Tobias Müller
Ausgabe 0216 | 20.01.2016 | 06:00 1

Einer begann, den Hass zu hassen

Belgien Einst träumte Montasser Alde’emeh davon, sich in die Luft zu jagen. Heute will er junge Männer überzeugen, nicht in den Dschihad zu ziehen

Man kommt um Montasser Alde’emeh in diesen Tagen nicht herum. Sein Buch De Jihadkaravaan ist ein Bestseller. Die beiden tonangebenden flämischen Wochenzeitungen Knack und Humo nahmen ihn zu Weihnachten auf den Titel. Wenn man so will, ist Montasser Alde’emeh der Gegenpol zu Salah Abdeslam, dem flüchtigen, verhinderten Selbstmordattentäter vom 13. November in Paris. Beide kommen aus dem Brüsseler Bezirk Molenbeek, beide sind 26 Jahre alt. Abdeslams blasses Gesicht, wie man es aus den Zeitungen kennt, steht für den Terror, dessen Schatten noch immer über Brüssel liegt. Das Leben von Montasser Alde’emeh lässt hoffen, es könnte noch etwas zu retten sein.

Im vergangenen Jahr wurde er in Belgien zu einer Instanz, und dies umso mehr, je tiefer Teile des Landes in einen dschihadistischen Sumpf zu geraten schienen, dem schwer zu entrinnen war. Das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo vor einem Jahr in Paris, das Beinahe-Blutbad im Thalys-Schnellzug Amsterdam – Paris Ende August, schließlich das Grauen einer Novembernacht an der Pariser Place de la République – stets führten zahlreiche Spuren nach Belgien. Montasser Alde’emeh hat immer wieder vor Rückkehrern aus Syrien gewarnt. Spätestens seit Europa mit dem Finger auf seine Hauptstadt und auf „Belgistan“ zeigt, als handle es sich um einen „gescheiterten Staat“, bürgt sein Name für den Willen zu Erklärung und Expertise.

Mensch, Weltbürger

Es ist daher nicht leicht, Montasser zu treffen. Am Telefon erreicht man ihn kaum, sein Anrufbeantworter ist ständig voll. Dann klappt es doch, morgens um vier schreibt er in einer Mail: Gegen 17 Uhr habe er Zeit. Vorher müsse er noch nach Antwerpen, gleich nach dem Aufstehen, werde jedoch am selben Tag nach Brüssel zurückkehren. Es geht um zwei Jugendliche, mit denen er sich zur Zeit intensiv beschäftigt, ein Mädchen und einen Jungen. Sie sollen nicht direkt auf dem Absprung nach Syrien sein, aber zu denen zählen, von denen Montasser Alde’emeh sagt, dass sie „den Lockruf hören“. Er will versuchen, die beiden auf andere Gedanken zu bringen, mit ihnen diskutieren und sich Aufzeichnungen machen. Dass er zu diesen noch Schwankenden überhaupt einen Zugang findet, ist schon ziemlich viel.

Am Nachmittag mailt er seine Adresse in Molenbeek. Die Wohnung ist einfach eingerichtet, helle Möbel, leere Wände, Bücherregale. Montasser Alde’emeh trägt dieselbe schwarze Lederjacke wie auf den meisten Fotos, die es von ihm gibt. Er wirkt übernächtigt und konzentriert. Mit Hunderten Lockruf-Empfängern hat er geredet, bei denen zu Hause oder in seinem Zentrum in Mechelen, das er ehrenamtlich mit zwei Müttern betreibt, deren Kinder nach Syrien zogen. Während der eine Sohn dort umkam, kämpft der andere im Augenblick für eine islamistische Miliz. Dutzende – erzählt Montasser Alde’emeh – konnte er bisher überzeugen, kein Anhängsel der Dschihad-Karawane zu werden.

Was treibt ihn an? „Zunächst merkte ich, dass zwei oder drei von ihnen mir zuhörten und ihr Leben veränderten. Da wollte ich die anderen nicht im Stich lassen.“ Er schaut wie ein Missionar und klingt wie ein Prediger. „Ich fühle eine Berufung in mir, Verantwortung zu übernehmen.“ Er sei ein „radikaler Versöhner“ und halte es mit den Kategorien „Hass und Liebe“. Wie er sich selbst sieht? Kurzes Innehalten. „Ich bin ein Mensch“ – draußen tönt eine Polizeisirene –, „ein Weltbürger“.

