Einsamer Posten

Porträt Arshak Makichyan las eine Rede von Greta Thunberg und fragte sich, warum in Russland niemand für die Umwelt eintritt. Seitdem demonstriert er freitags in Moskau. Alleine
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„Ich will nicht der Violinist auf der Titanic sein“

Foto: Alexander Nufriev für der Freitag

Wenn man ihn fragt, an was er dachte an diesem 15. März im Sokolniki-Park, grindiger Schnee zwischen Bäumen, Mütze auf und einen Plüschbären dabei, grinst er. Arshak Makichyan, geboren 1994 im armenischen Eriwan, als Einjähriger mit seiner Familie nach Moskau gekommen, stand dort im Sokolniki ohne Handschuhe, mit einem Pappschild, „Wir stehen für Natur und Klima. Klimastreik“. Auch dem Bären hatte er eines gebastelt: „Wir auch. Für Marmelade und Klima.“

Was ging ihm durch den Kopf in diesen Stunden, die aufregend waren, still, vielleicht erhebend, weil das mit dem Protestieren in Moskau so eine Sache ist? Sicher frustrierend, weil die Genehmigung nun einmal Sokolniki-Park lautete? Weit weg vom Zentrum, abgeschottet und keineswegs Ausflugsziel der Moskauer an einem kalten, schnell dunklen Märztag? Makichyan zögert, grinst, tippt sich an die Stirn: „Ich habe in meinem Kopf Geige gespielt. Ich habe an die Musik gedacht.“

Der 15. März, kleine Erinnerung: globaler Klima-Streik-Tag von Fridays for Future, etwa 1,4 Millionen Menschen gingen in 135 Ländern auf die Straße, Greta Thunberg hatte bereits in Parlamenten gesprochen, vor Delegierten der UN, zu Jean-Claude Juncker, dem Weltwirtschaftsforum in Davos. In Moskau stand Arshak Makichyan mit ein paar Menschen, die er mit der Studierendengewerkschaft zusammengetrommelt hatte, zum ersten Mal beisammen: Zehn Leute trafen sich auf dem umzäunten Platz, später wurden es fast 50. Verloren sich auf der weiten Asphaltdecke, zwei Monate vor Makichyans Abschlussprüfungen am Moskauer Konservatorium. „Überall gehen Schüler auf die Straße. Nur hier ist eine Art Vakuum.“ Aber damit war Moskau, war Russland auf der Liste des 15. März. Wenigstens, Makichyan seufzt.

Das mit dem Vakuum ist die eine Seite dieser Geschichte, die andere ist der Protest. Und Arshak Makichyan, schlank, schmale Schultern, fast schüchterne Miene, obenauf einen Wust lockiger Haare, aus dem schon graue Fäden schauen, ist vielleicht seine Mitte. Seit dem 15. März steht der 24-Jährige jeden Freitag in Moskau und protestiert. Bringt auch andere dazu, hat sich verknüpft, vernetzt, nicht weniger als sein Leben umgeschmissen. Makichyan las eine Rede von Greta Thunberg, dachte: Warum tut in Russland niemand etwas gegen den Klimawandel? Warum erfahren wir diese Dinge nicht aus der Presse, von Politikern, Wissenschaftlern? Sondern von einer Schülerin aus Schweden? Vor dem 15. März schrieb er Oppositionspolitiker an, Leonid Volkov, Stabschef von Alexei Navalnys Präsidentschaftswahlkampf 2018, antwortete: „Russland ist nicht bereit für so etwas.“

Sein Leben ändern: Makichyan macht große Schritte an der gewaltigen Staatsbibliothek vorbei, die früher nach Lenin hieß – in ihrem Rücken öffnet sich ein kleiner Hof, der auch in Berlin-Kreuzberg liegen könnte. Ein paar bröckelige Bierkneipen, die Wände ordentlich vollgesprüht. Eine vegane Küche bietet schütteres Gemüse mit Reis. Makichyan sagt Sätze, die sehr groß wirken für seine schmale Gestalt: „Die eigenen Gewohnheiten zu ändern, ist nicht schwer. Andere zu überzeugen, kann schwierig werden.“

