Einfach Miss verstanden

Schönheitsköniginnen Zigarettensammeln am Strand, lächeln, schlau sein und dabei gut aussehen: Die "Miss Earth"-Wahlen sollen Umweltbewusstsein sexy machen. Klappt nur leider nicht so richtig

Kleines Ratespiel: Woher stammen diese zwei Sätze? „Das traurigste Erlebnis meiner Kindheit war, als mein Hund starb. Da wurde mir klar, was es bedeuten könnte, etwas wirklich Großes zu verlieren, etwa unsere Welt.“ Schlussfolgerung, zusammengefaßt: Tun wir etwas, das unsere Welt rettet. Nein, das ist aus keinem Schüleraufsatz. Das ist ein Zitat der deutschen Aspirantin auf den Titel „Miss Earth“.

Der Wettbewerb ist ein Riesending, es ist der drittgrößte Schönheitswettbewerb weltweit. Er ist jedoch der Einzige, bei dem die Oberflächenhuldigung nicht Selbstzweck sein soll. „Miss Earth“ tourt nämlich anschließend ein Jahr um den Globus, um Umweltschutzprojekte zu promoten. Die gekürte Miss, deren Körper in Bikini, Abendrobe und Modeoutfit besser aussah als andere Körper, zeigt sich dann ein Jahr lang beim Bäume pflanzen, dem Auswildern von Baby-Seeschildkröten oder verhilft Naturschutzparks zur Aufmerksamkeit. Deshalb müssen die Kandidatinnen auch zeigen, dass sie was in der Birne haben. Klappt super, hier noch ein Werbespruch, diesmal der britischen Kandidatin aus 2008: „Als meine Katze überfahren wurde, war ich am Boden zerstört. Ich liebe das Leben und nehme es nicht als gegeben.“

Was das bedeutet, zeigt die Homepage der Miss Earth Foundation. Zu sehen ist etwa die Miss Earth 2007, wie sie am Strand entlang schlendert. Um die Schulter ihre Miss-Schärpe, im Hintergrund fahren Leute Schubkarren. Die Miss hält in ihrer Hand ein Häufchen Zigarettenstummeln. Den schmeißt sie in einen Eimer und erklärt, dass sie gerade auf Bali Müll sammelt und wie wichtig es sei, die Natur eines Landes, bei dem man zu Gast sei, zu achten.

Und das Auswildern von Meeresseeschildkröten gibt fantastische Fotomotive, klitzekleine Schildkröten, die zu ganz vielen gen Meer wuseln, einfach süß. Nur: Solange Hotels Leuchtreklamen und Lagerfeuer am Strand leuchten lassen, gehen viele der Kleinen in einen sicheren Tod. Sie orientieren sich am Mondschein um das offene Meer zu finden. Die Hotelbeleuchtung lockt sie in den sicheren Tod. Das gäbe natürlich nicht ganz so schöne Bilder, wenn die Miss Earth auf Leitern klettert und Hotelreklamen abschraubt. Oder über romantische Lagerfeuer Wasserkübel auskippt.

Das Rezept des Wettbewerbs, eine schöne Frau vor die ganzen Hansels mit Allerweltsgesicht und -bauch zu stellen (die dann tatsächlich den Strandmüll wegräumen), weil Menschen nun mal überwiegend gern schöne Menschen anschauen, ist ja nachvollziehbar. Nur ist das bei ethischen Themen ein wenig komplizierter. Hier wirkt Authentizität, alles andere erscheint, na ja, lächerlich. Und auch im Umkehrschluss gilt: Lieber eine Miss, die Werbung für Haarschampoo macht. Glaubhaft. Als eine Miss, die vorgibt, dass ihr Werte wichtig seien, die mit ihrem Streben nach auf Bild und Film gebannter Aufmerksamkeit nicht viel zu tun haben.

Übrigens: Die Miss Earth 2005 warb nach ihrer Miss-Zeit für Burger King und Coca Cola.

20:00 30.05.2009

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