Einfaltsprinzessin

Biopic Craig Gillespie will mit der harten Geschichte „I, Tonya“ gut unterhalten
Esther Buss | Ausgabe 12/2018

In der Ballade Tonya Harding besingt Sufjan Stevens das traurige Leben eines verlachten Mädchens aus der Unterschicht, das tapfer gegen die kalte Welt kämpft („Tonya Harding, my friend/Well this world is a bitch, girl/Don’t end up in a ditch, girl/So fight on as you are/You’re my shining American star“).

Von der schwer melancholischen Stimmung des Songs könnte die Verfilmung von Craig Gillespie kaum weiter entfernt sein. I, Tonya ist energetisch, rasant und satirisch, bisweilen etwas kaltschnäuzig, wenn auch voller Empathie für die Titelheldin. Im Stile einer Mockumentary erzählt der Film auf der Grundlage von Interviews das Leben der US-amerikanischen Eiskunstläuferin als eine Geschichte widerstreitender Aussagen und Geständnisse. Gillespie geht dabei aber nie so weit, die Figurenidentität an sich zu erschüttern.

Am 6. Januar 1994, nur wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen in Lillehammer, wurde Tonya Harding zum „Fall“. Hochleistungssport vermischte sich mit Kleingangstertum und einer unbarmherzigen Medienkampagne, die dem noch jungen Genre des Realitätsfernsehens zum Verwechseln ähnlich sah. Was bisher geschah: Während des Trainings zur amerikanischen Meisterschaft knüppelte ein von Hardings Ex-MaOlympia beauftragter Attentäter ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange gegen das Knie. Bei aller Dramatik hatten die Bilder von Kerrigans zur Grimasse verzerrtem Gesicht, ihr herausgeheultes „Why? Why? Why me?“ einen starken Touch ins Groteske – ebenso wie der stümperhafte Anschlag und seine absolut dilettantischen Protagonisten.

Auch wenn Hardings Mittäterschaft vor Gericht ungeklärt blieb, wurde sie nach Olympia, das die Medien zum Duell zwischen Schneewittchen und Eishexe hochpeitschten, mit einer lebenslangen Sperre belegt. Ihre Pionierrolle im Eiskunstlaufsport – sie war die erste Amerikanerin, die einen dreifachen Axel sprang – war vergessen. Tonya Harding gehörte in der populärkulturellen Mythengeschichte fortan in die Abteilung der abgehängten Freaks.

I, Tonya geht erst in der zweiten Hälfte von der Sportlerbiografie in ein Gaunerstück mit Volldeppen über, der hartgesottene Tonfall eines schwarzhumorigen Gangsterdramas ist dem Film aber von Beginn an eigen. Unter der strengen Hand ihrer Mutter LaVona (Allison Janney als Comicfigur), die sie mit Haarbürsten, Küchenmessern und bitterbösen Worten malträtiert, wächst Tonya in ärmlichen Verhältnissen in Portland auf.

Schon im Alter von drei Jahren steht sie auf dem Eis. Doch in einem Sport, der sich mit der Schauseite eines Prinzessinnen-Märchens schmückt, haftet der Klassenmakel an ihr. Von den Preisrichtern wird die leicht trampelig wirkende junge Frau (Margot Robbie), die in selbstgeschneiderten Kostümen und trashiger Frisur zu ZZ-Top läuft, mit schlechten Noten und Verachtung gestraft. Durch die Begegnung mit ihrem gewalttätigen Ehemann kommt Harding vom Regen in die Traufe. Sie wird geschlagen, trennt sich, kehrt zurück, wird noch ärger geschlagen. Auch in den Szenen häuslicher Gewalt hält der Film stur an seiner Tonart fest. Man soll sich eben durchweg gut unterhalten.

Die propere, herzergreifend spielende Margot Robbie verleiht der eher kleinen, stets angegriffen aussehenden Harding die Strahlkraft einer Heldin. Ihre uneleganten Gesten – die Zigarette drückt sie mit der Kufe ihres Schlittschuhs aus – sind cool und voller Widerstandsgeist gegen „die da oben“. Sie schlägt auch mal zurück. Dieses halbgar in Szene gesetzte female empowerment ist aber schwer zu glauben, wenn Harding im nächsten Moment wieder mit blutiger Nase auf dem Boden liegt. Gillespies Anti-Miserabilismus ist von Überhöhung wie Herablassung gezeichnet. Sein Versuch, die Figur Tonya Harding zu rehabilitieren, erweist sich als etwas einfältig.

Info

I, Tonya Craig Gillespie USA 2017, 120 Minuten

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