Einige Tage in Kuba

Transicion Notizen einer sentimentalen Reise: Die Beute des Kuba-Touristen sind die Geschichten eines Sozialismus, der beinahe funktioniert hätte. Oder noch funktionieren könnte

1 Man muss reisen, um die Welt, die einem die Medien genommen haben, wiederzugewinnen. Kein Land der Welt haben sie einem so gründlich genommen wie Kuba, zwischen Weltspiegel und Buena Vista Social Club. Aber Reisen schadet dieser Welt. Der Reisende, mag er sich auch Mühe zur Achtsamkeit geben, Neugier und Respekt tarieren – er trägt zur Zerstörung der Natur und der Kultur bei. Und kein Trost ist es, dass er zum Rettenden auch gehört.

Kuba wäre in der „Spezialperiode“ seiner Entwicklung, nach dem „Zusammenbruch“ der sozialistischen Staaten, mit denen man Handel trieb, dem Embargo der USA trotzend, ohne den Tourismus verloren. Drei Formen sind relativ ungefährlich: der All-inclusive-Tourismus in den Strand-Resorts, die vornehmlich von ausländischen Investoren geführt werden, wo die Touristen weitgehend unter sich und an den Traumstränden bleiben. Der Kultur- und Erlebnistourismus, der auf seinen geführten Fahrten in privilegierten Bussen durch das Land sehen lässt, was man sehen soll, inklusive der Beutereisen über Märkte und durch Souvenirläden. Und der sich sanft wähnende Tourismus durch mehr oder minder freie Natur. All dies hat seine Unerträglichkeiten, verdirbt Preise und Charaktere, all dies rettet ein Land vor dem Untergang, dem der globale Markt unerbittlich begegnet.

Die doppelte Währung des Landes, der nationale und der konvertible Peso, wird zum Ausdruck einer Gesellschaft, die sich gegen den eigenen Willen spaltet. Wer mit Touristen zu tun hat, gehört zu einer eigenen Klasse, während sich die andere, eigentlich wichtige Arbeit immer weiter entwertet. Es wächst, was hier nicht wachsen sollte: Ungerechtigkeit. Der Tourismus rettet Kuba und beschleunigt jenen Wandel, der Hoffnung wie das Apokalyptische in sich trägt.

2 Zehnmal in zehn Tagen hast du Guantanamera gehört, einmal versehentlich an einem Ort, wo eine Touristengruppe mitsingen zu müssen glaubte. Du schwörst dir, sofort Platz, Park oder Treppe zu verlassen, wenn das nächste Mal Guantanamera angestimmt wird. Doch das elfte Mal Guantanamera ist so anders, so leidenschaftlich, dass du beginnst, süchtig nach neuen Versionen des Liedes zu werden.

Es stammt von dem Nationalhelden José Marti, von dem es in jedem Dorf ein Denkmal gibt, und es diente in den frühen dreißiger Jahren José Fernández Díaz als Grundlage für Text-Improvisationen über aktuelle Politik in seiner täglichen Radiosendung; die schöne Frau aus Guantanamo, um die es im Refrain geht, wird damit zur imaginären Adressatin von gesungenen Nachrichten, Klagen und Aufrufen, so wie 70 Jahre später im Getto die Musik an anderem Ort zur mehr oder weniger subversiven Gegenöffentlichkeit werden musste. Die schöne Form ist das Transportmittel für Kritik, unterdrückte Nachrichten, die bad news auch. 1976 sang Díaz seine letzte, improvisierte Fassung von Guantanamera im Lenin-Park von Havanna. Wenn man an einem milden Abend hier spazieren geht, meint man, ihn noch zu hören.

Zu dieser Zeit, Mitte der siebziger Jahre, war in den USA indes beinahe schon wieder verblasst, wie, maßgeblich durch Pete Seegers Einfluss, Guantanamera zum Lied der Gewerkschaftsbewegung und der Dissidenz geworden war, allerdings zumeist in der strikten Marti-Fassung, die auch Joan Baez einspielte, und die es in die Kinderzimmer unzufriedener Teenager diesseits des Ozeans brachte. Eine, mit anderen Worten, wunderbare Geschichte der Aneignungen und Umwendungen. Ein reisendes Lied.

3 Eine Gesellschaft, die weiß, dass sie nicht bleiben kann, was sie ist. Es ist keine Frage, ob die Mehrheit der Kubaner den Wandel will oder nicht. Es ist die Welt, die ihn erzwingt. Die Welt von Markt, Medien und Macht, um genau zu sein. Ein sonderbares Empfinden der Unausweichlichkeit; gewiss, man freut sich auf neue Freiheiten, vielleicht darauf auch, dass man kaufen können wird, was sich jetzt die Touristen kaufen. Aber jeder in Kuba weiß, was verloren gehen kann.

