten sei ja kein Regieren möglich; oder aber, um sich tatsächlich von links tolerieren zu lassen - dann ist das ein vielleicht gelungener Schachzug, um die Linkspartei mundtot zu machen oder vielleicht sogar auszuschalten (wenn die SPD die Agenda 2020 mit Grünen und LINKEn durchziehen würde, könnte sie evtl. sogar 2017 gestärkt daraus hervorgehen).

Rosbaud 21.07.2013 | 19:10

Palastrevolution nötig!

Um bei der SPD wieder die "Idee der Sozialdemokratie" durchzusetzen, wäre eine Palastrevolution gegen Seeheimer und Agenda-2010-Befürworter nötig. Dafür gibt es nirgendwo ein Anzeichen, wenn man wirklich sozialdemokratische Politik haben möchte, muss man die Linke wählen.

Das wäre zugleich auch ein Lackmustest für die Demokratiefähigkeit unserer herrschenden Kreise!

Bastian Borstell 22.07.2013 | 06:05

"Zur Finanzierung der NSDAP: http://sauber.50webs.com/kapital/"

Ihre Quelle mag zwar ein paar Namen denken, doch ist sie (gerade deswegen?) ziemlich dürftig, da diese nicht in Relation zum gesamten finanziellen Aufkommen der NSDAP gestellt werden. Jedenfalls nicht soweit ich den Text gelesen habe. Der Text stellt ja eine Rezension zu einem Buch dar, dass angeblich die Finanzierung der Nazis darstellen soll. Ich habe es nciht gelesen, doch aus der postitiv gemeinten Rezension scheinen schon die schweren Defizite raus, die ein andere Rezensent bei Amazon so beschrieben hat:

"Eigentlich hatte ich mir von diesem Buch eine möglichst genaue Analyse der Finanzierung der NSDAP in den 20er Jahren versprochen. Dabei hätten mich weniger die Personen, als vielmehr die Entwicklung der Partei interessiert. Dieses Buch liefert das Gegenteil - es ist eine Sammlung von sechs Biografien von frühen Unterstützern Hitlers, die Entwicklung der Partei wird in keiner Weise näher beschrieben. Da offensichtlich keine Unterlagen über dieses Thema erhalten sind, ist es natürlich sehr schwer, die genauen Finanzflüsse der NSDAP zu beschreiben. Wenn aber ein Wirtschaftsjournalist ein Buch vorlegt in dessen Titel das Wort "finanziert" vorkommt, dann erwarte ich zumindest eine gewisse Anstrengung in diese Richtung. Leider tauchen Analysen der Finanzierung oder der Geldflüsse nur am Rande auf und bleiben sehr oberflächlich.

Als Sammlung von Kurzbiografien mag das Buch durchaus seinen Wert haben." http://www.amazon.de/review/RVIBFJ4GR4RQX/ref=cm_cr_pr_viewpnt#RVIBFJ4GR4RQX

Gerade aus marxistischer Perpektive sollte jedoch eine derartige Personifizierung als absolut unzulässig gelten. Sollte doch eine solche Perspektive eher danach fragen, welche Klassen die NSDAP hauptsächlich trugen.

Es verwundert mich übrigens nicht, dass der protonazisitischen Verschwörungsblog "Honigmann" den von Ihnen verlinkte Text ebenfalls veröffentlichte, verschleiert dieser Text doch wunderbar die Massenbasis der Nazis und der nazistischen Genozide.

Warum in Ihrer Quelle dazu die ollen Kammellen von Hitlers angeblicher jüdischer Abstammung und seriner angeblichen Homosexualität aufgewärmt werden, verwundert nicht:

Der von Ihnen verlinkte Text ist von Ursula Seiler und eine Kurzfassung eines Textes aus der Zeitschrift "Zeitenschrift". Wikipedia über die "Zeitenschrift":

"Die ZeitenSchrift ist ein seit 1993 vierteljährlich mit Hauptvertriebsgebiet Deutschland, Schweiz und Österreich erscheinendes spirituell orientiertes Magazin mit den Schwerpunktthemen Spiritualität, Bewusstsein, Natur, Gesundheit, Ernährung und Ökologie. [...]

Tobias Jaecker, Autor des Buches Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September, ordnet die weltanschauliche Ausrichtung der „ZeitenSchrift“ als esoterisch-rechtsextremistisch ein;[2] der Historiker Stefan Meining bezeichnete das Blatt 2002 in einem Vortrag auf einem Symposiums des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz als „das seit Jahren wohl wichtigste publizistische Sprachrohr der deutschsprachigen Rechtsesoterik.“[3] Eine Publikation der Landesjugendbehörde der Stadt Hamburg sieht das Blatt im engeren Umfeld der theosophischenUniversalen Kirche“ und berichtet, dass die Herausgeber der „ZeitenSchrift“ wegen des Abdrucks eines Interviews mit Peter Leach-Lewis im Heft 13/97, dem „Patriarchen und Erzbischof“ dieser Vereinigung, wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden." http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitenschrift



Und bei Psiram:

"ZeitenSchrift ist eine seit 1993 viermal jährlich erscheinende Publikation, die sich hauptsächlich der Propaganda totalitärer und brauner Esoterik verschrieben hat. Sie wird in der Schweiz vom Zeitenschrift Verlag Seiler & Co. in Risch (Kanton Zug) produziert; Herausgeber sind Benjamin Spielmann und Ursula Seiler-Spielmann.[1] Als Inhaber der Internet-Domain zeitenschrift.de ist Ursula Seiler in Gaussig bei Bautzen angegeben. Die ZeitenSchrift wurde in der Vergangenheit als antisemitisch-rechtsextrem bezeichnet. [...]

Themen der ZeitenSchrift sind Esoterik, Verschwörungstheorien, Okkultismus, Theosophie, "Hitlers Fluchtweg nach Argentinien", die Illuminaten und die Neue Weltordnung, "Juden: Ihre Rolle in der Welt von heute - ihre wahre Herkunft" und Nazi-Apologetik. Schon die Titelgeschichte der ersten Nummer aus dem Jahr 1993 hatte den okkulten Mythos von den Übermenschen und der unterirdischen Stadt Shambala im Himalaya-Gebiet zum Thema. Auch in den Folgeausgaben wird immer wieder behauptet, dass die Welt innen hohl sei und im Erdinnern deutsche Nazis samt ihren Flugscheiben wohnten. Angereichert werden diese Themen von antisemitischen Anspielungen und dem ariosophischen Gedankengut des Jörg Lanz von Liebenfels. Die Nazis, so Seiler-Spielmann, hätten das "hohe geistige Geheimwissen der Thule-Gesellschaft missbraucht.

[...]

Die ZeitenSchrift fungiert außerdem als ein Sprachrohr von Helmut Pilhar sowie des nach der GNM behandelnden HeilpraktikersJohann Siegfried Mohr aus Köln[9]. Zur propagandistischen Unterstützung der Germanischen Neuen Medizin nach Ryke Geerd Hamer passen auch im Jahre 2009 von der Zeitenschrift verbreitete Falschmeldungen über angeblich extrem niedrige Todeszahlen durch Krebs im Staat Israel. Mit nicht überhörbarem antisemitischen Unterton behauptet die Zeitschrift, dass die angeblich niedrigen Zahlen von in Israel an Krebs gestorbenen Menschen mit einer angeblichen, heimlichen Akzeptanz der pseudomedizinischen GNM zu erklären seien. In Wirklichkeit verwechselt die ZeitenSchrift Mortalitätsraten (Anzahl Verstorbener an Krebs pro 100.000 Menschen) mit den absoluten Todeszahlen, die zusätzlich auf Grund der geringeren Bevölkerung in Israel natürlich niedriger als in Deutschland sind." http://psiram.com/ge/index.php/Zeitenschrift

Die Verwechslung absoluter mit relativer Zahlen scheint bei dieser Propaganda öfters Programm zu sein...





"Die Frage nach dem Anteil der Großindustrie am Aufstieg der NSDAP ist in der Geschichtswissenschaft ein zentraler Gegenstand in der politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Endphase der Weimarer Republik. Umstritten ist dabei vor allem, ob und wie weit die Großindustrie die NSDAP die entscheidenden Jahre nach der Reichstagswahl von 1930 bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 förderte.[1]

Vorwiegend marxistische Historiker behaupteten, es seien im Wesentlichen die Besitzer und Vertreter von Großunternehmen gewesen, die Adolf Hitler an die Macht gebracht hätten.[2] Dem widersprach der amerikanische Historiker Henry Ashby Turner seit den 1970er Jahren in verschiedenen Publikationen. Mit seinen Forschungsergebnissen löste er eine scharf geführte Kontroverse aus. Turners Positionen wurden dabei aber im Wesentlichen bestätigt.[3] Heute wird die These, die Unterstützung durch Industrielle sei ein entscheidender Faktor für den Aufstieg der NSDAP zur Macht gewesen, von der Lehrmeinung in der Geschichtswissenschaft abgelehnt." http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Findustrie_und_Aufstieg_der_NSDAP



"Als Adolf Hitler im Herbst 1919 seine politische Karriere begann, befanden sich in der Kasse der späteren NSDAP nach eigenem Bekunden 7 Mark und 50 Pfennig. Da abzusehen war, daß die vielfältigen Aktivitäten der Partei aus den Beiträgen der Mitglieder allein kaum finanziert werden konnten, bemühten sich Hitler und seine Gesinnungsfreunde von Anfang an um zusätzliche Finanzquellen. Die Abhängigkeit von Spenden, sei es in Form von Barmitteln oder Sachwerten, war für die NSDAP aus Imagegründen freilich besonders heikel, kamen solche Zuwendungen doch in aller Regel aus den wohlhabenden Schichten der Gesellschaft. Verläßliche Aussagen über die Höhe solcher Zuwendungen sind freilich wegen der schwierigen Quellenlage nur in Ausnahmefällen möglich.
Die ersten Förderer Hitlers kamen überwiegend aus dem gehobenen Mittelstand und der "Boheme" Berlins und Münchens. Einige wenige Großindustrielle wie Ernst von Borsig oder Fritz Thyssen, dessen Spende von etwa 100000 Goldmark allerdings der nationalen und völkischen Bewegung insgesamt zugedacht war, zählten aber auch dazu. Die politische Aufwertung, die Hitler durch solche Kontakte erfuhr, war indessen oft ebenso wichtig wie ihr finanzieller Ertrag. Nach dem gescheiterten Putsch im November 1923 versiegten viele der früheren Geldquellen. Die Partei war bis zum Ende der zwanziger Jahre in erster Linie auf eigene Mittel angewiesen: Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder für Veranstaltungen, Gelder aus Sammelaktionen und Einkünfte der Parteipresse. Die Einnahmen, welche die Partei auf diese Weise erzielen konnte, beliefen sich, einem offiziellen Kassenbericht zufolge 1926 auf 114000 und 1927 nur auf 104000 Reichsmark. Um so mehr versuchte die Partei, private Spenden zu sammeln. Der Kontakt zu Emil Kirdorf, der in der Ruhrindustrie wichtige Posten bekleidet hatte, zahlte sich jedoch zunächst nicht wie erhofft aus.
Erst nach dem Erfolg bei den Reichstagswahlen vom September 1930 kam auch die NSDAP in den Genuß der von der Industrie zugunsten der bürgerlich-konservativen Parteien gesammelten Gelder. Allerdings dürfte sie aus gemeinsamen Spendenfonds oder von einzelnen Firmen oder Unternehmern kaum mehr als 10 bis 15 Prozent der insgesamt an die Parteien rechts von der SPD ausgeschütteten Mittel erhalten haben. Zu den größten Spendern zählte w~ederum Fritz Thyssen, der bis Januar 1933 mindestens 400000 Reichsmark zur Verfügung stellte. Den Löwenante~l ihrer Einkünfte brachte die NSDAP jedoch nach wie vor durch Selbstfinanzierung auf: Mindestmitgliedsbeiträge von 1 Mark im Monat, Aufnahmegebühren, Eintrittsgelder von ebenfalls durchschnittlich 1 Mark für Kundgebungen mit Parteigrößen und andere Einnahmen summierten sich - be~ einer Mitgliederzahl von etwa 200000 im Herbst 1930- auf schätzungsweise rund 12 Millionen Mark für den Zeitraum Juni 1930 bis Mai 1931. Die zweite wichtige Finanzquelle waren Spenden aus dem Ausland, unter anderem von Sir Henry Deterding vom Royal-Shell-Konzern zur Unterstützung des "antibolschewistischen Kampfes" der Nationalsozialisten.
Der Aufstieg der NSDAP wurde also hauptsächlich aus parteiinternen Einnahmequellen und ausländischen Spenden finanziert. Die Zuwendungen von der deutschen Industrie fielen demgegenüber weniger ins Gewicht. Nach der Machtübernahme änderte sich dies allerdings: Alle Betriebe mußten sich verpflichten, jährlich 5 Promille der Lohnund Gehaltssumme des Vorjahres an die NSDAP abzuführen. Diese "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft" erbrachte bis 1945 insgesamt über 700 Millionen Mark.

Werner Bührer" http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr242.htm





"Die wirtschaftsliberale Politik dieser Regierungen heizte die Stimmung in der Bevölkerung aber nur weiter auf und ließ außerdem die Kommunisten und linken Sozialisten erstarken. Trotzdem übten die Nazis auf die Regierung Druck aus, der Folgen zeitigte (wie heute die Chrysi Avgi auf die griechische Regierung), nicht die Linken. Das ließ dann auch die Faschisten im Bewusstsein einflussreicher Kreise nach oben rücken."



Dass jene Kreise die Nazis mehr "fürchteten" als die Linken, und Ihnen daher entgegen gingen, dürfte vor allem daran gelegen haben, dass die Wähler hauptsächlich innerhalb der Lager wanderteren. SPD und KPD erreichten in der Summe 1 Drittel der Stimmen, die Bürgerlichen 2 Drittel - D.h. das Ertstarken der KPD geschah hauptsächlich auf Kosten der SPD (stark vereinfacht könnte man sagen: Arbeiter mit Arbeit wählten SPD, welche ohne Arbeit KPD, mit dem Steigen der Arbeitslosenzahlen stieg der Stimmanteil der KPD), die NSDAP erstarkte aber vor allem auf Kosten der bürgerlichen Parteien.





"Schwer- und Rüstungsindustrie hatten sich zudem aus leicht einsehbaren Gründen schon relativ früh den Faschisten zugewandt."



Cui Bono? "cum hoc ergo propter hoc?"


"Die Frage Cui bono? (lateinisch für Wem zum Vorteil?) – gelegentlich auch als „Qui bono?“ (qui ist die vorklassische Form von cui) zitiert – ist ein geflügeltes Wort, mit dem ausgedrückt wird, dass bei einem Verbrechen der Verdacht am ehesten auf denjenigen fällt, der daraus den größten Nutzen zieht.

[...]

In der Moderne ist das Prinzip, bei der Frage nach persönlicher Verantwortung nach dem Nutzen zu fragen, aus der Kriminalistik, politischer Analyse und Geschichtswissenschaft nicht mehr wegzudenken. Wie der Historiker Wolfgang Wippermann zeigt, spielt das Cui-Bono-Prinzip heute auch in vielen Verschwörungsideologien eine Rolle: So wird häufig daraus, dass die amerikanische Regierung von den Terroranschlägen vom 11. September 2001 insofern profitierte, als sie dadurch eine Rechtfertigung für den bereits unabhängig davon geplanten Irakkrieg konstruierte, der Schluss gezogen, dass sie auch hinter den Anschlägen stecken müsse[4] (siehe Verschwörungstheorien zum 11. September 2001). Die Argumentation mit dem Cui-Bono-Prinzip allein kann jedoch auch zum Fehlschlusscum hoc ergo propter hoc führen, da aus dem gleichzeitigen Vorhandensein eines Interesses und eines Ereignisses, das diesem Interesse dient, nicht auf die Kausalität des Ereignisses geschlossen werden kann, das ja auch durch ebenfalls interessierte Dritte oder bloßen Zufall eingetreten sein kann." http://de.wikipedia.org/wiki/Cui_bono



"Mit der lateinischen Wendung cum hoc ergo propter hoc (dt. ‚mit diesem, also deswegen‘) wird ein logischer Fehler (Paralogismus) bezeichnet, bei dem zwei gemeinsam auftretende (koinzidente) Ereignisse als Ursache und Wirkung (kausal) erklärt werden. Die schlussfolgernde Person begeht dabei zum einen den Fehler, ohne genauere Prüfung einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen zu unterstellen; zum anderen bestimmt sie willkürlich und ohne Begründung das eine Ereignis zur Ursache und damit das andere zur Wirkung." http://de.wikipedia.org/wiki/Cum_hoc_ergo_propter_hoc



"„Cui bono?” ist Latein für „Wem nützt es?”. In der Kriminalistik wird beispielsweise bei der Täterermittlung die Frage gestellt, wem eine Tat einen Vorteil bringt, wer einen Nutzen daraus zieht. Diese Person hätte dann ein Motiv, die Tat zu begehen, und sie könnte deshalb als Täter in Betracht kommen. Die berechtigte Frage nach dem Nutzziehern wird zum Fehlschluss, wenn das das einzige Kriterium bleibt, um auf eine Person als Verursacher zu schließen.