Mit 15 Jahren wurde er Vegetarier, jetzt ernährt er sich vegan. Will auf Einwegplastik verzichten und überhaupt: Konsum eindämmen. Läge der kleine Hof tatsächlich in Kreuzberg, wäre es keine große Sache. In Moskau gibt es wenige, sehr teure Biomärkte, alles ist irgendwie in Plastik verschweißt und eine Mahlzeit ohne Fleisch ist Grund zur Sorge. Als uns später bei der alten Zarenresidenz im Kolomenskoye-Park der Sinn nach gegrilltem Gemüse und richtigen Tellern steht, schüttelt die Frau an der Kasse den Kopf, eine Falte über der Nase. Schließlich geht einer los, findet eine Lösung. Die Falte hält sich.

Gewohnheiten und Bedingungen: Moskau ist wie das Tableau eines gewaltigen Unfalls, der seit Jahrhunderten immer mehr Schichten übereinanderpresst, sie zu Bruchstücken zermahlt – Zarentum, Öl, Versace, Stalin, Wodka, McDonald’s, Lenin, Tundra, Tschechow, Mord, Nostalgie, Hurerei, Mafia, Chruschtschow, Starbucks, Lubjanka, High Heels, Bulgakow, BMW. Durchs Zentrum fahren mehr Mercedes-Maybachs als in ganz Deutschland. Das nationale Statistikinstitut veröffentlichte im Frühjahr Zahlen: Mehr als drei Viertel der Bevölkerung haben Probleme, das Nötigste zu kaufen. Schuhe etwa. Ein Drittel lebt in Elend. Zur Begründung zeigten Wissenschaftler direkt auf die Wirtschaftspolitik von Wladimir Putin. Der Kreml dementierte herablassend. Am Wochenende surren im ersten Licht Bentleys durchs Zentrum, warten dunkle Limousinen mit laufendem Motor auf feiernde Kinder reicher Eltern.

Pappschild im Rucksack

Umweltschutz also, Konsum eindämmen. Was halten seine Eltern, seine Geschwister davon? Makichyan lächelt wieder, sagt vorsichtig, dass es unangenehm sei, Vorwürfe zu machen. Als er im Sokolniki-Park fror, waren seine Eltern gerade verreist. Nach sechs Freitagen las seine Mutter auf Facebook vom Protest ihres Sohnes. Seine Schwester ist Historikerin, arbeitet im staatlichen Museum. Kann seine Nachrichten im Netz nicht weiterleiten: Angst um ihre Stelle.

Und die Violine? Die Abschlussprüfung war an einem Freitag, Makichyan trug sein Pappplakat im Rucksack. Das Abschlussfest: der letzte Freitag im Mai, Bolschoi-Theater, Roben, High Heels, warme Worte über Puschkin und Freiheit und Kunst. Arshak Makichyan hatte das Plakat im Rucksack. Sein Geigenprofessor sei „ein wunderbarer Mann, aber auch ein Sowjetmensch“, Lächeln, also einer, der Sinn für seine Ansichten hat, aber niemals protestieren würde – denn was soll das schon geben, in Russland auf die Straße zu gehen? Als Einzelner gegen den Strom? So etwas sagen ihm auch Passanten, wenn er am Freitag vor dem Puschkin-Denkmal steht. Pflichten ihm bei, sagen leise, dass es Gesetze bräuchte. Beim Abschlussfest tadelt ihn sein Dekan, wie er es wagen könne, hier im Bolschoi, im Heiligtum, so aufzutauchen? In Jeans, mit einer Joppe, einem Rucksack? „Ich habe mich dann nicht getraut, das Schild hervorzuholen.“ Makichyans Stimme wird schmal. Im Gesicht ein Zug, nicht klar, ob er es bereut.