Die Landreform, die medizinische Versorgung, ein großartiges Bildungssystem (so großartig, davon hören wir lustige Geschichten, dass es manche Menschen nicht mehr verlassen wollen und ein halbes Leben in ihm verbringen, was eine polyglotte und eine philosophische Gesellschaft zur Folge hat), eine gerechte Grundversorgung in allem Mangel, die Betreuung der Kinder und der Alten, um nur das Augenscheinliche zu nennen. Es ist, wenn man so will, eine Gesellschaft ohne Elend. Was davon wird zu retten sein? Was wird eine Liberalisierungskampagne opfern?

Die Ängste sind real. Die USA wollen zurück, was ihnen vor der Revolution „gehört“ hat; die Gefahr, dass Kuba wieder wird, was es vorher war, ein Bordell, ein Kasino, ein Sklavenmarkt, ein schonungslos auszubeutendes Land, ist mit Händen greifbar. Die US-Regierung ist nicht nur nicht bereit, den Würgegriff des Embargos zu lösen, sie ist auch nicht bereit, dem Land nach einem Wechsel Unversehrtheit vor dem Zugriff der eigenen „Heuschrecken“ zu gewähren. Dieses Land, das ein paar Eigenschaften mit einem Paradies gemein hat, liegt wie eine Beute vor der Küste.

Nur wenige Kubaner sind einverstanden mit den immer noch repressiven Elementen der Regierung unter Raúl Castro. Dass Menschen im Gefängnis sitzen aus politischen Gründen. Dass es Zensur gibt. Dass immer wieder, eine Kette der bad news, Menschen im Meer das Leben verlieren, die hinüber nach Florida wollen. Es ist die kleine gebildete Mittelschicht, die sich betrogen fühlt (eine Klasse, die sich überhaupt nur durch die Außenwahrnehmung definiert und über Medienbilder: Seht, was man dort verdient, und wie man sich unterscheidet von den einfachen Leuten, unter denen wir hier die einfachsten sind). Leute aus dem dritten Sektor, die sich darüber beklagen, schlechter gestellt zu sein als ein Kellner in einem Hotel. Einige von ihnen finden im gebildeten Tourismus ein Zubrot. Doch dabei sind sie auch unermüdliche Agitatoren, es scheint, als wäre ihnen Geld weniger wichtig als die Gelegenheit zu antikommunistischen Hass-Predigten. Sie versprechen sich alles vom Kapitalismus, und sie würden wohl so ziemlich alles tun, um ihm zum Sieg zu verhelfen.

Es gibt übrigens einen halb komischen und halb tragischen Aspekt der Fluchtbewegungen in der Karibik. So wie von Kuba aus, so starten von anderen karibischen Inseln Menschen über See, in abenteuerlichen Gefährten oft, um das „gelobte Land“ zu erreichen. Und sie werden an den Strand gespült wie Robinson Crusoe und fragen voller Hoffnung: Sind wir in den Vereinigten Staaten von Amerika? Und die Leute am Strand sagen: Nein. Ihr seid in Kuba. Kleine Communities solcher Gestrandeter treffen sich im Central Park von Havanna. Wer weiß, was ihnen in Florida widerfahren wäre.

Beinahe jedes Gespräch dreht sich um die ungewisse Zukunft des Landes, darum, dass es nicht bleiben kann, wie es ist, und darum, dass es nicht werden soll, wie die Geier des globalen Marktes es wollen. Da ist, neben anderem, ein Stolz, den der Reisende mitnimmt wie ein Geschenk.

4Die Revolution hatte zwei Gesichter. Das eine war das von Fidel, dem mitreißenden Pragmatiker, das andere das von Che, dem mitfühlenden Humanisten. Es spukt die Spaltung in der Erinnerung. Hat Fidel den Che geopfert? Wollte der sich einer Politik widersetzen, die, statt auf eine grundlegende Selbstversorgung zu setzen, sich von der Sowjetunion abhängig machte, mit der Folge einer verhängnisvollen Monokultur in Teilen des Landes? Heute muss Kuba sogar Zucker importieren. Sozialistische Misswirtschaft in einem Land, das mal das ökonomische Synonym für Zuckerrohr war, und für das, was man draus macht? Je nun, für den Zucker benötigt man Dünger. Er kann hier nicht erzeugt werden. Es klingt immer wieder an: Mit dem Che wäre das nicht passiert.

