Eintausend Tage in der Hölle

Dokument der Woche Der Anwalt Michael Caruso schildert die Folterung seines Mandanten, des US-Bürgers Jose Padilla, in einer Haftanstalt im US-Bundesstaat South Carolina

Der Geheimdienst CIA hat Videoaufzeichnungen von Verhören mutmaßlicher Terror-Verdächtiger vernichtet, bei denen auch Folterszenen zu sehen waren. Medienberichten zufolge stammten die Dokumente aus den Jahren 2002 bis 2005 und zeigten unter anderem, dass Verdächtige bei Vernehmungen dem so genannten Water Boarding - dem Simulieren des Ertränkens - ausgesetzt wurden. In dieser Zeit war auch der US-Bürger Jose Padilla unter dem Verdacht in Haft, in die Terroranschläge vom 11. September 2001 verwickelt zu sein. Wir dokumentieren einen Bericht, den Padillas Anwalt Michael Caruso gerade erst über die Haftbedingungen seines Mandanten gab, in leicht gekürzter Form.

Jose Padilla wurde am 8. Mai 2002 auf dem Chicagoer O´Hare International Airport verhaftet, als er ein Flugzeug aus Zürich verließ. Er galt als so genannter Tatsachenzeuge im Zusammenhang mit den terroristischen Attacken des 11. September 2001. Man brachte Mr. Padilla zunächst nach New York und nahm ihn dort in Gewahrsam. Am 9. Juni 2002 erklärte Präsident George Walker Bush ihn zum "feindlichen Kombattanten".

Daraufhin wurde Mr. Padilla in die Naval Consolidated Brig in Charleston, South Carolina, verlegt, wo man ihm jeden Rechtsbeistand verweigerte. Die Regierung argumentierte, Mr. Padilla könnte über seine Anwälte verbotene Nachrichten weitergeben. Zudem würde er erwarten, eines Tages frei gelassen zu werden, sobald er mit einem Anwalt gesprochen habe oder erfahren würde, dass ein Gericht sich mit seinem Fall befasse: "Nur wenn Padilla realisiert hat, dass keine Hilfe naht, können die Vereinigten Staaten erwarten, alle Informationen von ihm zu erhalten. Ihm jetzt einen Rechtsbeistand zu gewähren, würde möglicherweise unumkehrbar das Gefühl von Abhängigkeit und Vertrauen zerstören, das die Befrager erzeugen wollen", erklärte Vize-Admiral Lowell E. Jacoby, der Direktor des Armeegeheimdienstes Defense Intelligence Agency, am 9. Januar 2003 zum Fall Padilla unter Eid.

Kein Fenster und ein stählernes Bett

Tatsächlich wurde Mr. Padilla während der gesamten drei Jahre und acht Monate seiner unrechtmäßigen Haft nahezu ständig gefoltert. Die Marter nahm Myriaden von Formen an - jede sollte Schmerz, Pein, Depression, Demütigung und letztlich den Verlust des Lebenswillens bewirken. Der Hauptbestandteil der Folter bildete eine komplette Isolation, die fast zwei Jahre dauerte - vom 9. Juni 2002 bis zum 2. März 2004, als das Verteidigungsministerium schließlich Kontakte zu seinen Anwälten erlaubte. Auch danach änderten sich die Haftbedingungen nicht wesentlich.

Mr. Padilla wurde in der Naval Brig in einem Block gehalten, der aus 16 Einzelzellen bestand, die aber während dieser Zeit alle unbelegt blieben. Mr. Padillas Zelle wurde 24 Stunden am Tag elektronisch überwacht, so dass die Wärter in seinem Abschnitt nicht patrouillieren mussten. Er hatte nur Kontakt zu anderen Menschen, wenn ihm jemand das Essen brachte und wenn die Regierung der Vereinigten Staaten ihn zu verhören wünschte.

Die Isolation wurde durch einen kompletten Entzug der Wahrnehmungen und einen dadurch ausgelösten Verlust an Sinneskraft verstärkt. Die schmale Zelle - neun mal sieben Fuß - verfügte nicht über ein Fenster nach außen. Die Öffnung in der Tür war von einer magnetischen Plakette bedeckt, so dass Mr. Padilla nicht einmal einen Blick in den Gang seiner Gefängnis-Abteilung werfen konnte. Da man ihm eine Uhr verweigerte, war ihm während der meisten Zeit seiner Haft auch nie klar, ob es Tag oder Nacht war - oder zu welcher Tages- oder Jahreszeit ein Verhör stattfand. Zusätzlich zu dieser extremen Isolation wurde Mr. Padilla der Schlaf entzogen: Lange Zeit enthielt seine Zelle nur ein stählernes Bett ohne Matratze. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Zellenboden zu legen - die schmerzhafte Lage auf dem kalten Untergrund ließ ihn jedoch keinen Schlaf finden.

Als ob das alles nicht genügte, setzten seine Wächter zusätzlich verschiedene Methoden ein, um Mr. Padilla den nötigen Schlaf zu rauben. So erzeugten sie laute Geräusche nahe seiner Zelle: Wenn er zu schlafen versuchte, wurden die Türen der angrenzenden Zellen elektronisch geöffnet - was ein lautes Scheppern hervorrief - nur, um sie sofort wieder zuzuschlagen. In anderen Fällen hieben die Wächter gegen Wände und Gitterstäbe. Zu diesen Lärmbelästigungen kam es vorwiegend in der Nacht. Sie hörten nur morgens auf, wenn Verhöre begannen.

Über Stunden mit einer Bauchkette gefesselt

Im Bestreben, Mr. Padilla zu manipulieren und seinen Willen zu brechen, wurden ihm alle Vergünstigungen verweigert. Lange Zeit hatte er nichts zu lesen, geschweige denn Radio oder Fernsehen. Das Einzige, worüber er zunächst noch verfügen konnte, war ein Spiegel. Doch auch der war eines Tages abrupt konfisziert worden, so dass die Sinnesreize noch weiter eingeschränkt waren.

