Einer trägt das Kreuz

De Gaulle Der ins englische Exil geflohene Führer des freien Frankreich versteht es Mitte 1940, die französischen Kolonien für eine Einheitsfront gegen Hitler zu gewinnen

Am 10. Mai 1940 startet Hitlers Wehrmacht ihre Westoffensive. Etwas über vier Wochen später stehen deutsche Truppen in Paris. Die französische Regierung unter Premier Paul Reynaud flieht nach Bordeaux und ist tief gespalten zwischen Befürwortern und Gegnern eines Waffenstillstands. Reynaud und Präsident Albert Lebrun treten zurück, so dass am 16. Juni Marschall Philippe Pétain die Ämter des Ministerpräsidenten und Staatschefs in Personalunion übernimmt. Am 22. Juni 1940 unterzeichnet er den deutsch-französischen Waffenstillstandsvertrag, und die Gegner der Kapitulation schicken am 17. Juni den Unterstaatssekretär und Brigadegeneral Charles de Gaulle – ausge­stattet mit einem einzigen Mitarbeiter und 100.000 Francs – nach London und zwar mit dem hybriden Auftrag, die Nation zu retten.

Der Emissär ist damals in Frankreich fast so unbekannt wie in England. Ihm wird von Winston Churchill erlaubt, sich am 18. Juni über die BBC an die Franzosen zu wenden. De Gaulle wird dieses Medium bis Kriegsende noch oft benutzen. Von der ersten Rede gibt es keine Original-Aufnahme, nur eine Transkription des schweizerischen Geheimdienstes, die erst vor ein paar Jahren entdeckt wurde. In fast identischer Form erscheint im Juni 1940 der Aufruf An alle Franzosen auf zahlreichen Flugblättern in England und Frankreich sowie in Nachdrucken einiger Zeitungen, die in der nicht-besetzen Zone Frankreichs erscheinen.

Gegen die Lethargie

De Gaulles Rede vom 18. Juni strotzt vor Selbstbewusstsein und Zuversicht, obwohl das Land und die Armee am Boden liegen: „Wir sind überwältigt worden und sind überwältigt durch die Macht der Luft- und Landstreitkräfte des Feindes. (...) Aber ist das letzte Wort gesprochen? Muss die Hoffnung verschwinden? Ist die Niederlage endgültig? Nein!“ Die pathetischen Worte stehen in umgekehrtem Verhältnis zur realen Macht, die De Gaulle hat. Er besitzt buchstäblich nichts – keinen Apparat, fast kein Geld, keine Soldaten, keine Waffen, keinen Quadratmeter Land. Man könnte die Rede für die Offenbarung eines Hochstaplers oder wahnsinnigen Träumers halten, würden darin nicht Einsichten und Perspektiven auftauchen, die de Gaulles außergewöhnlichen Weitblick belegen.

Er wendet sich zwar an „die“ Franzosen, spricht aber als Soldat zu Soldaten und fordert diese auf, sie sollten sich nach England absetzen und unter seinem Kommando eine Armee zur Befreiung Frankreichs bilden. Und er fügt den Begriff Résistance in die Rede ein: „Was auch immer geschehen mag, die Flamme des französischen Widerstandes wird nicht erlöschen.“ Dem Aufruf folgen zwar nicht „die“ Franzosen, aber immerhin 300.000 bis 400.000 Menschen – der größte Teil davon Kommunisten und Sozialisten. Sie verstehen den Aufruf wörtlich als Aufforderung, der Besatzungsmacht zu widerstehen, auch wenn eine überwältigende Mehrheit ihrer Landsleute nur Ruhe haben will und hinter dem kollaborationswilligen Marschall Pétain steht, der damals 84 Jahre alt ist.

Gegen die Lethargie ruft der völlig unbekannte de Gaulle das Land zum Widerstand auf, obwohl (zunächst) nichts und niemand hinter ihm steht außer jenen 700 bis 800 Franzosen, die sich gerade in England aufhalten und bereit sind, ihm zu folgen. Als Garantie für die Rettung des Vaterlandes nennt der General denn auch nur seine Person: „Ich, General de Gaulle, ich übernehme hier in England diese nationale Aufgabe.“ Roosevelt und Churchill nehmen den selbsternannten und selbstbewussten neuen Alliierten nicht Ernst und verhindern seine Teilnahme an den großen Kriegskonferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam. Der britische Premier meint einmal sarkastisch: „Jeder hat sein Kreuz zu tragen, meines ist das lothringische“ – eine Anspielung darauf, dass de Gaulle aus Colombey-les-deux-Églises in Lothringen stammt. Die Aversion des Generals gegen alles Angelsächsische hat in dieser Zurücksetzung ihren Ursprung. Sein brüskes „Non“ von 1961, als das Beitrittsgesuch Englands zur damaligen EWG auf dem Tisch liegt, mag eine Folge dieser Aversion sein.