Besonders bei Verschwörungstheoretikern ist der Cui-bono-Fehlschluss weit verbreitet. Immer wenn ein besonderes Ereignis die Weltnachrichten beherrscht, dann werden die Nutznießer dieses Ereignisses als die wahren Täter ausgemacht, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Dies ist ein voreiliger und damit falscher Umkehrschluss. Bei jeder Art von Ereignissen, Veränderungen und Umwälzungen gibt es immer Gewinner und Verlierer. Wenn aus A immer B folgt, dann folgt aus B noch lange nicht immer A.

Es ist durchaus möglich, dass die Gewinner auch die Verursacher sind, aber oft genug sind sie nur Gewinner aus Zufall. Sie haben bereits vorher auf Entwicklungen gesetzt, die durch andere in Gang gesetzt wurden, oder sie sind schnell genug auf einen Zug aufgesprungen, der bereits angefahren ist. Wie in der Kriminalistik braucht man schon stichhaltigere Indizien, um einen Nutznießer auch als Verursacher dingfest machen zu können." http://www.ratioblog.de/entry/fehlschluss-27-der-cui-bono-fehlschluss





„Damit blenden Sie aber die Ursprünge von Rassismus und insbesondere Antisemitismus aus. Wie Domenico Losurdo in seinem Buch " Die Sprache des Imperiums" beschreibt, war der Antisemitismus v.a. Folge eines zugespitzten Kolonialismus und aufkommenden Imperialismus, der zunächst "nur" einen Rassismus gegen die "Farbigen" zur Folge hatte (Shawarze, Araber, Indianer ...). Diese wiederum generierte das Bewusstsein einer allen anderen überlegenen Kultur des Abendlandes, die zunächst auch größtenteils die Juden mit einschloss.“



Der Antisemitismus, insbersondere jener der Nazis, behauptet gerade etwas anderes, als das was Sie ihm hier unterstellen.

Der Rassist sieht die seinem Rassimus unterworfenen Subjekte immer als minderwertig in dem Sinne an, dass diese unterzivilisiert seien und entweder erzogen werden müssten („Bürde des weißen Mannes“) und/oder (angeblich zu ihrem eigenen Wohl) unter Kontrolle „des weißen Mannes“ gebracht werden müssten (Kolonialismus und Sklaverei). Die angebliche „Rassenfrage“ ist also durch eine Dominanz „des weißen Mannes“ zu „lösen“.

Kein Rassist würde auf die Idee kommen, „den Schwarzen“ zu unterstellen, dieser würde insgeheim verschwörerisch die Welt regieren, alle Medien und Geldfüsse kontrollieren und hätten Systeme wie die bürgerliche Demokratie zu diesem Zwecke installiert. Der (Nazi)Antisemit unterstellt aber genau das „dem Juden“. Da „dem Juden“ diese übermächtigen vor allem manipulativen Fähigkeiten als „seiner Natur eigen“ zugeschrieben werden, kann die angebliche „Judenfrage“ in letzter Konsequenz nur eine Antwort nach sich ziehen, auch wenn viele Antisemiten noch (bzw. nicht wieder) „so weit“ denken und noch weniger dies aussprechen: Absolute Vernichtung.



Die Ursachen des Antisemitismus sind andere. Der (moderne) Antisemitismus (der sowohl vom Rassimus als auch vom religiösen Antijudaismus zu unterscheiden ist) entspringt daraus, dass die im Kapitalismus lebenden Menschen abstrakten Mächten unterworfen sind und diese personifizieren, um sie „verstehen“ zu können.



“An dieser Stelle scheint mir eine Bemerkung zu dem immer wieder gegen Marx erhobenen Vorwurf des Antisemitismus angebracht zu sein, der vor allem an der Judenfrage festgemacht wird. So etwa bei Silberner (1962), bei Künzli (1966, S. 195 ff.), der Marx gleich noch einen “jüdischen Selbsthaß” unterstellt oder bei Hirsch (1968, S. 229), der Marx vorwirft, in der Judenfrage die “Ausmerzung des Handel treibenden Juden” vorgeschlagen zu haben. Selbst Braun (1992, S. 66), der sich differenziert mit Marx beschäftigt, schreibt: “Marxens Diffamierung der Juden ist peinlich”. Als Beleg für solche Vorwürfe werden Sätze herangezogen, die “den Juden” anscheinend als egoistischen, eigennützigen Geldmenschen charakterisieren. Nicht zur Kenntnis genommen wird dabei, daß die damals (wie auch heute) verbreiteten antisemitischen Stereotypen von der “jüdischen Krämerseele” in der Marxschen Argumentation auf die bürgerliche Gesellschaft zurückprojiziert werden: der (meist christliche) Bourgeois hat genau die Eigenschaften des egoistischen Geldmenschen, die den Juden zugeschrieben werden. Daher kann Marx schreiben:

“Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden. Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. (…) Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft.” (I,2/166; 1/374)

Und wenn es am Ende des Textes heißt:

“Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judenthums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden.” (I.2/169; 2/377)

dann geht es nicht um die “Ausmerzung der Handel treibenden Juden”, sondern um die Ausmerzung des Handels, womit “der Jude”, d.h. das Stereotyp des jüdischen Schacherers, genauso “unmöglich” wird, wie der christliche Kaufmann (vergl. zur Kritik des Antisemitismusvorwurfs an Marx auch Haug 1993 und Claassen 1994, S. 85 – 100). – An der Petition der jüdischen Gemeinden zur rechtlichen Gleichstellung hatte sich Marx im übrigen ohne zu zögern beteiligt (vergl. seinen Brief an Ruge vom 13.3.1843, III/1, 45f.; 1/418).”

Aus: Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert – Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Westfälisches Dampfboot, 2. durchges. Auflage Münster 2001 , S. 100 f.

z.n. http://kulturkritik.net/quellen/antisemitismus.html



“Begriffserklärung: Regressiver Antikapitalismus

Der Begrifflichkeit “regressiver Antikapitalismus” schließt ein, dass nicht jede Kritik am System der kapitalistischen Vergesellschaftung fortschrittlich ist. Dies wollte die Linke lange Zeit nicht wahrhaben und will es zum Teil bis heute nicht. So wie der Antikapitalismus der Nationalsozialisten nicht ernst genommen wurde, so wenig wird heutzutage eine reaktionäre Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft zur Kenntnis genommen, wie sie von Neonazis, aber auch von radikalen Islamisten formuliert wird. Einer regressiven Kaptialismuskritik geht es nicht um die Bewahrung der Errungenschaften der Aufklärung und der bürgerlichen Demokratie, sondern darum, ein vormodernes Gesellschaftsideal zu etablieren. Gehetzt wird gegen Individualismus, westliche Dekadenz und das Finanzkapital.

Die Kritik am Finanzkapital steht meist im Zentrum einer regressiven Kaptialismuskritik, was die Totalität des kapitalistischen Systems verkennt. Dies drückte sich bei den Nazis in der Unterscheidung von “raffendem Kapital” und “schaffendem Kapital” aus. Das “raffende Kapital” wurde mit den Juden in Verbindung gebracht, als bodenlos und kosmopolitisch verleumdet. Dies ist die offene Flanke zum Antisemitismus. Das heißt nicht, dass jede Kritik an der Börse o.ä. antisemitisch sei. Dennoch läuft eine Hetze gegen “Heuschrecken” immer Gefahr, die Systemkritik zu personalisieren und dadurch die kapitalistische Vergesellschaftung nicht als „gesellschaftliches Verhältnis“ (Marx) mit abstrakten Zwängen zu begreifen, sondern die konkreten Akteure als persönlich Verantwortliche für Elend, Armut und Ausbeutung auszumachen.

Sebastian Voigt (Sympathisant [ehem. Mitglied, Ausschluss durch Beschluss der Bundesschiedskommission der Linksjugend ['solid])” http://bak-shalom.de/index.php/bildung/begriffserklarung-regressiver-antikapitalismus/



“I.) Was ist Antisemitismus?
Antisemitismus ist eine in der Moderne entstandene und zugleich gegen sie gerichtete Ideologie. Sie beansprucht die Welt umfassend zu erklären und brandmarkt die Verwerfungen moderner Vergesellschaftung als jüdisch. Komplexe und zuweilen undurchsichtige Vorgänge in der Gesellschaft werden in einfache Freund-Feind-Schemata übertragen und an Juden oder vermeintliche Juden festgemacht. Jüdisches wird mit Abstraktheit und Unnatürlichkeit verbunden (z.B. Börsenhandel, Kosmopolitismus), dem das vermeintlich Gute im Konkreten und Natürlichen entgegen steht (z.B. „ehrliche Arbeit“, Volk). Antisemitismus unterscheidet sich vom Rassismus dadurch, dass er Juden als übermächtig ansieht, die die Welt mithilfe geheimer Zirkel kontrollieren und nicht wie andere „Rassen“ als minderwertig versteht. Zudem werden Juden aufgrund ihrer jahrhundertelangen diasporischen Lebensweise als Antination begriffen, die keine natürliche Staatlichkeit entwickeln könnten. Sie sind damit Feind jeder Nation. Vom christlichen Antijudaismus unterscheidet er sich dadurch, dass er auch ohne religiöse Chiffren funktioniert und primär auf eine angebliche Verschwörung von Juden in politökonomischen Sphären abzielt.” http://bak-shalom.de/index.php/faq/









„Erst ab der 2. Hälfte des 19. Jh.s wurde dieser koloniale und imperiale Rassismus dann wirklich durch Antijudaismus und Judenfeindlichkeit befruchtet und mündete im Antisemitismus; plötzlich befand sich die "niedere Kultur, Rasse" auch innerhalb der eigenen Staatsgrenzen. Antisemitismus war also keine deutsche oder mitteleuropäische "Volkskrankheit", sondern der passende ideologische Überbau zur dazugehörigen materiellen Basis.“



Das hat mit guten Gründen schon Friedrich Engels anders gesehen und dabei verblüffend genau auch einige jener Klassen benannt, die später die Träger der NSDAP wurden:

“Friedrich Engels

Über den Antisemitismus
(Aus einem Brief nach Wien)
(1890)

[Arbeiter-Zeitung Nr.19 vom 9. Mai 1890]

… Ob Sie aber mit dem Antisemitismus nicht mehr Unglück als Gutes anrichten werden, muß ich Ihnen zu bedenken geben. Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur und findet sich deshalb auch nur in Preußen und Österreich resp. Rußland. Wenn man hier in England oder in Amerika Antisemitismus treiben wollte, so würde man einfach ausgelacht, und Herr Drumont erregt in Paris mit seinen Schriften – die an Geist denen der deutschen Antisemiten unendlich überlegen sind – doch nur ein bißchen wirkungslose Eintagssensation. Zudem muß er ja jetzt, da er als Stadtratskandidat auftritt, selbst sagen, er sei gegen das christliche Kapital ebensosehr wie gegen das jüdische! Und Herrn Drumont würde man lesen, wenn er auch die gegenteilige Meinung verträte.

Es ist in Preußen der Kleinadel, das Junkertum, das 10.000 Mark einnimmt und 20.000 Mark ausgibt und daher den Wucherern verfällt, das in Antisemitismus macht, und in Preußen und Österreich ist es der dem Untergang durch die großkapitalistische Konkurrenz verfallene Kleinbürger, Zunfthandwerker und Kleinkrämer, der den Chor dabei bildet und mitschreit. Wenn aber das Kapital diese Klassen der Gesellschaft vernichtet, die durch und durch reaktionär sind, so tut es, was seines Amtes ist, und tut ein gutes Werk, einerlei, ob es nun semitisch oder arisch, beschnitten oder getauft ist; es hilft den zurückgebliebenen Preußen und Österreichern vorwärts, daß sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle alten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehen in den einen großen Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern. Nur da, wo dies noch nicht der Fall, wo noch keine starke Kapitalistenklasse existiert, also auch noch keine starke Lohnarbeiterklasse, wo das Kapital noch zu schwach ist, sich der gesamten nationalen Produktion zu bemächtigen, und daher die Effektenbörse zum Hauptschauplatz seiner Tätigkeit hat, wo also die Produktion noch in den Händen von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und ähnlichen aus dem Mittelalter überkommenen Klassen sich befindet – nur da ist das Kapital vorzugsweise jüdisch, und nur da gibt’s Antisemitismus.

In ganz Nordamerika, wo es Millionäre gibt, deren Reichtum sich in unseren lumpigen Mark, Gulden oder Franken kaum ausdrücken läßt, ist unter diesen Millionären nicht ein einziger Jude, und die Rothschilds sind wahre Bettler gegen diese Amerikaner. Und selbst hier in England ist Rothschild ein Mann von bescheidenen Mitteln z.B. gegenüber dem Herzog von Westminster. Selbst bei uns am Rhein, die wir mit Hilfe der Franzosen den Adel vor 95 Jahren zum Land hinausgejagt und uns eine moderne Industrie geschaffen haben, wo sind da die Juden?

Der Antisemitismus ist also nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit können wir nichts zu schaffen haben. Ist er in einem Lande möglich, so ist das ein Beweis, daß dort noch nicht genug Kapital existiert. Kapital und Lohnarbeit sind heute untrennbar. Je stärker das Kapital, desto stärker auch die Lohnarbeiterklasse, desto näher also das Ende der Kapitalistenherrschaft. Uns Deutschen, wozu ich auch die Wiener rechne, wünsche ich also recht flotte Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, keineswegs deren Versumpfen im Stillstand.

Dazu kommt, daß der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst würde er wissen, daß hier in England und in Amerika, dank den osteuropäischen Antisemiten, und in der Türkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende jüdischer Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendesten. Wir haben hier in England in den letzten zwölf Monaten drei Streiks jüdischer Arbeiter gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?

Außerdem verdanken wir den Juden viel zuviel. Von Heine und Börne zu schweigen, war Marx von stockjüdischem Blut; Lassalle war Jude. Viele unserer besten Leute sind Juden. Mein Freund Victor Adler, der jetzt seine Hingebung für die Sache des Proletariats im Gefängnis in Wien abbüßt, Eduard Bernstein, der Redakteur des Londoner Sozialdemokrat, Paul Singer, einer unserer besten Reichstagsmänner – Leute, auf deren Freundschaft ich stolz bin, und alles Juden! Bin ich doch selbst von der „Gartenlaube“ zum Juden gemacht worden, und allerdings, wenn ich wählen müßte, dann lieber Jude als „Herr von“!

London, 19. April 1890
Friedrich Engels” http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1890/04/19-ansem.htm





„Das sehe ich auch ein. Nur ist das ein beliebter Vorwand, um die Regime um Mussolini, Franco und Salazar gegenüber dem Nazismus klein zu reden. Insbesondere das faschistische Italien trat in den 30er und 40er Jahren in Libyen (bzw. da schon seit 1911/12) und Äthiopien als imperiale Großmacht auf, die dem Nazismus in Sachen Massenmorde in nichts nachstand (bloß, dass die zu vernichtenden Rassen sich vorwiegend auf einem anderen Kontinent befanden).“



Das Vorgehen Italiens war rassistisch und kolonialistisch. Es war durchaus vergleichbar mit den deutschen Verbrechen im Zuge der Ausdehnungsversuche Richtung Osten zur „Schaffung von Lebensraum“ durch gewaltsame „Verringerung“ der dortigen Bevölkerungen und die Planungen späterer Vertreibungen gen Osten. Die meisten Übergriffe gegen dort ansässige (Zivil)Bevölkerung geschehen in, wenn auch verwerflichen, „Vergeltungsaktionen“ in Folge von Angriffen auf italienische Truppen.