Zuweilen gewährte man Mr. Padilla einige Annehmlichkeiten - ein Kissen oder ein Bettlaken etwa - nur, um sie ihm dann wieder willkürlich zu entziehen. Er verfügte nie über regelmäßige Erholungszeiten. Wenn er gelegentlich nach draußen gebracht wurde, geschah dies oft nachts, so dass mein Mandant über Monate die Sonne nicht sah. Da er auch die Außenwelt nicht sehen konnte, war Mr. Padilla zusehends desorientiert. Die Wärter verschlimmerten das, indem sie seine Zelle in ein extrem helles Licht tauchten oder sie für 24 Stunden oder für eine noch längere Zeit in vollständiger Dunkelheit ließen.

Doch die Entmenschlichung meines Mandanten in den Händen seiner Vernehmer nahm noch unheimlichere Formen an. Mr. Padilla wurde oft über lange Zeit in Stresspositionen versetzt. Man fesselte ihn über Stunden mit einer Bauchkette in seiner Zelle. Man leitete Qualm in den Raum, worauf seine Augen tränten und seine Nase lief. Die Temperatur in der Zelle wurde manipuliert, für lange Zeit blieb sie extrem kalt. Mr. Padilla wurden selbst die kleinsten und persönlichsten Fetzen an Menschenwürde verweigert, als man ihn über Wochen nicht duschen ließ, und er andererseits ein nach den Launen seiner Wärter erzwungenes Waschen erdulden musste.

Ein wesentlicher Teil der Folter, die Mr. Padilla erlitt, ging von seinen Befragern aus. Um meinen Mandanten zu desorientieren, täuschten sie ihn über seinen Aufenthaltsort und über ihre Identität. Sie drohten, ihn gewaltsam in ein anderes Land oder nach Guantánamo Bay zu bringen, wo ihm noch Schlimmeres widerfahren könne. Sie drohten, ihn mit einem Messer zu schneiden und Alkohol in die Wunden zu schütten. Sie drohten auch mit einer angeblich bevorstehenden Hinrichtung. Sie zwangen ihn, für lange Zeit in Stresspositionen zu stehen. Es gab außerordentlich lange Verhörsitzungen - ohne ausreichenden Schlaf danach. Es gab Verhöre, in denen er mit falschen Informationen, Szenarien und Dokumenten konfrontiert wurde, um seine Desorientierung zu verstärken. Oft waren mehrere Befrager anwesend, die schrieen, ihn schüttelten oder auf andere Weise tätlich angriffen. Zudem verabreichte man Mr. Padilla gegen seinen Willen Drogen - vermutlich LSD oder PCP -, die während der Verhöre als eine Art Wahrheitsserum dienen sollten.

Im März 2004, ein Jahr und acht Monate nach seiner Ankunft in Naval Brig, gestattete man ihm einen ersten Kontakt mit seinen Anwälten. Aber selbst diese Besuche wurden extrem begrenzt und eingeschränkt. Es war einer der Anwälte, Andrew Patel, der Mr. Padilla einen Koran mitbrachte, denn in den vorangegangenen zwei Jahren war es meinem Mandanten untersagt worden, seine Religion auszuüben.

Dabei war er ein vorbildlicher Gefangener

Die Deprivation, die körperlichen Misshandlungen und die anderen Formen inhumaner Praktiken, denen Mr. Padilla unterworfen war, blieben, wie man sich denken kann, nicht ohne schwere gesundheitliche Folgen. Ungeachtet dessen wurde eine angemessene ärztliche Behandlung verweigert. Mr. Padilla litt häufig unter einem beeinträchtigten Herz-Kreislauf-System, was sich in starken Brustschmerzen äußerte sowie durch die Unfähigkeit, zu atmen oder sich zu bewegen.

Es sollte erwähnt werden, dass keine der restriktiven und unmenschlichen Haftbedingungen durch Mr. Padillas Verhalten ausgelöst wurden. Er verletzte keine Regel der Naval Brig und zeigte keine Aggressionen gegenüber seinen Entführern. Mr. Padilla war ihnen gegenüber stets friedlich und fügsam. Er hatte resigniert - er war ein wirklich vorbildlicher Gefangener.

All die erwähnten Deprivationen und Angriffe wurden aufeinander abgestimmt und in kalkulierter Weise eingesetzt, um meinem Mandanten ein Höchstmaß an Pein zuzufügen. Mr. Padilla wurde ohne Grund oder Rechtfertigung eintausenddreihundertundsieben Tage lang von der Regierung der Vereinigten Staaten gefoltert.

Aus dem Englischen von Steffen Vogel

Zwischentitel von der Redaktion

Jose Padilla wurde 1970 in Brooklyn, New York, geboren. Als Jugendlicher gehörte er einer Gang an und konvertierte im Gefängnis zum Islam. Seine Verhaftung im Jahr 2002 wurde mit angeblichen Kontakten zu al-Qaida begründet und mit dem Plan, eine "schmutzige Bombe" in den USA zünden zu wollen. Als 2005 Anklage erhoben wurde, spielten diese Punkte keine Rolle mehr. Vielmehr wurde Padilla der Unterstützung von Jihadisten in Bosnien und Tschetschenien bezichtigt und im August 2007 von einer Jury für schuldig befunden. Das Strafmaß soll im Januar 2008 verkündet werden. Seine Anwälte argumentieren, Padilla sei aufgrund der erlittenen Folter in psychischer Hinsicht nicht verhandlungsfähig. Sie wollen in Berufung gehen.

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