Eine Wolfsspur war nicht zu finden

Eisenhüttenstadt, Schwedt, Hoyerswerda Städte werden abgerissen, um sie zu erhalten

Als Olga und Witaly Reger vor einem halben Jahr in einem Restaurant die Geburt ihres Sohnes Dominik feiern wollen, suchen sie vergeblich. Das erste Café, für das sie sich entschieden haben, ist geschlossen. Und zwar für immer. Das zweite und dritte ebenfalls: zu wenig Gäste. "Wer ein paar Monate nicht mehr im Zentrum von Eisenhüttenstadt war, erkennt manchmal die Stadt nicht wieder", sagt Olga.

Die Regers sind eine Ausnahme in dieser Gegend - sie haben zwei Kinder, liegen damit weit über dem ostdeutschen Durchschnitt von 1,2 Kindern pro Familie (nirgendwo in der Welt werden so wenig Kinder geboren wie im Osten der Republik), und sie wollen in Eisenhüttenstadt bleiben. Die beiden wuchsen in Kasachstan auf und taten dies in Familien mit deutschen Wurzeln. Witaly kam 1996 nach Deutschland; Olga folgte zwei Jahre darauf, und Witaly hatte Glück: "Ich bekam einen Vertrag als Trainee bei Arcelor, dem früheren Eisenhüttenkombinat Ost oder EKO", erzählt er stolz und in gutem Deutsch. Wirklich ein Glücksfall, denn seit 1989 haben sich die Stellen in der ostdeutschen Stahlindustrie halbiert. EKO Stahl war für das größer gewordene Deutschland zu groß. Keine Nacht der tausend Feuer mehr. Also ziehen die Leute in Scharen davon.

Zählte Eisenhüttenstadt Ende der achtziger Jahre noch 53.000 Einwohner, sind es im Herbst 2007 fast 20.000 weniger. Ein Ende der Schwindsucht ist kaum in Sicht. Die Stadt reagiert, indem sie ungerührt und flächendeckend Plattenbauten abreißen lässt, die völlig oder überwiegend leer stehen. Auch die Wohnung von Witaly und Olga wird es in drei Monaten nicht mehr geben und einer Grünfläche weichen wie überall in der Nachbarschaft. In die ehemalige Möbelhalle ihrem Block gegenüber ist seit kurzem ein riesiger Flohmarkt eingezogen, auf dem polnische Händler in unbeheizten Hallen das zurückgebliebene Mobiliar der Weggezogenen oder Umsiedler anbieten. Anbauwände, Einbauküchen, Sessel, Schrott, Spinde, Aktenschränke, alles zu schwer, um es mit leichter Hand fortzuwerfen

In den fünfziger und sechziger Jahren wurden in der DDR entlang der Grenze zu Polen Städte wie Eisenhüttenstadt Hoyerswerda, Schwedt und Guben mehr oder wenig künstlich als Appendix gigantischer Mono-Industrien aufgebaut. Ein halbes Menschenleben später teilt Schwedt das Schicksal von Eisenhüttenstadt, gilt aber mittlerweile als Beispiel für eine Kommune, die mit dem Exodus umzugehen versteht. Jürgen Polzehl, Bürgermeister des Noch-37.000-Einwohner-Fleckens kennt den Königsweg nach Canossa und schwört auf sein Konzept der "schrumpfenden Stadt".

"Den Tiefpunkt des Wandels nach der Wende haben wir hinter uns", erzählt Polzehl im Rathaus, wo er über Karten sitzt, auf denen ehemalige Wohngebiete mittlerweile als Parks und Grünland braun und hellgrün schraffiert auftauchen. "In der Papier- und Ölindustrie gingen etwa Zwei Drittel aller Stellen verloren. Das passierte schon Anfang der neunziger Jahre, während viele in Hoyerswerda zunächst abwarteten. Erst Mitte der Neunziger war der allgemeine Aufbruch nicht mehr aufzuhalten. Ab 20 Prozent Leerstand pro Wohnblock wird es für jede Wohnungsgesellschaft kritisch. Es war klar, das wir abreißen mussten, was am Ende die meisten von denen, die hier geblieben sind, auch einsahen. Es gab keine Alternative."

