Einige sind guter als andere

Ausgrenzungsmanöver Der Publizist und Autor Alan Posener wurde aus dem bekannten deutschen Autorenblog "Die Achse des Guten" geworfen. Im Gespräch nennt er die Hintergründe des Zerwürfnisses

Der Freitag: Sie sind gerade aus der Achse des Guten hinaus geworfen worden, einem der bedeutendsten Autorenblogs Deutschlands, wahrscheinlich dem einzigen, das auch international von Bedeutung ist. Was haben Sie verbrochen?

Alan Posener: Ich soll die Mit-Autoren beleidigt haben. Quatsch. Man gab mir nicht einmal Gelegenheit für ein Gespräch über die Vorwürfe. Das ist stalinistisch.

Sie haben Ihren privaten Mailwechsel mit den drei Gründern des Blogs gerade im Internet öffentlich gemacht. Ihre Verstimmung ist deutlich. Ist die Achse des Guten für Sie so wichtig?

Ich bin in ein Netzwerk von Autoren eingetreten, von denen sich fast alle außerhalb der Blogosphäre einen Namen gemacht haben. Die gemeinsamen Nenner sind klar: pro-israelisch, pro-amerikanisch, gegen den Islamofaschismus und gegen eine Politik, die darin besteht, Wohltaten zu verteilen, statt Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen. Mein eigenes Blog „Apocalypso“ bei der Welt hatte ich dafür aufgegeben. Ich dachte, hier handelt es sich um Gleichgesinnte und Gleichberechtigte. Jetzt tritt mir so eine Art Sekte entgegen, in der nicht etwa alle gleich, sondern manche gleicher sind als andere, wie bei Farm der Tiere.

Geht es wirklich um mehr als einen Streit unter Freunden?

Es geht um die Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus. Der Streit entfachte sich an einer Konferenz, die Ende vergangenen Jahres vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung zum Thema „Feindbild Jude – Feindbild Muslim“ veranstaltet wurde. Mein Freund Henryk Broder hat mit einigen politischen Freunden auf der Achse des Guten und den so genannten „Antideutschen“ eine Kampagne gegen den Leiter des Zentrums, Wolfgang Benz, betrieben. Ich habe gegen diese Kampagne argumentiert. Verbunden ist die Diskussion mit Kritik an der politischen Initiative, einen Antisemitismus-Beauftragten des Bundestags zu berufen.

Woher kommt der Furor?

Die einen, wie ich, verstehen den Antisemitismus als Matrix für Ausländerhass, Homosexuellenphobie, Misogynie und alle Rassismen oder Diffamierungen von Minderheiten, weshalb natürlich auch die Muster verglichen werden dürfen. Die anderen behaupten dagegen, der Antisemitismus sei ein Sonderfall der Geschichte und würde durch Vergleiche mit anderen Formen der Ausgrenzung relativiert. Nur der Antisemitismus ziele auf die vollständige Vernichtung der Opfer, was ja aktuell durch die Drohungen des Iran zu belegen sei.

Es ist herrschende Meinung, dass die Vernichtung der Juden im Dritten Reich ein einzigartiger Vorgang ist, für den es keinen historischen Vergleich gibt.

Ja, aber wenn man den Antisemitismus nur von diesem Ende her versteht, dann begreift man ihn falsch. Übrigens wird in der deutschen Debatte immer auf die Einmaligkeit der „fabrikmäßigen“ Ermordung der Juden hingewiesen. Aber das ist nicht der Punkt. Die Juden wurden zu Tode gehungert, mit Eisenrohren erschlagen, erschossen, lebendig begraben. Einmalig war der Vernichtungswille, vor dem es kein Entkommen gab. Die Gaskammern wurden nur erfunden, um die Mörder zu entlasten. Aber das nur nebenbei. Letztendlich dienen vergleichende Analysen immer dazu, herauszufinden, weshalb eine Gesellschaft in die Barbarei umschlägt.

Das erklärt erst recht nicht die Aggressivität der Debatte.

Die Kritik zielt auf den Vergleich mit der Islamophobie. Benz hat als einer der ersten vor dem islamischen Antisemitismus gewarnt. Aber ihm wird vorgeworfen, den Antisemitismus und die Islamophobie gleichzusetzen und damit den Antisemitismus herunterzuspielen. Das ist absurd. Der wissenschaftliche Vergleich dient nicht der Gleichsetzung, sondern der Auffindung von Verhaltensmustern und Stereotypen. Der Versuch, ihn einzuschüchtern, erinnert an das Vorgehen der radikalen SDSler, K-Gruppen und Spontis gegen missliebige Wissenschaftler. Und ich weiß als ehemaliges Mitglied der KPD-AO, wovon ich rede.

Der Begriff Islamophobie soll ein Konstrukt islamistischer Propaganda und schon deshalb nicht zitatfähig sein.

