Einsam und verlassen

Corona Seit langem ist bekannt, dass Covid-19 für Ältere lebensgefährlich ist. Ihr Schutz wurde trotzdem vernachlässigt. Nun steigen die Todeszahlen rasant
Einsam und verlassen
Seit dem Frühjahr wusste die Politik, dass Covid-19 eine Krankheit ist, die vor allem für die Hochbetagten und insbesondere die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen lebensgefährlich ist. Und passiert ist so gut wie nichts

Fotos: Emin Ozmen/Magnum Photos/Agentur Focus, Marco Bertorello/AFP/Getty Images (links)

In den letzten Wochen vermeldete das Robert-Koch-Institut (RKI) fast jeden Tag mehr als 1.000 Covid-19-Todesfälle. Statistisch waren rund 900 der Verstorbenen älter als 70 Jahre und mehr als 300 von ihnen lebten in Alten- und Pflegeheimen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Covid-19 ist eine Erkrankung der Älteren.

Das ist nicht neu und seit dem Frühjahr bekannt. Forderungen nach einem konsequenten Konzept zum Schutz der Risikogruppen wurden jedoch stets belächelt. Man starrte lieber auf Inzidenzwerte. Die hat man nun. Gerade in der Gruppe der Hochbetagten sind diese Inzidenzwerte heute um ein Vielfaches höher als beim Rest der Bevölkerung. Aber wen wundert das, zielen die Lockdown-Maßnahmen doch genau auf die Bevölkerungsschichten, bei denen Covid-19 in der Regel mild verläuft, und nicht auf die „vulnerablen Gruppen“.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Nachrichten nicht von Inzidenzwerten gesprochen wird. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, den bundesweiten Inzidenzwert auf unter 50 zu drücken, der omnipräsente SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert einen unbefristeten Lockdown, bis die Inzidenz auf 25 gesunken ist, und eine Gruppe rund um die Wissenschaftler:innen Christian Drosten, Melanie Brinkmann und Viola Priesemann hat gar einen Inzidenzwert von 7 zum Ziel der Maßnahmen ausgerufen, und die Initiative Zero Covid will gar die Inzidenz auf Null senken; Zahlen, die im Winter vollkommen realitätsfern wirken, wie ein Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt, die trotz teils rigider Lockdown-Maßnahmen noch nicht einmal in die Nähe solcher Werte kommen.

Hohe Dunkelziffer

Auf Werte unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen kommen derzeit nur karge und menschenleere Regionen in Polarnähe und auf dem Balkan. Im Rest Europas verbreitet sich das Virus – mit temporalen Abweichungen nach unten und oben – in etwa genauso schnell aus wie hierzulande – und dies weitestgehend unabhängig von den ergriffenen Lockdown-Maßnahmen.

Doch diese Zahlen sind nicht sonderlich aussagekräftig, wenn es um die Vermeidung schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle geht, beschreiben sie doch die Verbreitung des Virus in der Gesamtbevölkerung. Auch wenn es vereinzelte Fälle von schweren und sogar tödlichen Verläufen bei jüngeren Menschen gibt, ist Covid-19 jedoch eine Krankheit, die vor allem sehr selektiv für Angehörige bestimmter Risikogruppen gefährlich ist.

Nach Angaben des RKI gibt es nur eine Handvoll Personen in der Altersgruppe bis 19 Jahre, die an oder mit Covid-19 gestorben sind. Von den unter 60-Jährigen sind es in Deutschland bislang 1.636 Menschen – der Großteil davon mit schweren Vorerkrankungen. Bei fast 1,7 Millionen Infizierten in dieser Altersgruppe entspricht dies einer Sterberate von ziemlich genau einem Promille. Da in dieser Altersgruppe die Krankheit jedoch meist symptomfrei oder sehr milde verläuft, muss man mit einer hohen Dunkelziffer bei den Infektionen rechnen. Der Virologe Alexander Kekulé beziffert diese Dunkelziffer auf das Fünf- bis Zehnfache. Bezogen auf die gesamten Infektionen dürfte die Sterberate bei den unter 60-Jährigen also eher im Bereich eines Zehntel Promille liegen. Vollkommen anders sehen jedoch die Zahlen bei den Älteren und vor allem den Hochbetagten aus. So waren ganze 89 Prozent der Virus-Opfer älter als 70 Jahre. Der Altersmedian aller Todesfälle beträgt zur Zeit 84 Jahre. Bei den über 80-Jährigen verläuft laut Statistik jede zehnte Infektion (nicht Krankheit!) tödlich. Für diese Gruppe ist Covid-19 eine extrem gefährliche Krankheit. Das individuelle Risiko, bei einer Infektion an Covid-19 zu sterben, ist für über 80-Jährige rund 10.000 Mal so groß wie für unter 60-Jährige.