Es sei am effektivsten für eine Stadt, so Polzehl, komplette Viertel abzureißen, statt hier und da einen Block platt zu machen. Am besten hat in Schwedt das "konzentrische Modell" beim Auslöschen von Wohngebieten funktioniert: Von außen nach innen vorarbeiten. Mittlerweile sind in der Stadt über 5.000 Wohnungen verschwunden. Polzehl geht davon aus, es werden noch einmal mindestens 1.000 folgen. "Ich bin aber kein Fan der Idee, in Ostdeutschland komplette Städte aufzugeben. Das ist eine Idee von Wissenschaftlern, Blödsinn. Das lässt sich nicht durchsetzen und ruft viel zu viel Widerstand hervor."

Wenig später im Külz-Viertel, bestätigt auch Manfred Wilke, technischer Direktor der Wohnbauten GmbH von Schwedt, dass es keine Alternative zum Abriss gibt. "Es kamen da Vorstellungen auf, man könnte die Wohnungen demontieren und nachher in Bosnien oder Kaliningrad wieder aufbauen, aber das ist nicht realistisch. Andere wollten Sonnenkollektoren auf die Dächer pflanzen. Das kann man genauso gut auf bewohnten Häusern tun."

Wir gehen durch das "Leuchtturmprojekt" von Schwedt: Wohnblöcke im Külz-Viertel, denen die oberen Etagen wie Gliedmaßen amputiert und in den verbleibenden Stockwerken neue Apartments implantiert werden. "So was können wir uns freilich nicht überall leisten", meint Wilke besorgt. Abreißen, sanieren und umbauen, das sei nur mit dem Geld aus dem Regierungsprogramm Stadtumbau Ost möglich, das über 2,7 Milliarden Euro verfügen könne. "Die Sanierung von einem Quadratmeter Wohnfläche in Schwedt kostet etwa 1.000 Euro."

Gerade zwingt ein anfahrender Bagger wie ein Stier die mürben Wände eines Wohnblocks in die Knie. Ein sieches, zu lange schon ungenutztes Gebäude, das offenbar nur der Abriss heilen kann. "Das war der letzte P2, der letzte Elfgeschosser", sagt Wilke routiniert. "Vom Dach dieses Blocks hat Gerhard Schröder noch einen Blick auf Schwedt geworfen. Der war auch der Meinung, dass es so nicht weitergehen konnte."

Zwei Stunden weiter südlich und schon in Sachsen liegt Hoyerswerda. Die Stadt geriet 1991 in Verruf, als Neonazis tagelang ein Heim für vietnamesische Vertragsarbeiter attackierten und daran von ihren Mitbürgern nicht übermäßig gehindert wurden.

Hoyerswerda gilt als die Stadt im Osten, bei der die Entvölkerung am härtesten zugeschlagen hat, verursacht durch die Entlassungen in der Braunkohle. Von 140.000 Arbeitsstellen zu DDR-Zeiten sind in der Branche noch 7.000 übrig - von den einst 76.000 Einwohnern Hoyerswerdas noch 40.000. Geblieben sind vorzugsweise die Älteren, Alten und ganz Alten. Letztere fristen im Pflegeheim Fischer und Salowski in der - wie es heißt - "sorgfältig renovierten" Innenstadt ihr Dasein. "Unser Pflegeheim ist ziemlich symbolisch für die Stadt", meint Heimleiterin Ramona Fischer. "1952 war dieses Gebäude der erste Kindergarten von Hoyerswerda und hieß ›Haus der fröhlichen Kinder‹."

Ab 1994 hieß es dann Kita und musste wegen Kindermangel schließen. "Seit 1995 haben wir hier unseren Pflegepark", erklärt Frau Fischer und meint noch, die Seniorenbetreuung sei "eine der vielversprechendsten Zukunftsbranchen im Osten". Allein in der Umgebung von Hoyerswerda gäbe es vier Pflege- und Seniorenheime, "und auch wir haben über Interesse nicht zu klagen". Ein Teil der Bewohner ihres Hauses seien die Eltern der Kinder, die hier einst in den Kindergarten gingen. So schließt sich der Kreis. Frau Fischer befürchtet, dass sie schon in ein paar Jahren kein qualifiziertes Pflegepersonal mehr findet. "Wer in Zukunft hier arbeiten soll? Das ist nicht schwer zu erraten, das werden die Polen sein."