Der Begriff ist so zutreffend, wie ein Begriff eben sein kann. Eine Phobie ist die extreme Übertreibung einer tatsächlichen Gefahr. Nehmen wie eine Spinnenphobie. Spinnen sind unangenehm, aber der Phobiker lässt sich von seiner Angst beherrschen. Klar, es gibt den Islamismus, und der will tatsächlich die Welt beherrschen. Insofern bin ich „anti-islamistisch“, wie alle vernünftigen Menschen, einschließlich der gewaltigen Mehrheit der Muslime. Aber islamophob? Nö. Ich denke, die Islamisten müssten viel mehr Angst vor uns haben als wir vor ihnen, weil unsere westliche Zivilisation eben für die Mehrheit der Muslime viel attraktiver ist als ein Gottesstaat.

Kann es sein, dass Broder und Co. den unterschwelligen Vorwurf spüren, sie selbst seien Rassisten? Immerhin solidarisiert man sich mit Geert Wilders.

Dass der holländische Rechtspopulist auf der „Achse“ verteidigt wurde, habe ich kritisiert. Aber ich würde nie Henryk vorwerfen, er sei Rassist. Ich hätte aber auch Henryk nicht aus meiner Website geschmissen, selbst wenn er mich als Idioten beschimpft hätte. Er hat übrigens öffentlich geschrieben, ich würde „Stuss“ reden, und das finde ich völlig OK. Besorgt wäre ich, wenn er nie denken würde, dass ich Stuss rede.

Könnte es sein, dass beide Seiten in dem Konflikt unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen anstreben?

Kann schon sein. Eine auf Ausgrenzung angelegte Politik ist anti-modern. Ich habe gerade ein Buch geschrieben gegen den Versuch des Papstes, die Moderne rückgängig zu machen. Dazu gehört die eigenartige Logik, Europa könne sich gegen den Ansturm des Islam nur retten, wenn das judäo-christliche Erbe zur europäischen Doktrin erhoben wird. Ich muss schon lachen, wenn ich das Wort höre. Judäo-christlich: Zweitausend Jahre lang haben die Christen die Juden ausgegrenzt. Und nun werden die Juden vereinnahmt, um eine andere Intoleranz zu begründen. Zum Beispiel um die Türkei aus der EU auszugrenzen, weil das ein islamisches Land ist. Die Islamophoben kritisieren Europa, weil die Geburtenrate so niedrig ist – schuld daran seien die Schwulen, die selbstsüchtigen Frauen, die Spaßgesellschaft. Islamophobie kommt als Verteidigung des Westens daher, meint aber Kritik der Moderne.

Wird Israel missbraucht?

Sowieso. Immer. Die Islamophoben benutzen die tatsächliche existenzielle Bedrohung Israels um das eigene Feindbild zu begründen. Auf der anderen Seite behaupten nicht nur Israels Feinde, sondern selbst viele wohlmeinenden Leute, der Nahostkonflikt wäre gelöst, wenn die Palästina-Frage geklärt würde. Unsinn. Verschwinden die Diktaturen im Rest der arabischen Welt, wenn Fatah und Hamas eine weitere Diktatur in der Westbank und Gaza errichten dürfen? Wird der winzige Staat Israel eher geduldet, wenn die Westbank judenrein wird? Israel muss herhalten für eine Krise, deren Ursprung wenig mit dem Zionismus und viel mit modernisierungsunfähigen arabischen Herrschaftssystemen zu tun hat.

In der Debatte wurden nicht nur Sie heftig angegriffen. Werden durch einen in dieser Weise öffentlich ausgetragenen Streit nicht die Falschen angesprochen?

Ach, mich greift man gar nicht so heftig an. Noch nicht jedenfalls. Ich denke, ich kann mich auch wehren. Aber die Intoleranz derjenigen, die als Monstranz ihre Interpretation des Antisemitismus vor sich hertragen, beschädigt letztlich auch den Kampf gegen den Antisemitismus, spielt also den Antisemiten in die Hände.

Wenn sich jemand im Internet in die Diskussion einlesen will, hat er kaum eine Chance, die Relevanz einzelner Beiträge und ihrer Autoren richtig einzuschätzen. Man ahnt irgendwie, dass die Blogosphäre den Konflikt verzerrt abbildet. Zeigt sich daran ein Webfehler des Internet?

Das ist kein Webfehler des Internet. Das ist das Internet. Es gab schon 1993 eine berühmte Karikatur im New Yorker. Zwei Hunde unterhalten sich. Der eine sagt: „On the internet, nobody knows you’re a dog.“. Das ist das Tolle. Aber es wird dort viel gebellt, und nur wenige können, wenn’s darauf ankommt, wirklich beißen.

Das Gespräch führte Sabine Pamperrien 

Alan Posener (geb. 1949 ) war bis 2008 Kommentarchef der Welt am Sonntag, für die er nun als Korrespondent arbeitet. In der Blogosphäre wurde Posener bekannt durch einen Veriss, der kurz bei welt.de zu lesen war, dann aber von höherer Stelle entfernt wurde das kritisierte Buch stammte aus der Feder des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann. Ausserdem ist bei Welt.de der Videoblog Alan Poseners Blattkritik zu sehen.

16:35 17.07.2009

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