Die Trümpfe, die De Gaulle 1940 in der Hand zu haben glaubt, sind bald entwertet. Zwar habe der „Geist der Verzagtheit“, sagt er am 18.Juni, zur Niederlage in der Schlacht um Frankreich geführt, „aber uns bleiben ein großes Kolonialreich und eine intakte Flotte“. Die Flotte, die in Nordafrika liegt, zerstörten jedoch die Alliierten, damit sie nicht Hitler in die Hände fällt. Dennoch soll de Gaulle Recht behalten. Als einer der Ersten erkennt er, dass Hitler nicht etwa einen deutsch-französischen oder europäischen Krieg, sondern einen Weltkrieg (guerre mondiale) führt.

Und was das französische Kolonialreich angeht, so bekommt der Emigrant Ende Juni 1940 politische Unterstützung durch Félix Éboué, den schwarzen Gouverneur in Französisch-Zentralafrika. Als der Krieg dauert, schließen sich ihm die Statthalter aller französischen Kolonien an. Mit einer Ausnahme – Admiral Jean Decoux, von der Vichy-Regierung eingesetzter Gouverneur in Indochina, verweigert de Gaulle und Éboué die Gefolgschaft. Daran ändert sich auch nichts, als den Kolonien mit der Deklaration von Brazzaville zum Dank für erwiesenen Beistand eine Halbautonomie versprochen wird. „Ausgangspunkt der Befreiung“, so de Gaulle später im Rückblick, sei nicht die Résistance in Frankreich, sondern die Solidarität der Überseegebiete gewesen.

Undankbares Mutterland

Auf einem anderen Blatt steht freilich, dass auf das Versprechen von Brazzaville nach 1945 keine wirkliche Befreiung folgt, sondern koloniale, teils blutige Despotie in Indochina, Madagaskar und Algerien oder eine lineare Fortschreibung quasi-kolonialer Abhängigkeit in den zentralafrikanischen Ländern, die erst 1960/61 formell in die Unabhängigkeit entlassen werden. Während diese gescheiterte Entkolonialisierung in Frankreich lange beschwiegen wird, steigen die Résistance sowie de Gaulles Reden und Botschaften aus dem kritischen Jahr 1940 nach Kriegsende bald zu nationalen Mythen auf. 2006 wird der 18. Juni offiziell als nationaler Erinnerungstag eingeführt.

Heute ist der Gaullismus als politische Bewegung tot. Sarkozys Regierungspartei Union pour un Mouvement Populaire (UMP) hat mit der Sammlungsbewegung de Gaulles fast nichts mehr gemein. Sarkozy schätzt das Angelsächsische und ist entschieden europäisch, was auf den General nie zutraf. Auf den Patriarchen von einst beruft sich die UMP nur bei Festanlässen oder wenn es gilt, von de Gaulles Ruhm und Ansehen zu profitieren – zuletzt bei den pompösen Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Rede vom 18. Juni in London.

Der Ex-Premier und Ex-Außenminister Dominique de Villepin – ein Intimfeind Sarkozys – wählte den 19. Juni, den Tag nach der Jubelfeier zur De-Gaulle-Rede, um die Gründung seiner neue Partei République solidaire bekannt zu geben. Der so gebildete wie kultivierte de Villepin pflegt in seinen Reden ein Pathos, das an De Gaulle erinnert, um sich vom platten, modischen Sound des Hyperpräsidenten Sarkozy abzusetzen. Bei der Partei- gründung deklamierte de Villepin: „Wir dürfen nicht vergessen, dass vor 70 Jahren ein unbekannter General Männer und Frauen davon überzeugt hat, alles zu verlassen, ihr Heim, ihren Boden, um das Wichtigste zurückzuerobern.“ Er sieht sich auf Tuchfühlung zu Charles de Gaulle, aber sein Versprechen, „ein anderer Weg ist möglich“, gleicht eher der medialen Wahlkampagne Barack Obamas. De Villepin wird 2012 bei den Präsidentschaftswahlen gegen Sarkozy antreten – falls er nicht verliert in einem Verleumdungsprozess, den der Amtsinhaber von einer willfährigen Justiz gegen ihn führen lässt. Momentan würden freilich nur acht Prozent der Franzosen für de Villepin stimmen – trotz des Formtiefs von Nicolas Sarkozy.

Rudolf Walther schreibt für den Freitag zu kulturellen und politischen Themen, insbesondere über Frankreich

18:00 07.06.2010
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