Italiens Absicht bestand nicht darin, bestimmte „Völker“ oder „Rassen“ physisch zu vernichten. Schon garnicht kamen die (italienischen) Faschisten auf die Idee, Menschen industriell zu Seife zu „verarbeiten“.

Der Holocaust ist ein singuläres Verbrechen sowohl in dem Motiv der absoluten und restlosen Vernichtung eines „Feindes“, von dem man glaubt „ihn“ nicht anders „besiegen“ zu können, als auch in seinen industrialsierten („Menschenvernichtungsfabriken“ wie z.B. Auschwitz) und bürokratisierten Methoden.



Dazu auch Wikipedia:

„Singularitätsdebatte

Als „Singularität“, „Einzigartigkeit“ (englisch uniqueness) oder „Beispiellosigkeit“ (unprecedentedness) bezeichnet man besondere historische Merkmale, die den Holocaust bisher von allen anderen Völkermorden und Massenmorden der Geschichte unterscheiden.

1978 entstand in den USA bei der Planung des Holocaust Memorial Museums ein Streit um die Definition des Holocaustbegriffs: Vertreter nichtjüdischer Opfergruppen wollten ihre Verfolgung in der NS-Zeit als Teil des Holocaust in dessen nationales Gedenken einbezogen sehen. In der dadurch angestoßenen Forschung betonten die meisten israelischen, deutschen, britischen und US-amerikanischen Holocaustforscher die Singularität des Holocaust hinsichtlich der realen und angestrebten Opferzahlen, der staatlichen Planung als gesellschaftliches Gesamtprojekt und seiner systematischen und auch industriellen Durchführung. Eine Minderheit bestreitet diese Singularität und betont Parallelen von Vernichtungszielen, Durchführung und Größenordnung zu anderen Völkermorden.

Die vergleichende Völkermordforschung hat sich erst im Gefolge dieser Kontroverse entwickelt. Sie lehnt die Deutung der Singularität als „Unvergleichbarkeit“ ab, weil die einmaligen Besonderheiten des Holocaust erst im Vergleich mit anderen Völkermorden feststellbar seien. Einige ihrer Spezialuntersuchungen zur Entstehung, Planung und Durchführung anderer Völkermorde haben die Grundannahme der meisten Holocaustforscher zur Singularität bestätigt.

In Deutschland entstand eine Singularitätsdebatte seit 1986 im Historikerstreit um die Thesen von Ernst Nolte: Dieser deutete die ArbeitslagerStalins als unmittelbare Vorbilder der nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslager und den Holocaust als vorbeugende Vernichtung von Menschengruppen, die erst im Krieg gegen die Sowjetunion und als Reaktion auf die kommunistische Ideologie zu Feinden erklärt worden seien.[29]Geschichtsrevisionisten griffen Noltes Thesen auf, um den Holocaust als gewöhnlichen, nicht qualitativ von anderen Großverbrechen unterscheidbaren Massenmord zu relativieren.[30]

Kriterien und Argumente

Dagegen haben viele Historiker die singulären Besonderheiten des Holocaust hervorgehoben, so Israel Gutman 1987:[31]

„Er entsprang nicht einem wirklichen Konflikt zwischen dem deutschen Volk und den Juden in Deutschland oder in der Welt. In Wahrheit waren die Juden ein loyaler und ergebener Teil der deutschen Gesellschaft; sie leisteten einen großen Beitrag zur Entwicklung und zur Blüte der deutschen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. […] Es handelte sich vielmehr um einen Vernichtungsfeldzug, der sich aus der Rassenideologie der Nazis ergab und nur aus diesem Grund beschlossen wurde. […] Doch die nationalsozialistische Rassenlehre beschränkte sich nicht darauf, den Juden als ein Wesen zu definieren, das entgegen dem von der darwinistischen Theorie festgelegten Prozess der natürlichen Auslese, Anpassung und des Überlebens minderwertige rassisch-biologische Wesenszüge angenommen hätte. Nach Hitlers Grundsätzen waren die Juden weder eine religiöse noch eine nationale Gruppe, sondern eine machthungrige, gut organisierte subversive „Rasse“, die sich das Ziel gesetzt hatte, den natürlichen Wettkampf der menschlichen Rassen aufzuheben… Auf solchen grundlosen Behauptungen beruhte der „Krieg“ gegen die Juden, der ständig verschärft wurde, bis er das Stadium der unnachgiebigen physischen Vernichtung erreichte. […] Das Ziel war, alle Juden ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht, Anschauung, Beruf oder Stand zu fangen und zu töten.“

Eberhard Jäckel nennt als entscheidende historische Besonderheit des Holocaust, dass „noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines verantwortlichen Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der Säuglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluss mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte.“[32]

Dieter Pohl sieht als Besonderheiten des Holocaust, auch gegenüber anderen von NS-Massenmorden, ein staatliches Programm, eine Gruppe von Menschen nur wegen ihrer Herkunft restlos und in kürzester Zeit zu ermorden, beruhend auf einer zur Staatsdoktrin des Deutschen Reiches erhobenen Judenfeindschaft mit Merkmalen einer Welt-Verschwörungstheorie, die sich daher rasant verbreiten und für große Bevölkerungsteile „handlungsrelevant“ werden konnte:[33]

„Für die Explosivität des Antisemitismus im Vergleich zu den anderen Vorurteilen sorgte vor allem der von vielen geteilte Glaube, Juden seien als Kollektiv dabei, die Welt zu beherrschen, sie seien eine Bedrohung für die Menschheit.“

Dies habe den Massenmord dennoch nicht zwangsläufig verursacht:

„Vielmehr ist die fundamentale Bedeutung der Expansionspolitik für die Eskalation der Gewalt zu unterstreichen, die generell mörderische Politik in Osteuropa wie auch die Zersetzung konventioneller Politikstrategien. Utopische Pläne zur Neugestaltung und die radikale Ausbeutung der besetzten Gebiete setzten jegliche Ansätze zu einer rechtmäßigen Politik außer Kraft. Immer mehr Extremisten wetteiferten um ein möglichst radikales Vorgehen gegen die Juden. Dieses Verbrechen war zugleich von einem gigantischen Raubzug begleitet. In den Köpfen der Antisemiten geisterte die Vorstellung, Europas Juden besäßen sagenhafte Reichtümer. So war jede Verfolgungsmaßahme auch von der Enteignung begleitet…“

Pohl hebt „gravierende Unterschiede“ zu Massenmorden unter Stalin hervor: Dort hätten Diktatur und Staatsterror die Politik schon seit 1918 bestimmt und sich vornehmlich gegen eigene Bürger gerichtet:[34]

„In Deutschland hingegen konnte man einen Absturz der Zivilisation beobachten, den wohl niemand für möglich gehalten hatte. Nachdem der Krieg von Hitler entfesselt war, ermordete das nationalsozialistische Regime in fast vier Jahren […] einen erheblichen Teil der europäischen Bevölkerung; an die 97 % aller Ermordeten waren Ausländer. Spezifisch war vor allem das Ziel und das daraus resultierende Vorgehen: der Versuch, eine Minderheit mit allen Männern, Frauen und Kindern restlos auszurotten, wo man ihrer habhaft wurde. Allein schon das Verbrechen an jüdischen Kindern sucht seinesgleichen…Mindestens 1,5 Millionen jüdische Kinder wurden im Zweiten Weltkrieg umgebracht…“

Yehuda Bauer bezeichnete den Holocaust als einzigartige, vorher nie da gewesene Form eines Genozids, gemessen an dessen UN-Definition:[35]

„Weil er zum Tod jedes Einzelnen mit drei oder vier jüdischen Großeltern führen sollte. Mit anderen Worten: Das Verbrechen dieser Menschen war, überhaupt geboren zu sein. […] Alle anderen Genozide, die es vor, während und nach dem NS-Regime gab, waren lokaler Natur, d. h., der Genozid ereignete sich innerhalb einer bestimmten geografischen Region. Im Falle des Holocaust hatte Deutschland jedoch jeden einzelnen Juden auf der ganzen Welt im Visier. Die NS-Ideologie war eine universale, globale und mörderische Ideologie. […] [Sie] wurzelte nicht in einem politischen, ökonomischen oder militärischen Pragmatismus. Sie gründete auf der puren Fantasie von einer jüdischen Verschwörung, die angeblich die ganze Welt beherrschte. […] Die Juden aber hatten den niedrigsten Rang im Lager. Ihre Erniedrigung erreichte Tiefen, wie man sie in der Geschichte nie zuvor gekannt und erfahren hatte.“

Joachim Fest fasste drei Hauptargumente für die Singularität des Holocaust zusammen:

„dass deren Betreiber nicht nach Schuld oder Unschuld fragten, sondern die rassische Zugehörigkeit zur ausschließlichen Ursache der Entscheidung über Leben oder Tod machten“

„die administrative und mechanische Form […], in der das Massenmorden vollzogen wurde“

dass „solche Rückfälle ins Entmenschte sich in einem alten Kulturvolk ereigneten.“ (siehe Zivilisationsbruch-These).

Peter Longerich dagegen erklärte, die Singularität des Holocaust lasse sich weder mit der reinen Opferzahl noch mit einer besonderen historischen Rolle jüdischer Opfer oder dem Umstand, dass die Mörder einer Kulturnation angehörten, begründen:

„Die These von der Einzigartigkeit des Holocaust lässt sich hingegen wohl nur dann aufrechterhalten, wenn man die Intentionen der Verfolger zur vollständigen Ermordung der Juden hervorhebt und gleichzeitig den systematischen Charakter der Verfolgungsmaßnahmen und Massentötungen betont, bis hin zur Existenz von regelrechten Tötungsfabriken. Legt man diese Definitionskriterien an, so spricht einiges dafür, dass der Holocaust tatsächlich beispiellos ist […].“

Dies könne vergleichende Genozidforschung bestätigen, da sich eine Absicht vollständiger Ausrottung und analoge Systematik für nichtjüdische Opfergruppen nicht nachweisen lasse; am ehesten ähnele der Völkermord an den Armeniern dem Holocaust darin.[36]

Den Vorrang der Judenvernichtung auch im Kriegsverlauf zeigen folgende Maßnahmen: Die Nationalsozialisten und ihre Helfer organisierten in den überfallenen europäischen Staaten (u. a. Polen, Frankreich, Niederlande, Tschechoslowakei, Sowjetunion), sofort den Zugriff auf die jüdischen Bevölkerungsteile, nicht aber auf andere im Deutschen Reich verfolgte Opfergruppen wie Behinderte und Homosexuelle. Sie gaben der Ghettoisierung und Deportationen in Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager seit 1941 in Osteuropa absolute Priorität. Von der Wehrmacht dringend benötigtes Material wurde zunächst an die Vernichtungslager geliefert; dafür wurde sogar verzögerter Nachschub für die Front in Kauf genommen, ohne Rücksicht auf Nachteile für die Kriegführung. Staatsbehörden, Wehrmacht und Einsatzgruppen arbeiteten dabei Hand in Hand, wie etwa im Nürnberger Nachfolgeprozess über die „Einsatzgruppen“ nachgewiesen wurde (siehe auch: Verbrechen der Wehrmacht).

Für Saul Friedländer zeigen Heinrich HimmlersPosener Reden, dass den Tätern der Ausnahmecharakter ihrer Judenvernichtung vollauf bewusst war. Wie Glaubens- oder Parteigegner in Mittelalter und Neuzeit hätten sie ihre Ziele zwar „mit Stolz propagiert und im Sinne einer ideologischen Notwendigkeit als verbindliches Ziel allgemein und wie selbstverständlich anerkannt“, aber dennoch die Durchführung nach außen strikt geheim gehalten. Himmlers Forderung an seine Hörer, dieses „niemals geschriebene und niemals zu schreibende Ruhmesblatt unserer Geschichte“ als Geheimnis mit ins Grab zu nehmen, erklärt Friedländer wie folgt:[37]

„Hier deutet Himmler an, dass er und die Anwesenden sich - in diesem Falle - einer absoluten Grenzüberschreitung bewusst sind, was die nachfolgenden Generationen nicht verstehen werden, nicht einmal als notwendiges Mittel zum „gerechtfertigten“ Zweck. […] Die für alle Zeiten auferlegte Geheimhaltung kann nur bedeuten, dass es kein „höheres“, „stichhaltiges“ Argument gibt, dass eine derartige totale Vernichtung in den Augen der Nachwelt „rechtfertigen“ könnte. […] Meiner Ansicht nach liegt darin ein nicht unwesentlicher Unterschied zwischen dem nationalsozialistischen und dem stalinistischen „Vorhaben“. Ganz abgesehen davon, wieviele Verbrechen von und unter Stalin begangen wurden, formal wurden sie im Namen eines universalen „Ideals“ begangen, oder - genauer - dieses Ideal wurde höchstwahrscheinlich von den Tätern selbst als Erklärung für ihr Handeln aufrechterhalten. Nehmen wir Himmlers feierlichen Wunsch nach Geheimhaltung ernst, dann wird die Ausrottung der Juden durch die Nazis zu einem Ziel, das kein „höherer, allgemein verständlicher“ Zweck rechtfertigen kann. Infolgedessen scheint die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Vorhabens nicht nur in der Tat selbst zu liegen, sondern auch in der Sprache der Täter und in der Art und Weise, wie diese sich selbst wahrgenommen haben.“

Demnach habe die für die Nationalsozialisten selbst aus keinem umfassenderen Ziel zu rechtfertigende Judenvernichtung „für eine Amoralität jenseits aller Kategorien des Bösen“ gestanden. Auch die verbreitete Verleugnung und Verdrängung der bekannten Tatsachen der Judenverfolgung in der Bevölkerung, auch bei den Opfern selber, weise auf einen „gemeinsamen Nenner“ hin: „Die ‚Endlösung’ war gewissermaßen ‚undenkbar’.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaustforschung#Singularit.C3.A4tsdebatte

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Ehemaliger Nutzer 22.07.2013 | 08:28

Stimmt, ein NORMALER Lohnabhängiger ist ein Proletarier. Dies ist aber eine aussterbende Art. Wenn Sie den Blick einmal auf das weltweite Geschehen lenken, werden Sie feststellen, dass die Mehrheit aller Lohnabhängigen entweder der Klasse der working poor angehört oder bezahlt wird wie Baumwollpflücker auf den Plantagen der Konföderation.

Ich nenne einen Stundenlohn, der nicht einmal ausreicht sich eine gepflegte Tasse Kaffee zu leisten, einen Sklavenlohn und derjenige, der ihn bekommt, ist ein Lohnsklave.

Bastian Borstell 22.07.2013 | 09:53

"Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei im Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andererseits andere Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen." Karl Marx

Genau die von Ihnen veschriebenden Lebensumstände sind doch jene vom Proletariat, die Karl Marx beschrieb. Marx meinte mit "Proletariat" nicht die Arbeiterklasse zur Wirtschaftswunderzeit. Die Definition ist weit umfassender, den für Marx gilt schlicht die objektive Stellung im Produktionsprozess als auschlaggebend für die Zugehörigkeit zu einer Klasse, also: "Klasse an sich", dafür bedarf es weder einer bestimmten Einkommenshöhe noch eines Bewusstseins dafür.

Lohnabhängig ist Lohnabhängig, es geht hier nicht um die Quantitative Frage einer Lohnhöhe und die willkürliche (!) Setzung von Grenzen, die "Lohnsklaven" von "normalen" Lohnabhängigen unterscheiden soll, sondern um eine ("qualitative") Bestimmung: Verkauft jemand seine Arbeitskraft gegen Lohn, so leistet er (im idealen Durchschnitt, sprich: Wenn das Unternehmen Gewinne einfährt) unbezahlte Mehrararbeit, wird also ausgebeutet, ist also Proletarier, gehört durch die objektive Stellung im Produktionsprozess zum Proletariat "an sich".

