Einfach in die Wüste geschickt

Kinder aus Namibia Sie gehörten vor 16 Jahren zu den Verlierern der deutschen Einheit

Der Anruf im Juli 1990 überrascht ihn. Es sind Sommerferien, und Patrick Hashingola besucht gerade seine Gastfamilie in Mecklenburg. Er soll sofort nach Staßfurt zurückkommen. "Wir fliegen nach Afrika", sagt der Klassenkamerad am Telefon. Mehr als 400 namibische Kinder und Jugendliche leben zu diesem Zeitpunkt in der DDR und sind dort aufgewachsen. Nun aber - nach dem Mauerfall und dem Ende des namibischen Befreiungskampfes gegen Südafrika - sollen sie gehen. Vier Wochen später sitzen die ersten im Flugzeug, die Rückkehr in ein fremdes Land beginnt.

Im DDR-Alltag verblasst Afrika

"Niemand hat uns erklärt, warum wir so plötzlich weg mussten. Sie haben uns einfach in die Wüste geschickt", erinnert sich Hashingola mehr als 16 Jahre später, steht vor seinem Einfamilienhaus in Windhoek und schaut auf die Stadt. Er ist heute 34 Jahre alt und arbeitet als PR-Manager. Ein Farbiger, der es geschafft hat. Trotzdem will er weg. "Das Zuhause ist ein Ort des freien Wunsches", sagt er in fließendem Deutsch und ohne Akzent. Ginge es nach ihm, wäre er jetzt in Deutschland.

Hashingola ist vier Jahre alt, als er 1976 aus dem Ovamboland im Norden Namibias nach Angola in das Flüchtlingslager Kwanza Sul kommt. Die südwestafrikanische Volksorganisation SWAPO führt zu dieser Zeit einen erbitterten Guerillakrieg gegen die Armee des Apartheidstaates. Das Massaker von Kassinga am 4. Mai 1978 ist ein grauenvoller Höhepunkt, als die Südafrikaner das Durchgangslager im Süden Angolas überfallen und dabei mehr als 600 Namibier ums Leben kommen, darunter viele Frauen und Kinder. Kurz darauf bittet SWAPO-Präsident Sam Nujoma neben anderen befreundeten Staaten auch die DDR um Hilfe. Diese soll Flüchtlingskinder aufnehmen, um sie vor erneuten Angriffen zu schützen. Im Dezember 1979 fliegen die ersten 80 von Luanda aus nach Ost-Berlin. Auch Hashingola - erst elf Jahre später wird er Namibia wiedersehen.

"Es war eine glückliche Zeit. Wir waren eine große Familie", erzählt Oshosheni Hiveluah, die 1984 gleichfalls in die DDR ausgeflogen wurde. Die heute 25-jährige Filmstudentin spricht Oshi-Deutsch, eine Mischung aus Deutsch, Englisch und ihrer Muttersprache Oshivambo. Sie sitzt im Zoologischen Garten von Windhoek und erinnert sich an Ferienlager an der Ostsee und an Schnee zu Weihnachten, der nur kalt war und nicht schmeckte. Der Himmel über Namibia ist blau, ringsherum stehen Palmen, und Hiveluah denkt an den Herbst in Europa.

Nach ihrer Ankunft wird sie zunächst im Kinderheim Bellin in Mecklenburg betreut, später von der "Schule der Freundschaft" in Staßfurt. Das Solidaritätskomitee der DDR finanziert die Ausbildung. Man sagt Hiveluah und den anderen, sie würden eines Tages die Führungselite des befreiten Namibias sein.

Neben dem Standard-Unterricht gibt es ein spezielles Programm: Die Schüler lesen Bücher über Afrika, lernen die Tänze und Gesänge der Ovambo, namibische Erzieherinnen sorgen dafür, dass sie ihre Muttersprache nicht ganz verlernen. Im DDR-Alltag verblasst die Erinnerung an Afrika.

