Einer von ihnen

Hingabe Ilija Trojanows Roman "Der Weltensammler" ist ein Plädoyer für die Aneignung des Fremden

Die "Verständigung mit dem Islam", erklärte vor kurzem der Vorsitzende der deutschen evangelischen Bischöfe, Wolfgang Huber, sei eine der zentralen Herausforderungen der Bundesrepublik. So ein Statement würde jeder bekennende Multikulturalist natürlich sofort unterschreiben. Selbst wenn es keine Kopftücher, Ehrenmorde oder Parallelgesellschaften gäbe. Verständigen geht immer über Bekriegen. Und das andere ist ja immer das interessantere. Das Problem mit solchen Sonntagspredigten ist jedoch weniger das "Ob" als das "Wie". Wie könnte so eine Verständigung aussehen? In welcher Sprache soll sie stattfinden? Und - wer eigentlich ist "der Islam"?

Es kann kein Zufall sein, dass bei der Suche nach einem geeigneten Medium der Verständigung an Stelle des drohenden "Kampfes der Kulturen" nun ausgerechnet der Schriftsteller Ilija Trojanow fündig geworden ist. Wenn in der deutschsprachigen Literatur jemand das Prinzip des "Dazwischen" repräsentiert, jene hybride Identität, von der der indisch-amerikanische Kulturtheoretiker Homi K. Bhabha spricht, dann der 1965 in Sofia geborene Autor. 1971 gelingt seiner Familie über den Umweg Jugoslawien die Flucht nach Italien. Lange Zeit lebte Trojanow in Kenia und Bombay, gründete in Deutschland, wo er Jura und Ethnologie studierte, zwei Verlage. Seit kurzem lebt der zum Islam konvertierte Schriftsteller in Kapstadt. Mehr "dazwischen" geht eigentlich kaum. Wohl einem Land und seiner Literatur, das solche Weltenbummler kennt!

Mit abstrakten Appellen wie Bischof Huber hat sich Richard Francis Burton, der Held von Trojanows neuem Roman Der Weltensammler nicht aufgehalten. Das Schicksal des britischen Kolonialoffiziers, das Trojanow darin rekonstruiert, gibt ein aufregendes Beispiel praktischer Verständigung ab. Als der 1821 in England Geborene zum Militär nach Indien versetzt wird, bleibt er nicht auf dem Golfplatz und in der Offiziersmesse. Er zieht in einen heruntergekommenen Bungalow am äußersten Rande des Regiments. Um dem Stumpfsinn des Dienstes, einem Leben zwischen Bridge und Billard zu entgehen, beginnt er die Sprachen des Landes zu lernen. Burton lässt sich von örtlichen Gelehrten in den Geheimnissen der Philosophie und des Glaubens unterrichten. Später geht er auf eine Pilgerreise nach Mekka. Und in Ägypten sucht er, wenige Jahre später auf einer Expedition nach den Quellen des Nils.

Wer im Westen Verständigung sagt, meint meistens die Integration der (islamischen) Gegenseite. In seinem Roman bietet Trojanow das Beispiel einer extremen Umkehr dieses Prinzips - die immer stärkere Anverwandlung dieses Gegenüber. Zunächst ist es nur die Angst vor der Langeweile, die Burton dazu treibt, sich in die andere Kultur zu versenken. Trotzdem spürt er eine unüberbrückbare Distanz, wenn er die Einheimischen vom Pferd herab betrachtet. "Solange er ein Fremder blieb", schießt es ihm durch den Kopf, " würde er wenig erfahren und er würde ewig ein Fremder bleiben, wenn er als Fremder wahrgenommen würde. Es gab nur eine Lösung; sie gefiel ihm auf Anhieb. Er würde die Fremdheit ablegen, anstatt darauf zu warten, dass sie ihm abgenommen würde. Er würde so tun, als sei er einer von ihnen".

Sätze wie diese klingen bei Trojanow mitunter wie aus einem Lehrbuch für naiven Multikulturalismus, der sich das Fremde gern emphatisch, mit wehenden Tüchern, Salz und Brot anverwandelt. Auch den "Samen einer möglichen Freundschaft" lässt er Burton einmal im Auge eines seiner Lehrer erkennen, als er sich beim Unterricht besonders gelehrig anstellt. Trotzdem fasziniert, wie er die Annäherung an das Fremde nachzeichnet.

Immer beginnt es mit der "Idee des Verkleidens": In David Leans cineastischem Monumentalepos Lawrence von Arabien von 1962 wird der junge britische Leutnant Lawrence alias Peter O´Toole in dem Moment zum Araber und Führer ihres Aufstandes gegen die Türken, als er das weiße Gewand eines Scheichs überstreift. Bei Trojanow bittet Burtons Lehrer Upanitsche, er möge sich "etwas einheimisches überziehen" um die Gäste des Abendessens nicht zu erschrecken, zu dem er Burton eingeladen hat.