Dann wieder große Sätze, Kolomenskoye liegt hinter uns, Makichyan war erst einmal hier, kennt sich nicht besonders aus mit der Geografie der Stadt: Tatsächlich hat er im Leben bislang vor allem Geige gespielt, viele Stunden am Tag geübt. Oder gelesen. Joseph Brodsky mag er und sein Gedicht Geh nicht aus dem Zimmer!, poesiegewordenes Zurückziehen vom Sowjetalltag, Breschnew, dem Propagandageschwätz und der Bedrohung. Dritte Strophe: „Geh nicht aus dem Zimmer; betrachte dich als erkältet. / Die Wand, der Stuhl: gibt’s Interessanteres auf der Welt? Es / bringt nichts, warum rausgehen, ja was nützt es, / wenn du abends als der Alte wiederkommst, nur leider – verkrüppelt?” Spiegelt sich darin sein Leben mit der Violine? Warnt es ihn jetzt? Makichyan kratzt sich am Kinn, dann fallen die großen Sätze beiläufig in den Moskauer Verkehr: „Ich konnte nicht einfach weitermachen wie ein Violinist auf der Titanic. Ringsum geht alles unter, das Wasser steht uns bis zum Hals.“ Seit zwei Monaten spielt er nicht mehr.

Fridays for Future weltweit

In über 130 Ländern nahmen am 15. März dieses Jahres Schüler*innen aus 2.300 Städten am globalen Klimastreik teil, so vermerkt es die Internetseite der Bewegung Fridays for Future. Glaubt man der Liste, ist Arshak Makichyan nicht der Einzige, der an diesem Tag alleine demonstrierte. Auch in Bukarest, in Izmir und in Osh (eine Stadt im zentralasiatischen Kirgisistan) soll es einköpfige Fridays-for-Future-Demonstrationen gegeben haben.

Eine weitere Einzelkämpferin ist die Chinesin Howey Ou. In China ist es – ähnlich wie in Russland – verboten, zu demonstrieren. Trotzdem ließ sich die 16-jährige Schülerin im Mai vor dem Gebäude der Volksregierung des südchinesischen Guilin ablichten. Neben ihr Plakate, auf denen sie zum Schulstreik aufrief. Sie postete das Foto auf Twitter und wird von Greta Thunberg als „wahre Heldin“ bezeichnet. Thunbergs Beispiel zeigt, dass die Bewegung von Anfang an von einzelnen, mutigen Vorkämpfer*innen geprägt ist. Die damals 15-Jährige begann vor fast genau einem Jahr damit, wochenlang alleine vor dem schwedischen Reichstagsgebäude zu demonstrieren. Ihr Protest fand Widerhall und schwappte in die Schweiz, nach Österreich und Deutschland über. Später breitete sich die Bewegung auf Belgien, Italien, Frankreich und Großbritannien aus. Zum globalen Klimastreik im März fand sie ihren vorläufigen Höhepunkt.

Obwohl Fridays for Future basisdemokratisch organisiert ist, gibt es Köpfe, die in der Öffentlichkeit stehen. Hierzulande ist die 23-jährige Luisa Neubauer vor allem durch Auftritte in Talkshows bekannt. In Belgien steht die 18-jährige Anuna De Wever im Fokus der Medien.

Keine Muße, keine Zeit: Freitags protestiert Arshak Makichyan, in der Woche organisiert er, antwortet auf Anfragen. Nicht immer einfach abzuschätzen, wer sich da meldet: Vor einer Weile wurde eine illegale Organisation hochgenommen, ein FSB-Agent hatte sie selbst angestiftet. Makichyan fürchtet sich vor Provokateuren, die Chatgruppen unterwandern, vor falschen Ratschlägen. Muss genau berechnen, was er sagt und schreibt. Die Geige bleibt stumm. Wenn wir von ihr sprechen, bleibt sein Gesicht ernst, dabei hatte er die Papiere fürs Studium an der Hanns-Eisler-Hochschule beisammen, Makichyan tippt ein Wort ins Telefon, neben dem Titanic-Gefühl und dem, sein Leben vielleicht umsonst im Zimmer verbracht zu haben, ein weiteres. Leuchtet als Übersetzung auf:„Supersaturated“. Übersättigt.

