Einheit in Politik und Literatur

Protokoll Wenn jemand gerettet werden soll, dann bestimmt der Grad der Not das Tempo der Rettung und nicht die Kalkulation des Rettenden: Über den Verlauf der deutschen Einigung
Martin Walser | Ausgabe 45/2015

Die Frage, ob man mir dem Verlauf der deutschen Einigung zufrieden ist, dürfen nur Leute aus der ehemaligen DDR beantworten, denn deren Schwierigkeiten mussten oder müssen gelöst werden. Ich habe als Zuschauer die Meinung, dass dieser Bundeskanzler Kohl nichts falsch gemacht hat. Ich könnte mir einfach nicht vorstellen, wie es jemand hätte sehr viel anders machen können. Ich kenne auch die Einwände vor allem meiner Kollegen und auch die Einwände der Leute, die sagen, das hätte man langsamer machen müssen (1.8. Lafontaine). Ich habe immer gesagt, wenn jemand gerettet werden soll, dann bestimmt der Grad der Not das Tempo der Rettung und nicht die Kalkulation des Rettenden. Es ist doch wohl ganz sicher, dass eine solche vierzigjährige Erfahrung die Menschen so verändert hat. dass wir von dieser Erfahrung etwas haben werden. Aber ich glaube, negative Erfahrungen helfen einem Menschen. Das ist meine schriftstellerische Erfahrung. Ich schreibe nur aus negativen Erfahrungen. Zu allem, was ich arbeite, bin ich durch Mangelerfahrungen vielfältiger Art motiviert worden. Die Mangelerfahrungen in der DDR haben ganz sicher Kräfte produziert. Zum Beispiel glaube ich, dass die Leute empfindlich sind gegenüber Herrschaftsausübungen, weil sie sie bis zum Übermaß an sich haben erleben müssen. Ich habe vor der Wende in einer Rede den Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten als Beispiel zitiert. Ich habe seine Sprache mir der Westsprache verglichen und habe gesagt, in dieser Sprache in der DDR ist uns, ist der deutschen Sprache etwas gespart, etwas, was bei uns im Westen verloren gegangen ist. Das ist mein Eindruck, wenn ich solche Gedichte angeschaut habe.

Ich glaube nicht nur auf diesem Feld, sondern auch auf ganz anderen werden die beiden Teile etwas voneinander haben. Ich arbeite seit zweieinhalb Jahren an einem Roman, der die Teilung zur Voraussetzung hat. Insofern bin ich also ein ganz aufmerksamer Beobachter der Überwindung der Teilung.

Es sind Westintellektuelle, denen eine Utopierichtung, eine Art Heimat, irgendein Charisma verloren gegangen ist. Zu denen meine ich, dass ich das nicht ganz verstehe. Denn sie können doch hier schrankenlos für Sozialismus tätig sein.

Ich verstehe die Klage nicht. Ich verstehe diese linke Trauerhaltung oder Trotzhaltung nicht. Es ist mir noch keine Sekunde lang klar geworden, warum sie nicht heilfroh sind, dass sie ihre Negation des Prozesses oder ihre Kritik an dem Einigungsprozess für links halten und für aufklärerisch und für sozialistisch, und nur deswegen, meine ich, es kann doch jeder im Westen so sozialistisch tätig sein, wie er nur will. Von denen, die das am lautesten beklagen, ist, glaube ich, nicht ein einziger in der Schriftstellergewerkschaft, wo er also z.B. auch etwas tun könnte. Es ist eine linke Trauerhaltung, die mir etwas fremd ist.

(Aus einem Interview für den Thüringer und Berliner Rundfunk)

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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