Wenn die Lockdown-Maßnahmen schwere Erkrankungen verhindern und Leben retten sollen, müssten sie also vor allem bei den Gruppen erfolgreich sein, die ein derart hohes individuelles Risiko aufweisen. Genau dies ist jedoch nicht der Fall. Schaut man sich die Zahlen des RKI an, muss man sogar das genaue Gegenteil feststellen.

Der November-Lockdown begann in der 45. Kalenderwoche. Wie man anhand der Zahlen sieht, stabilisierten sich in der Folge die Infektionszahlen bei allen Altersgruppen unter 85. Doch ausgerechnet bei den besonders gefährdeten Menschen, die 85 Jahre oder älter sind, sanken die Infektionszahlen nicht etwa, sondern stiegen im Gegenteil massiv an. Einen traurigen Höhepunkt markierte dabei ein Inzidenzwert von über 700 bei den über 90-Jährigen in der 51. Kalenderwoche.

Und diese Entwicklung hat sich auf hohem Niveau eingependelt. Während die Gesamtbevölkerung in der vergangenen Woche eine Inzidenz von 132 aufwies, lag die Inzidenz in der Altersgruppe 90+ immer noch bei 604. Auch die Altersgruppen 85–89 und 80–84 wiesen mit Inzidenzraten von 351 beziehungsweise 200 Infektionszahlen auf, die weit über dem Durchschnitt liegen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die häufig in der politischen und medialen Debatte als „Infektionstreiber“ bezeichneten Kinder die niedrigsten Inzidenzraten haben. So wiesen die Altersgruppen 0–4 (Inzidenzrate 46), 5–9 (58) und 9–14 (73) die niedrigsten Infektionszahlen im Altersspektrum auf.

Diese Entwicklung ist jedoch nur auf den ersten Blick erstaunlich, greifen die Lockdown-Maßnahmen doch vor allem in das alltägliche Leben junger und jüngerer Menschen ein. Über 90-Jährige gehören nun einmal nicht zu den typischen Besuchern von Fitnessstudios, Bars, Restaurants oder Tattoo-Studios, und wenn die Politik die Mobilität der Menschen senken will, profitieren davon aus epidemiologischer Sicht ältere Menschen auch nur marginal. Während vor allem die jüngeren Altersgruppen unter den negativen Effekten des Lockdowns leiden, sind die positiven Auswirkungen der Lockdown-Politik gerade für die vulnerablen Gruppen wirkungslos. Ein Thesenpapier einer Wissenschaftlergruppe rund um das ehemalige Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, Matthias Schrappe, bringt es auf den Punkt: „Es besteht die paradoxe Situation, dass eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt wird, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen und über einen dringend notwendigen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken, obwohl die am stärksten Betroffenen, die höheren Altersgruppen und Pflegeheimbewohner/Innen, durch einen Lockdown nicht geschützt werden.“

Im Ansatz falsch

Wenn es um die Frage geht, wo sich Menschen mit dem Sars-CoV-2-Virus anstecken, tappt das Robert-Koch-Institut nach wie vor weitestgehend im Dunkeln. Nur in jedem sechsten Infektionsfall kann man den Ausbruch zuordnen, und hier spielen die Bereiche, die durch die Lockdown-Maßnahmen beeinflusst werden, kaum eine Rolle.

