Eisblumen

Kehrseite 2 Nein, lästig falle ich keinem. Ich müsste fester in meinen Schuhen stehen, das ja. Man muss wahrscheinlich auch bessere Schuhe haben, weil diese ...

Nein, lästig falle ich keinem. Ich müsste fester in meinen Schuhen stehen, das ja. Man muss wahrscheinlich auch bessere Schuhe haben, weil diese schwarzlackierten italienischen Schnürschuhe sehen zwar repräsentabel aus, aber wenn ich auf dem kahlen Bahnhof stehe und warte, dann zieht die Kälte durch die Löcher in der Sohle hinauf in meine Gelenke, und Eisblumen überwachsen wie ein Gemälde meine Gedanken und Wünsche. Die Naht, mit der die Sohle mit dem Oberleder verbunden ist, ist ein Fake. Fabrikleim hält die Sache zusammen statt Fäden. Und da bläst der Wind durch.

Ich glaube noch immer, mit ihnen etwas anstellen zu können, mit diesen Sandlern, Strichern, Junkies, eilenden Bahnhofspassanten und Zeitungsverkäufern. Ein vollendeter Plan des menschliches Geistes müsste es ihnen doch ermöglichen, diese Hölle zu verlassen, so wie ein Flugzeug abhebt, sobald die Forderungen der Entführer erfüllt sind. Dieser Plan, den ich fassen muss, wäre ein Durchbruch vom Sklaven zu Gott, vom Wurm zum Adler. Mit weniger gäbe ich mich nicht zufrieden, schon gar nicht, seit Eireen mit 20 all ihre Zähne verlor. Durch das Heroin ist sie eine Ruine geworden, ihre Fassade ein Dreck.

Die Eisblumen in mir könnte ich wohl durch ein paar Schluck Whiskey schmelzen lassen, wie Schokolade auf der Zunge, aber ich lasse sie blühen, weil ich weiß, dass die Forderung des gekaperten Flugzeugs einst erfüllt werden wird: Eine Welt ohne Arroganz.

Bis dahin verkaufe ich mit Herz und Seele meinen Körper an reiche, einsame Herren mit Autos. Immer mit Autos: Toyotas, Datsuns, Volkswagen, BMWs, Mercedes. Von diesem Geld könnte ich jedem Flüchtling, ob er eine gültige Aufenthaltgenehmigung hat oder nicht, ein paar Groschen abgeben. Das hätte mehr Sinn als das Herumfahren und das Sich-Schmücken, das die Kerle mit ihren Autos treiben, in die ich einsteige. Ich kann das mit Sicherheit sagen: Ich kenne die Höhepunkte des inneren Reichtums ihrer Besitzer; und das Auto ist ihr Gesicht nach außen hin.

Neulich habe ich mich selbst auf die Probe gestellt. Ich stand wieder auf der windigen Seite des Bahnhofes und hatte gerade die abscheuliche erste halbe Stunde hinter mir, während der ich immer nur einen Wunsch habe: Mich auf einen der leeren Gepäckwagen fallen zu lassen, weggefahren zu werden und abgeladen, wo kein Gefühl mehr ist.

Dann sagte ich mir, wenn du wirklich an geistige Kraft glaubst, dann musst du dir zumindest einen Benz vor deine Nase denken können, einen, der dir gehört. Ich schloss meine Augen und vollbrachte es. 100 Meter weiter fuhr tatsächlich ein Mercedes Benz im Schneckentempo vor und ich fühlte, dass - wenn ich das Auto zu meinem Eigentum machen wollte - ich dafür sorgen musste, mich ihm auf eine ganz subtile Weise zu nähern. Ich müsste einfach darauf zu gehen und es müsste meins sein, ich dürfte es nicht in Besitz nehmen wollen, sondern einfach Besitzer sein. Ich spürte, dass ich es nicht konnte. Mit arrogantem Gesicht und auf unsicheren Beinen ging ich auf das Auto zu und kniff unterwegs meinen Arsch und meine Augen noch einmal fest zusammen. Dann stieg ich ein.



Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 28.01.2005

Ausgabe 23/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare