Eiserne Union

Ausstellung Das Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule will die Brücken der Stadt von einem abstrusen Symbol befreien. Wieder trifft es einen Nerv
Nina Scholz | Ausgabe 33/2016 2

Mal wieder Stadtgespräch ist in diesen Tagen eine junge Künstlergruppe aus Frankfurt am Main. Die Frankfurter Hauptschule hat Anfang des Monats dazu aufgerufen, die Liebesschlösser, die auch an den Mainbrücken hängen, zu entfernen und in die Galerie Atelierfrankfurt zu bringen. Dafür nannten sie gute Gründe: „Hier geht es nicht um Liebe, sondern um Besitz. Es ist ein massenhafter Ausdruck von Zwangsliebe und Liebeszwang.“ Wem diese Erklärung als Anreiz nicht ausreichend sein sollte, dem boten sie schlicht und einfach Geld. Für jedes Schloss, das in der Galerie abgegeben wurde, versprach die Künstlergruppe einen Euro.

Bis hierhin ist das Ganze erfolgreich verlaufen: 3.000 Liebesschlösser wurden geknackt und bei den Künstlern abgeliefert. Nun sitzt die Crew daran, aus den Schlössern etwas Neues zu schweißen. Was genau, hat sie nicht verraten, nur so viel: „Sie sind jetzt etwas Besseres. Sorry, kein PENIS und auch kein RIESENSCHLOSS“. Auch in einer anderen Hinsicht ist die Aktion sehr erfolgreich. Mittlerweile haben unter anderem Spiegel Online, Vice und Monopol darüber geschrieben.

Das gab’s doch schon mal

Auch mit ihrer ersten Aktion hatte die Künstlergruppe schon Welle gemacht. Im November vergangen Jahres organisierten sie eine Heroinspritz-Performance im Frankfurter Bahnhofsviertel, in dem sich seit vielen Jahrzehnten das Rotlicht- und Drogenmilieu befindet. Doch auch hier wird die Gentrifizierung sichtbar. Mieten werden teurer, Restaurants schicker, Bordsteine sauberer. Die Aktion der Frankfurter Hauptschule richtete sich unter anderem gegen den Musiker Wirtz, der sich im Viertel eine Eigentumswohnung gekauft hatte und massiv gegen Junkies und öffentlich sichtbare Armut mobilmachte. Schon damals standen Printpresse, Fernsehkameras und andere Interessierte Schlange, um der Aktion beizuwohnen. Die Frankfurter Hauptschule scheint immer wieder den Nerv zu treffen. Nur welchen?

Unter einem ihrer Facebook-Posts hat ein Nutzer kommentiert: „Das gab es doch alles in den 60ern schon mal!“ Das stimmt. Zumindest ein bisschen. Die Frankfurter Hauptschule macht politische Aktionskunst, und die hatte damals eine ihrer Hochzeiten. Die Frankfurter Hauptschule steht damit auch jetzt nicht allein. Im Juli wurde der Performancekünstler Johannes Paul Raether im Berliner Apple-Store festgenommen. Gemeinsam mit Besuchern des Kunstfestivals Foreign Affairs war er als buntgeschminkte Kunstfigur Protektorama in den Laden spaziert und hatte dort kleine Metallringe geschmolzen. Ziel der Performance war es gewesen, die Fetischisierung elektronischer Markengeräte zu thematisieren. Die Security-Firma vermutete einen Anschlag und alarmierte die Polizei. Die Presse griff das Thema dankbar auf. Auch die Berliner Gruppe Peng! findet sich immer wieder in den Medien, zuletzt mit ihrer Aktion Fluchthelfer.in. Auf der gleichnamigen Webseite rief das Kollektiv vergangenen Sommer zum aktiven Fluchthelfen auf. Dazu gehörte neben Tipps und Tricks, die bereitgestellt wurden, auch das Prämieren des oder der besten „Fluchthelfer.in“. Die Gruppe wollte damit gegen die EU-Asylpolitik und die Kriminalisierung derjenigen, die Menschen bei ihrer Flucht helfen, protestieren. Auch dieses Thema ging durch die sozialen Netzwerke und durch die Presse. Die einen waren dafür, die anderen dagegen, es wurde diskutiert, das Ziel war also so weit erreicht worden.

Es gibt also eine Renaissance linker politischer Aktionskunst. Warum auch nicht? Die Zeiten schreien geradezu danach. Armut, Flucht, Krieg, Vormarsch der Rechten – da wollen sich als links verstehende Künstler aufrütteln, überzeugen, die Verhältnisse angehen, sich weniger mit sich selbst beschäftigen. Wen könnte das wundern? Doch politische Aktionskunst ist nicht problemlos. Erfolgreich ist sie dann, wenn sie Aufmerksamkeit generiert und trotzdem noch eine Debatte anstößt. Wie schmal dieser Grat ist, hat diesen Sommer mal wieder eindrucksvoll das Zentrum für politische Schönheit bewiesen, das Geflüchtete in einer Arena von Tigern „fressen lassen“ wollte. Die Aktion wurde verboten, was bei einer politischen Kunstaktion durchaus einkalkuliert sein kann, aber die große Solidaritätswelle blieb ebenfalls aus.Zu plump war die Aktion, zu plakativ, aber vor allem wiederholte sie bloß grausame Situationen und Bilder, statt sie auf der Metaebene zu kritisieren.

Gemeinsam ist diesen Künstlern, dass die Grenzen zwischen Politik und Kunst verschwimmen. Die Frankfurter Hauptschule sticht als Gruppe allerdings deutlich heraus, denn ihnen liegt das Augenzwinkern mehr als das Überzeugen. Großmäulige Sprüche sind ihnen wichtiger als bierernster Diskurs. Die Ziele sind aber auch unklarer. Macht die Gruppe wirklich gegen die kleinbürgerliche Liebe mobil? Haben sie einfach nur Spaß an Provokation und der Aufmerksamkeit? Gerade diese Unklarheiten machen die Frankfurter Hauptschule aber auch so interessant, denn dort, wo die anderen vor allem Politik machen, haben sie sich für die facettenreichere Kunst entschieden. Parolen hin oder her.

Info

Stahlbad ist 1 Fun Frankfurter Hauptschule con[SPACE] / Atelierfrankfurt, 18. August bis 3. September

10:45 19.08.2016

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