Titanic und Wasser: Klimawandel wird in Russland kaum diskutiert. Es gibt eine Fülle von Phänomenen, aufweichender Permafrostboden, Überflutungen, Waldbrände, verschobene Erntezyklen. Mit der Metaerzählung wird das nicht verbunden. Massenmedien sprechen fast nie davon, Politiker und Kreml sagen: Solche Probleme haben andere Länder. Wir haben Sibirien, bei uns ist es sauber.

Aber es regt sich Widerstand. In Archangelsk am Nordpolarmeer gehen Menschen auf die Straße, weil Moskauer Müll bei ihnen verklappt werden soll, auch im Vorort Shies. Der Economist hat alle Müllkippen des Landes zusammengerechnet und kam auf die Grundfläche der Schweiz. Flüsse und Seen sind verseucht, das Moskauer Trinkwasser schmeckt häufig nach Chlor. Politiker beschwichtigen. Die Weltbank stellte 2012 fest, dass Russlands Müll zu vier Prozent recycelt wird. In EU-Ländern seien es 60 Prozent. Russische Zahlen sind schwer zu belegen. Die Proteste werden konkret, wenden sich von vernachlässigten Rändern gegen das reiche Zentrum. Hier musste Arshak Makichyan die Geige weglegen und lernen, wie das geht: Demonstrieren.

Kleine Einführung also: Bei der angemeldeten Demonstration gegen die erneute Amtseinführung von Wladimir Putin 2018 wurden landesweit 1.600 Menschen verhaftet. Makichyan ging nicht hin, wollte sich nicht die Arme brechen lassen, damals spielte er noch Violine. Erste Erkenntnis: Wer eine Demonstration anmeldet, zu einer hingeht, hat grundsätzlich Angst. Um sich und die Familie. Jemand könnte die Arbeit verlieren, unter Druck geraten. Angst multipliziert sich.

Meuterei und Demut

Wenn Arshak Makichyan eine Demonstration anmeldet, so wie diese Woche für den Puschkin-Platz, bekommt er sie nicht genehmigt, Informationen zu seinem Vorstrafenregister würden fehlen. Die hätte sich die Polizei besorgen können. Zur Absage der Hinweis, dass er wieder vorsprechen dürfe, allerdings wäre das dann für den Termin nicht fristgerecht. Unter seinen Locken: ein Grinsen.

Weiter: Russisches Recht kennt die Protestform des „einzelnen Streikpostens“. Dafür gilt: Megafon, nicht erlaubt. Gehen, nicht erlaubt. Eine „Konstruktion“ für ein Schild, nicht erlaubt. Nicht näher als 15 Meter zum nächsten Metroausgang, zu Bushaltestellen, Kreuzungen. Am Roten Platz, bei Regierungsgebäuden: Vergessen Sie es. Kinder und Jugendliche dürfen nicht demonstrieren.

Einzelne Streikposten sind eine alte Form in Russland; Ryszard Kapuściński, Gewährsmann aller Russland-Reisen, nannte sie eine „seltsame Verbindung aus Protest und Akzeptanz, Meuterei und Demut“. Sah noch Pappschildträger, die „akzeptieren, dass die Welt ungerecht ist, nur ein Übermaß dieser Ungerechtigkeit entlockt ihnen Widerspruch.“

Arshak Makichyan will Ungerechtigkeiten direkt angehen: Umweltverschmutzung, Behördenwillkür, Informationsmangel, Streikrecht. Stellt sich freitagmittags vor das Puschkin-Denkmal, lässt sich von der Polizei kontrollieren, macht ein ernstes Gesicht. Hält ein Schild in die Höhe, das Kriege, Flucht, Klima verbindet. Amazonas und Müll. Tweetet, facebooked, instagramed. Spielt nicht mehr Violine. Den Bären lässt er zu Hause.

06:00 06.08.2019
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