Eisen, sprich!

Camorra Nanni Balestrini war der Lieblingsautor der radikalen westdeutschen Linken. Sein neues Buch führt uns in die Lebenswelt der Mafia in Süditalien

Bücher über das weltweite organisierte Verbrechen boomen seit Jahren. Ein Fokus liegt freilich immer wieder auf Italien. Mit Roberto Saviano gibt es einen regelrechten Popstar dieses Genres. Zur Berühmtheit des 1979 in Neapel geborenen Autors trägt bei, dass Saviano nur noch in wechselnden Verstecken leben kann, um nicht einem Anschlag zum Opfer zu fallen.

Neben Spannung bietet das Genre auch eine nicht zu unterschätzende politische Komponente. Genau die kommt im Roman Sandokan von Nanni Balestrini zum Tragen, er ist ein Klassiker des Genres aus dem Jahr 2004. Das Buch kommt nun mit einem Vorwort Roberto Savianos heraus, für den das Erscheinen des Buches vor anderthalb Jahrzehnten ein Ereignis war. „Jetzt geschieht endlich etwas. Und dieses Etwas war die Literatur, die imstande war, die Gitterstäbe, mit denen die Geschichte dieser Gegend verrammelt war, wie mit einem Brecheisen aufzustemmen.“

Gemeint ist Kampanien, das Hinterland Neapels. Schon bevor Balestrinis Buch erschien, wurde der Autor von Mitgliedern der Camorra verklagt, die sich selbst in einem Vorab-Interview wiedererkannt hatten. Der Rechtsstreit zog sich über Jahre hin. Der Titel Sandokan ist der Spitzname von Francesco Schiavone, dem damaligen Chef des Casalesi-Clans, der seit 2008 lebenslänglich im Gefängnis sitzt.

Mit Literatur zu provozieren, ist Markenzeichen des 1935 in Mailand geborenen Balestrini. Unter anderem mit Umberto Eco und Luigi Malerba gehörte er zur Neovanguardia zählenden „Gruppe 63“. Nanni Balestrini, der einmal treffend als „Lieblingsautor der radikalen westdeutschen Linken“ bezeichnet wurde und bei vielen älteren Autonomensemestern im Buchregal steht, gilt als der Chronist der 1968er-Bewegung und der sich in den 1970er Jahren radikalisierenden Linken in Italien. Seine Trilogie Die große Revolte erzählt von den wilden Streiks, den politischen Bewegungen und den Straßenschlachten jener Jahre. Balestrini mischte sich als Autor auch immer politisch ein, er war unter anderem Gründungsmitglied der linksradikalen Organisation „Potere Operaio“ und Teil der Autonomia-Bewegung. Während der Repressionswelle 1979 ging er ins französische Exil – auf Skiern überquerte er die Alpen. Bis 1984 blieb er in Frankreich, schließlich wurde er freigesprochen und kehrte nach Italien zurück.

Auch Balestrinis literarische Beschäftigung mit der Mafia hat es in sich. Sein Roman Sandokan über die süditalienische Camorra zeigt, welchen autoritären gesellschaftlichen Kontrollcharakter die Strukturen der Mafia im süditalienischen Kampanien entfalten. Balestrini erzählt aus der Perspektive eines heranwachsenden jungen Mannes die Geschichte der 20 Kilometer von Neapel entfernt liegenden Stadt Casal di Principe. Von dort aus stieg der Casalesi-Clan zum global agierenden Mafiaunternehmen auf und verfügt heute über legale wie illegale Einkommensquellen. Balestrinis Prosa ist – wie schon in anderen Romanen – ein Monolog im Stil einer Oral History, ganz ohne Satzzeichen, dabei aber dennoch ungemein gut lesbar. Dadurch entsteht ein Sog, der den Leser mitten hinein in die abgelegene Ortschaft an der Peripherie Europas zieht.