Während also Kindergärten, Schulen und der gesamte Freizeitbereich in den Statistiken des RKI fast bedeutungslos sind, sind Alten- und Pflegeheime mit großem Abstand der größte Infektionsherd. Das RKI merkt dazu in seinem aktuellen Lagebericht an, dass der Anteil an Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen seit der 37. Meldewoche kontinuierlich und deutlich zugenommen habe. Seitdem seien über 67.500 Fälle von Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen gemeldet worden. Derzeit machen Ausbrüche in diesen Einrichtungen 44 Prozent aller zuordenbaren Infektionen aus. Bislang sind 13.130 Bewohner von Alten- und Pflegeheimen an oder mit Covid-19 verstorben. Das ist fast jeder dritte deutsche Corona-Tote.

Seit dem Frühjahr wusste die Politik, dass Covid-19 eine Krankheit ist, die vor allem für die Hochbetagten und insbesondere die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen lebensgefährlich ist. Und passiert ist so gut wie nichts. Schnelltests, die seit März zur Verfügung standen, werden erst jetzt – und dies oft nur sporadisch – für das Personal und Besucher eingesetzt. Hygienekonzepte sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen, und werden in der Praxis ignoriert – wen wundert dies, fehlt das nötige Personal doch an allen Ecken und Enden und ist die Betreuungssituation doch auch in normalen Zeiten schon prekär. Auf eine finanzielle Kompensation der Mehrkosten können die Betreiber solcher Einrichtungen meist nicht zählen. Und Ordnungsämter und das Gewerbeaufsichtsamt sind derweil mit der Kontrolle der AHA-Regeln im öffentlichen Raum voll ausgelastet. Von einer lückenlosen Kontrolle der Hygienekonzepte in den Heimen kann überhaupt nicht die Rede sein.

Forderungen nach gezielten Maßnahmen zum Schutz der Risikogruppen werden von der Politik seit Monaten entweder ignoriert und nicht ernst genommen. Stattdessen wird von den Beratern der Bundesregierung offenbar die Strategie favorisiert, das Virus durch einen flächendeckenden Lockdown zu bekämpfen und auf diese Weise die Ansteckungswerte auf Null zu bringen. Ein Ansatz, der angesichts der vielen Corona-Opfer unter den älteren Menschen als gescheitert angesehen werden muss. Denn nachdem das Virus in Europa nicht mehr endemisch, sondern flächendeckend und pandemisch auftrat und die Infektionen nicht mehr gezielt nachverfolgbar waren, hätte sich die Politik auf den Schutz der Risikogruppen fokussieren müssen. Das ist jedoch nicht geschehen. Man kann daher nur noch hoffen, dass die Strategie, zuerst die über 80-Jährigen sowie die Bewohner:innen der Alten- und Pflegeheime zu impfen, sich als wirkungsvoll erweisen wird.

Forderungen nach einem wirkungsvollen Schutz der Risikogruppen spielen nämlich auch heute – nach mehr als 13.000 Todesfällen in den Alten- und Pflegeheimen – immer noch nur eine Nebenrolle. Lieber regt man sich über rodelnde Kinder statt über sterbende Altenheimbewohner auf. Unterdessen verabschiedet die Politik ein ums andere Mal Maßnahmen, die keine Auswirkungen auf den Schutz der Älteren in unserer Gesellschaft haben. Das kann nicht funktionieren. Die aktuell hohen Sterbezahlen sind eine direkte Folge dieses falschen Ansatzes. Wer auf diesen Umstand hinweist, kommt sich jedoch schnell vor wie das Kind im Märchen Des Kaisers neue Kleider, bestimmt die Fokussierung auf Infiziertenzahlen und Inzidenzen doch immer noch die Debatte. Schlimmstenfalls wird man sogar als „Corona-Leugner“ oder „Corona-Verharmloser“ verunglimpft. Das ist paradox. Sind doch eher diejenigen, die die vulnerablen Gruppen vergessen, die eigentlichen Verharmloser.

Jens Berger ist Journalist, Sachbuchautor und Redakteur der NachDenkSeiten

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06:00 23.01.2021

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