Eine Zumutung

Im Kino Matthias Glasners mutiges und ungerührtes Protokoll des Scheiterns - "Der freie Wille"

Der Mann, der sich ein neues Leben zulegen will, geht ins Kaufhaus. In der Ecke mit den Pullovern trifft er auf die routiniert-werbende Freundlichkeit des Verkäufers. Als er mit einem unauffälligen, dunklen Modell aus der Umkleidekabine hervortritt, erklärt der Verkäufer: "Da haben Sie einen etwas klassischeren Pullover. Der passt zu Baumwoll- und Schurwollhosen, mit der Farbe können Sie gut kombinieren."

In dieser beiläufigen Szene aus Matthias Glasners Der freie Wille steckt das ganze Drama des Films. Die Szene ist nicht das, wofür das Kino gemeinhin steht, sie ist nicht "bigger than life", sondern führt im Gegenteil die erbarmungslose Trostlosigkeit des Alltags vor: einen ratlosen Mann und einen Verkäufer, der seine Arbeit so gut wie möglich machen will. Teil dieser Arbeit ist der Glaube an eine optimistische Rhetorik, die noch dem durchschnittlichsten Kleidungsstück positive Seiten abgewinnt und zum Beleg technische Details auflistet. Den Pullover macht das nicht besser, er bleibt unauffällig. Alles andere ist Illusion.

Das ist der deprimierende Unterton von Der freie Wille. Der Mann, Theo, ist wie der Pullover: Er wird der bleiben, der er war, allen sozialtherapeutischen und humanistischen Hoffnungen auf Besserung zum Trotz. Theo (Jürgen Vogel) war, ist ein Vergewaltiger. Drei Frauen hat er zum Sexualverkehr gezwungen, mit roher Kraft und blankem Hass. Neun Jahre hat er dafür im Maßregelvollzug verbracht, dem sich die Kamera über einen Wegweiser am Eingang nährt, auf der das Programm der Hoffnung vermerkt ist: "Büro. Tanztherapie. Atelier. Theater. Keramik." Theo sitzt in einem schmucklosen Raum, um vor einem Auditorium aus Helfern von seinen Fortschritten zu berichten. Zu den Helfern gehört Sascha (André Hennicke), der Kopf einer Resozialisierungs-WG, der ihm später, außerhalb der wohlmeinenden Runde, sagen wird, dass die Wohngemeinschaft kein erster Schritt zurück ins Leben ist, sondern "der Anfang vom Ende, das Tor zur Hölle."

Matthias Glasner, der mit Jürgen Vogel schon Mitte der neunziger Jahre Filme gedreht und produziert hat (Die Mediocren, Sexy Sadie), zeichnete sich durch einen Sinn für Stil und Coolness aus, der im deutschen Kino jener Jahre selten war. Nach der gescheiterten, aber nicht uninspirierten Nachtleben-Parabel Fandango (1998) ist er im Fernsehen untergetaucht. Um so überraschender fällt nun seine Rückkehr auf die große Leinwand mit einem so ernsthaften, unerbittlich schmucklosen Film aus. Der freie Wille war schon bei seiner Premiere auf der diesjährigen Berlinale nicht unumstritten, weil der Film als einzige Zumutung daher kommt. Dafür spricht schon die Länge: 163 Minuten manchmal quälender Langsamkeit.

Die Länge ist der Schutzschild, hinter der sich der Regisseur und Autor vor der Nähe zu seinem Protagonisten verbirgt. Er hält ihn auf Distanz. Kein Mitleid, keine Vorgeschichte, kein Kindheitstrauma. Alles, was die Taten Theos durch Psychologisierung erklären könnte, bleibt ausgespart. Der Betrachter kann nur zusehen und muss aushalten. Wie gleich zu Beginn etwa der furiose, in seiner Tannenbäumigkeit ungeschützt ausgestellte Jürgen Vogel die Tat spielt, den rasenden Trieb, der - wie es später heißt - "im Anmarsch" ist, in voller Länge, in vollem Schmerz. Wie später, nach der Entlassung, im Kampfsportkeller beim Duell mit der neugewonnenen Begleiterin Nettie (Sabine Timoteo) die Sublimierung der Gewalt durch ostasiatische Techniken des Andeutens brüchig wird. Wie die sexualisierte Werbung für Parfüm an einer nächtlichen, mies ausgeleuchteten Haltestelle das Potential der Gewalt Theos gegenüber der alleine wartenden Frau als schlechten Witz erzählt. Die Beziehung zu Nettie, der Tochter des - ein wenig zu übertrieben konzipierten - zwanghaften Druckereibesitzers (Manfred Zapatka), bei dem Theo Arbeit findet, ist ein Hoffnungsschimmer zweier um Erlösung bangender beschädigter Leben. Dass es diese nicht geben wird, liegt in der Natur von Glasners Enthaltsamkeit.

Der freie Wille ist ein pessimistischer Film, müde, spröde, leise. Musik bleibt auf die Momente reduziert, in denen sie in der Handlung gespielt wird. So ist Der freie Wille auch ein Film der Geräusche, genauer: der Atemgeräusche, jener Rhythmen der Erregung, in denen etwas sich des Menschen bemächtigt, das nicht seinem Willen unterliegt. Die Schreie, die Sabine Timoteo in der letzten Szene am Strand des rauschenden Meeres ausstößt und die in ihrer offenen Verzweiflung mit menschlichen Lauten nichts mehr gemein haben, wird man so schnell nicht vergessen.


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00:00 25.08.2006

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