Hass kennt er zur Genüge. Zehn Jahre ist es her, dass sich Montasser, ein belgischer Teenager mit palästinensischen Wurzeln, in die Luft jagen wollte. Anders als viele heutige foreign fighters war der israelisch-palästinensische Konflikt für ihn kein Anlass zum symbolischen Bekenntnis, sondern eine biografische Erfahrung. Als jüngstes von zehn Kindern wurde er in einem jordanischen Flüchtlingslager geboren und kam mit zwei Jahren nach Belgien. Als er registriert wurde, gab sein Vater Jerusalem als Geburtsort an, um den Jungen mit der palästinensischen Sache zu verbinden.

Nahkampf mit Fasanen

Das „politische Erwachen“ mit dem 11. September 2001, wie er das nennt, endet in einer tiefen Identitätskrise und mit Selbstmordgedanken. Als Osama bin Laden sagt, man lasse Palästina nicht im Stich, landet der Al-Qaida-Führer als Poster an Montassers Wand. Der Junge radikalisiert sich in seinem Zimmer mit Hisbollah-Liedern als Soundtrack zu Ballerspielen. Später trainiert er heimlich in einem Wäldchen und erprobt Nahkampftechniken an Fasanen. Er sucht Kontakt zur Hisbollah, um an deren Operationen in Israel teilnehmen zu können. Im letzten Moment hält ihn die Angst der Mutter davon ab, Belgien zu verlassen.

Doch ist es nicht nur der Wunsch, seiner Mutter keinen Schmerz zuzufügen, der Montasser Alde’emeh vom Weggehen Abstand nehmen lässt. Zusehends fühlt er sich durch die innerpalästinensischen Rivalitäten desillusioniert. Und dann ist da noch der Hass, der ihn zu ersticken droht. „Ich fühlte mich wie in einem Meer von Krokodilen, wo ich nicht mehr atmen konnte. Ich begann, den Hass zu hassen.“ Das Grauen der Enthauptungsvideos des IS dringt zu ihm durch. Anfangs hat er die kaum wahrgenommen, „genau wie sich die heutigen Syrienkämpfer damit nicht beschäftigen“.

Der Vater war zunächst entsetzt, als Montasser an einer Schülerreise nach Auschwitz teilnahm. Später, im Studium, lernte er Hebräisch und belegte einen Kurs in Judaistik. Über die ersten Begegnungen mit Juden meint er im Rückblick: „Ich identifizierte mich mit ihrem Schmerz, und ich sah, dass Menschen einander diesen Schmerz antun.“ Montasser ist davon überzeugt, dass seine Erfahrung so essenziell ist, dass er die Syrienkämpfer versteht. Eben deshalb hören sie ihm zu und nicht Deradikalisierungsberatern, denen sie misstrauen.

Montasser glaubt, dass es vor allem seine Biografie war, die ihn 2014 nach Syrien ziehen ließ, um für seine Dissertation über Radikalisierung zu forschen. Er traf dort belgische Al-Nusra-Dschihadisten in erbeuteten Villen. Sein Versuch, deren Emir Muhammad al-Julani zu interviewen, trug ihm eine nicht ungefährliche Begegnung mit dem Geheimdienst dieser Miliz ein. Ergebnis dieser Exkursion ist schließlich ein 400 Seiten starkes Buch, das er zusammen mit dem Nahostexperten Pieter Stockmans schrieb. Die Jihadkarawane – Reise zu den Wurzeln des Hasses hat das Zeug zum Standardwerk. Das Buch rekonstruiert Lebensläufe einiger der gut 450 belgischen foreign fighters. Beschrieben werden Entfremdung und Radikalisierung oder die missliche Lage zwischen Al-Nusra-Front und „Islamischem Staat“ (IS), in die Kombattanten geraten können. Die Autoren beschäftigt zudem der belgische Diskurs, ausgelöst durch die Niqab-Riots von Molenbeek 2012, die Debatte um die Gruppe Sharia4Belgium und die Kundgebung gegen den Film The Innocence of Muslims in Borgerhout.

Drei Leben

Jüngst konnte das ganze Land miterleben, wie Montasser Alde’emeh an die Grenzen seiner Möglichkeiten geriet. Die Zeitschrift Knack veröffentlichte zwei Telefongespräche, die er mit Abdelmalek Boutaliss führte, einem 19-jährigen IS-Kämpfer aus Kortrijk. Die Eltern hatten ihn gebeten, Abdelmalek von einem geplanten Selbstmordanschlag abzubringen.

Montasser: „Töten ist verboten.“

Abdelmalek: „Ja, aber das ist eine Märtyreroperation.“

Montasser: „Ich habe mit einem Gelehrten in Saudi-Arabien gesprochen, der sagt auch, dass es verboten ist.“

Abdelmalek: „Die Gelehrten sind schmutzige Teufel, die Demokratie wollen.”

Montasser: „Bitte, tu es nicht!”

Abdelmalek: „Was bleibt ihr nur so am irdischen Leben kleben.“

Kurz darauf jagt sich Abdelmalek Boutaliss im Irak in die Luft. Freunde von ihm, die sich weigerten, ihn zurückzuhalten, nennen Montasser Alde’emeh nun „einen Hund der Ungläubigen“. Auch aus der Umgebung der Terrorzelle von Verviers gab es schon Drohungen. Die Anschläge von Paris haben in Montasser nicht den Glauben an seine Mission erschüttert. Deren praktische Möglichkeiten schon. Montasser hat verkündet, künftig nicht mehr mit Rückkehrern arbeiten zu wollen. Wenig später wird eine seiner Lesungen in der Stadt Edegem abgesagt. Die Sicherheit des Autors konnte nicht garantiert werden.

Die Erschöpfung, die Montasser Alde’emeh manchmal überkommt, ist nicht nur körperlich. „Es sieht nicht gut aus“, seufzt er mit einem Mal. „Ich bin wirklich nah an den Jugendlichen dran, aber der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen nimmt zu. Immer wieder begegnest du diesem ‚Siehst du!‘-Denken. ‚Siehst du, sie passen sich nicht an.‘ – ‚Siehst du, sie scheren uns alle über einen Kamm.‘ Die einen sagen, der Islam sei kein Problem. Die anderen teilen mit, der Islam sei nicht vereinbar mit europäischer Kultur. Beide Gruppen verstärken einander immer mehr. Da ist wenig Intellekt. Mann! Ich bin wirklich enttäuscht von den Intellektuellen dieses Landes.“

Wenn Montasser den Kopf in die Hand stützt, begreift man, in welche Kraftfelder er geraten ist, der gute Mensch von Molenbeek. Neulich sagte er in einem Interview, er habe das Gefühl, schon drei Leben hinter sich zu haben. Der Independent-Journalist Robert Fisk findet, Montasser Alde’emeh habe mehr für die Sicherheit getan als alle offiziellen belgischen Instanzen zusammen. Ausländische Geheimdienste haben ihm Avancen gemacht – vergeblich. Welche es waren, will er nicht sagen.

Längst ist es dunkel in Brüssel. Doch Montassers Tag ist noch nicht vorbei. Er muss noch zu einer Lesung, irgendwo an der deutschen Grenze. Und vorher zu seinem Barbier, in der Nähe von Bruxelles – Midi. Haar und Bart trimmen, eine Frage des Respekts. Er brauche eine Pause, sagt er im Auto. Urlaub machen, aber wo? Man wünscht es ihm und denkt an dieses Titelbild einer belgischen Zeitung nach den Razzien im ostbelgischen Verviers vor einem Jahr, als es bei einem Anti-Terroreinsatz der Sicherheitskräfte zwei Tote gab. Man sieht einen Soldaten in einer nächtlichen, regennassen Straße. „Das geht nicht vorbei“, stand darunter.

Tobias Müller berichtet für den Freitag aus Belgien und den Niederlanden, u.a. schrieb er unmittelbar nach den Anschlägen von Paris über das Brüsseler Viertel Molenbeek

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/16.

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