Rudolf Stumberger
09.07.2011 | 08:00 10

Eingeschüchtert vom Uni-Bluff

Im Gespräch Das US-Netzwerk "Akademiker mit Arbeiterhintergrund" tagt am Wochenende zum ersten Mal in Deutschland. Asta-Referent Andreas Kemper über die Notwendigkeit des Kongresses

Der Freitag: Herr Kemper, geht es den Studierenden und Akademikern mit Arbeiterhintergrund an deutschen Universitäten so schlecht?

Andreas Kemper: Es gibt etliche Studien, die eine Bildungsbenachteiligung von Arbeiterkindern feststellen. Ein paar Beispiele: Wer keine Akademiker als Eltern hat, studiert seltener im Ausland, hat weniger Kontakt zu Professoren und Kommilitonen, kriegt seltener eine Stelle als Tutor oder Tutorin.

Woran liegt das?

Das hat viel mit Geld zu tun: Teuer bezahlte Nachhilfe gehört in der Schule inzwischen zum Standard, an den Unis folgen dann Studiengebühren und Verschuldung durch Bafög. Arbeiterkinder haben oft wenig Geld. So müssen zwei Drittel von ihnen neben dem Studium jobben, bei Studierenden aus wohlhabenderem Elternhaus sind es nur halb so viele. Für ein schnelles Studium ist die Arbeit nebenher ein klarer Nachteil.

Ist mangelndes Geld das einzige Problem?

Nein, es gibt auch kulturelle Unterschiede. Arbeiterkinder lassen sich stärker vom Uni-Bluff einschüchtern, treten weniger souverän auf, lassen sich stärker verunsichern. Sie haben größere Probleme mit der Kälte und Anonymität des Studiums. Arbeiterkindern fällt es schwerer, Kontakte zu Professoren aufzubauen und umgekehrt kommen auch die Professoren schneller mit Akademikerkindern in Kontakt. Arbeiterkinder sind daher vor allem in Fächern wie Sozialpädagogik zu finden, wo es von der Atmosphäre „wärmer“ zugeht als beispielsweise in Jura.

Gibt es weitere Unterschiede bei den Fakultäten, etwa zwischen Geisteswissenschaften und Ingenieurwissenschaften?

Es gibt starke Unterschiede, aber nicht unbedingt zwischen Geisteswissenschaften und Ingenieurswissenschaften. Wenn man mal von Medizin absieht, studieren Arbeiterkinder eher Fächer, mit denen man später praktisch etwas machen kann. Maschinenbau und Sozialpädagogik unterscheiden sich da kaum, in beiden Fällen ist greifbar, warum man studiert. Es scheint auch so, als würden die Arbeiterkinder mit Hilfe ihres Studiums ihrem Herkunftsmilieu etwas zurückgeben wollen. Sie sind in den eher praktisch ausgerichteten Fachhochschulen häufiger zu finden als in den theoretisch orientierten Hochschulen.

Sie arbeiten an der Uni Münster im Referat für „finanziell und kulturell benachteiligte Studierende“. Wie kam es zu dessen Gründung?

Systematische Benachteiligungen haben in den 1970er und 1980er Jahren zu diversen Selbsthilfe-Referaten an den Hochschulen geführt. Es gibt Referate für ausländische Studierende, für Frauen, für Schwule und Lesben, für behinderte und chronisch kranke Studierende. Es lag daher nahe, dass sich endlich auch die Arbeiterkinder selbst organisieren.

Was macht das Asta-Referat konkret?

Wir bieten persönliche Beratung an und helfen in Einzelfällen. Eigentlich ist es aber ein bildungspolitisches Referat. Wir organisieren Veranstaltungen zur Bildungsbenachteiligung und machen Lobby-Arbeit zugunsten von Arbeiterkindern.

Welche Möglichkeiten gibt es denn, Diskriminierung durch soziale Herkunft zu verhindern oder zu kompensieren?

Es gab in den 1970er und 1980er Jahren bereits viele Maßnahmen – vom Erziehungsgeld bis zu den Gesamthochschulen. Das wird wieder zurückgefahren. Es geht also nicht um die Entwicklung neuer Modelle, sondern um die Durchsetzung dieser Modelle.

Der aktuelle Kongress in Münster wird von der US-amerikanischen Organisation der "Akademiker mit Arbeiterhintergrund" veranstaltet. Wer ist das?

Die „Working Class / Poverty Class Academics“ (WCPCA) ist ein informeller Zusammenschluss von Hochschullehrenden, die aus dem Arbeitermilieu stammen. Sie verständigen sich über eine E-Mail-Liste und führen einmal im Jahr eine Tagung durch, wo es hauptsächlich um die verschiedenen Facetten von Bildungsbenachteiligung geht. Zu der diesjährigen Konferenz in Münster werden benachteiligende Strukturen in verschiedenen nationalen Bildungssysteme verglichen. Zudem werden verschiedene neue Projekte für Arbeiterkinder vorgestellt.