Und warum "LohnSKLAVE"? Diese Leute dürfen (!) "frei" (als "Self-Owner" im liberalen Sinn) entscheiden, ob Sie dieser Arbeit nachgehenen wollen, das Glück versuchen, sich eine andere (meist ebenso besch*ssene) Arbeit zu suchen oder sogar verhungern wollen. Ein Sklave hat(te) diese Freiheit nicht. Durch die transhistorische Vermengung historischer (im Sinne von zu einer bestimmten Zeit, in diesem Fall zu bestimmten Gesellschaftsformationene) Begriffe durch den Begriff "Lohnsklaven", auch wenn moralisch und gut gemeint, ist eher problematisch, da Sie zu einer Begriffsverwirrung führt, die die Klassenverhältnisse des Kapitalismus verdeckt, indem sie willkürlich mit dem "Sklaven"Begriff vermengt werden. Dazu auch:

"Für den Kapitalismus prognostizieren sie, aufgrund der zunehmenden Krisen, eine Entwicklung zu einer völlig neuen Phase, die dadurch gekennzeichnet ist, “daß sie die “freie” Lohnarbeit mehr oder weniger abschafft”.[xvi] Die Krise vollzieht sich vor allem an einer verstärkten Ausbeutung der Arbeitskraft in der Dritten Welt “durch die Multis, also durch “unser” Kapital, (dies) geschieht jedoch keineswegs in der Form der freien Lohnarbeit, ganz das Gegenteil ist der Fall: es handelt sich um eine unfreie, “verweiblichte” Form von Lohnarbeit, die keine permanente Beschäftigung, niedrigste Löhne, längste Arbeitszeiten, monotonste Arbeit, keine gewerkschaftliche Organisation, keine Qualifizierung, keinen Aufstieg, keine Rechte und keine soziale Sicherheit bedeutet”.[xvii]

Spätestens bei Aussagen wie dieser macht sich Verwirrung breit: Die Unklarheiten ihrer Analyse ranken sich um die Begriffe “freie Lohnarbeit” und “Hausfrauisierung”. Oft ist nicht klar, was mit “freier Lohnarbeit” eigentlich genau gemeint sein soll. Beziehen sie sich auf Marx´ doppelt freien Arbeiter, meinen sie ein rechtlich und sozial gut abgesichertes “Normalarbeitsverhältnis” oder überhaupt etwas ganz anderes?

[...]

Ohne Lohnarbeit aber gäbe es keine Warenproduktion, keinen Mehrwert und keinen Profit. Trotz aller “postfordistischen” Erklärungsmuster ist aber dennoch davon auszugehen, dass wir uns auf absehbare Zeit mit Waren- und somit (Mehr)Wertproduktion, kurz mit einem auf Lohnarbeit basierenden Kapitalismus herumschlagen müssen.

Auch die zweite Möglichkeit, dass mit “freier Lohnarbeit” eigentlich ein klassisches “Normalarbeitsverhältnis” gemeint sein könnte, scheint an einigen Stellen plausibel, etwa wenn die Autorin schreibt: “Wer es zuerst geschafft hat, solche Arbeitsbedingungen [wie in den Weltmarktfabriken] auch hier einzuführen, wird auch als erster wieder konkurrenzfähig sein und Profite machen, denn Krise heißt ja nichts anderes als Sinken der Gewinne der Unternehmen. Das bedeutet: Die freie Lohnarbeit ist zu teuer und muß weitmöglichst abgeschafft werden.”[xxii]Lassen wir das höchst seltsame Verständnis von Krise einmal beiseite: Gut bezahlte und abgesicherte Arbeitsverhältnisse werden tatsächlich abgebaut und durch wesentlich schlechtere, von ihnen als “verweiblicht” charakterisierte Arbeitsbedingungen, wie etwa in den Weltmarktfabriken, ersetzt. Die dortigen Arbeitsbedingungen erinnern stark an die von Marx und Engels beschriebenen menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen der FabrikarbeiterInnen Ende des 19. Jahrhunderts. Sowohl die Bielefelderinnen als auch Marx und Engels gehen davon aus, dass es das Interesse der KapitalistInnen ist, die Kosten für die Ware Arbeitskraft so niedrig wie möglich zu halten. Das wurde und wird damals wie heute mit Nachdruck versucht, aber dennoch bleibt die Arbeit in den Weltmarktfabriken Lohnarbeit. Nicht sie wird abgeschafft, sondern lediglich die “gut abgesicherte” Form der Lohnarbeit. Es bleibt, wenn auch unterbezahlt, so doch Lohnarbeit und nicht unbezahlte Hausarbeit.

Der gesamte obige Absatz wäre verständlicher und weniger verwirrend, wenn die Autorin anstelle von “freier Lohnarbeit” “Normalarbeitsverhältnis” gesetzt hätten. Ihr oft ungenauer Umgang mit Begriffen macht das Verständnis nicht einfacher und kann leicht zu Missverständnissen führen. Ihre Wortschöpfung der “Hausfrauisierung” der Arbeit soll die Verschärfung des Ausbeutungsverhältnisses der Lohnarbeit charakterisieren. Hausarbeit ist gar nicht bezahlt, und wenn Lohnarbeit schlechter bezahlt wird, gleicht sie sich weiblichen Arbeitsverhältnissen an und wird folglich “hausfrauisiert” - so der Gedankengang. Die damit beschriebene Tendenz, dass schlechte Bezahlung und noch schlechtere Arbeitsbedingungen zur Norm werden, ist weder falsch noch leidet sie an Aktualität (Stichwort: Flexibilisierung, Deregulierung, freie Produktionszonen). Statt eine genaue Definition der unterschiedlichen Ausbeutungsverhältnisse in Haus- und Lohnarbeit zu geben, wird der Eindruck erweckt, der Begriff “Hausfrauisierung” verkomme zu einem Synonym für jede Art ökonomischer Ausbeutung.[xxiii]Das hat keinerlei klärenden Effekt." http://www.grundrisse.net/grundrisse02/2ehekrise.htm

Und was sollen das für Argumente GEGEN die Existenz der Klassengesellschaft sein?

Bastian Borstell 22.07.2013 | 11:11

Das gilt für jede andere Quelle auch...



Was ist denn bei an dieser zitierten Stelle falsch?



Wurde der Begriff nicht im antiken Rom, im 19. Jahrhundert oder von Marx so benutzt, wie es behauptet wird? Können Sie dies belegen?



Oder halten Sie die wiedergegebenen Defintionen, wie sie die Römer und Marx gebracuhten für falsch? Obwohl Definitionen, nach gängiger Meinung morderner Wissenschaftstheorien, nicht "wahr oder falsch" sondern nur mehr oder weniger zweckmäßig/angemessen sein können.



Zu Ihrer Beruhigung aber ein paar andere Quellen.





Proletariat

[lat.] P. bezeichnet allgemein die unterste, besitzlose Bevölkerungsschicht. In der marxistischen Sozialwissenschaft steht der Begriff P. für die (ausgebeutete) Lohnarbeiterschaft.

Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 5., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2011.

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18073/proletariat



"Damit jedoch der Geldbesitzer die Arbeitskraft als Ware auf dem Markt vorfinde, müssen verschiedne Bedingungen erfüllt sein. Der Warenaustausch schließt an und für sich keine andren Abhängigkeitsverhältnisse <182> ein als die aus seiner eignen Natur entspringenden. Unter dieser Voraussetzung kann die Arbeitskraft als Ware nur auf dem Markt erscheinen, sofern und weil sie von ihrem eignen Besitzer, der Person, deren Arbeitskraft sie ist, als Ware feilgeboten oder verkauft wird. Damit ihr Besitzer sie als Ware verkaufe, muß er über sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein.(39) Er und der Geldbesitzer begegnen sich auf dem Markt und treten in Verhältnis zueinander als ebenbürtige Warenbesitzer, nur dadurch unterschieden, daß der eine Käufer, der andre Verkäufer, beide also juristisch gleiche Personen sind. Die Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, daß der Eigentümer der Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem Warenbesitzer in eine Ware. Er als Person muß sich beständig zu seiner Arbeitskraft als seinem Eigentum und daher seiner eignen Ware verhalten, und das kann er nur, soweit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend, für einen bestimmten Zeittermin, zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überläßt, also durch ihre Veräußerung nicht auf sein Eigentum an ihr verzichtet.(40)

<183> Die zweite wesentliche Bedingung, damit der Geldbesitzer die Arbeitskraft auf dem Markt als Ware vorfinde, ist die, daß ihr Besitzer, statt Waren verkaufen zu können, worin sich seine Arbeit vergegenständlicht hat, vielmehr seine Arbeitskraft selbst, die nur in seiner lebendigen Leiblichkeit existiert, als Ware feilbieten muß.

[...]

Die Frage, warum dieser freie Arbeiter ihm in der Zirkulationssphäre gegenübertritt, interessiert den Geldbesitzer nicht, der den Arbeitsmarkt als eine besondre Abteilung des Warenmarkts vorfindet. Und einstweilen interessiert sie uns ebensowenig. Wir halten theoretisch an der Tatsache fest, wie der Geldbesitzer praktisch. Eins jedoch ist klar. Die Natur produziert nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der andren bloße Besitzer der eignen Arbeitskräfte. Dies Verhältnis ist kein naturgeschichtliches und ebensowenig ein gesellschaftliches, das allen Geschichtsperioden gemein wäre. Es ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangenen historischen Entwicklung, das Produkt vieler ökonomischen Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.

[...]

Diese eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, ist nun näher zu betrachten. Gleich allen andren Waren besitzt sie einen Wert.(42) Wie wird er bestimmt?

Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder andren Ware, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit. So sie Wert, repräsentiert die Arbeits- <185> kraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. Die Arbeitskraft existiert nur als Anlage des lebendigen Individuums. Ihre Produktion setzt also seine Existenz voraus. Die Existenz des Individuums gegeben, besteht die Produktion der Arbeitskraft in seiner eignen Reproduktion oder Erhaltung. Zu seiner Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebensmitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeitszeit, oder der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel. Die Arbeitskraft verwirklicht sich jedoch nur durch ihre Äußerung, betätigt sich nur in der Arbeit. Durch ihre Betätigung, die Arbeit, wird aber ein bestimmtes Quantum von menschlichem Muskel, Nerv, Hirn usw. verausgabt, das wieder ersetzt werden muß. Diese vermehrte Ausgabe bedingt eine vermehrte Einnahme.(43) Wenn der Eigentümer der Arbeitskraft heute gearbeitet hat, muß er denselben Prozeß morgen unter denselben Bedingungen von Kraft und Gesundheit wiederholen können. Die Summe der Lebensmittel muß also hinreichen, das arbeitende Individuum als arbeitendes Individuum in seinem normalen Lebenszustand zu erhalten. Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung usw., sind verschieden je nach den klimatischen und andren natürlichen Eigentümlichkeiten eines Landes. Andrerseits ist der Umfang sog. notwendiger Bedürfnisse, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher großenteils von der Kulturstufe eines Landes, unter andrem auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat.(44) Im Gegensatz zu den andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der notwendigen Lebensmittel gegeben." http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_161.htm#Kap_4_3



(Anmerkung/Zwischenruf: "Der Umfang der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel ist variabel und hängt ab vom Niveau der Produktivkräfte, von den konkreten historischen Bedingungen der Heraus­bildung der Arbeiterklasse, vom allgemeinen Kulturniveau eines Landes und vor allem vom Anteil am Wertprodukt, den sich die Arbeiter- klasse erkämpft hat. „Im Gegensatz zu den andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element". Auf die Bewegung des Wertes der Arbeitskraft wirkt neben anderen die Steigerung der Arbeitsproduktivität als wichtigster Faktor ein. Infolge der Verkürzung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zur Pro­duktion der notwendigen Lebensmittel senkt sie den Wert der Arbeitskraft. Andererseits stärken das Vor­handensein einer marxistisch-leninistischen Partei, der Klassenkampf der Arbeiterklasse und bes. die Existenz des sozialistischen Weltsystems das hi­storisch-moralische Element der Wertbestimmung der Arbeitskraft. Der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft ist ihre Fähigkeit, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst besitzt. Diesen Gebrauchswert kauft der Kapitalist und zahlt den Wert der Arbeitskraft. Dadurch, dass der Wert der Arbeitskraft niedriger ist, als der Wert, den sie im Produktionsprozess schafft, entsteht ein Mehrwert, den sich der Kapitalist unentgeltlich aneignet und somit den Arbeiter ausbeutet. http://www.juramagazin.de/arbeitskraft-arbeit)



"c) Marxistische Klassentheorie: Die Klassen werden nach deren eigentumsrechtlichen Stellung in Bezug auf die Produktionsmittel unterteilt, und zwar in die der Eigentümer und Nichteigentümer. Im Kapitalismus sind dies die Arbeiterklasse (Proletariat) und die Kapitalistenklasse (Bourgeoisie). Entsprechend der Lehre über die Ausbeutung führte das Privateigentum an den Produktionsmitteln dazu, dass die Kapitalisten den Arbeitern die von ihnen geschaffene Wertschöpfung vorenthalten (Mehrwerttheorie). Hieraus folgten widersprüchliche Klasseninteressen, die sich im Klassenkampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten manifestierten. Dieser Kampf beziehe sich auf die Macht im Staat, der hier als Instrument der Unterdrückung der ausgebeuteten durch die ausbeutende Klasse aufgefasst wird. Die Klassenauseinandersetzung wird als der bewegende Motor der geschichtlichen Entwicklung angesehen (historischer Materialismus). Im Endzustand des Kommunismus könne es per definitionem keine unterschiedlichen Klassen und damit auch keine Ausbeutung mehr geben. Auch könne der Staat dann „absterben”, d.h. an die Stelle der „Herrschaft über Menschen” trete dann die „Verwaltung von Sachen” (Produktions- und Konsumgüter). In einer Übergangsphase müsse die Arbeiterklasse nach der sozialistischen Revolution jedoch eine Diktatur des Proletariats errichten, um die widerstrebende Kapitalistenklasse umzuerziehen bzw. zu „zerschlagen” und die Produktionsverhältnisse (in nicht-marxistischer Terminologie: Wirtschaftsordnung) rechtlich-organisatorisch umzugestalten." http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/klassentheorie.html



"proletariat (ˌprəʊlɪˈtɛərɪət http://www.collinsdictionary.com/static/graphics/redspeaker.gif )

Definitions

noun

all wage-earners collectively

the lower or working class

(in Marxist theory) the class of wage-earners, esp industrial workers, in a capitalist society, whose only possession of significant material value is their labour

(in ancient Rome) the lowest class of citizens, who had no property

http://www.collinsdictionary.com/dictionary/english/proletariat







"The Concept of Social Class

The concept of social class as "a division or order of society according to status ('The Oxford English Dictionary', Volume 3; Oxford; 1989; p. 279) is a very ancient one, the English word 'class' being derived from the Latin 'classis', meaning each of the "... ancient divisions of the Roman people" (Charles T. Onions (Ed.): 'The Oxford Dictionary of English Etymology'; Oxford; 1985; p. 180). Servius Tullius, king of Rome in the 6th century BC, organised a classification system which divided citizens into five classes according to wealth". ('New Encyclopaedia Britannica', Volume 10; Chicago; 1994; p. 455).

The Marxist Definition of Class

Marxist-Leninists accept the concept of social class put forward above, but hold that a person's social class is determined not by the amount of his wealth, but by the source of his income as determined by his relation to labour and to the means of production.

"Classes are large groups of people differing from each other by the place they occupy in a historically determined system of social production, by their relation (in most cases fixed and formulated by law) to the means of production, by their role in the social organisation of labour, and, consequently, by the dimensions of the share of social wealth of which they dispose and their mode of acquiring it". (Vladimir I. Lenin: 'A Great Beginning: Heroism of the Workers in the Rear: 'Communist Subbotniks' in: 'Collected Works', Volume 29; Moscow; 1965; p. 421).

To Marxist-Leninists, therefore, the class to which a person belongs is determined by objective reality, not by someone's opinion.

[...]

The Proletariat

The English word 'proletariat' is derived from the Latin 'proles', meaning 'offspring', since according to Roman law a proletarian served the state "... not with his property, but only with his offspring (Charles T. Onions (Ed.): ibid.; p. 714).

