Einmal Waterloo-Station

Beachtliches Schienen-Chaos Nach der Privatisierung von "British Rail" gelten inzwischen 3.000 Firmen als Betreiber des britischen Eisenbahn-Systems

Manchester Picadilly galt einmal als einer der vorbildlichsten Bahnhöfe der Welt. Ein Denkmal des Zeitalters der Industrialisierung. Heute irren die Passagiere auf der Suche nach dem passenden Gleis orientierungslos zwischen Bauplanen und Schuttbergen umher. Ununterbrochen gibt eine Stimme über Lautsprecher die Bahnsteigänderungen bekannt. Der Bahnhof wird von fünf verschiedenen Gesellschaften befahren - der Tarif- und Fahrplandschungel ist undurchschaubar.
Eine junge Frau sucht verzweifelt den 12-Uhr-Zug nach Liverpool. "Ich verstehe das alles nicht", sagt sie und fragt einen älteren Mann in Uniform, auf welchem Gleis sie heute die besten Chancen hätte. Der deutet nur auf seinem Rücken: "Pall Mall, Arbeiten mit Railtrack", steht dort zu lesen. Übersetzt heißt die Geste: Ich habe auch keinen Schimmer, ich arbeite nur für eine der Firmen, die einen Untervertrag mit Railtrack geschlossen hat.
In regelmäßigen Abständen spricht die Presse seit Jahren von "Britanniens schlimmster Eisenbahnkrise". Und in ebenso regelmäßigen Abständen verstrickt sich die Labour-Regierung in Skandale und Ungereimtheiten. Zurzeit ist wieder einmal alles besonders schlimm. Ende Mai trat Verkehrsminister Stephen Byers zurück, und mit dem 48-jährigen Schotten Alistair Darling erhob Tony Blair einen Politiker zum neuen Ressortchef, der als äußerst vertrauenerweckend gilt. Das scheint dringend geboten, denn nur 42 Prozent der Fahrgäste in Großbritannien finden, die Bahnen seien ihr Geld noch wert und so sicher, wie sie sein sollten.
1994 hatte die konservative Regierung von John Major die Privatisierung der staatlichen Bahngesellschaft British Rail begonnen. Es blieb allerdings Tony Blairs New Labour-Regierung vorbehalten, nach dem Wahlsieg 1997 den Ausstieg des Staates erst richtig voran zu treiben. Innerhalb eines Jahres wurden siebenjährige Konzessionen an 25 Firmen vergeben, die sich seither das gesamte Schienennetz teilen. Heute arbeiten noch 45.000 Beschäftigte für britische Bahnfirmen - in Italien sind es 114.000, in Deutschland - trotz etlicher Privatisierungen - 194.000.
Railtrack, zuständig für die Instandhaltung von Bahnhöfen und Gleisanlagen, wurde ebenfalls privatisiert und vermietete wiederum die Strecken an einzelne Betreiber-Gesellschaften, die Unterverträge mit weiteren Firmen schlossen, deren Zuständigkeit längst undurchschaubar ist. Die Gesamtzahl der Firmen, die zum Eisenbahnsektor gezählt werden, beläuft sich mittlerweile auf über 3000. Vor allem die Sicherheit litt offenkundig unter der Privatisierung. Seit 1997 kamen bei sieben Havarien 59 Menschen ums Leben. Erst am 10. Mai entgleiste ein Zug kurz vor der Durchfahrt durch Potters Bar, im Norden Londons. Der Express war mit etwa 150 Stundenkilometern unterwegs, als 50 Meter vor dem Bahnhof eine defekte Weiche den letzten Waggon entgleisen ließ, der über den mit Pendlern besetzten Bahnsteig schlitterte. Sieben Menschen starben und über 70 wurden zum Teil schwer verletzt. Jarvis, die Firma, die Railtrack auf diesem Abschnitt für die Instandhaltung der Gleise angeheuert hatte, behauptete zwar, es habe sich um Sabotage gehandelt. Die Bahnpolizei hielt diese These allerdings für verfrüht - dies um so mehr, seit bekannt wurde, dass Jarvis unerfahrene Studenten anstellt, um Weichen zu überprüfen. Das Unglück gab den letzten Anstoß für den Rücktritt von Minister Byers. Sein Ressort war schon in die Schlagzeilen geraten, als Railtrack im Herbst 2001 in den Konkurs abdriftete und Byers notgedrungen beschloss, die bankrotte, vier Jahre zuvor privatisierte Gesellschaft wieder der öffentlichen Hand aufzubürden. In einer e-mail vom 11. September hatte Byers´ persönliche Beraterin vorgeschlagen, die unangenehme Angelegenheit so schnell wie möglich zu regeln. "Das ist ein guter Tag, um schlechte Neuigkeiten zu begraben", schrieb sie an ihren Vorgesetzten. Dem Verkehrsministerium schlug eine Welle der Empörung entgegen und die Beraterin wurde entlassen.
Obwohl die Privatisierung von British Rail bei den Briten überaus unbeliebt ist, hat die Regierung inzwischen begonnen, einen Plan zur teilweisen Privatisierung der Londoner U-Bahn in Gang zu setzen. Bislang wehrt sich Londons Bürgermeister Ken Livingstone noch standhaft gegen den Plan. "Als Bürgermeister habe ich den Auftrag, Londons Interessen zu vertreten, indem ich alle notwendigen Schritte unternehme, um mich diesem Plan entgegen zu stellen", sagt der ehemalige Labour-Abgeordnete, der die Partei nach politischen Differenzen mit Blairs so genanntem Dritten Weg verließ. Die meisten Londoner teilen seine Meinung. Schließlich werden ihnen die Folgen der Privatisierung täglich vor Augen geführt.
In Clapham Junction, im Südwesten der Stadt, stehen etwa hundert Passagiere ratlos vor der Anzeigetafel und warten, dass die Gleise für ihre Züge durchgesagt werden. Stattdessen sagt die Stimme: "Wegen eines Signalfehlers an der Waterloo-Station hat der 9:29-Uhr-Southwest-Trains-Service nach Bournemouth Verspätung". Ein morsches Holzschild besagt, dass es sich um den meist befahrenen Bahnhof Großbritanniens handle. Vielleicht ist das ja der Grund, weshalb hier der Unfall mit dem höchsten Todeszoll der vergangen 15 Jahre stattfand, als ein vollbesetzter Passagierzug in einen stehenden Güterwaggon raste (35 Tote Ende 1988).

00:00 21.06.2002

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