Das Gespräch führte Rudolph Stumberger

Andreas Kemper ist Referent für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende beim Asta der Uni Münster

Die 15. Jahrestagung der Working Class Academics (WCPCA) findet vom 8. bis 10. Juli 2011 an der Universität Münster statt. Weitere Infos.

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 09.07.2011 | 12:58

--> "Arbeiterkinder lassen sich stärker vom Uni-Bluff einschüchtern"
Meine Erfahrungen sind, dass dies kein Phänomen bei "Arbeiterkindern" sind, sondern eigentlich bei allen die nicht studierten.
Jedes Mal wird sehr erstaunt reagiert, wenn ich die miserable Arbeitsmarktlage für Biologen erkläre.
Ein klassischer Zoologe oder Botaniker, hat gar keine Chance irgendeine Stelle außerhalb der Universität zu finden. Wenn man in diesem Bereich bleiben will muss man versuchen Professor zu werden oder eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Nur die Molekularbiologie oder molekulare Genetik bietet noch Möglichkeiten, weswegen die Masterstudiengänge zum Teil vollkommen überlaufen sind, während das Institut für Tiersystematik und Pflanzensystematik keine Studenten mehr bekommt. Die seltenen Ausnahmen, sind dann die Typen aus dem Fernsehen, welche für die Pharma- oder Kosmetikindustrie den Dschungel nach neuen Heil- und Faltenstraffungspflanzen durchsuchen.
In den Köpfen der Menschen ist immer noch das Bild vom Studiosus auf den die Führungsposten dieser Welt nur warten. Sie wollen nicht verstehen, dass Dipl. rer. nat. kein berufsqualifizierender Abschluss ist. Naturwissenschaftliche Absolventen, machen lt. einer Untersuchung (Daten nicht veröffentlicht) der Soziologie der TU Berlin zu 80% einen Doktor.

"Für ein schnelles Studium ist die Arbeit nebenher ein klarer Nachteil."
Auf Grund dessen, dass die Biologie sehr praktikumslastig ist, können die meisten dort keinen regelmäßigen Nebenjob machen.

"Sie sind in den eher praktisch ausgerichteten Fachhochschulen häufiger zu finden als in den theoretisch orientierten Hochschulen."
Absolut!
Meine theoretische Ausbildung an der Uni legt mir eigentlich auch nur Steine in den Weg. Wir werden mittlerweile davor gewarnt, zu alt und zu überqualifiziert für den Arbeitsmarkt zu sein! Wenn es nach der Wirtschaft geht soll man mit spätestens 26 Jahren raus sein aus der Uni. Hintergrund ist das praktische Anlernen für die Arbeitsstelle. Fachstudiengänge sind stärker auf die entssprechenden Stellen zugeschnitten.

Viele hält auch die lange Zeit ohne Geld vom universitären Studium ab, wenn ich nochmal die Wahl hätte, dann würde ich nach dem Abi erstmal eine Lehre machen.

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Ehemaliger Nutzer 09.07.2011 | 13:07

PS: Aus meinem Semestern machen die Kommilitonen, welche keine Doktorarbeit anstreben, noch ein Zweitstudium um in die Industrie gehen zu können und die ausbeuterischen Arbeitszeiten am RKI oder MPG zu umgehen. Dort arbeitet man bis zu 60h/Woche und wird mit einer Halbtagsstelle entlohnt.
Die Anzahl der ausländischen Doktoranden, welche mit einem Stipendium hierher kommen, nimmt zu, da hier alle so schnell wie irgend möglich in den Arbeitsmarkt hetzen.

Bei einer immer größeren Wissensmenge, werden Studienzeiten immer kürzer. Denkt mal drüber nach.

Thomas Rothschild 09.07.2011 | 15:04

Trifft es zu oder trifft es nicht zu, dass die Geschlechterproblematik die Klassenfrage mit Nachdruck aus dem öffentlichen Diskurs und dem kollektiven Bewusstsein verdrängt hat? Ist es richtig oder ist es falsch, dass die Benachteiligung von Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien, bei den Bildungschancen, aber auch weit darüber hinaus, seit den siebziger Jahren aus dem Blickfeld geraten ist zugunsten der Aufmerksamkeit für benachteiligte Frauen? Wenn es so ist - was bedeutet es, wenn, wie in diesem Gespräch, davon nicht geredet wird und sich selbst Kämpfer gegen das Unrecht dem gesellschaftlichen Druck beugen, der wie stets partikulären Interessen dient? Man fürchtet den Vorwurf reaktionärer Gesinnung. Reaktionär sind aber nicht jene, die auf Maßnahmen zur Förderung von Arbeiterkindern bestehen, die nicht hinter den Standards der Gleichstellungsbeauftragen zurück bleiben - reaktionär sind Frauen und opportunistische Männer, die den Anteil von Frauen in leitenden Stellungen, also deren Beteiligung an Privilegien für wichtiger halten als die gleichen Möglichkeiten, inklusive Quoten, für Kinder aus unterprivilegierten Familien, insbesondere beim Zugang zur höheren Bildung. So, und nun erwarte ich die Proteste, deren Wortlaut ich bereits kenne. Vielleicht schafft es ja auch jemand, ein Argument zu liefern oder meine Prämissen zu widerlegen.