Marxist-Leninists define the proletariat or working class as

"...that class of modern wage labourers who, having no means of production of their own, are reduced to selling their labour power in order to live (Friedrich Engels: Note to the 1888 English Edition of: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Manifesto of the Communist Party', in: 'Selected Works', Volume 1; London; 1943; p. 204)."



"

The following features of Marx’s definition of the proletariat should be noted: (1) proletariat is synonymous with “modern working class”, (2) proletarians have no means of support other than selling their labour power, (3) their position makes them dependent upon capital, (4) it is the expansion of capital, as opposed to servicing the personal or administrative needs of capitalists, which is the defining role of the proletariat, (4) proletarians sell themselves as opposed to selling products like the petty-bourgeoisie and capitalists, (5) they sell themselves “piecemeal” as opposed to slaves who may be sold as a whole and become the property of someone else, (6) although the term “labourers” carries the connotation of manual labour, elsewhere Marx makes it clear that the labourer with the head is as much a proletarian as the labourer with the hand, and finally (7) the proletariat is a class.

The proletariat is not a sociological category of people in such-and-such income group and such-and-such occupations, etc., but rather a real, historically developed entity, with its own self-consciousness and means of collective action. The relation between an individual proletarian and the class is not that of non-dialectical sociology, in which an individual with this or that attribute is or is not a member of the class. Rather, individuals are connected to a class by a million threads through which they participate in the general social division of labour and the struggle over the distribution of surplus value." http://www.marxists.org/glossary/terms/p/r.htm



Proletariat im antiken Rom:

"proletariat, the lowest or one of the lowest economic and social classes in a society.

In ancient Rome the proletariat consisted of the poor landless freemen. It included artisans and small tradesmen who had been gradually impoverished by the extension of slavery. The proletariat (literally meaning “producers of offspring”) was the lowest rank among Roman citizens; the first recognition of its status was traditionally ascribed to the Roman king Servius Tullius (fl. 6th century bc). In some periods of Roman history it played an important role, not as as an independent force but as a mass following, in the political struggles between the Roman patricians and the wealthy plebeians. Because it had little opportunity for productive work, which was performed in the main by slaves, its existence was largely parasitic on the Roman economy. On occasions it was quieted by doles of bread from the state and diverted by spectacles—“bread and circuses.”" http://www.britannica.com/EBchecked/topic/478619/proletariat



"Definition: In contrast with the plebeians, who started as the poor, but wound up with power and money, and the noble patricians, who started out with land and continued to hold certain aristocratic privileges, the landless proletariat was the lowest class of citizens in ancient Rome. It was for the proletariat that the Romans instituted the dole that we commonly hear called "bread and circuses." By bread and circuses is meant public entertainment in the arena (circuses) and a ration of grain (bread). The first part of the word proletariat contains the Latin word proles, which means offspring. The proletariat were "producers of offspring."" http://ancienthistory.about.com/od/plebian/g/Proletariat.htm

willibald hamster 22.07.2013 | 12:27

Ich beende hiermit das Gespräch mit Ihnen.

Nur noch ein paar wenige Sätze: Der Link zur Parteienfinanzierung der NSDAP ha mir selbst auch durchaus Bauchschmerzen bereitet, weil ich Vieles davon selbst nicht unterschreiben konnte. Ich würde in diesem Zusammenhang lieber auf Reinhard Kühnl, Kurt Gossweiler & Reinhard Opitz.

Ihr Cui-Bobo-Vorwurf ist reichlich an den Haaren herbeigezogen. Die Sowjetunion als direktes Angriffs- und Interventionsziel der Staaten des kapitalistischen Zentrums bis 1945 ist eine Tatsache. Die Appeasement-Politik ist eben GBs und Frankreichs steht unter eben jenem Gesichtspunkt. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem Hitler-Stalin-Pakt.

Und mit Ihrem Ableitungsversuch des Antisemitismus aus "regressivem Antikapitalismus" ziehen sie eine unüberwindliche Barriere zwischen den verschiedenen Rassismen und dem Antisemitismus, mit der Konsequenz: das Dritte Reich zu "orientalisieren" (siehe Ihre Auslassungen über Palästinenser&andere arabische Volksgruppen in anderen Blogs als "Bastian84") und als "antikapitalistische Regression" (um das Prädikat-Subjekt-Verhältnis umzukehren) hinzustellen. Solche oder ähnliche Positionen vertreten zumindest Leute wie Götz Aly, Arnulf Baring oder Erika Steinbach.

Bastian Borstell 22.07.2013 | 14:21

Auch wenn Sie das Gepräch beenden, möchte ich das nicht so stehen lassen:

Ich habe an keiner Stelle das 3. Reich "orientalisiert", noch habe ich über "die Palästinenser" geschrieben. Da haben Sie mich im besseren Fall falsch verstanden. Ich verbitte mir solche Unterstellungen.

Ganz im Gegenteil: Ich vertrete eindeutig die Auffassung, dass der Antisemitismus der Hamas und ähnlicher Organisationen ihren Ursprung im "europäischen", also im "kapitalistsichen Antisemitismus" hat (wie ich ihn z.B. oben dargestellt habe), der mit dem islamischen Antijudaismus noch weniger zu tun hat, als mit dem christlichen Antijudaimus (Denn das Ressentiment des "Wucher-Juden" entspringt dem christlichen Antijudaismus und kam erst mit dem Kapitalismus und vor allem nazistischer Propaganda in "die islamische Welt").

"Solche oder ähnliche Positionen vertreten zumindest Leute wie Götz Aly, Arnulf Baring oder Erika Steinbach."

Da Sie mich offensichtlich falsch verstanden haben, sollten Sie auch das zurücknehmen.

In der tat stellten die faschistischen Regime [einschließlich des Nazismus] den Versuch (!) einer "antikapitalistische Regression" dar. Dies zeigt sich z.B. daran, dass man versuchte, der Atomisierung der Individuen in der bürgerlichen Gesellchaft mit einem "dritten Weg", d.h. mit "ständestaatlichen" bzw. "korporatistischen" Mitteln zu "lösen".

Die von Ihnen benannten Personen wollen vom Unterschied zwischen Sozialismus und der "Kritik der Politischen Ökonomie" (als Kritik der Darstellung durch Darstellung des Gegenstandes= einerseits und Nazismus/Faschismus und dem regressiven Antikapitalismus andererseits nichts wissen.

"Und mit Ihrem Ableitungsversuch des Antisemitismus aus "regressivem Antikapitalismus" ziehen sie eine unüberwindliche Barriere zwischen den verschiedenen Rassismen und dem Antisemitismus"

Nein. Es gibt Gemeinsamkeiten, z.B. die Behauptung einer "jüdischen Rasse". Dennoch gibt es grunsätzliche Unterschiede zwischen Antisemitismus und "normalen" Rassismus, wie ich oben dargelegt habe.



"Ihr Cui-Bobo-Vorwurf ist reichlich an den Haaren herbeigezogen."

Wieso?

Ihre Bemerkung:

"Schwer- und Rüstungsindustrie hatten sich zudem aus leicht einsehbaren Gründen schon relativ früh den Faschisten zugewandt."

Dazu der dazugehörige Link, der dies nicht untermauert (z.B. mit Zahlen über die tatsächliche Unterstützung der genannten industrien), sondern eine "Cui-Bono"-Schlussfolgerung zieht.
In dem Lied wird auf tatsächliche und angebliche Rüstungsambitionen (außer der friedliebeneden Sowjetmenschen selbstvertändlich) hingewiesen,als auch auf die Verkäufer der Waffen (und dabei noch die Diktatur der Bolschewiki mit der Arbeiterklasse für identisch erklärt). Mit Zeilen wie: "Das ist der Krieg der Herrscher der Welt, gegen die Arbeiterklasse.", wobei die Frage, wer diese Herrscher sind, nebulös bleibt.

Und eine "Cui Bono" Schlussfolgerung ist nunmal ein Fehlschluss. "Cui Bono" kann einen Verdacht begründen, aber nichts beweisen.

Und dass ca. ein Drittel des Wikipedia-Artikels über "Cui Bono" von Verschwörungstheorien handelt, ist wohl ganz richtig.

"Der Link zur Parteienfinanzierung der NSDAP ha mir selbst auch durchaus Bauchschmerzen bereitet, weil ich Vieles davon selbst nicht unterschreiben konnte"

Meiner Meinung nach ist die ganze Form, in der dort argumentiert/dargestellt wird problematisch, wie ich oben schon gesagt habe.

Und so ich jetzt ad hoc etwas über die anderen etwas in Erfahrung bringen kann, so halte ich derlei Weltbilder für problematisch, u.a. weil das Kapital (so weit ich das überblicken kann) einerseits als monolithisch und andererseits als persönliches Herrschaftsverhältnis verstanden wird, was ja aber nicht untypisch für den Leninismus ist, der behauptet der von Marx analysierte (Konkurrenz)Kapitalismus sei durch "Imperialismus" oder "Stamokap" ersetzt wurden.

"Gossweiler ist Anhänger einer von ihm so verstandenen klassischen marxistisch-leninistischen Weltanschauung und verteidigt den Stalinismus.

[...]

Gossweilers Hauptwerk ist die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Er entwickelte die „marxistischeFaschismusforschung“ weiter. In seinem Werk Großbanken, Industriemonopole, Staat modifizierte er die von Jürgen Kuczynski begonnene Monopolgruppentheorie. Die Aufgabe des Faschismus sieht er in der „Nationalisierung der Arbeiter“, also das Eindringen einer bürgerlichen Ideologie in die Arbeiterschaft zur Bekämpfung der kommunistischen Bewegung. Er bleibt aber trotzdem weiterhin ein Vertreter der klassischen marxistischen Agententheorie, wonach die Führer der NSDAPMarionetten des Großkapitals gewesen sein sollen." http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Gossweiler

Von einer "ungeheuren Verschwörung der Kapitalistenklasse" sprach auch die Komintern:

„Dagegen rüstet sich das Weltkapital zum letzten Kampf. Unter dem Deckmantel des »Völkerbundes« und eines pazifistischen Phrasenschwalls macht es die letzten Anstrengungen, die spontan zerfallenden Teile des kapitalistischen Systems wieder zusammenzukleben und seine Kräfte gegen die immer mehr wachsende proletarische Revolution zu richten. Diese neue ungeheure Verschwörung der Kapitalistenklasse muss das Proletariat mit der Eroberung der politischen Macht beantworten, diese Macht gegen seine Klassenfeinde richten und als Hebel der ökonomischen Umwälzung in Bewegung setzen. […] Nieder mit der imperialistischen Verschwörung des Kapitals!“

– Richtlinien der Kommunistischen Internationale, http://www.sinistra.net/komintern/dok/1krichtkid.html

Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ spielte nicht nur in den Leninistischen KP, den K- und Antiimp-Gruppen der neuen Linken eine wichtige Rolle, sondern hinterließ seine Spuren auch in vielen Teilen jener Linken, die sich nicht explizit auf Lenin berufen oder diesen auch dezidiert ablehnen. Gerade in der MAI- und Globalisierungsdebatte spielten Argumente der leninistischen Imperialismustheorie mehr oder weniger versteckt eine wichtige Rolle. Lenin interpretiert dabei „den historischen Übergang zum Aktienkapital als eine qualitative Veränderung des Kapitalismus: als Ablösung des freien Konkurrenz- durch den Monopolkapitalismus, der durch einige wenige „Finanzoligarchen“ kontrolliert werde und in dem das „blinde Wüten des Wertgesetzes“ partiell aufgehoben sein. Dies sei durch das bürgerliche Kreditwesen verursacht, welches sich die ganze Produktion unterwerfe und seinen verwerflichen Zielen zunutze mache.“ (Gruber/Ofenbauer, 1998) Für Lenin ist das Zinskapital nicht wie für Marx die „fetischartigste Form“ des Kapitals, sondern ein „unmittelbar personalistisch verstandenes Herrschaftsverhältnis“. (Gruber/Ofenbauer, 1998) Bei dieser vermuteten Allmacht der „Finanzoligarchen“ in einem Monopolkapitalismus wird sehr schnell die Parallele zu Verschwörungstheorien der Rechten sichtbar. Die Attribute die dem „internationalen Finanzkapital“, der „Finanzoligarchie“ usf. zugeschrieben werden sind fast 1:1 dieselben, die von AntisemitInnen den Juden zugeschrieben werden: Allmacht, Globalität, Böswilligkeit, Klandestinität usf.. Und so stellen sich AntisemitInnen die Welt ganz ähnlich vor: überall sehen sie „Bonzen“ und „Parasiten“ am Werk, die das Volk ausbeuten und der Internationalisierung preisgeben, weil sie nur den kurzfristigen Profit der Finanzkapitalisten und nicht das Allgemeinwohl im Auge hätten, dass also „das internationale Finanzkapital über die regierenden Systemparteien an der Zerstörung von Sozialstaat und Kultur [...] arbeitet.“ (Nation & Europa 5/98)" http://homepage.univie.ac.at/thomas.schmidinger/php/texte/antisemitismus_struktureller_antisemitismus.pdf

Andere Kritiker monieren das verengte Kausalverhältnis zwischen Basis und Überbau, wie es unter anderem die Stamokap-Theorie oder in gewissen vulgärmarxistischen Kartelltheorien zu beobachten ist. Hier werden die Institutionen und Träger des Staates als direkte Befehlsempfänger der Industriellen dargestellt, zu bloßen „Agenten des Monopolkapitalismus“. Der deutsche Historiker Gerd Koenen und der amerikanische Politologe Daniel Pipes bezeichnen aus diesem Grunde den Marxismus-Leninismus als eine Verschwörungstheorie. (...) Gerd Koenen: Marxismus-Leninismus als universelle Verschwörungstheorie. In: Die neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte,H. 2 (1999), S. 127-132 http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_am_Marxismus

Eine theoretisch überzeugende Deutung, die ein Verständnis des linken Antisemitismus und Antizionismus ermöglicht, legte Thomas Haury vor. Er zeigt, dass das Weltbild des Marxismus-Leninismus – welches nicht mit dem Marxismus und allen Marxismen gleichzusetzen ist, sondern die herrschende erstarrte Doktrin der staatsozialistischen Länder bezeichnet – strukturelle Gemeinsamkeiten mit dem antisemitischen Weltbild aufweist, die unter bestimmten Bedingungen manifesten Antisemitismus hervorbringen können. Der moderne Antisemitismus, so Haury, sei eine Semantik, die sich unabhängig vom konkreten Inhalt durch drei Struk­turmerkmale auszeichne: Personifizierung, Ma­nichäismus und Konstruktion identitärer Kollek­tive. Jüdinnen und Juden gelten dem Antisemitismus als Personifizierung der modernen Gesellschaft, insbesondere ihrer ungeliebten und unverstandenen Seiten. Manichäisch trennt der Antisemitismus zudem zwischen »den Juden« einerseits und dem als gut konstruierten Gegen­stück, beispielsweise dem »Volk«. Im Gegensatz zum Rassismus wird im Antisemitismus das jüdische »Andere« nicht als Unterlegenes konstruiert, sondern als bedrohlich überlegen. Wenn der Antisemitismus auch an den jahr­hun­dertealten (christlichen) Antijudaismus anknüpft, so gewinnt er doch seit seiner Herausbildung als moderner Antisemitismus im 19. Jahr­hundert noch ein entscheidendes Strukturmoment in seiner Rolle bei der Schaffung als homogen imaginierter, v.a. nationaler Kollek­tive. Gerade im Fall der deutschen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ist der von Beginn an virulente Antisemitismus offensichtlich. Die Jüdinnen und Juden stellen das Gegenbild für den Nationalismus dar, da sie nicht nur ein Feindbild im Innern abgeben, sondern durch die Spezifik der jüdischen Existenz als Gegenprinzip zur Nation an sich fungieren. Wie Haury zeigt, bestehen bereits im Leninschen Weltbild diese Strukturelemente, auch wenn dieser sich nie antisemitisch äußerte, son­dern ein Gegner des Antisemitismus war. Aber er ist grenzenlos in seinem manichäischen Hass gegen die Feinde des Kommunismus oder gegen »Abweichler«, die er hart bekämpft – auf Ba­sis seiner orthodoxen Theorie mit absolutem Geltungsanspruch. In der DDR-Ideologie der fünfziger Jahre spitzt sich dies noch einmal zu. Die zwei als in unüberwindlichem Gegensatz zueinander stehend konstruierten Lager sind der »Imperialismus« auf der einen Seite und die »friedliebenden Völker« auf der anderen. Auf die deutsche Situation bezogen standen sich die sozialistische DDR und die »faschistische« BRD gegenüber. Auch die Personalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse fand Anfang der fünfziger Jahre in der Anti-Kosmopolitismus-Kampagne ihren Höhepunkt, sowohl in der Deu­tung des Nationalsozialismus als Werk einiger Vertreter der Finanzoligarchie als auch der Darstellung des neuen Feindes als »Clique« von »Wallstreet-Kapitalisten«, in der Rede von der »okkulten Herrschaft« der »Dollarkönige«. Zugleich wurde in der Terrorwelle ein innerer Feind, »Agenten«, »Saboteure«, »Parasiten« und »Volksfeinde«, konstruiert. Dazu trat nun ab Ende der vierziger Jahre ein extremer Nationalismus, der zum Teil auf der kommunistischen Ideologie basierte, die ihren Antinationalismus schon lange abgelegt hatte, und zum Teil auf der strategischen Herausforderung der Legitima­tion der SED-Herrschaft, da mit ihren sozialis­tischen Programmpunkten alleine nicht die erhoffte Zustimmung zu erzielen war. Der Kommunismus gibt seinen Universalismus – verstanden als universelle Befreiungsbewegung – zugunsten eines nationalen, herrschaftsstabilisierenden Partikularismus auf. Ganz klar widerspricht der Antisemitismus einem linken Weltbild, und doch wurde er in dieser Situation manifest, wo sich eine manichäisch-verschwörungstheoretische ML-Version des Marxismus mit der Notwendigkeit der na­tionalen Legitimierung konfrontiert sah. Keines­wegs ist dies als deterministische Beziehung misszuverstehen. http://jungle-world.com/artikel/2008/19/21766.html


"PS: Ist schon komisch, dass viele Gespräche mit Ihnen bei völlig anderen Ausgangspunkten, die die jeweiligen Artikel vorgeben, immer wieder in Antisemitismus- und Verschwörungsdebatte[n] enden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ..."

