Einfaltsinsel

Film Donald Glover nutzt seine Narrenfreiheit für ein gestrecktes Urlaubsvideo mit Rihanna

Guava Island beginnt, als Rihanna im Paradies erwacht. 55 Minuten später endet der Film damit, dass Donald Glover beerdigt wird. Das ist zwar ein Spoiler, aber keiner, der wehtut. Denn manchmal verrät man alles über einen Film – und doch bleibt er vollkommen rätselhaft. Unbeantwortete Fragen zu Guava Island sind beispielsweise: An welchen Inselstaat soll der Schauplatz angelehnt sein? Warum passiert dort nichts? Wieso scheint jeder Bewohner mit einen anderen Akzent zu sprechen? Wie konnte Rihanna in die Sache hineingeraten? Und wer war noch mal Donald Glover?

Donald Glover ist der große Kümmerer der amerikanischen Rap-Musik. Dass es so weit einmal kommen würde, war nicht zu erwarten. Einen (denkbar dämlichen) Namen machte sich der Musiker, Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur zunächst unter dem Pseudonym Childish Gambino: Mit angestrengtem Nerd- und Studenten-Rap inszenierte sich Glover zu Beginn der nuller Jahre als Außenseiter. Auf zwei überwiegend belächelten Alben entwickelte er den Prototyp des Rappers für Menschen, die eigentlich gar keine Rap-Musik mögen.

Besser läuft es für Glover, seit er die Perspektive gewechselt hat. Als Co-Autor und Hauptdarsteller der Fernsehserie Atlanta wurde er 2016 vom Protagonisten zum Chronisten der Hip-Hop-Hochburg in Georgia. In lakonischen Bildern und Dialogen erzählt Glover gemeinsam mit dem Regisseur Hiro Murai und einem grandiosen Slacker-Ensemble von den Mittelmäßigen und Möchtegerns des Rap-Geschäfts. Seine Rolle des widerwilligen Künstlermanagers Earnest Marks bescherte ihm einen Golden Globe und – viel wichtiger – neue Glaubwürdigkeit in der Szene. Als Glover vor einem Jahr zu seiner Gambino-Persona zurückkehrte und den Song This Is America veröffentlichte, gehörte das plötzlich zu den größten Ereignissen des Rap-Jahres.

In Verbindung mit einem ebenso blutrünstigen wie bildgewaltigen Video (inszeniert abermals von Hiro Murai) formulierte Glover einen gesellschaftskritischen Rundumschlag: gegen die Waffenliebe und die Zerstreuungssucht seiner Landsleute, gegen Aufmerksamkeitsspannen, die kaum mehr einen „news cycle“ überdauern und gegen die Profiteure dieser Gegebenheiten. This Is America sprach aus der Rap-Community von Atlanta heraus, war aber ebenso an diese adressiert. Diesmal gab es Grammys, darunter den für den Song des Jahres, Königskategorie. Innerhalb weniger Jahre hatte sich Glover vom Hip-Hop-Sonderling zur Genre-Autorität gemausert. Er ist nun in der ebenso angenehmen wie gefährlichen Situation, sich alles erlauben zu können.

Früher hätten Musiker an dieser Stelle ein Dreifachalbum mit Orchesterbegleitung und Dudelsacksoli aufgenommen. Heute münzen sie ihre Narrenfreiheit in Filme wie Guava Island um. Glover verbrachte weite Teile des Sommers 2018 auf Kuba, um mit seiner Atlanta-Crew und Rihanna als Stargast ein Prestigeprojekt zu drehen, das, je nach Blickwinkel, ein nicht ganz abendfüllender Spielfilm oder ein sehr langes Musikvideo ist.

Leere Geste

Glover selbst spielt den einzigen Freigeist auf der titelgebenden Insel: einen Musiker und Radiomoderator, der den Bewohnern des tendenziell bananenrepublikanischen Landes etwas Ablenkung von ihren 60-Stunden-Wochen verschaffen will. Die Staatsgewalt möchte genau das verhindern. Womit die Handlung von Guava Island auch schon umrissen wäre. Glover tänzelt bei sehr gutem Wetter durch sehr schöne Landschaften, er singt ein paar neuere und ältere Lieder, demonstriert sein Talent für lustige Grimassen und lässt keine Gelegenheit aus, mit offenem Hemd vor der Kamera herumzuspringen. Rihanna tritt als Erzählerin einer animierten Eröffnungssequenz auf, die bereits das ganze Konfliktpotenzial des Films enthält, und wird anschließend auf die ärgerlichen Rollen einer wandelnden Augenweide und Künstlermuse ohne eigene Eigenschaften reduziert. Sie gehört zu den größten Popstars der Welt, hat jedoch keinen einzigen musikalischen Moment in Guava Island.

Schon allein deshalb entpuppt sich der Film als leere Geste. Glover, der Kümmerer, wollte die Kehrseite seiner zerstörerischen This-Is-America-Vision präsentieren, ein Hoch auf die heilende und verbindende Kraft der Musik anstimmen. Stattdessen setzt er mit Guava Island vor allem dem eigenen Aufstieg der letzten Jahre ein Denkmal. Schon das Timing der Veröffentlichung ist eine für heutige Popschwergewichte typische Machtdemonstration: Unmittelbar nach Glovers Headliner-Auftritt am ersten Wochenende des diesjährigen Coachella-Festivals (siehe der Freitag 16/2019) erschien der Film im Streamingangebot von Amazon Prime. Ein i-Tüpfelchen für den größten Moment seiner bisherigen Karriere.

Diese Art von Eventmanagement ginge in Ordnung, wenn Guava Island mehr wäre als ein gestrecktes Urlaubsvideo. Der Film bleibt jedoch nicht nur hinter jenem „Tropenthriller“ zurück, den Glover versprochen hatte – sowohl Setting als auch Personal entwickeln kaum die Tiefe einer halbherzig zu Ende geposteten Instagram-Story. Er reicht ebenso wenig an jene langen Musikvideos heran, mit denen etwa die Knowles-Schwestern Beyoncé und Solange ihre jüngsten Alben verbunden hatten. Diese Clips entwickelten durch ihre poetische und verweisreiche Bildsprache eine Haltung zu afroamerikanischer Familiengeschichte und Identitätsbildung, die auch politische Sprengkraft besaß.

Donald Glover hält sich für angekommen in der Liga dieser ganz großen Multitalente. Seine Verkaufszahlen, Festivalauftritte und Award-Show-Erfolge mögen das bestätigen. Mit der naiven Botschaft und Inszenierung von Guava Island rutscht er jedoch gleich wieder in den Abstiegskampf.

Info

Guava Island Hiro Murai USA 2019, 55 Minuten

06:00 01.05.2019

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