Thomas Rothschild 09.07.2011 | 15:34

Ich halte auch beides für wichtig, aber nur das eine findet statt. Der Anteil von Frauen nimmt zu (und das ist gut), der Anteil von Arbeiterkindern an Hochschulen ist rückläufig. Davon habe ich geredet. Und davon, dass Letzteres - anders als in den Jahren nach 1968 - kein Thema der öffentlichen Auseinandersetzung mehr ist. Es geht darum, wer und welche Interessen bestimmen, welche Debatten geführt werden. Übrigens wäre auch die Förderung von Behinderten ebenso wichtig. Wann haben Sie zuletzt etwas über den Prozentsatz von Behinderten in den Chefetagen gelesen?

Hans-Jürgen Kapust 09.07.2011 | 17:15

Nur hier auf die deutschen Erfahrungen bezogen; im Zuge der 68ger Studentenrevolte waren vermehrt auch sich der Emanzipation verpflichtet empfindende Dozenten, bzw. Professoren an den Unis und Hochschulen vorzufinden, naturgemäß überwiegend in den Geistes- und Sozialwissenschaften, bzw. der Pädagogik. Und Emanzipation war auch noch nicht ein vor allem auf die Frauen bezogenen Begriff.
In der damaligen kurzen Zeit der sozialliberaler Politik war die Förderung von Arbeiterkindern erklärtes Programm unter dem sozialdemokratischen Begriff der "Chancengleichheit", den die damalige CDU in den späten 70gern durch den bildungspolitischen Begriff der "Chancengerechtigkeit" zu ersetzen suchte. Darin spiegelt(e) sich die ideologische Vorgabe, dass es unterschiedliche - dann auch insbesondere durch die Genetik zu begründenden versucht - Veranlagungen gäbe, die eine Auslese, Selektion im Bildungsgang erforderlich machen. Was bis heute zum Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem und in der Spitze zur Elitenförderung und Excellence-Initiativen von Universitäten führte. Mit der "geistig moralischen Wende" verkündigt durch H. Kohl bei seinem Amtsantritt, erfolgte damals der endgültige Roll-back der Bestrebungen der 68ger Generation, auch Kindern aus der Arbeiterschicht Zugang zu Universtäten zu ermöglichen und ein nicht vom finanziellen Hintergrund abhängiges Studieren. Im Lehrbetrieb selbst fand ein Paragigmenwechsel statt. Kritische Theorie wurde nahezu vollständig auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften durch den krititischen Rationalismus eines Karl Popper verdrängt. War dieser auch schon vorher in den Naturwissenschaften das erkenntnistheoretische und politische Maß der Dinge, so wurde durch diese Verdrängung eine gesellschaftliche Reflexion auf ihr Tun damit nahezu völlig ausgeschaltet.
Dies nur als Ergänzung zu dem Artikel, um zu beschreiben, in welche geistige Atmosphäre ein junger Mensch, der aus einem Arbeiter- , bzw. kleinem Angestelltenmilieu stammt, gerät, wenn er solche Elitenbildungsstätten betritt, zu der einer aus der "bildungsfernen" Schicht, wie man weiß, gar nicht erst gelangt, oder wie behauptet, gelangen will.

Andreas Kemper 10.07.2011 | 12:21

Nur ganz kurz, die Tagung ist ja noch im Gange... Ich würde nicht sagen, dass der Geschlechterdiskurs die Benachteiligung von Arbeiterkindern aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt hat. Im Gegenteil: es waren vor allem feministische Arbeitertöchter, die ihre Benachteiligung thematisierten. Dennoch gibt es in gewissen Feldern eine Schräglage, was die Möglichkeit betrifft, Diskriminierungen zu benennen. Soziale Herkunft und Vermögen befinden sich nicht als Diskriminierungsmerkmale im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Hier besteht also eine staatliche Diskriminierungshierarchie. Und in der emanzipatorischen Linken ist Klassendiskriminierung meines Erachtens schwieriger zu thematisieren als andere Diskriminierungsformen. Dies hat allerdings auch damit zu tun, dass die Arbeiterbewegung ein ganzes Jahrhundert lang andere Bewegungen als nebenwidersprüchlich abgewertet hat.

Andreas Kemper 10.07.2011 | 20:57

Es soll im nächsten Jahr eine weitere Tagung in Deutschland geben. Die 16. internationale Tagung wird in North Dakota stattfinden, für die 2. Tagung in Deutschland sind auch bereits einige Städte im Gespräch. Zudem ist eine deutschsprachige E-Mail-Liste für Working Class/ Poverty Class Academics angelegt worden.
Was an der Tagung von den Teilnehmenden besonders geschätzt wurde, war die Möglichkeit, ausgiebig über eigene Erfahrungen zu sprechen.