Als Hoyerswerda kein verschlafenes Provinzkaff mit Ackerbau und Viehzucht und ein paar tausend Einwohnern mehr sein sollte, entstand mit der frühen DDR die "geplante zweite Stadt". Mittlerweile ist die Zeit reif für die "dritte Stadt". "Diese Stadt kann eigentlich nur eine Form haben", glaubt Uwe Proksch, Geschäftsführer der Kulturfabrik Hoyerswerda. "Wir werden wieder ein kleines Örtchen sein, aber gelegen in einer neuen Seenlandschaft. Unsere Zukunft heißt Tourismus. Unsere Möglichkeiten fangen da an und hören da auf."

Wahrscheinlich hat Proksch Recht. Während die Leute in den vergangenen 15 Jahren abwanderten, blieben eine zerwühlte Landschaft und die gewaltigen Löcher des Braunkohlenabbaus zurück. Mittlerweile plant die IBA, die Internationale Bauausstellung, aus den kolossalen Kohlengruben eine Lausitzer Seenlandschaft zu machen - bestehend aus 21 Gewässern, die bis 2018 vollständig geflutet sein sollen. Die ersten schwimmenden Häuser für Urlauber gibt es schon.

Zur kulturellen Zerstreuung dieser Urlauber wurde bei der Ortschaft Lichterfeld vorsorglich eine Rettungstat vollbracht, die ihresgleichen sucht, und eine ehemalige Förderanlage, einen Großbagger des Typs F 60, vor Zerstörung und Verschrottung bewahrt. "Die F 60 ist mit ihren 502 Metern Länge die größte bewegliche Maschine der Welt. Das Datum für die Sprengung stand schon fest", erzählt Uwe Nadelbohr, vom "Verein zum Erhalt der F 60".

"Im letzten Augenblick hat sich eine Gruppe früherer Anlagenfahrer entschieden, die F 60 nicht aufzugeben. Die meisten haben sich totgelacht, aber wir waren stolz." Die F 60 ist mittlerweile mit 70.000 Besuchern pro Jahr zur Attraktion geworden. Im Sommer besteigen Reisegruppen im 20-Minutentakt das Monster. Die Plattform in 74 Metern Höhe erlaubt den weiten Blick auf die sächsische Tundra, die in den nächsten Jahren dem Bergheider See weichen soll. "Dort hinten wird der Campingplatz liegen", sagt Nadelbohr und zeigt auf einem Streifen graues, karges Land weit unten. "Und da werden Ferienhäuser stehen. Wir gehen davon aus, dass diese Gegend besonders viele Tschechen anzieht. Die verbringen ihren Urlaub gern am Wasser. Und die Lausitzer Seenplatte wird für sie näher sein als die Ostsee."

Noch weiter östlich, in der Nähe von Neustadt/Spree, sieht auch der 30-jährige Stefan Kaasche seine Zukunft zwischen Tourismus und Natur. Wo der Mensch sich abgewandt hat, erscheint wieder ein Gast, der etwa hundert Jahre lang in Deutschland entbehrt werden musste. "In Ostsachsen gibt es mittlerweile zwei Wolfsrudel", erzählt Kaasche. "Sie sind von Polen aus über die Oder geschwommen und haben sich hier angesiedelt. Ich nehme an, dass ihre Population in den nächsten Jahren wächst." Kaasche hofft, an diesem Herbsttag Wolfsspuren zu finden, das gelingt ihm fast auf jeder seiner Wanderungen.

"Inzwischen wissen die meisten Leute in dieser Gegend, dass Wölfe für Menschen nicht gefährlicher als andere Tiere sind." Kaasche haust in einem schmalen Streifen Gegenwart und versucht von den Exkursionen, die er ins Reich der Wölfe anbietet, zu überleben. Er will nicht weg aus seiner Heimat, obwohl viele in seinem Alter längst weg sind. "Die Mehrheit meiner Freunde ist etwa zehn Jahre älter als ich, denn in meiner Altergruppe gibt es hier kaum noch jemanden." Die Menschen gehen und die Wölfe nehmen ihren Platz ein. Kaasche will davon nichts hören. "Ich sage: Der Wolf kommt, und die Menschen kommen auch. Seit sich die Medien mit der Rückkehr der Tiere beschäftigen, zieht es auch immer mehr Besucher in die Lausitz. Gut für die Region und gut für mich."

Eine Wolfsspur war an dem Tag übrigens nicht zu finden.

Der Autor ist freier Journalist und berichtet für mehrere niederländische Zeitungen aus Deutschland.


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