Einsamkeit am Donaustrom

Prärie In "Osterweiterung" bereist Stephan Wackwitz (nicht nur) innere Landschaften

In seinem Essay Despre Securitatea (Über die Securitate) brachte der rumänische Autor Traian Ungureanu vor kurzem nicht nur eine Reihe hässlicher Wahrheiten seines Heimatlandes auf den Punkt, sondern las auch dem Westen die Leviten, der aus Ignoranz davon ausgehe, dass Osteuropa strukturell, kulturell und moralisch mit Westeuropa kompatibel, wenn nicht sogar identisch sei. Die falsche Annahme, der Osten sei der Westen, nur ohne Wohlstand, führe immer wieder zu Missverständnissen und Frustrationen, die sich schließlich in bekannten abendländischen Klischees Luft verschaffen würden: "Polnische Arroganz", "slawischer Geist", "rumänische Faulheit." Höchste Zeit also, dem westlichen Leser zum besseren Verständnis einer Welt zu verhelfen, die uns verwirrend nah und doch verwirrend fern ist.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das neue Buch von Stephan Wackwitz kann dieses Erkenntnisinteresse nur partiell bedienen. Verglichen mit den Reportagen eines Karl-Markus Gauß etwa, die tiefe Einblicke in die historischen und gegenwärtigen Verwerfungen Osteuropas erlauben, ohne persönlichen Furor, Selbstironie und - erkenntnis vermissen zu lassen, zeichnen sich die zwölf Reiseberichte des Stephan Wackwitz durch eine, gelegentlich seltsam verträumte, Ichbezogenheit aus. So klug und belesen wie der Salzburger Gauß ist der ehemalige Leiter des Goethe-Instituts von Krakau, den es inzwischen nach Bratislava verschlagen hat, allemal - aber nicht immer zu seinem Vorteil.

Sein Buch mit dem trügerisch nüchternen Titel Osterweiterung handelt vor allem von einer sehr persönlichen Faszination angesichts der Welt Polens, Ungarns, Litauens oder der Slowakei, die sich dem Leser gleich im ersten Kapitel mitteilt. Sich an seine Kindheit erinnernd, als ihm der Vater von den nomadischen Völkern der Steppe erzählte, liest der Autor die Pusztalandschaft Ungarns als Beginn einer "Prärie, die das Innere Asiens bedeckt." Den römischen Historiker Ammanianus Marcellinus zitierend, überlässt er sich der Lustangst des Kindes vor den Reitervölkern, "die hier auf die Grenzen der Alten Welt gestoßen sind." In seiner Wahrnehmung der "plötzlichen Leere und Vereinsamung" der Gegend hinter Wien, mythisiert er die europäische Welt des Ostens auf eine Weise, die zwar eine Ahnung ihres Andersseins stiftet, der Erkenntnis dieses Anderen aber kaum auf die Sprünge hilft.

Es ist eben kein Zufall, dass bereits in diesem Anfangskapitel der verschwundene Eiserne Vorhang durch romantische Schleier ersetzt wird, namentlich in den Worten des herbeizitierten Adorno, der einst die große "Einsamkeit am (Donau)Strom" beschrieb: "Von Landschaft und Flora, hier schon östlich, hält ein pußtahafter Bann die Menschen fern ..." Dieser Satz klärt einen vor allem über den deutsch-romantischen Bann auf, unter dem der große Philosoph stand, als er "ans Ende der Welt" reiste. Und über die intellektuelle Herkunft des Autors Wackwitz.

