Ekstase beim Energiesparen

Nachhaltig feiern Die Aktion Clubmob verbindet Party und Ökologie. Ist das absurd?
Jacques Kommer | Ausgabe 45/2013

Eine dieser gemütlichen, höhlenartigen Clubs in Berlin-Neukölln. Es ist Samstagabend. An der Bar hängen ein paar Leute rum. Auf dem Tresen sind kleine Hinweisschildchen postiert: Heute Abend ist Clubmob. Das bedeutet, der Ladenbesitzer investiert den Gewinn des Abends in die Energiesanierung seines Ladens, also in: klimafreundliche Kühlschränke, Energiesparlampen und wassersparende WCs. Eine Party für den Klimaschutz? Wie soll das gehen? Wer denkt beim Feiern an Umweltschutz?

„Die wahre Party findet hier statt“, sagt Matthias Krümmel und betritt die Küche hinter der Bar: fahles Neonlicht. Sirrende Kühlschranktürme. Gestapelte Bierkästen. Krümmel trägt ein feines Jackett und stylische Mütze. Er ist hier als Energieberater vom BUND und hat schon durchgerechnet, wie klimaschädlich das Fuchs und Elster ist. Er berät den Betreiber des Kellerclubs – das ist Teil des Clubmobs, einer Aktion für energieeffizientere Bars und Clubs. Der Clubmob funktioniert nach dem Prinzip des Carrotmobs: So viele Menschen wie möglich werden dazu aufgerufen, in einer bestimmten Location zu feiern. Und der Ladenbesitzer investiert im Gegenzug in energieeffiziente Sanierung.

Den Stecker ziehen

Beim Fuchs und Elster sollen 100 Prozent der Einnahmen in die Energiesanierung fließen. Im besten Fall sollte der Club am Ende komplett „klimaneutral“ sein, meint Krümmel. Doch das könnte schwierig werden. „Das Bier muss ja schließlich gekühlt werden.“

Visionär Krümmel interessiert sich mehr für die großen Sparpotenziale als für die Party. Nach dem Feiern gebe es hier im Club viel zu tun, sagt er. Für die Kaffeemaschine soll ein Entkalker gekauft werden. Dann kann man dem Automaten den Stecker ziehen, ohne dass das Wasser verkalkt und die Maschine dadurch kaputtgeht. Krümmel rechnet vor: „Allein der Standby-Modus der Kaffemaschine kostet 2.000 Euro pro Jahr. Ein Entkalker dagegen nur 300 Euro. Also hat man schon mal 1.700 Euro pro Jahr gespart.“ Er klingt begeistert. Ein Club wie das Fuchs und Elster verbraucht 21 Kilo Atommüll pro Jahr durch Stromverbrauch. Da ergebe es Sinn, auf Ökostrom zu wechseln. „In einer verstrahlten Umwelt lässt sich ja auch nicht mehr so gut feiern“, sagt Krümmel. Da hat man schon fast vergessen, dass es hier auch um Spaß geht.

Der Betreiber des Fuchs und Elster, Julian Reetz, ein stylischer Öko-Rocker mit Locken, Tattoo und sanftem Blick, glaubt nicht an einen klimaneutralen Club. Er ließ sich trotzdem von Matthias Krümmel beraten. Das Klimabewusstsein sei „total von Vorteil“, sagt Reetz. Er sehe das pragmatisch. Stromkosten sparen. Musik leiser drehen. Mit den Nachbarn zurechtkommen. Er denkt wirklich an die Nachbarn. Und geraucht werden darf im Club selbstverständlich auch nicht. Julian Reetz setzt sich seine Kopfhörer auf und steigt hinter das DJ-Pult. Der Laden ist voll, die Party läuft.

Doch nicht alle sind wegen des Clubmobs hier. „Nur 10 bis 20 Prozent sind sich in der Regel bewusst, dass es bei unseren Partys um Klimaschutz geht“, schätzt Patty Schünemann, einer der Initiatoren des Clubmobs. Die anderen würden „ganz normal“ Party machen, trotz der kleinen Schildchen am Eingang an diesem Abend. Klimaschutz soll cool sein. Spaß machen. Oder, wie es auf der Einladung zum Clubmob steht: „Eine grüne Welt ist tanzbar.“

Klimaschutz? Ist doch schick!

Das Konzept scheint anzukommen. Nicola Müller, Anfang 30, ist an diesem Abend vor allem wegen der Knoblauch Klezmer Band hier. Ökologie findet sie „schick“. So wie fast alle ihrer Altersgenossen. „Ist doch gut, wenn man die Leute dafür sensibilisiert“, sagt sie. Für sie ist das kein Widerspruch: Feiern und das richtige Bewusstsein. Sie hoffe, dass man damit etwas erreichen könne. „Tanzen, als gäbe es ein Morgen!“ Das Motto der Clubmobber gefällt ihr.

Es hat nicht mehr viel zu tun mit dem Weggehen der hedonistischen neunziger und Nullerjahre. Das sich vergessen wollen, sich gehen lassen. Oder mit Komasaufen. Aber das sagt sie ja von sich selbst, die neu ausgerufene „Generation Y“, das es für sie kaum einen Unterschied mehr mache, ob sie nun am Samstagabend zu Hause ein paar Brettspiele mache oder tanzen geht. Alles ganz vernünftig.

Da will man nicht mehr aus dem Alltag flüchten und seinen Rahmen sprengen.Und auch für die Clubmobber soll es keinen Unterschied mehr geben zwischen Alltag und Fest. Ihre Idee könnte den Mainstream auf längere Sicht prägen – vielleicht sogar umwälzen. Der Clubmob hat das Potential, eine soziale Revolution herbeizuführen. Im Unterschied zum Flashmob, einer reinen Spaßaktion, zielen die neuen Feierer auf Veränderung.

Der Medientheoretiker Howard Rheingold hat schon ein Buch über solche Mobs geschrieben. In seinem Werk Smart Mobs stellt er die These auf, dass dem „intelligenten Pöbel“ die Zukunft gehöre. Die nächste Revolution nach PC und Internet sei nicht technologisch, sondern sozial: „Smart Mobs bestehen aus Menschen, die zusammen handeln können, selbst wenn sie sich nicht kennen.“

Die Szenen, Clans und Communitys, die sich permanent im Internet bilden, dort mutieren, sich spalten oder auch einfach nur wachsen, würden bald immer häufiger eine Entsprechung in der realen Welt finden. Ist das idealistisch? Naiv? Dass Menschen für gemeinsame Ziele und Ideen zusammenarbeiten, ist ja nicht neu. Doch wie schnell und flexibel sich Gruppen Gleichgesinnter heute mithilfe von Netzwerk- und mobiler Technologie bilden könnten und wie effizient sie handeln, ist eine echte Innovation. Der Clubmob und das Gesellschaftsbild, das dahinter steht, könnte also nicht nur der Anfang einer neuen Kultur des Feierns sein. Solange genug Bier kalt steht und die Musik laut genug ist, kann man in einer Pause an der Bar auch locker übers Klima reden.

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06:00 08.11.2013

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