Später lässt sich Burton eine indische Kurta fertigen und foppt, als Inder verkleidet, seine Offizierskollegen als Bettler, er lernt einen Turban zu binden und übt stundenlang den Schneidersitz. Viele dieser Angewohnheiten sollen zwar auch die Arbeit als Militärspitzel erleichtern. Doch was nur performativ begann, bleibt nicht ohne innere Folgen. Als Burton nach der "Nacht der Shiva", einem hinduistischen Ritual, dem er einmal beiwohnt, "zu Hause in den Spiegel blickte, erkannte er sich selbst nicht wieder, nicht wegen irgendeiner äußeren Veränderung, sondern weil er sich verwandelt fühlte".

Was wahr ist und was Fiktion ist in Der Weltensammler eigentlich egal. Trojanow hat aus der biografischen Not eine interkulturelle Tugend gemacht. Der reale Burton, dessen Grab, ein Beduinenzelt aus Marmor man heute in Mortlake südwestlich von London besichtigen kann, hinterließ bei seinem Tod im Oktober 1890 in Triest zwar Aufzeichnungen. Diese privaten Tagebücher hatte seine Witwe Isabel jedoch sofort verbrannt. Der Roman beginnt mit dieser Szene. Auf dem Minimalgerüst historisch verbürgter Daten hat Trojanow einen veritablen Raum der Fiktion eröffnet. Mal schildert er sein Leben aus der Sicht seines Dieners Naukaram aus der indischen Zeit. Mal entsteht sein Leben aus den Vermerken der türkischen Behörden, die den als Derwisch Mirza Abdullah auftretenden Burton auf seiner Pilgerfahrt nach Mekka beschatten lassen.

Mit dieser Konstruktion hat er ein aussagekräftiges Bild für das gefunden, was als Begegnung der Kulturen nur unzureichend beschrieben, ja ihr vorgängig ist und immanent bleiben wird: das Gewirr aus Fremdwahrnehmungen und äußeren Zuschreibungen. Für alle Beteiligten bleibt Burton ein Geheimnis und eine ominöse Figur. Die Ägypten beherrschenden Türken vermuten, Burton wolle bei seiner Reise auf der arabischen Halbinsel insgeheim die Stärke ihrer Truppen und Befestigungsanlagen auskundschaften. Und in den Augen des anderen wirkt der Versuch der kulturellen "Verständigung" plötzlich lächerlich. Als Burton sich in Indien sogar beschneiden lässt, um bei seiner Tour zu den Miya westlich des Indus nicht aufzufallen, lästert sein Diener: "Nichts war so unwürdig wie das. Ich konnte es nicht glauben".

Wie weit kann die "Verständigung" mit dem Anderen gehen? Lawrence von Arabien gibt sein "Integrations"projekt auf, als ein türkischer Offizier beim Foltern unter dem arabischen Gewand seine weiße Haut entdeckt. Knapp ein Jahrhundert zuvor hatte sich Trojanows Held Burton noch mit Walnussöl zu tarnen gewusst und sprach fließend arabisch oder afrikanische Dialekte. Zwar warnt ihn einer seiner indischen Lehrer: "Du kannst dich verkleiden, so viel du willst, du wirst nie erfahren, wie es ist, einer von uns zu sein ... dir steht immer der letzte Ausweg offen. Wir aber sind in unserer Haut gefangen". Doch mit der Euphorie und Hingabe, die Burton im endlos kreisenden Strom der Pilger vor der Kaaba in Mekka spürt, suggeriert Trojanow nicht nur, dass ein kultureller Seitenwechsel prinzipiell möglich ist. In dem Gefühl der "aufgehenden Beglückung", das er den falschen Derwisch in diesem Moment spüren lässt, scheint sich der letzte Rest von Distanz in einem "Perpetuum Mobile der Hingabe" zu verlieren. Nur in Burtons Begegnung mit der indischen Geliebten Kundalini, halb Prostituierte, halb Priesterin, scheint so etwas wie eine Grenze auf: "Ich möchte ihre Zärtlichkeiten verstehen, dachte er. Die einzige Sprache, die er nicht erlernen konnte."

Ob sich aus Richard Francis Burtons übersteigerter Xenophilie eine Strategie für den interkulturellen Dialog unserer Tage ableiten lässt, läßt sich bezweifeln. Trotz dieser Ambivalenz überzeugt aber dennoch, wie Trojanow in seinem beeindruckenden Roman das Panorama einer interkulturellen Neugier entfaltet, die über Touristenmaß weit hinausgeht. Dem Lesenden verlangt die Lektüre einiges ab. Schnell konsumieren lässt sich dieses Buch, das auch nicht mit billigem Exotismus aufwartet, nicht. Die wechselnden Perspektiven erschweren es, den roten Faden dieses mit "Abenteurer" nur unzureichend beschriebenen Menschen im Auge zu behalten. Und immer wieder muss man in dem umfangreichen Glossar Fachausdrücke von A wie Aarti (ein hinduistisches Ritual) bis Z wie Zikr (eine von den Sufis praktizierte Meditationsform) nachschlagen. So sind die komplizierte Polyphonie des Romans und die Schwierigkeiten bei seiner Rezeption ein Sinnbild der Anstrengung, die uns in den kulturellen Auseinandersetzungen der Zukunft bevorstehen. Aber wer hätte erwarten können, dass die "Verständigung mit dem Islam" einfach werden würde?

Ilija Trojanow: Der Weltensammler. Roman. Hanser, München, Wien 2006, 478 S., 24,90 EUR


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00:00 03.05.2006

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