Eine Herkunft, die ihn zu besonderer Vorsicht veranlasst. Bei einem Besuch der Pilgerstätte Kalwaria Zebrzydowska, einem polnischen Jerusalem mit entsprechender biblischer Aufladung und symbolischer Bedeutung, die sich bis auf den Sieg über den Kommunismus erstreckt, bekennt der Autor: "Ich hatte in meiner geschützten und privilegierten Weltgegend keinen Anteil an diesem Kampf und Sieg. Ich stand damals sogar ... ideologisch auf der Seite der totalitären Tyrannei." Kein Wunder also, will man meinen, wenn der Pilgerort dem Leninverehrer und Trotzkibewunderer von einst zu einem mystischen Erlebnis verhilft. Im "fast körperlich deutlichen Gefühl" seine verstorbene Mutter ginge ein Stück weit neben ihm, erweist Wackwitz nicht nur dem Madonnenglauben Referenz, er leistet auch insgeheim Abbitte für seine früheren Irrtümer.

Man hat es also längst geahnt, warum der Autor wieder und wieder ein introspektiv-stimmungshaftes Verhältnis zu seinen östlichen "Gegenständen" entwickelt. Spätestens im Schlusskapitel über eine kurze Reise nach Vilnius, legt Wackwitz dann auch seine Karten auf den Tisch. "Ich hatte mich auf dieser Städtereise als unbeteiligter Ethnologe verhalten wollen", heißt es dort, "aber unter der Hand ... war eine schamanistische Geistreise daraus geworden." Das berühmte Karl-Kraus-Bonmot über die Psychoanalyse abwandelnd, formuliert er: "Ethnographie wäre dann die Geistreise, für deren Erforschung sie sich hält", um ein paar Sätze später seinen höchst persönlichen Erkenntnisgewinn der Reise nach Vilnius wie folgt zusammenzufassen: "Und wenn ich mir heute ... die Reisebegebenheiten und Abenteuer in Erinnerung rufe, will mir scheinen, als seien ... die Einsichten, Geistreisen, Selbstauflösungen und Erlebnisse dort schon immer Teil einer inneren Landschaft gewesen."

Doch geht es dann, glücklicherweise, in Osterweiterung keineswegs nur um innere Landschaften. Immer wieder belohnt die Lektüre mit überraschenden Ein- und Aussichten, beispiels- und bezeichnenderweise durch das Fenster einer Bratislaver Dachwohnung auf das terrain vague der slowakischen Hauptstadt. So wird der Autor halb wieder zum "einsamen Jungen" von einst, der sich an die Blicke über die "Weinberge und Fabrikschornsteine des Neckartals" erinnert, nun aber auf den "von Autoverkehr und Passantengewühl belebten und in seiner dämonischen Vertrautheit geradezu ausgefranst oder zermatscht wirkenden Platz des Slowakischen Nationalaufstands" hinunterschaut.

Ebenso spannend wie die präzise Beschreibung der Stadt Bratislava, liest sich das Kapitel über die Wurzeln der Kunst des Andy Warhol. Klug schlägt Wackwitz die Brücke aus dem Osten in den fernsten Westen, von der ruthenischen Mutter zum amerikanischen Künstler, von den nationalen Selbstvergewisserungsstrategien in der Verklärung gewöhnlichster, aber "typisch nationaler" Gegenstände bis zu den Abbildungen kunstloser und banaler Objekte in der Pop-Art, von der "Realität des geringsten Ranges" bei Tadeusz Kantor zu ihrer "amerikanisch-konsumkapitalistischen Version" bei Andy Warhol.

Es ist vor allem das Schauen und die genaue, von Traum-, Erinnerungs- und Reflexionseinschüben vorangetriebene Darstellung des Geschauten, die Kunst-, Architektur-, Landschafts- und Stadtlandschaftswahrnehmung des Stephan Wackwitz, die den Leser zu fesseln vermag. Es ist nicht zuletzt seine Sprache, in der sich diese Wahrnehmung immer wieder zu mitreißender Plastizität entfaltet. Dass das Fenster nach außen auch immer wieder zum Fenster nach innen wird, entspricht dann nur der Einsicht des zweifelnden Intellektuellen, dass seine Ethnographie des Ostens eine Geistreise war, für deren Erforschung sie sich hielt.

Stephan Wackwitz Osterweiterung. Zwölf Reisen. S.Fischer, Frankfurt am Main 2008, 221 S., 17,90 EUR

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