Einsamkeit des Insulaners

Kuba Aufrechter Gang auf schwankendem Boden

Am 26. Juli 1953 waren die Tageszeitungen voll von Details über die verhinderte Verlobung der Prinzessin Margaret mit dem Captain Townsend, mit Berichten über die Spannungen am Suez-Kanal wie das Ende des Korea-Krieges. Ein Tag wie Millionen andere. Niemand ahnte, dass dieser 26. Juli zum ersten Tag der kubanischen Revolution werden sollte, doch mit ihrem Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago schlugen Fidel Castro und seine Gefährten ihre erste Schlacht.

Die Völker sind der Bevormundung, Einmischung und Plünderung müde, die durch Mechanismen auferlegt werden, welche die am meisten Entwickelten und Reichen auf Kosten einer wachsenden Armut aufrechterhalten". Diese Worte des kubanischen Staatschefs, ausgesprochen am 26. Juli 2003 in Santiago de Cuba, geben wohl die Haltung wieder, die vor einem halben Jahrhundert den damals 26-jährigen Rechtsanwalt Fidel Castro antrieb, mit 164 Gleichgesinnten den Sturm auf die Moncada-Kaserne zu riskieren. Im Bemühen um eine selbstbestimmte Entwicklung, Menschenwürde und Solidarität, um einen nicht-kapitalistischen Weg hat Kuba seither sein Modell anzubieten, das auch heute trotz vieler innerer und vor allem äußerer Widrigkeiten Bestand hat.

Seit der Revolution von 1959 lag die Karibikinsel fast ständig im Zentrum des Kalten Krieges und wurde 1961 sogar militärisch überfallen; seither schrecken die USA kaum vor irgendeiner Form der Sabotage zurück - ob es sich nun um Terroranschläge, Desinformationskampagnen, die Handelsblockade oder diplomatische Aggressionen handelt. Anfang der neunziger Jahre musste die Auflösung des RGW (*) kompensiert werden, was mit einem völligen Ausbleiben der bis dahin durch die osteuropäischen Staaten geleisteten Wirtschaftshilfe verbunden war. Mit einem intelligenten Pragmatismus, Selbstbewusstsein und Leidenschaft haben die Kubaner diese "Korrekturperiode" überstanden. Inzwischen kann wieder in Zukunftstechnologien etwa des Bio-Sektors oder der Medizin investiert werden. 2003 wird das vorbildliche Schulwesen - die Klassenstärken liegen bei 15 bis 20 Schülern - flächendeckend mit neuen Medien ausgerüstet (in ländlichen Regionen solarbetrieben).

Andererseits sorgt der ausgesprochen devisenträchtige Tourismus erstmals für eine deutlich spürbare Ungleichheit. Trotz einer relativen Stabilisierung der Versorgung auf niedrigem Niveau ist die Abhängigkeit vom Dollar für immer mehr Kubaner ein schwer erträglicher Zustand. Besondere auf Jugendliche wirkt der Glamour des Westens attraktiv. Bislang wurde die Gratwanderung zwischen selektiver Öffnung und Sicherung der Revolution bewältigt. Die Kubaner sind weder den Marktradikalen auf den Leim gegangen (wie die stalinistisch geprägten Ex-Realsozialisten Osteuropas), noch dem Washingtoner Konsens (wie andere lateinamerikanische Länder), noch einer Wirtschaftsdynamik, die in China für eine sozial schwer zerklüftete Gesellschaft sorgt. Kuba kann sich weiterhin darauf berufen, die sozialen Menschenrechte in einem Ausmaß verwirklicht zu haben, das seine Standards nicht nur unter den Entwicklungsländern ihresgleichen suchen - der Human Development Index der UNO ist in dieser Hinsicht recht eindeutig.

Die hämische Herablassung, mit der das Thema Kuba seit geraumer Zeit hierzulande medial verarbeitet wird, lässt einmal mehr erkennen, wie unterentwickelt - entgegen aller Behauptungen - das Einfühlungsvermögen in andere Kulturen in Wirklichkeit ist. Abweichende Denkweisen werden lieber verhöhnt und denunziert, anstatt sich mit ihnen seriös auseinander zu setzen. Geschrieben wird über Ochsenkarren, nicht über erfolgreiche Experimente mit Solarenergie. Kritisiert werden Defizite bei den bürgerlichen Menschenrechten, aber nicht die ständigen Aggressionen einer US-Regierung. Gehört wird viel kubanische Musik, aber die politische Erfahrung dieses anderen soziokulturellen Biotops ist obsolet.

Auch dass ein Politiker wie Fidel Castro über 44 Jahre hinweg eine wirklich charismatische Führung praktizieren und eine Volksmacht "Hegemonie" im besten Sinne (Antonio Gramsci) ausüben kann, vermögen die biederen Philister einer einschlägigen Menschenrechtsapologetik nicht nachzuvollziehen. Genauso wenig konnten sie je die Ideen eines Che Guevara vom "neuer Menschen" begreifen, der statt materieller Anreize eher nach Selbstverantwortung sucht.

Kuba zeigt - gewiss auch in paradigmatischer Weise -, dass eine Revolution nicht nur gewonnen, sondern auch erfolgreich verteidigt werden muss. In Zeiten eines neoliberalen Diktats ist der Erhalt einer "Insel des Sozialismus" - manche mögen sich mit Grauen an Stalins Konzept vom "Sozialismus in einem Land" erinnern - eine enorme Aufgabe.

In den USA wird Kuba derzeit sturmreif geschrieben, um endlich zuschlagen zu können - Castro lasse biologische und chemische Waffen herstellen, heißt es, Delphine würden für Attacken an der amerikanischen Küste abgerichtet, Kinder-Prostitution sei in Havanna wieder erlaubt. Unter diesen Umständen ist die in Kuba weit verbreitete Enttäuschung über den Opportunismus der EU verständlich. Nach den Verhaftungen von 75 Kubanern und der Exekution von drei Schiffsentführern im März (s. Freitag vom 2. 5. 2003) hatte die Union auf Betreiben Spaniens und Italiens (beide Premierminister sind nicht gerade Vorzeigedemokraten!) Kuba dafür ungewöhnlich scharf kritisiert, ultimative Forderungen gestellt und mehrere Hilfsmaßnahmen gestoppt. "Ignoranz ist die mächtigste und schrecklichste Waffe der Ausbeuter im Laufe der Geschichte gewesen", meinte Fidel Castro am 26. Juli in Santiago. Die EU ignoriere systematisch die antikubanischen Machenschaften der USA und lasse Präsident Bush global gewähren, ohne ihm ernsthaft Einhalt zu gebieten.

In einem Interview mit dem US-Sender NBC sagte der Maximo Lider kürzlich: "Wenn ich sterbe, wird es keine Probleme geben. Wir haben hier eine vorzüglich ausgebildete neue Generation. Hunderttausende sind fähig, das Land zu leiten." Tatsächlich ist der grundsätzliche Konsens über das System noch immer sehr hoch.

(*) Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe

00:00 01.08.2003

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