Wollen Sie etwas fragen: Qui Bono?

Entweder, weil ich Verschwörungsdenken und regressive Antikapitalismuskritik so problematisch finde, wie es sage, oder: http://telegehirn.wordpress.com/2013/05/03/sind-sie-sponsored-by-mossad/

Bastian Borstell 22.07.2013 | 14:39

Ich würde mich dennoch freuen, wenn Sie mir die Fragen beantworten würden:

"Alle Achtung für den Aufwand und die Auswahl der Lektüre, trotzdem werden wir in diesem Punkt wohl beide anderer Meinung bleiben, was in einer pluralistischen Gesellschaft eher ein gutes als ein schlechtes Omen ist."

Warum?

Und warum die Anspielung auf die pluralistsiche Gesellschaft?

"Und was sollen das für Argumente GEGEN die Existenz der Klassengesellschaft sein?" https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/eine-win-win-situation#1374479636479816

Denn warum Sie meinen, dass die marxschen Klassenbegriffe keine Gültigkeit mehr hätten, dass haben Sie immer noch nicht begründet bzw. Ihre Begründung lief darauf hinaus, es gäbe kein Proletariat nach marxscher Defintion mehr, weil ein Großteil der Lohnabhängigen weltweit in keinen "Normalarbeitsverhältnis", sondern als "Lohnsklaven" beschäftigt sei, obwohl das ("marxsche") Proletariat "Lohnsklaven" umfassen muss, schließlich war dies auch zu Marxens Zeitens ja die typische Lebensrealität von Proletariern.

Warum soll es also keine Klassengesellschaft mehr geben? Ihre Argumentation ben hat mir ganz und garnicht eingeleuchtet...

willibald hamster 22.07.2013 | 15:45

Nun denn, wenn Sie glauben, ich würde Ihnen etwas unterstellen, dann muss ich mich da ja nochmal erklären:

"Orientalisierung" steht hier für den Versuch, den Faschismus und/oder Nazismus nicht als Form der Herrschaft des Kapitals und/oder der Kapitalisten (Bourgeois), sondern im Gegenteil als "Entwestlichung" (also der kapitalistischen Logik entgegenwirkend; Sie nannten die auf völkischer Grundlage basierende "Vergemeinschaftung") zu erklären. Und diesen Aspekt (Korporatismus) deuten Sie m.E. historisch falsch. Gleichzeitig zum Aufstieg des Nazismus in Deutschland wird in den USA der keynesianische New Deal gestartet und in Skandinavien der Wohlfahrtsstaat entwickelt; man kann all diese Phänomene hin zu mehr Staat und Regulierung m.E. va. aus 2 Quellen ableiten: Einmal ist es die Kapitallogik selbst, die auch aus Gründen der Entgegenwirkung des tendenziellen Falls der Profitrate neue Verwertungsformen des Kapitals nötig macht (man kann das dann staatsmonopolistischer Kapitalismus oder so ähnlich nennen) - zum anderen ist mit der Sowjetunion eine Macht auf den Plan getreten, die mit Kapitalismus und Imperialismus global brechen will (trotz des Konzepts des "Sozialismus in einem Land"); und diese Macht gilt es eben zu ersticken, einzudämmen usw. Und natürlich wirkt dieser Korporatismus auch einer gewissen Atomisierung entgegen, aber ich denke, dass er sich aus ihrer Logik eben zum großen Teil ableiten lässt.

Brechts "Furcht und Elend des Drittens Reichs" lässt sich wohl besser auf die Pinochet-Diktatur anwenden.

Dennoch gibt es grunsätzliche Unterschiede zwischen Antisemitismus und "normalen" Rassismus, wie ich oben dargelegt habe.

Und das bestreite ich eben vehement. Der Antisemtismus des "3. Reichs" ist eben auch nicht unerheblich von den Rassengesetzen in den USA abgeschaut; Rosenberg & Hitler zollten insbesondere Theodore Roosevelt großen Respekt.

Was Sie leider tun, ist, nazistische Ideologie von nazistischer Praxis übermäßig zu trennen. Sie konzentrieren sich auf die "Diskurse" der "jüdischen Weltverschwörung" und blenden oder klammern damit die historisch-ökonomischen Ursachen und die Praxis (und die geschah im Kontext des 2. Weltkrieges!, der ja beim Thema Holocaust heute gerne über den Tisch fallen gelassen wird) des (nazistischen) Antisemitismus aus. Und es traf ja keineswegs "nur" die Juden, sondern auch Zigeuner (ich verwende diesen Begriff bewusst und zwar keineswegs aus rassischen oder denunziatorischen Gründen, wie Sie sich sicher denken können), Araber, Schwarze und daneben auf einer anderen klassifikatorischen Ebene Homosexuelle etc. - und die waren keineswegs ein "Nebenprodukt" des Antisemitismus; wenn man den arabischen und insbesondere palästinensischen Nationalismus eine Nähe zum Nazismus vorwirft (da werden dann immer Hitlergruß-Bilder gezeigt oder dieses, ich glaube, Schah-Beispiel gebracht), dann übersieht man gerne, dass diese Völker nicht minder durch den Nazismus & Faschismus liquidiert wurden.

Dazu der dazugehörige Link, der dies nicht untermauert (z.B. mit Zahlen über die tatsächliche Unterstützung der genannten industrien), sondern eine "Cui-Bono"-Schlussfolgerung zieht.

Das ist nicht ihr Ernst. Ein antifaschistisches Kampflied kann, muss und soll soetwas nicht leisten. Nun könnten sie mir entgegenstellen, dass ich schließlich dieses Lied in dem Kontext zitiert habe. Ja. Aber mir ist unverständlich, wie sehr Sie sich der Tatsache zu verschließen scheinen, dass es offenbare nationale wie kapitalistische Interessen gab, die diesen staatlichen Sozialismus so schnell wie möglich wieder loswerden wollten. Allein die Existenz der Sowjetunion hat die Art und Weise, die Radikalität und das Ausmaß der antikolonialen und -imperialistischen Bewegungen erst ermöglicht. Und dass das einflussreichen Kreisen nicht gefallen konnte (Staatsklassen und bestimmten Bourgeois), ist nun wirklich nicht verwunderlich. Das ist auch keine übermäßige Personifizierung. Geschichte wird immer noch von Menschen gemacht, auch wenn die Menschen Fetische und Systeme entwickelt haben, die sie selbst beherrschen. Wohin dieser systemtheoretische Ansatz führen kann, sieht man an Althusser, wo alles erstarrt. Auch Poulantzas folgt Althusser und blockiert so die Dynamik von Gramscis Staatstheorie, auf deie er sich ja auch maßgeblich bezieht. Außerdem macht man sich auch so letztendlich das ganze schöne dialektische bzw. Hegelsche Erbe im Marxismus kaputt.

Entweder, weil ich Verschwörungsdenken und regressive Antikapitalismuskritik so problematisch finde, wie es sage, oder: http://telegehirn.wordpress.com/2013/05/03/sind-sie-sponsored-by-mossad/

Das bestätigt mich in meinem Verdacht, den Sie nicht nachvollziehen konnten, weil Sie gleich in mir, der ich in viele Punkten entgegengesetzter Auffassung bin, einen Verschwörungstheoretiker zu entdecken glaubten. Jetzt müsste ich SIE eher einen Verschwörungstheoretiker nennen. Aber ich will Ihnen kurz erläutern, worum es mir in diesem Satz ging: Dass man im Gespräch mit Ihnen allzuoft bei Themen wie Verschwörungstheorien, Antisemitismus, Personifizierung, Fetischcharakter usw. landet, hängt m.E. damit zusammen, dass Sie Ihre Stereotype, die ein permanentes Verdachtsmoment Ihren Mitmenschen gegenüber enthält, auf alles Mögliche unentwegt anwenden und so hinter allem eine "antisemitische" Verschwörung von Verschwörungstheoretikern vermuten müssen. Aber jetzt psychologisiere ich und das liegt nicht in meiner Absicht. Jedenfalls halte ich Sie für keinen Mossad-Agenten, sondern für jemanden, der alle diejenigen, die nicht seiner Meinung sind, verdächtigt, ihn für einen Mossad-Agenten zu halten. Ganz so platt verhält es sich, denke ich nicht, aber ich vermute, dass es in die Richtung geht. Sollte ich irren, klären Sie mich bitte freundlicherweise auf, sollten Sie sich entschließen, mir zu antworten.

In diesem Sinne ;-)

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 14:06

Weil Marx ein Philosoph war und Zustände als Muster für seine Thesen genutzt hat, die es so huete nicht einmal in Bangladesh gibt. Philosophien müssen mit der Zeit an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden, auch dann, wenn der Grundtenor erhalten bleiben kann.

Wenn Sie sich einmal die Schriften von Lenin ansehen, werden Sie erkennen, welche Klimmzüge der Mann machen musste, um den Klassengedanken und damit den Klassenkampf auf die Gesellschaft zum Ende des 19. Jahrhunderts anzuwenden. Die sogenannte "Bourgeoisie des Proletats", aus diesem Topf des Irrsinns ging irgendwann auch die SED hervor, war ein Kunstgriff erster Güte und hatte mit der Realität nichts zu tun.

Um sich einer Klasse zugehörig zu fühlen, braucht es ein Klassenbewusstsein, dass von innen nach außen entstehen muss. Durch Druck oder Indoktrination entsteht ein Avatar eines Klassenbewusstseins, aber keine Realität.

willibald hamster 23.07.2013 | 15:01

Das ist ganz interessant. Wenn Sie möchten, schauen Sie da mal rein: http://www.club-dialektik.de/Texte:Thesen_zur_Gegenwart

Nebenbei bemerkt hat Marx seine Thesen & seine Kritik aus der Materie entwickelt. Sie treten an Marx mit einem - mir fällt kein anderer Begriff ein - bürgerlichen Begriff von Erkenntnis, Theorie und Geschichte heran, der seinem Anspruch nicht gerecht wird. Die historisch-materialistische Dialektik enthält in sich den kategorischen Imperativ der Anpassung der jeweiligen Theorie an die erkannte Wirklichkeit; das heißt aber nicht in postmodernistischer Manier, die Unbeständigkeit des Seins lasse kein Begriff vom Sein bzw. vom jeweilig Seienden zu; man muss nicht auf Teufel komm raus Erkenntnisse von Marx verwerfen, nur weil einem von allen Seiten eingebläut wird, Marx sei vollkommen obsolet. Der Witz dabei ist, dass man dann nicht selten hinter Marx zurückfällt. Marx an die Wirklichkeit anzupassen, heißt im herrschenden Diskurs: Marx unschädlich machen.

Gruß, wh

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 15:11

Danke für den Link, die Seite werde ich mir gerne ansehen.

Dass man Erkenntnisse von Marx nicht auf Teufel komm raus verwerfen muss, hatte ich versucht auszudrücken, in dem ich schrieb, dass ein Kern immer bleibt.

Nun ist der Kategorische Imperativ zwar ebenfalls eine deutsche Erfindung, allerdings von Kant, so dass ich hocherfreut bin dies zu lesen. Was unterscheidet uns dann in der Herangehensweise, meine Art soll ja, wie Sie schrieben bürgerlichen Ursprungs sein, wenn Sie ebenfalls mit Kant und der Erkenntnistheorie antworten?

willibald hamster 23.07.2013 | 16:16

Nun, das ist sicher keine leicht zu beantwortende Frage ;-) Ich hatte es auch weniger auf Sie als Person, als auf diese Art von Haltung Marx, dem Marxismus und dem Materialismus gegenüber bezogen. Mir ging es v.a. um die Äußerung, Marx hätte die damals bestehenden Zustände als Muster für seine Thesen genutzt. Nicht zu bestreiten war auch Marx nur ein Kind seiner Zeit und auch seine Erkenntnisse hat er aus ebenjenen Erfahrungen gewonnen. Deshalb ja auch die Äußerungen Hegel gegenüber, er konnte den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft noch nicht in ihrer Totalität begreifen, einfach weil er dazu zu früh geboren & gestorben war (oder das obige Aristoteles-Beispiel, das @Bastian Borstell anführt).

"Bürgerlich" oder gewissermaßen positivistisch ist aber die Vorstellung einer gepolten Dualität von Theorie & Praxis. Für den Materialisten ist die Gedankenwelt Teil der Wirklichkeit, ja sogar die Möglichkeit ist Teil der Wirklichkeit, in all seiner ausgehaltenen Widersprüchlichkeit (das letztere ist das dialektische Moment). Marx konstruierte eben nicht eine politökonomische Theorie, in deren Raster die historische Wirklichkeit Europas des 19. Jh.s passt (d.h. er setzte ihr nicht entsprechend ihres Äußeren, ihrer abstrakten Erscheinungsweise einfach einen passenden Hut auf) auf; er entwickelte sie aus ihr. Selber hat Marx nie den Anspruch erhoben, ganz platt formuliert, die Welt zu erklären. Was er beschrieb, war die kapitalistische Produktionsweise als historische Episode der Welt- oder Menschheitsgeschichte (wobei er auch über den Tellerand geschaut und das durch Arbeit/Tätigkeit konstituierte Verhältnis Mensch-Natur als Motor der Geschichte ausgemacht hat). Kapitalismus definiert sich aber nunmal durch das Streben nach sich verwertendem Wert als Zweck an sich durch die Aneignung des vom Lohnarbeiter produzierten Mehrwerts durch den Kapitalisten. Und wenn man registriert, dass wir immer noch im Kapitalismus leben, dann ändert das erstmal nichts an seiner Definition.

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 17:03

Auch ich habe Marx bisher vorrangig dahingehend interpretiert, dass er exemplarisch am Zustand der Arbeiterschaft in meiner Heimat versuchte, eine Erklärung für das menschliche Desaster der Ausbeutung und Entrechtung zu finden.

Allerdings wende ich ein, dass der Mehrwert im Kapitalismus nicht mehr vorrangig durch den Besitz der Produktionsmittel, des Bodens und der Gewinne durch Arbeit, der Produktivität erfolgt, sondern heute davon völlig abgekoppelt das Know-how und das virtuelle Kapital gesehen werden muss.

