Einsam Holz fällen

Filmfestival Die 38. Duisburger Filmwoche gedenkt der Verstorbenen und zeigt neue Dokumentationen von Hans-Dieter Grabe, Thomas Heise und Nachwuchsregisseuren
Einsam Holz fällen
3sat prämierte Jide Tom Akinleminus „Portrait of a Lone Farmer“

Foto: Jide Tom Akinleminu

Von einem annus horribilis für den Dokumentarfilm war in der Ankündigung der diesjährigen Duisburger Filmwoche die Rede. Zu Recht: Denn neben internationalen Filmkünstlern wie Alain Resnais und dem Direct-Cinema-Pionier Robert Drew haben drei der bedeutendsten deutschsprachigen Dokumentarfilmer dieses Jahr viel zu früh ihr Leben verloren. Im April erlag der Schweizer Peter Liechti mit 63 Jahren dem Krebs. Drei Wochen später starb Michael Glawogger während einer Arbeitsreise in Liberia an einer zu spät diagnostizierten Malaria. Und dann wurde im Juli Harun Farocki durch einen Herzinfarkt aus seinem Leben gerissen.

Alle drei waren dem traditionsreichen „Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms“ eng verbunden und dort regelmäßig mit neuen Filmen zu Gast. So war die diesjährige Ausgabe der Filmwoche ihrem Andenken gewidmet: Glawogger mit einer Ausstellung seiner Fotografien. Farocki durch eine Würdigung der Medienwissenschaftlerin Ute Holl und eine Projektion seines frühen Films Nicht löschbares Feuer. Und Peter Liechti mit einer Lesung aus dem Buch Klartext, das die „Fragen an meine Eltern“ aus seinem letzten, voriges Jahr in Duisburg präsentierten Film Vaters Garten aufnimmt: Gespräche über Alltags- und sogenannte letzte Dinge, in denen die vom Vater zum nahenden Lebensende möglichst unversehrt zurückgelassene (gekachelte) „Plättli-Wand“ zur Metapher für ein ganzes Weltverhältnis wird.

Eine Bewegung über den Tod in das Leben, die auch Hans-Dieter Grabes Film Raimund – ein Jahr davor bestimmt, der in wunderbarer Lakonik Grabes langjährigen Nachbarn in der pfälzischen Provinz porträtiert und mit dessen Beerdigung anfängt. Eine Texttafel informiert zu Anfang, dass Raimund sich selbst getötet hat, nachdem dessen Frau nach langem Siechtum an Krebs gestorben war. Dann bewegt sich der Film ein Jahr zurück und erzählt in sieben Drehtagen, wie der 72-jährige Mann einen – wie üblich – erworbenen großen Stapel Baumstämme mit viel Bedacht und unterschiedlichen Werkzeugen zerkleinert und abtransportiert, um Brennholz für die nächsten Jahre zu gewinnen.

Brecht in Mexiko

Grabes Film ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich aus einem streng begrenzten Konzept und einer einzigen Situation ein Kosmos entfalten kann, der über die lebendige Charakterzeichnung einer Person auch Ethos und Arbeitshaltung einer Generation beschreibt. Einer Generation, der Grabe selbst angehört, der seine Laufbahn zu einer Zeit begann, als dokumentarisches Filmemachen oft noch von festen Arbeitsverhältnissen – für ihn: beim ZDF – abgesichert war und sich aus dieser Sicherheit ohne Gefallzwänge heraus eine gewisse Widerständigkeit leisten konnte. Ein Licht auf den Abgrund heutiger Produktionsverhältnisse warf die von der Filmstudentin Soleen Yusef für das SZ-Magazin als Auftragsarbeit produzierte und mit nur dreieinhalb Wochen Vorbereitung und einem Drehtag realisierte Onlineproduktion Der NSU-Prozess – das Protokoll des ersten Jahres, die schmerzlich vorführte, wie Reduktion auf Anbiederung an ein erhofftes jugendliches Publikum bei einem gewichtigen Stoff eine filmische Perspektive und politisch notwendige Fragen verhindert.

Ein wenig fies gegenüber den jugendlichen Machern war die Einladung nach Duisburg schon, zu der immer die Pflicht gehört, die Filme im Diskussionsraum nebenan auf dem Podium verbal zu vertreten. Vielleicht war es ja lehrreich. Ubiquitär präsentes Thema wie im letzten Jahr: Aneignung und Verlust (urbaner) Räume wie ein von Obdachlosen annektierter und als „vertikaler Slum“ titulierter Banktower in Caracas (Ruina von Markus Lenz), dessen blitzende Alufassade von händisch geziegelten Balkons durchbrochen wird. Oder ein zur Abwicklung bestimmter Baumarkt in der süddeutschen Provinz, in dem drei Angestellte mit dem eingeflogenen Konkurvollstrecker die letzten Wochen bestreiten (Hier sprach der Preis). Schade nur, dass Regisseurin Sabrina Jäger in vorauseilender Freundlichkeit ihre Protagonistinnen schönzeichnet und so deren reale Widerständigkeit untergräbt.

Preise gab es auch: Mit einem (dem Arte-Preis) wurde Thomas Heise, ein Stammgast in Duisburg, für sein Stück Städtebewohner aus einem Jugendgefängnis in Mexiko-Stadt ausgezeichnet, das in seinem (durch Brecht-Zitate gebändigten) elegischen Ton für den Filmemacher ungewohnte Saiten anschlägt und das Leben in dem damals noch reformpädagogisch geführten Gefängnis als relativ heimelige Auszeit von der Straße draußen erscheinen lässt. Den anderen (3sat) erhielt der DFFB-Student Jide Tom Akinleminu für seine dänisch-nigerianische Vater-Sohn-Geschichte Portrait of a Lone Farmer. Solche Expeditionen nach draußen bereichern den deutschsprachigen Dokumentarfilm.

Silvia Hallensleben ist mit Unterstützung der Duisburger Filmwoche zum Festival gereist

06:00 26.11.2014

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