Ausgehend von den 1970er Jahren rollt der Erzähler die Geschichte der süditalienischen Kleinstadt und der darum liegenden Dörfer auf. Chancen auf Arbeit gibt es für die Jugend kaum – und wenn, dann heißt es zwölf Stunden und mehr auf den Feldern malochen. Die Mitglieder der erstarkenden Clans und deren Kinder gehören dagegen zum neureichen Bürgertum, das über ganz andere ökonomische Ressourcen verfügt. Balestrini erzählt, wie die Camorra Teil des Alltagslebens wird – für die Erwachsenen und ihr Berufsleben ebenso wie für die Kinder auf dem Schulhof.

Sandokan erzeugt ein beklemmendes Gefühl. Erst werden andere konkurrierende Mafia-Familien ausgeschaltet, als Militär in die Gegend geschickt wird, ändert sich auch nichts. Gleichzeitig werden Politik, Verwaltung, Justiz und Polizei eng mit den mafiösen Strukturen verschweißt. Der Clan regiert dabei wie eine feudalistische Macht. Balestrini gelingt es vom Dorf in Süditalien mit den klischeehaft rückständigen Moralvorstellungen bis hin zum internationalen Drogenhandel in Süd- und Mittelamerika einen faszinierenden Erzählbogen auf knapp 150 Seiten zu entfalten. Dabei zeigt er, wie der Clan aus der ökonomisch abgehängten Gegend jede Menge Kapital herauspresst – egal ob es Versicherungsbetrug oder die kommunale Müllentsorgung ist. Das alles wird nicht mit erhobenem Zeigefinger in Szene gesetzt, sondern nüchtern erzählt. Das gelingt auch dank Balestrinis monologisierenden Erzählers, der aus seinem kleinstädtischen Alltagsverständnis heraus diese Geschichte minutiös aufrollt. Dabei geht es Balestrini weniger ums große Geld, das die Camorra verdient, sondern um den sozialen, gesellschaftspolitischen und alltagskulturellen Mechanismus, mithilfe dessen sich diese Herrschaft konstituiert und konsolidiert.

Moralkodex der Zuhälterbande

Wie erleben das die Nachbarn, die kleinen Leute vor Ort? Dem süditalienischen Moralkodex, auf dessen Einhaltung die Camorra achtet, steht eine ganze Prostitutionsindustrie gegenüber, die vom Clan organisiert wird. Der Clan führt ein hartes Regime, damit im Hinterland, von dem aus er operiert, alles seine Ordnung hat. Die Geschäfte sollen einwandfrei funktionieren und durch nichts gestört werden. Gleichzeitig agiert der Clan offen rassistisch gegen migrantische Landarbeiter. Die jungen antirassistischen Linken vor Ort, die versuchen sich zu wehren und solidarische Hilfe zu organisieren, werden enorm unter Druck gesetzt. Sich politisch zu betätigen und dabei gegen den Clan zu stellen, kann in der dortigen Gegend lebensgefährlich werden. Nanni Balestrini fängt diese komplexe Wirklichkeit in seinem knappen, auf den Punkt gebrachten Roman auf verstörende Weise ein.

Info

Sandokan – Eine Camorra-Geschichte Balestrini Nanni Max Henninger (Übers.), Assoziation A 2018, 144 S., 16 €

Die Bilder des Spezials

Gangster, falsche Prediger, jede Menge Psychopathen und Mafiosi, Korruption in Politik und Polizei – das waren die berüchtigten Schattenseiten von Los Angeles, der berühmten Stadt der Engel.

Der Goldrausch, die Ölindustrie, Traumfabrik Hollywood – L.A. lockte Darsteller, Glückssucher und Hochstapler an, die Stadtbevölkerung explodierte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, 1920 lebten in Los Angeles bereits 1,2 Millionen Einwohner. Dark City. The Real Los Angeles Noir (Taschen 2018, 480 S., dreisprachig, 75 €) zeigt den rasanten Aufstieg der Stadt in den 1920er bis 1950er Jahren. Der Band versammelt Fotos aus Archiven, Museen, vor allem aus dem spektakulären Privatbesitz des Kulturanthropologen und Grafikdesign- Experten Jim Heimann.

06:00 16.04.2018

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