Wenn 147 Unternehmen etwa 40% der 43.000 international operierenden Firmen kontrollieren, dann ist das mit den Ideen des Adam Smith nicht mehr in Einklang zu bringen. Wenn man weiß, wie diese 147 Unternehmen finanziert werden und wie dieses Finanzsystem funktioniert, dann ist die Diskussion über die Auswüchse des Kapitalismus unangebracht, weil dieses System kein Kapitalismus, sondern eine Finanz- und Machtdiktatur ist.

Die Diskussion über eine Gesellschaftsform nach dem Kapitalismus kommt aus meiner Sicht zu spät, weil es diese Gesellschaftsform bereits gibt.

Bastian Borstell 23.07.2013 | 17:30

Ich behaupte: Die Zustände, die es heute in Bangladesch gibt, sind "frühkapitalistisch". Es gibt dort eine enorme Landflucht, eine Industrialisierung, es bilden sich gerade die ersten Gewerkschaften usw.

Das Proplem Lenins war eher, dass er zwanghaft versucht hat, die Verhältnisse des spätfeudalen Russlands als Kapitalismus wahrzunehmen. Es gab damals in Russland nur Ansätze von Industrialisierung und diese Industrie befand sich meist nicht einmalin den Städten. Es war viel eher so, dass die Fabriken Grossgrundbesitzern gehörten, die ihre Leibeigenen dort arbeiten ließen. Es gab also kaum einen doppelt-freien Lohnarbeiter in Russland. Die bolschewistische Partei speiste sich aus Kleinbürgern, die revolutionären Massen aus den Bauern. Sowohl von ihrer klassenmäßohgen Zusammensetzung als auch von ihrem "Geist" entsprach die Revolution in Russland stark der französischen. Diesen "Klassencharakter" räumten verschiedene Bolschewiki dann sogar in gewisser Hinsicht ein, wenn Lenin und Trotzki z.B. vom Revolutionär als "Jakobiner" sprechen oder Trotzki die Stalinisten als "Thermidorianer" spricht. Die russische Revolution war eine "nachholende (klein)bürgerliche" Revolution, die zu Errichtung einer Entwicklungsdikatur führte (bzw. führen musste). Übrigens einer Klassenklassengesellschaft, die einerseits eine ("kleinbürgerliche") Klasse von Funktionären hervorbrachte, andererseits selbst erst ein (durch den Einparteienstaat ausgebeutete)Proletariat hervorbrachte. http://www.left-dis.nl/d/thbolsch.htm

"Um sich einer Klasse zugehörig zu fühlen, braucht es ein Klassenbewusstsein, dass von innen nach außen entstehen muss."

Von einem Klassenbewusstsein, also von der "Klasse für sich" habe ich nicht gesprochen, sondern von "Klassen an sich", die sich aus der objektiven Stellung im Produktionsprozess ergeben, ganz unabhängig davon, ob die Individuen klassenbewusst sind.

"Durch Druck oder Indoktrination entsteht ein Avatar eines Klassenbewusstseins, aber keine Realität."

Da haben Sie ja Recht. Ich würde eher auf Aufklärung einerseits und die Spontanität anderersits setzen statt auf plumpe Parolen und Kadavergehorsam, wie sie z.B. dem Bolschewismus eigen sind.

Klassenbewusstsein sollte entstehen, weil die Leute einerseits in Klassenlämpfe eingebunden sind organisierte Lohnkämpfe sind z.B. immer Klassenkämpfe, AUCH wenn sich die Teilnhemer dessen NICHT immer bewusst sind, auch dann wenn diese so eingehegt und ritualisiert wie z.B. in Deutschland stattfinden, andererseits weil Sie die Existez von Klassen erkennen.

Aufklärung hieße hier zu sagen, dass es Klassen gibt, aufzuzeigen dass unsere Gesellschaft bis heute ziemlich "undurchlässig" ist usw. Außerhalb des deutschprachigen Raumes, wo man versucht den Klassenbesgriff, auf den man auch hier wissenschaftlich nicht verzichten kann, durch Begriffe wie "Schichten" wegzureden, ist "social class" auch bei "bürgerlichen" Wissenschaftlern durchaus noch gebräuchlicht: http://en.wikipedia.org/wiki/Social_class

Die Fiktion hingegen, es gebe keine Klassen, ist ebenfalls "indoktriniert", bzw. wird z.B. bei Wahlen "praktiziert", auch wenn die späteren politischen Entscheidungsprozesse anders aussehen dürften, weil z.B. stukturell, da die Politik von Einnahmen abhängig ist, d.h. davon dass in Deutschland Investitionen statt finden und Arbeitsplätze entsstehen, aber auch weil Kapitalisten durch Lobbyisten Einfluss nehmen. Der bürgerliche Staat tut gerne so, als wären die Menschen schlicht (Staats)Bürger/Citoyen. National(istisch)er Schmonz a la "Du bist Deutschland" soll ein Zusammengehörigkeitsgefühl über die Klassen hinweg (re)produzieren.

willibald hamster 23.07.2013 | 17:42

Können Sie mir erklären, waie das gemeint sein soll, dass Wertschöpfung nicht mehr an Arbeit gebunden ist?

Wenn 147 Unternehmen etwa 40% der 43.000 international operierenden Firmen kontrollieren, dann ist das mit den Ideen des Adam Smith nicht mehr in Einklang zu bringen.

Nun, dahingehend hat Marx ja eine theoretische Erweiterung durch Hilferding, Lenin & Luxemburg erfahren. Dass das auch nicht mehr ausreicht, ist mir auch klar. Eben diese Idee der Erweiterung des Kapitalismus durch Monopolbildungsprozesse gehört aktualisiert. Die oben verlinkten "Thesen zur Gegenwart" versuchen sich ansatzweise damit.

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 17:53

Gerne versuche ich das näher zu erläutern, warum ich der Meinung bin, dass Wertschöpfung nicht mehr an Arbeit gebunden ist. Als ich das erste Mal in Japan in einer Halle stand, in der etwa 20 Arbeiter und 2.500 Maschinen standen, und das ist bereits etwa 30 Jahre her, wurde mir klar, dass die Wertschöpfung in der Warenwelt sich von der Wertschöpfung in der Dienstleistungswelt abkoppeln wird. Genau das ist dann auch eingetreten. Was Marx einst beschrieben hat, gilt nur noch für die Wertschöpfung durch mechanisierte Prozesse. Dies erklärt aus meiner Sicht auch, warum in den Dienstleistungsgesellschaften der Sklavenlohn dominiert. Bei Diensteleistungsprozessen ist der Personalkostenanteil manchmal 80% und höher, womit auch klar wird, warum exakt dort ethisch fragwürdig reduziert wird.

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 17:59

Dem kann ich folgen, allerdings fällt mir für Lenin nicht eine einzige Entschuldigung ein, muss ich zugeben.

Dass es kein "Klassenbewusstsein" gibt, also beispielsweise eine Einsicht aller abhängig Beschäftigen, würde auch dann zutreffen, wenn es keine Lobbyisten des Kapitals gäbe, weil dies aus meiner Sicht ein typisch menschliches Verhalten ist. Nur die pure Not schweißt Menschen zusammen, während dann, wenn auch nur minimale Chancen auf eine individuelle Aufwertung bestehen, diese Gruppendynamik nicht greift.

Ich habe noch niemals erlebt, außer in direkt lebensbedrohlichen Situationen, dass sich dieses Verhalten aus Vernunft oder freiem Willen zeigt.

Bastian Borstell 23.07.2013 | 18:26

"Auch ich habe Marx bisher vorrangig dahingehend interpretiert, dass er exemplarisch am Zustand der Arbeiterschaft in meiner Heimat versuchte, eine Erklärung für das menschliche Desaster der Ausbeutung und Entrechtung zu finden."

Marx wollte (mit seinem Hauptwerk "Kritik der politischen ÖKonomie") keine Erklärung "für DAS menschliche Desaster der Ausbeutung und Entrechtung zu finden", sondern einerseits die Bewegungsgesetze des Kapitalismus bzw. des (Namensgebenden) Kapitals (als der Verwertung des Werts) leiefern, anderersits eine Kritik an der "Politischen Ökonomie" (d.h. "Wirtschaftswissenschaft") üben durch eine "Kritik an der Darstellung durch eine Darstellung des Gegenstandes". Denn Marx geht davon aus, dass die Bewegungen des Kapitals nicht unmittelbar erkennbar seien, sondern sich "verfälscht" darstellen würden, z.B. wenn es den Anschein macht, als wäre nicht allein das Hinzusetzen von (abstrakter) Arbeit für die Entstehung von Wert ausschlaggebend, sondern als gäbe es die drei Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital, denen wie von Geisterhand ihre "gerechten Anteile" an der Verwertung (Lohn, Bodenzins, Profit) zufallen würden.

"Allerdings wende ich ein, dass der Mehrwert im Kapitalismus nicht mehr vorrangig durch den Besitz der Produktionsmittel, des Bodens und der Gewinne durch Arbeit, der Produktivität erfolgt, sondern heute davon völlig abgekoppelt das Know-how und das virtuelle Kapital gesehen werden muss."

Boden, Know-how, "virtuelles Kapital", Maschinen, Fabrikgebäude usw. sind die Produktionsmittel, Sie SIND das Kapital. Kapital ist jeglicher Wert, der zur Verwertung benutzt wird (bzw. werden kann), ganz gleich welcher Form.

"Virtuelles Kapital": Der Begriff "virtuelles Kapital" ist Unsinn. Wert, und damit Kapital, ist immer eine Realabstraktion, damit sinnlich nicht erfassbar, sinnlich wahrnehmbar sind die Gebrauchswerte, und zwar unabhängig davon ob man die Existentz des Gebrachswertes "Know-How" zumindest an seinen Folgen sinnlich wahrnehmen kann oder ob sich ganz konkret an einer Dampfmaschine des 19. Jahrhunderts die Finger verbrennt.

Know-How/"immaterielle Güter" spielten schon im 19. Jahrhundert eine immens wichtige Rolle. Auch z.B. Stahl hoher Qualität braucht eine Menge "Know-How"/Erfahrung, gerade weil man keine Computermodelle verwenden konnte. Der Bau einer Dampfmaschine braucht auch schon eine immense Menge "Know-How", soll einem das Ding beim Betrieb nicht um die Ohren fliegen.

Das besondere englische "Know-How" führte schließlich dazu, dass Produkte aus Deutschland in England die Beschriftung "Made in Germany" tragen mussten, da die deutschen Produktionsverfahren damals nicht so gut waren (= Die Deutschen über weitaus weniger "Know-How" verfügten) und oftmals billige Imitate waren (Das Deutschland des späten 19. Jahhunderts "war" das China des späten 20. Jahrhunderts).

Sie unterliegen hier dem Vorurteil, Marx hätte lediglich die "konkreten" Produktionsmittel, Dampfmaschinen und Co. beschrieben, Marx ging es aber um die Bewegungen des Kapitals, also um die Verwertung des Werts. Der Wert ist eine "Realabstraktion", er ist "unwirklich-wirklich", denn wir alles sehen die konkreten Dinge (bei "immateriellen Gütern" wie Patenten/Know-How nicht einmal die), die Werte können wir aber nicht sinnlich wahrnehmen, müssen aber dennoch an der Kasse einen Preis zahlen.

„Das Wesen der Warenabstraktion aber ist, daß sie nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Menschen hat, sondern in ihrem Tun. Und dennoch gibt das ihrem Begriff keine bloße metaphorische Bedeutung. Sie ist Abstraktion im scharfen wörtlichen Sinne. Der ökonomische Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit und durch Anwendbarkeit auf jedwede Art von Waren und von Dienstleistungen, welche auf einem Markt auftreten mögen. Mit diesen Eigenschaften hat die ökonomische Wertabstraktion in der Tat frappante äußere Ähnlichkeit mit tragenden Kategorien der quantifizierenden Naturerkenntnis (…). Während die Begriff der Naturerkenntnis Denkabstraktionen sind, ist der ökonomische Wertbegriff eine Realabstraktion. Er existiert zwar nirgends anders als im menschlichen Denken, er entspringt aber nicht aus dem Denken. Er ist unmittelbar gesellschaftlicher Natur, hat seinen Ursprung in der raumzeitlichen Sphäre zwischenmenschlichen Verkehrs. Nicht die Personen erzeugen diese Abstraktion, sondern ihre Handlungen tun das, ihre Handlungen miteinander.“ Alfred Sohn-Rethel:
Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis. Frankfurt am Main 1970, S. 41f

"Wenn 147 Unternehmen etwa 40% der 43.000 international operierenden Firmen kontrollieren, dann ist das mit den Ideen des Adam Smith nicht mehr in Einklang zu bringen. Wenn man weiß, wie diese 147 Unternehmen finanziert werden und wie dieses Finanzsystem funktioniert, dann ist die Diskussion über die Auswüchse des Kapitalismus unangebracht, weil dieses System kein Kapitalismus, sondern eine Finanz- und Machtdiktatur ist."

1. Bleiben dann 60% für die anderen Firmen

2. 147 Firmen sind nicht so wenige. Das ist kein Monopol, vielleicht nichtmal ein Oligopol sondern dürfte ein Polypol sein. Es gibt eine Menge Kleinstädte, in denen es weniger als 147 Kneipen und dennoch eine Konkurrenz unter den Kneipen gibt.

3. Wie soll sich "Kapitalismus" von der "Finanz- und Machtdiktatur" unterscheiden?

Mit der Funktionsweise des "Finanzsystems" habe ich mich auch schon auseinandergesetzt. Die meisten Kritiken daran scheitern schon daran, dass Sie selbt in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften hängen bleiben und versuchen deren strikte Trennung zwischen "Finanzökonomie" und "Realökonomie" aufrecht zuerhalten. Kapital ist in erster Linie Kapital, auch wenn es verschiedene Formen gibt: Handelskapital, industrielles Kapital (d.h. Produktionsmittel/"produizeriendes" Kapital "Know-How" fällt hier mit hinein), fiktives Kapital (z.B. Börsenwerte), Finanzkapital (d.h. solche Kapital, das für Zins verliehen wird und vom Kreditnehmer widerum zuemeist als Handels- oder industrielles Kapital eingesetzt wird)

"Die Diskussion über eine Gesellschaftsform nach dem Kapitalismus kommt aus meiner Sicht zu spät, weil es diese Gesellschaftsform bereits gibt."

Sie behaupten hier also, das Kapital (von ihnen anscheindend "zu konkret" verstanden als Fabriken) heute weniger wichtig wäre, weil nun das Kapital (d.h. z.B. "immaterielle Güter") wichtiger sei.

Sie behaupteten oben,es gäbe keine Klassen und Klassenkämpfe mehr, obewohl (oder "weil") sich heute die Unterschieden zwischen den Klassen verschärft haben und es erst Rechte Gründe für Klassenkampf gibt.

Sie behaupten dann auch noch, wie lebten nicht mehr im Kapitalismus, sondern im Spätkapitalismus...

Ihrer ganzen Marxkrtik liegt der Fehler zu Grunde, dass sie die marxschen Begriffe mit ihrer Vorstellung des englischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts identifizieren.

Bastian Borstell 23.07.2013 | 18:57

"Dem kann ich folgen, allerdings fällt mir für Lenin nicht eine einzige Entschuldigung ein, muss ich zugeben."

Das alles sollte auch keine Entschuldigung sein. Ich halte die Oktoberrevolution für ein "Unglück", Russland hätte damals den Weg zu einem bürgerlichen Staat nehmen müssen - bzw. hat es ja in gewisser Hinsicht, nur dass die herrschende Klasse sich dort "rot angemalt" hat...

"Dass es kein "Klassenbewusstsein" gibt, also beispielsweise eine Einsicht aller abhängig Beschäftigen, würde auch dann zutreffen, wenn es keine Lobbyisten des Kapitals gäbe, weil dies aus meiner Sicht ein typisch menschliches Verhalten ist. Nur die pure Not schweißt Menschen zusammen, während dann, wenn auch nur minimale Chancen auf eine individuelle Aufwertung bestehen, diese Gruppendynamik nicht greift."

Jein. Die Individuen der Arbeiterklasse finden sich ja aus jewiligen Eigennutz zum Streik, zu Zusammenarbeit in Gewerkschaften usw. zusammen. Und zwar nicht nur bei purer Not.