Als im November 1989 in Berlin die Mauer fällt, wählen die Namibier gerade ihre Verfassunggebende Versammlung. Die SWAPO siegt mit rund 57 Prozent der Stimmen, Sam Nujoma wird der erste Präsident im unabhängigen Namibia. Noch im August 1989 waren 100 namibische Vorschulkinder in der DDR eingetroffen - ein Jahr später jedoch, als die beiden deutschen Staaten vor der Vereinigung stehen, ist ihr Schicksal zweitrangig. Schnell steht fest: Alle Kinder und Jugendlichen aus Namibia müssen zurück. Wenigstens die Ältesten sollen ihre Schulausbildung in Staßfurt noch beenden können. Wer das bezahlt, bleibt unklar, die Institutionen der DDR zerfallen - so entschließt sich die namibische Regierung, alle so schnell wie möglich zurück zu holen. "Wir sind ein Opfer der deutschen Wiedervereinigung, weil man uns nicht erlaubt hat, in Deutschland zu bleiben", meint Hashingola, der heutige PR-Berater. Spielball zwischen den Regierungen seien sie gewesen und hätten als Menschen keine Rolle gespielt.

Holz sammeln im Ovamboland

Am 31. August 1990 sitzt Hashingola im Flugzeug. Sein Land sei jetzt frei, hat man ihm gesagt, seine Familie wolle ihn zurück haben. Aber er kennt Namibia nur von Fotos und hat seine Mutter seit seinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Eigentlich will er in Deutschland bleiben. "Wir wurden überhaupt nicht gefragt."

Hiveluah sitzt in der gleichen Maschine, sie hat bis zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre in der DDR gelebt. An die letzten Tage vor dem Abflug erinnert sie sich nur ungern. Neuheiten aus dem Westen überfluten den sich auflösenden Staat. "Da waren auf einmal Typen mit Motorrädern, die haben gerufen ›Raus ihr Neger!‹" Die Schulräume in Staßfurt sind schon leer, Hiveluah will weg. "Angst hatte ich schon. Ich wusste ja nicht, was mich in Afrika erwartet." Ihre Eltern sind am Flughafen, sie arbeiten in Windhoek, sind weltoffen und modern. Das Wiedersehen ist herzlich. Die Mutter hat in England studiert, der Vater in der Sowjetunion. Beide haben die Tochter in der DDR besucht. Hiveluahs Bruder ist noch in der Tschechoslowakei, seinem Exil während des Befreiungskrieges, um dort die Schule zu beenden. Auch die jungen Namibier, die Kuba aufgenommen hat, werden erst später zurückkehren. Bald wird sich zeigen, die inneren Konflikte, die seelische Verfassung der jungen Menschen, die so übereilt der DDR den Rücken kehren mussten, hat die namibische Regierung unterschätzt.

Als Hashingola in Windhoek eintrifft, ist er einer von vielen, die nicht von ihren Familien abgeholt werden. Im Exil hat er den Kontakt zu seinen Angehörigen verloren und wohnt daher zunächst in einem Heim für "DDR-Kinder". So nennen die Namibier die aus dem ostdeutschen Exil Zurückgekehrten. Nach und nach melden sich doch noch Eltern. Einige kommen mit dem Auto - die Armen zu Fuß. Manchmal weigern sich Kinder, mit den Fremden mitzugehen. Irgendwann kommt auch Hashingolas Mutter, bringt ihn aber nicht ins Ovamboland, sondern bei Verwandten in Katutura unter, einem Wohnviertel in Windhoek - er soll an der Deutschen Oberschule seinen Abschluss machen. Dafür, sagt Hashingola, sei er seiner Mutter heute noch dankbar.

"Gelegentlich haben mich mitten in der Nacht ehemalige Klassenkameraden angerufen. Sie waren ausgerissen und brauchten Hilfe", erinnert sich Hiveluah an die erste Zeit nach der Rückkehr. Kein Wunder, denn die Lebensumstände gerade im Ovamboland sind völlig anders als in der Hauptstadt. Die Hütten haben keinen elektrischen Strom. Fließendes Wasser gibt es auch nicht. Manchmal ist der nächste Brunnen drei Kilometer entfernt. Vor dem Kochen muss Holz gesammelt werden. Dass sie bei alldem ihre Muttersprache nicht richtig beherrschen, macht es für die Rückkehrer nicht leichter. Vor allem die Mädchen stoßen sich an den Traditionen ihrer Familien. Sie wurden in der DDR dazu erzogen, selbstbewusst und couragiert zu sein. Bei den Ovambos stehen sie nun in der Rangfolge hinter den männlichen Stammesmitgliedern. Sie müssen Wasser holen, bevor die Sonne aufgeht, auf dem Feld arbeiten und kochen für die Großfamilie. "Wir sind nicht so aufgewachsen. Wir waren es nicht gewohnt, körperlich zu arbeiten", sagt Hiveluah. In der DDR sei das Lernen in der Schule ihre einzige Arbeit gewesen.

Schon im ersten Jahr nach der Heimkehr ist klar: Die Hilfe für die in der DDR sozialisierten jungen Namibier reicht nicht aus. Die Bundesrepublik Deutschland fühlt sich moralisch verpflichtet, den im ostdeutschen Exil Aufgewachsenen zu helfen. Bis 1999 fließen Gelder in ein Integrationsprogramm. Erst aus dem Sonderfonds "Südliches Afrika" des Auswärtigen Amtes, später aus dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Fördergelder decken Kosten für den Schulbesuch, für Heimgebühren, Ferienunterkünfte, Taschengelder. "Einige Kinder waren bei Pflegefamilien, zum Teil in Diplomatenkreisen untergekommen. Andere hüteten Ziegen und hatten keine Chance auf eine berufliche Zukunft", erinnert sich Hiveluah. Ziel des Programms ist es: Die Kinder und Jugendlichen sollen die in der DDR begonnene Ausbildung fortsetzen. Eine Sozialpädagogin aus Deutschland betreut sie vor Ort, aber immer wieder brechen Jugendliche die Schule ab und tauchen unter.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

"Einige von uns haben die plötzliche Rückkehr und die radikale Umstellung nicht verdaut", glaubt Hashingola. "Was ich heute bin, resultiert aus einem Prozess, der größtenteils in der DDR stattgefunden hat und nicht zu Ende war, als ich nach Namibia fliegen musste." Das habe zu einer Identitätssuche geführt - dass er sich als Deutscher fühle, könne er nicht sagen. Dass er sich als Namibier fühle, auch nicht.

1998 kehrt Hashingola nach Deutschland zurück und beginnt eine Ausbildung zum Industriekaufmann in Baden-Württemberg, die deutsche Botschaft hat die Lehrstelle vermittelt. Nach dem Abschluss will er bleiben und beantragt eine Aufenthaltserlaubnis, die aber wird abgelehnt. Nach Paragraph 16 - Recht auf Wiederkehr - des damaligen Ausländergesetzes hätte Hashingola den Antrag innerhalb von fünf Jahren nach seiner Ausreise 1990 stellen müssen. Bei Härtefällen könnten die Behörden von dieser Bedingung absehen. Hashingola versucht es deshalb noch einmal auf juristischem Wege, scheitert wieder und gibt schließlich auf. Mindestens 15 "DDR-Kinder" hatten mehr Glück, leben heute in Deutschland und arbeiten im Bereich Consulting, im Hotelfach, als Dolmetscher, Erzieher oder in handwerklichen Berufen. "Sie sind" - so Hashingola - "rechtzeitig zurückgekehrt und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort".

Hiveluah war nie wieder in Deutschland. Für sie ist "Zuhause" ein flexibler Begriff: "Ich habe mich daran gewöhnt, zwischen den Welten zu leben." Sie hat nach ihrem Schulabschluss in Südafrika gearbeitet, als nächstes will sie nach New York. Dort gibt es eine gute Filmschule. Freunde von ihr leben in den USA, andere in Südafrika und Deutschland - ausnahmslos ehemalige "DDR-Kinder". "Der Zusammenhalt ist stark. Wir teilen einen wichtigen Abschnitt unserer Vergangenheit."

Diese Vergangenheit war auch das Motiv für Hashingola, um vor einem Monat in Windhoek den "Freundeskreis Ex-DDR" zu gründen. Ein Netzwerk für Partner, Kinder, Freunde, ehemalige Lehrer und Erzieher. "Es gibt einige von uns, die es einfach nicht geschafft haben." Sie kommen, bitten um Geld und können nun im Verein etwas Rückhalt finden. "Die DDR-Kinder sind erwachsen geworden. Sie entscheiden eigenständig, was mit ihnen geschieht", meint Hashingola. Dass er selbst irgendwann wieder in Deutschland leben wird, weiß er seit seiner Rückkehr aus der DDR.

Weitere Infos zum Freundeskreis Ex-DDR gibt es bei Patrick Hashingola unter +264 61 2075207, E-mail: hashingola @gmx.de


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00:00 06.10.2006

Ausgabe 39/2020

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