Vieles zeugt vom Scheitern des Fidel-Teils der Revolution und vom unverblichenen Glanz des Che-Teils, der sich immer weiter vom wirklichen Leben entfernt. Es ist ein Trick, sich durch diese Spaltung zugleich von der Revolution zu entfernen und sie zu bewahren. In den Tourist-Informationen kann man ein Faksimile des Briefes erwerben, mit dem Che sich von Fidel verabschiedete und in dem er ihm seine Hochachtung und Freundschaft versichert. Man kann in diesen Brief auch hineinlesen, wie einer dem anderen eine Revolution überlässt, die nicht mehr seine ist.

Die Grenzen zwischen einem Angebot zum Verständnis der eigenen Geschichte und der „Vermarktung“ revolutionärer Ikonografie als wohlfeiles Pop-Souvenir sind natürlich fließend. Doch am „alten Platz“ von Havanna kann man mit dem jungen Mann, der Fidel-Käppis und Che-Baretts verkauft (drei Stück für fünf Pesos), ohne Weiteres in ein Gespräch über politische Ökonomie kommen.

Die meisten Touristen lieben den Kolonialkitsch und die Oldtimer ohnehin mehr als den Revolutionspop. Im restaurierten Teil von Havannas Altstadt bekommt man Furcht, die Menschen könnten hier noch selbst auf diese Inszenierung reinfallen. Aber mitten im Trubel absolvieren Grundschulkinder ihren Sportunterricht. Auch in den restaurierten Häusern gibt es nicht, was wir „Miete“ nennen. Es geht alles ein wenig langsamer voran. Aber statt der Häme, die deutsche Fernseh- und Zeitungsberichte darübergießen, sollte man das Wunder bestaunen: Restaurierung ohne Gentrifizierung. Kein Vertreiben der Menschen, kein Wuchern der Profit-Agenturen.

5 Auf dem Land. E. hat einen kleinen Bauernhof und ist glücklich. Er nennt sein Land ein Paradies. Fast alles, was E. und seine Familie brauchen, wird hier erzeugt. Den bescheidenen Luxus bringt der Verkauf von Tabak und von selbst gefertigten Zigarren.

In Kuba wurde, das war der erste postrevolutionäre Sieg, das Land den Bauern gegeben. So erhielt sich eine kleinbäuerliche Struktur, dem Touristen mag das in erster Linie „malerisch“ erscheinen. Man arbeitet noch, oder oft auch schon wieder, mit Tieren, Pferden und Ochsen. Aber es ist unmöglich, auf diese Weise ein „fleischhungriges“ Land zu ernähren.

E. kommt dir nicht mit harter Arbeit. Wenn du willst, kannst du die ohnehin sehen. Dieses dauernde Reden von Arbeit und Entbehrung, das Rechtfertigen jeden kleinen Vergnügens, dieses unangenehm Puritanische des Kapitalismus, das man aus den Überflussländern kennt, ist hier fremd. Warum soll man, wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat, darüber jammern. Manchmal, ich gebe es zu, kokettieren die Kubaner ein bisschen zu sehr mit dem manjana und der guten Laune.

E. ist voller Dankbarkeit für die Revolution. Fidel und Che hängen in seinem Wohnzimmer. Die Leute auf dem Land waren nichts vor der Revolution. Er weiß, dass sein Paradies gleich doppelt in Gefahr ist. Wenn er und seine Familie sich nicht anpassen an den Wandel und wenn er und seine Familie sich zu sehr anpassen.

Aber E. weiß noch etwas anderes: „Wer nicht Salsa tanzt, keine Zigarren raucht und keinen Rum trinkt, der ist wahrscheinlich schon tot und hat es nur noch nicht gemerkt.“

Das ist die Beute des Reisenden, nicht erbeutet indes, sondern geschenkt. Die Geschichten. Ich könnte stundenlang erzählen, vom Voodoo-Altar am Strand, von dem Mann mit den zwei Gitarren, der immer auf der Suche nach dem richtigen Duett-Partner war, von dem alten Mann, der sich eigenmächtig in den Besitz einer Kirche mit Märtyrerbildern von der Hand eines begnadeten Horror-Zeichners gebracht hatte, von Hinterhöfen, in denen man zu den Quellen des Rumba kommt. Aber dazu haben wir keine Zeit mehr. Denn wir müssen dringend träumen. Von einem hedonistischen Sozialismus, der, ob ihr’s glaubt oder nicht, beinahe funktioniert hätte. Oder auch noch funktionieren könnte. Wenn ...

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08:00 18.03.2011

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