Wobei, und das mag zynisch klingen, "Not" etwas individuell Empfundenes und relatives ist. Ein(e) Arbeiter(in) in Bangaldesch würde sich wohlhabend vorkommen, käme sie zum Eigentum an einem alten.gebrauchten Auto. Für manch deutschen Arbeiter wäre es eine "Katastrophe", könnten sie sich erst nach 10 statt nach 5 Jahren ein neues Auto kaufen (ich habe solche Leute kennen gelernt). Das ist dann auch das, was Marx als "historisches und moralisches" Elemt des Lohns bezeichnete.

Für die untersten Klassen wäre die Herbeiführung der klassenlosen Gesellschaft eben "eigennützig". Zumindest für die Arbeiterklasse in Bangladesch, in Deutschland ist wohl eine Frage der Zeit (bzw. der "Agenda 2010s", Rentenkürzungen usw.) bis da eine "Einsicht" erfolgt.

"Ich habe noch niemals erlebt, außer in direkt lebensbedrohlichen Situationen, dass sich dieses Verhalten aus Vernunft oder freiem Willen zeigt."

Naja. Gerade im direkten Überlebnskampf können die Menschen aber auch sehr egoistisch agieren, wenn Sie sich z.B. um Plätze in Rettungsboten streiten.

P.S. Zu "Know-How" un Co. ist der Link, den Willibald Hamster gerade gepostet hat, wohl ziemlich gut: http://www.trend.infopartisan.net/trd0901/t390901.html

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 22:51

Sie schrieben: "Ihrer ganzen Marxkritik liegt der Fehler zugrunde, dass sie die marxschen Begriffe mit ihrer Vorstellung des englischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts identifizieren."

Na da bin ich doch jetzt froh, dass Sie Deutscher mich aufgeklärt haben !!! Mein Gott, was hätte aus dem Vereinigten Königreich werden können, wenn wir auf die Deutschen gehört hätten? Ich werde tatsächlich sofort einen Kurs "Marx korrekt interpretieren" bei der Partei DIE LINKE buchen, zurück auf die Insel reisen und dort die deutsche Wahrheit verkünden.

Bastian Borstell 24.07.2013 | 00:58

1. Bin ich nicht bei der Partei DIE LINKE, sondern parteilos glücklich.

2. Ist Die LINKE keine marxistische Partei, sondern eine (links)keynsianische Partei, die sich ein wenig marxistsiche Folklore leistet.

3. War Marx eigentlich kein "Deutscher". In der Zeit, in der er sich in "Deutschland" aufhielt, gab es zwar einen deutschen Staatenbund, eben den Deutschen Bund, aber eben einen deutschen Nationalstaat. Als das Deutsche Reich gegründet wurde, lebte er als Staatenloser in England.

4. Es geht nicht darum, dass Sie ich sage, sie hätten Marx "falsch interpretiert", sondern darum, dass Sie sich anscheinend garnicht darüber im klaren sind, was Marxens Gegenstand war:

(Dem späten) Marx ging es um (Kritik der) Wirtschaftswissenschaft und dem Kapitalismus im idealen Durchschnitt. Kapitalismus verstanden als eine Gesellschaft in der Güter vorwiegend als Waren produziert werden, d.h. nicht zum Zwecke des Eigenbedarfs, sondern zu dem Zwecke, sie am Markte zu verkaufen und dabei einen Profit zu erwirtschaften.

5. Die Anspielung auf das England des 19.Jahurhunderts hatte nichts mit Ihrer Person zu tun, sondern damit, dass Sie die ganze Zeit versuchen, zu behaupten, Marx wäre wiederholt, weil Sie Begriffe wie "Klasse", "Produktionsmittel" usw. an bestimmte "Bilder" knüpfen, wenn Sie erklären, "Lohnsklaven" wären kein Proletariat oder "Know-How" kein Produktionsmittel.

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Ehemaliger Nutzer 24.07.2013 | 09:26

Gut, dann lasse ich jetzt die Trompeten erschallen, weil ich bei Ihrer Art zu argumentieren tatsächlich glaubte einen Hardcoretypen der Linken zu hören - töh-röh !

In der Tat lassen sich über Marx viele Wahrheiten sagen, nicht weil er ein Philosoph war, der sich, wie alle Philosophen, eher schwammig ausdrückt, sondern weil es die eine Wahrheit niemals gibt. Jede Wahrheit ist abhängig vom Standpunkt der Betrachtung und jede Wahrheit ist gleichwertig, obwohl sie ungleich sind. Das liegt daran, dass im Universum die Nichtexistenz der Gleichheit besteht, womit alle Ordnungssyteme, und Philosophien sind Gerüste für diese Ordnungssysteme, nur für den einen Moment Gültigkeit besitzen.

Bastian Borstell 26.07.2013 | 17:57

"Aber jetzt psychologisiere ich und das liegt nicht in meiner Absicht."

Ich halte es für unerlässlich, die "marxschistische" Theorie/Kritische Theorie, die auf einem "historischen Materialismus" beruht, der, wie Sie ganz richtig feststellen (im Gegensatz zum bürgerlichen Materialismus) die Gedanken als Teil der "materiellen Welt" sieht, durch Psychologie zu bereichern, so wie für Marx selbst "erkenntnistheoretische"/"psychologische" Aspekte äußerst wichtig waren (z.B. "Fetisch").

Den "modernen" Antisemitismus betrachte ich als eine Reaktion darauf, dass die der kapitalistischen Verwertung unterworfenen Menschen sich (zu Recht!) "abstrakten" Mächten unterwurfen fühlen, diese dann aber personalisieren. Ohne "Psychologisierung" ist das garnicht erklärbar.

"Wohin dieser systemtheoretische Ansatz führen kann, sieht man an Althusser, wo alles erstarrt. Auch Poulantzas folgt Althusser und blockiert so die Dynamik von Gramscis Staatstheorie, auf deie er sich ja auch maßgeblich bezieht."

Nicht zwangsläufig. Auch ein "strukturalistischer" Marxismus kann die Dynmik von hegemonialen Kämpfen begreifen. Gerade dann, wenn man sich, im Gegensatz zu Althusser, von Stamokap-Theorien verabschiedet. Beispiel: http://jungle-world.com/artikel/2009/02/32408.html

Ein solche (vor allem an Pulantzas und Agnoli orientierte) Sicht sieht den bürgerlichen Staat einerseits als "strukturell vom Kapital abhängig", aber andererseits als umkämpftes Objekt. Agnoli folgend würde ich sagen, dass der bürgerlichdemokratische Staat gerade deswegen so erfolgreich ist, weil durch ihnen aus Klassenkämpfen bloße (systemimmanente) Vertreilungskämpfe/Arbeitskämpfe werden. Der Klassenkampf ist darin "strukturell eingehegt" und seines revolutionären Potentials beraubt.

"Orientalisierung" steht hier für den Versuch, den Faschismus und/oder Nazismus nicht als Form der Herrschaft des Kapitals und/oder der Kapitalisten (Bourgeois), sondern im Gegenteil als "Entwestlichung" (also der kapitalistischen Logik entgegenwirkend; Sie nannten die auf völkischer Grundlage basierende "Vergemeinschaftung") zu erklären.

Ja, eine "Entwestlichung" nehme ich in gewisser Hinsicht vor, weil ich Kapitalismus nicht für spezifisch "westlich" halte!

Und diesen Aspekt (Korporatismus) deuten Sie m.E. historisch falsch. Gleichzeitig zum Aufstieg des Nazismus in Deutschland wird in den USA der keynesianische New Deal gestartet und in Skandinavien der Wohlfahrtsstaat entwickelt;

Das wiederspricht sich doch nicht. Ich behaupte doch nichts anderes, als das der Nazismus, von bestimmten Klassen, nämlich vor allem "den Kleinbürgerlichen", an die Macht gebracht wurde, weil die kapitalistsiche Akkumulation nicht mehr funktionierte, wie sie "sollte".

Aber Korporatismus ist nicht gleich Korporatismus und ob jede Variante keynsiansicher Wirtchschaftspolitik koporatistisch (also versucht durch einen "Klassenompromiss" den Klassenkampf bei fortbestehenden Kapitalsimus still zu legen) sein muss, ist eine Frage, die ich mit "nein" beantworten würde.

Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von 1793-1795, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire herausgegeben wird! Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen.http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_115.htm

Der Faschismus (Nationalsozialismus inklusive) ist in gewisser Hinsicht eine "Farce". Es wird versucht, die "gute" feudale Ordnung mit ihren Zünften korporatistisch wieder herzustellen als auch einen "Volkskönig", einen Führer als "Karikatur" der Monarchie einzusetzen.

Dem deutschen Nationalsozialismus ganz besonders innewohnend ist die Problematik der "verspäteten Nation", die eben keinen Staat hatte und sich daher völkisch (selbst)definieren "musste".

Anfangs war es durchaus unklar, in welche Richtung dieses verspätete deutsche nation building sich entwickeln würde. Republikanische und sozialistische Ansätze gingen Hand in Hand mit der Sehnsucht nach einem neuen Kaiser und damit verbundenen Großmachtträumen. Was aber, wenn die sich belauernden deutschen Fürsten keinen solchen Kaiser hervorbringen würden?

Es war Richard Wagner, der Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts eine Antwort auf diese Frage fand. In Berlin gescheitert, hatte er eine Kapellmeisterstelle in Riga angetreten und schrieb dort an seiner Oper »Rienzi«. Darin installiert ein gegen intrigante Adelsfamilien revoltierendes Bürgertum nicht nur eine freiheitliche Verfassung, sondern auch einen »Volkstribun« aus seiner Mitte. Zwar geht dieser am Ende in einer Feuersbrunst unter, aber das ist eine Konstante bei Wagner. Ob Rienzi oder Siegfried – die wahre Größe seiner Helden manifestiert sich erst im flammenden Untergang.http://jungle-world.com/artikel/2013/20/47695.html

Ich gehe hier also davon aus, dass bei der Entstehung des Nazismus viel "Unterbewusstsein" und wenig "kalkulierte Startegie" eine Rolle spielten. Gewiss mögen Sie recht haben, dass es Kreise gab, die den Nazismus als mögliches Bollwerk gegen eine Expansion der bolschewistischen Herrschaft ansahen, aber ohne eine Analyse, die die "Massenpsycholologie" der faschistisch gewordenen Staaten auschließt, kann nur unzureichend sein.Wahlkampfspenden und Propagandas allein "machen" noch keine jubelnden und fanatisierten Massen. Ich analysiere dass also gerade nicht "diskurstheoretisch".

Das bestätigt mich in meinem Verdacht, den Sie nicht nachvollziehen konnten, weil Sie gleich in mir, der ich in viele Punkten entgegengesetzter Auffassung bin, einen Verschwörungstheoretiker zu entdecken glaubten. Jetzt müsste ich SIE eher einen Verschwörungstheoretiker nennen.

[...]

Jedenfalls halte ich Sie für keinen Mossad-Agenten, sondern für jemanden, der alle diejenigen, die nicht seiner Meinung sind, verdächtigt, ihn für einen Mossad-Agenten zu halten.

Da steht ein "oder", oder? D.h. ich habe Ihnen nicht unterstellt, dass Sie ich für einen Mossadagenten halten. Es gibt aber hier in der FC Leute, die so etwas behaupten.

Sie halte ich für jemanden, der sich wenigestens auf meine Argumente einlässt und rational mit mir diskutiert, statt mir Dinge zu unterstellen oder mich zu beleidigen.

Nehmen wir als Beispiel diese Perle:

https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/die-chance-der-palaestinenser#1374699084580683

(Meine Antwort dort: https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/die-chance-der-palaestinenser#1374848751117150)


werden Sie dann bei der nächsten Gelegenheit dieses Hasbara-"Argument" wieder ad absurdum führen sobald sie gemäß Ihren Vorgaben [!] festestellen, dass ja israelische Araber sehr gerne Israelis sind, nicht in einen palästinensischen Staat ziehen würden und das ja auch der Rest der Araber eigentlich gerne in Israel leben würde. Das ist halt das blöde an der ganzen zionistischen Propaganda, sie funktioniert einfach nicht.


Daniel Schneider unterstellt mir nicht nur Meinungen und Äußerungen, die ich weder geäußert habe, noch die die meinen sind (er bezieht sich ja sogar auf Dinge, die ich angeblich noch sagen werde!).
Aus dem Kontext wird klar, dass Daniel Schneider hier eindeutig antisemitsch argumentiert, da er meine Äußerungen als "Hasbara"Propaganda ansieht, die Vorgaben(!) vermutlich verschwörisch arbeitender Vorgesetzter erfüllen solle.

Oder: https://www.freitag.de/autoren/hans-springstein/usa-drohen-syrien-weiter#1374331652330120

Der Kommentar bezieht sich laut https://www.freitag.de/autoren/hans-springstein/usa-drohen-syrien-weiter#1374335221141903

auf mich.

Phineas Freek unterstellt mir unter anderem, ich würde für irgendwelche nicht näher benannten Auftraggeber arbeiten. Da in dem anderen Kommentar behauptet wird, ich verbreite "Hasbaragewäsch" sind wahrscheinlich "die Juden" oder "die Zionisten" mit "Auftraggeber" gemeint.

Daniel Schneider und Phineas Freek sind diesbezüglich keine "Einzelfälle". Ganz regelmäßig sind hier Kommentare zu lesen, die ein Abweichen von der je eigenen Meinung nur damit "begreifen" können, dass diese anderen Meinungen durch Propaganda gesteuert sein.

Übrigens: Nichtmal in der Tatsache, dass die Moderation hier, auch auf ausdrückliche Beschwerde, nichts unternimmt, wenn ich oder meine Äußerungen hier in ziemlicher Regelmäßigkeite mit Kraftausdücken ("Schwachsinn", "Blödheit","Idiot", "Saudumm", "Rassist" usw.) belegt werden, sehe ich eine "Verschwörung" am Werk ;-)

Bastian Borstell 27.07.2013 | 04:54

P.S.

nochmal zu:

"Das bestätigt mich in meinem Verdacht, den Sie nicht nachvollziehen konnten, weil Sie gleich in mir, der ich in viele Punkten entgegengesetzter Auffassung bin, einen Verschwörungstheoretiker zu entdecken glaubten. Jetzt müsste ich SIE eher einen Verschwörungstheoretiker nennen. Aber ich will Ihnen kurz erläutern, worum es mir in diesem Satz ging: Dass man im Gespräch mit Ihnen allzuoft bei Themen wie Verschwörungstheorien, Antisemitismus, Personifizierung, Fetischcharakter usw. landet, hängt m.E. damit zusammen, dass Sie Ihre Stereotype, die ein permanentes Verdachtsmoment Ihren Mitmenschen gegenüber enthält, auf alles Mögliche unentwegt anwenden und so hinter allem eine "antisemitische" Verschwörung von Verschwörungstheoretikern vermuten müssen."

und meiner Entgegnung:

"Ganz regelmäßig sind hier Kommentare zu lesen, die ein Abweichen von der je eigenen Meinung nur damit "begreifen" können, dass diese anderen Meinungen durch Propaganda gesteuert sein."

noch ein "Beleg" für diese behauptete Regelmäigkeit. Eine Antwort von gerade eben:

"[...] So was beeindruckt mich ebenso wie Ihr Avatar, die Bebilderung Ihres Namens.

Anders als Sie halte ich diesen Blog halte übrigens für einen Fake. Kann aber sein, er ist doch echt in irgendeinem Sinne. [...]

Es ist auch hier in der Community ein Kommen und Gehen von Bloggern und Kommentatoren, immer wiederkehrend mit ganz neuen Nicks und Bildchen. Menschen, die sich selbst gern revolutionär und ganz ohne Ironie bebildern. Etwa Buchhalter als Fidel Castro oder Bakunin als Bademeister.

Niemand ahnt, wer dahinter steckt." https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-zivilisten-sind-muede#1374890139366596

Vielleicht ahnt ja Weinsztein nicht, wer dahinter steckt. Andere "ahnen" aber schon munter vor sich hin: https://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/die-chance-der-palaestinenser#1374578198141817

(Zur Vollständikeit der Link zu meiner Antwort an Weinstein: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-zivilisten-sind-muede#1374892060360354 )