Einseitig

Tabu-Geschichte Fernsehdokumentationen über die Nazizeit in Ost und West

Ein Armenviertel in Paris. Wohnverhältnisse wie sie in Dritte-Welt-Slums kaum schlechter sein können. Hier lebten in den fünfziger Jahren jüdisch-deutsche Emigranten, die seit dem Ende der NS-Diktatur noch keinerlei Entschädigung erhalten haben. Am 8. Mai 1956, elf Jahre nach Kriegsende, machte eine Fernsehdokumentation des SDR auf diesen Skandal aufmerksam: Die Vergessenen von Peter Dreessen und Peter Adler. Zwei Monate später wurde der Beitrag Bundestagsabgeordneten gezeigt, mit dem Ergebnis, dass mit Geld aus Bonn in einem alten Chateau ein Wohnheim für jene Opfer des NS-Rassismus eingerichtet wurde - seltenes Beispiel eines Fernsehfilms mit praktischer Wirkung. Eine andere TV-Dokumentation, Lagerstraße Auschwitz von Ebbo Demant (1979) zeigt am Anfang eine moderne Schule in der Bundesrepublik, in der dem Kommentar zufolge ein Lehrer unterrichtet, der den Schülern beibringt, dass es keine Vernichtungslager gegeben habe. Nach Bildern von Auschwitz, Aussagen überlebender Häftlinge und verurteilter KZ-Wächter stehen am Ende wieder Aufnahmen einer Schule, diesmal einer, die nur noch als halbe Ruine existiert: hier lagern die Akten des Auschwitz-Prozesses.

Mehr noch als viele Schreckensbilder aus der Vergangenheit, die auf der Tagung Zwiespalt des Erinnerns - Opfer und Täter des Holocaust in Film- und Fernsehdokumentationen der BRD und DDR zu sehen waren, machten solche Zeugnisse fortwirkender Schande im Nachkriegsdeutschland betroffen. Geladen zur Diskussion televisionärer Bemühungen um Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte hatte das Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms, schon öfter ein Ort wissenschaftlicher Reflexion des Mediums, wobei immer wieder der nun verblichene andere deutsche Staat in die kritische Auseinandersetzung einbezogen wird. Hier musste der DDR und ihren Filmemachern eingeräumt werden, dass sie als erste auf die Vergangenheit von NS-Tätern hingewiesen haben, die in der Adenauer-Ära wieder zu Amt und Würden gekommen waren. Die DEFA-Dokumentaristen Annelie und Andrew Thorndike, Joachim Hellwig und Walter Heynowski beschäftigten sich unter anderem mit Hans Globke, Kommentator von Hitlers Rassegesetzen und dann einflussreicher Staatssekretär im Bonner Bundeskanzleramt, Theodor Oberländer, Beteiligter an Massenexekutionen in Lwow und nachmaliger Bundesvertriebenenminister, Hans Reinefarth, SS-General und Liquidator des Warschauer Aufstandes, seit 1957 CDU-Bürgermeister von Westerland auf Sylt. In der Hochzeit des Kalten Krieges dienten diese Filme nicht zuletzt auch überzogener Agitation gegen die Bundesrepublik, aber schließlich bot sie mit zahlreichen personellen braunen Kontinuitäten mehr als genug Angriffsflächen. Wenn sich das westdeutsche Fernsehen mal mit der NS-Erblast auseinandersetzte, standen die Opfer im Mittelpunkt. Die Täter überließ man dem Osten.

Das änderte sich erst mit dem investigativen Journalismus der politischen Magazine in den sechziger Jahren. Eine Vorreiterrolle bei der Aufarbeitung von NS-Vergangenheit spielte der Süddeutsche Rundfunk, dank seines Intendanten Fritz Eberhard, der selbst aus dem Widerstand kam - eine Ausnahme in der sonst von Ex-Nazis durchsetzen westdeutschen Medienlandschaft. DDR und WDR koproduzierten 1960/61 die erste große TV-Dokumentation über Das Dritte Reich in 14 Folgen. Freilich blieben auch da die Unterstützer von Kapital und Industrie ungenannt. Die hatten sich ja auch längst wieder etabliert.

Solch Rücksichtnahme ist erst in jüngster Zeit entfallen. Eine SWR-Dokumentation über das SS-Raubgold, Blutige Beute von Oliver Merz, schont auch die Deutsche Bank nicht, und in der jüngsten Reihe über Hitlers Eliten nach dem Kriege werden auch die Kriegsaktivisten einer grauen Wirtschaftseminenz wie Otto Wolff von Amerongen unter die Lupe genommen. Überhaupt setzte mit dem 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 ein Boom televisionärer Abrechnungen mit NS-Vergangenheit ein, der sogar Quote bringt.

Was fehlt und auch auf der Tagung nicht thematisiert wurde, ist eine Tiefenschärfe, die deutlich macht, dass die zwölfjährige Katastrophe kein Betriebsunfall war, sondern weit zurückreichende Wurzeln hatte. Und einem neuen Tabu fällt das Aussprechen der schockierenden Erfahrung zum Opfer, dass die selbstverständliche Anerkennung von Kriegen als Mittel der Politik trotz des Nazi-Menetekels heute wieder gesellschaftsfähig geworden ist.

00:00 17.01.2003

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